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Der Fall Wolfgang Koeppen



Das literarische Talent ist nicht eine wunderliche Pflanze, die plötzlich aus geheimnisvollen Gründen erblüht, später aus ebenso unerklärlichen Gründen verdorrt und sich nach einiger Zeit höchst unerwartet abermals entfaltet. Wie alle Menschen ist natürlich auch der Schriftsteller den Einflüssen seiner Umwelt ausgesetzt. Hierbei haben wir es - abgesehen von den ästhetischen, philosophischen und literarischen Einflüssen -vor allem mit zwei verschiedenen, wenn auch keineswegs voneinander unabhängigen Formen der Einwirkung zu tun.

      Einerseits sind die allgemeinen gesellschaftlichen, politischen, historischen und kulturpolitischen Verhältnisse Faktoren, die den Entwicklungsweg eines jeden Schriftstellers auf mehr oder weniger sichtbare Weise erleichtern oder erschweren, beschleunigen oder hemmen, in diese oder jene Richtung drängen. Andererseits übt die unmittelbare Reaktion auf das Werk eines Schriftstellers - Publikumserfolg, Pressekritik, Literaturpreise und so weiter - einen gewissen Einfluß auf seine weiteren Bemühungen aus, und zwar nicht nur auf die Wahl der Stoffe und Probleme, sondern, in vielen Fällen, auch der Formen und Stile. Diese unmittelbare Reaktion tritt übrigens immer ein, sie ist also, paradox ausgedrückt, auch dann vorhanden, wenn sie nicht vorhanden ist - etwa wenn Publikum und Presse ein Buch gänzlich ignorieren. Nichts klingt in den Ohren des Autors so schrill wie das Schweigen der Kritik; kein Echo ist auch ein Echo.

Nun üben die allgemeinen zeitgeschichtlichen Verhältnisse auf die unmittelbare Reaktion, die einem literarischen Werk zukommt, einen starken, mitunter sogar entscheidenden Druck aus. Oft ist also der Rezensent - um ein Wort von Virginia Woolf zu zitieren - »ein hinundhergerissener Lappen am Schwanz des politischen Papierdrachens«; bisweilen sind die Juroren nur Sprecher bestimmter Organisationen und Interessengemeinschaften; häufig muß der Publikumserfolg auf außerliterarische Umstände zurückgeführt werden. Trotzdem ist es nützlich und notwendig, zwischen diesen beiden Faktoren, die auf das Werk eines Schriftstellers einwirken, genau zu unterscheiden: Während es sich nämlich im ersten Fall um den großen Hintergrund handelt, der allen Zeitgenossen in einem Land mehr oder weniger gemeinsam ist, handelt es sich im zweiten Fall um Phänomene, die durch eine individuelle Leistung ausgelöst werden und sich vornehmlich innerhalb des literarischen Lebens abspielen. So erschreckend die Vereinfachungen mancher marxistischer Kritiker sind, zu denen sie die Versuche geführt haben, einen unmittelbaren Kausalzusammenhang zwischen den gesellschaftlich-politischen Verhältnissen, der Lebensgeschichte des Dichters und dem Werk zu konstruieren, so wenig es möglich ist, ein Kunstwerk gänzlich aus dem zeitgeschichtlichen Hintergrund abzuleiten, sosehr kann erst die Berücksichtigung dieses Hintergrundes den Entwicklungsweg eines Schriftstellers mit den vielen oft überraschenden Höhe- und Tiefpunkten und Unterbrechungen verständlich machen - zumal in unserer, leider, so bewegten Zeit.
Und so wenig sich ein Schriftsteller, dem ein Buch mißlungen ist, mit dem Hinweis auf seine Kritiker rechtfertigen darf, so leichtsinnig wäre es, den Einfluß der Kritik und den anderer Formen der unmittelbaren Reaktion auf ein literarisches Werk zu unterschätzen oder gar zu ignorieren. Es ist bekannt - um nur einen Fall zu erwähnen -, daß Tennyson seine Gedichte auf Wunsch der Kritiker abänderte und, wie einer seiner Biographen behauptet, durch die Feindseligkeit von Rezensenten in solche Verzweiflung geriet, daß sein Geisteszustand und damit sein Dichten volle zehn Jahre verändert blieben. Man könnte aus der gesamten Literaturgeschichte der Neuzeit zahllose weitere, wenn auch meist weniger radikale Beispiele anführen, die immer wieder beweisen: Wer schreibt, will ein Echo hören und lauscht dem Echo sehr aufmerksam selbst dann, wenn er - wie

Dickens - die Kritiker für Läuse hält, für »elende Geschöpfe in Menschengestalt, aber mit Teufelsherzen«.
      Die Kritik wirkt, wenn sie redet, und sie wirkt, wenn sie schweigt. Sie belehrt und erzieht, verführt und demoralisiert den Schriftsteller auch dann, wenn sie sich nur an das Publikum wendet oder wenn er entschlossen ist, sich ihrem Einfluß zu entziehen. Somit ist die Kritik mitverantwortlich für die Literatur ihres Landes - selbst wenn, wie in der Bundesrepublik, die Kritiker Einzelgänger bleiben, von denen jeder für sich allein das Risiko der kritischen Existenz tragen muß. Wie stark der Einfluß sein kann, den auf die Entwicklung eines Schriftstellers sowohl die allgemeinen gesellschaftlich-politischen Verhältnisse ausüben als auch das unmittelbare Echo auf sein Werk, wird mit besonderer Deutlichkeit am Weg des Wolfgang Koeppen sichtbar. -
Koeppen, Jahrgang 1906, ist Verfasser von fünf Romanen, die jedoch in zwei Zeitabschnitten von insgesamt nur sechs Jahren veröffentlicht und auch etwa in derselben Zeit geschrieben wurden. Diese erstaunliche Eigentümlichkeit einer schriftstellerischen Biographie wird weniger geheimnisvoll, nachdem man einen Blick auf die Daten geworfen hat.
      Der erste dieser beiden Abschnitte fiel auf die ersten Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft. Der Roman >Eine unglückliche LiebeUnglückliche Liebe< zeugt eher von der Isolation und Resignation des Künstlers im neuen Reich. Noch war der Roman von dem jüdischen Verlag Bruno Cassirer ediert worden, noch gab es das >Berliner Tageblatt Unglückliche Liebe < als »das Versprechen eines Dichters« und »ein herrliches Buch« rühmte, noch konnte Erich Franzen den Roman in der frankfurter Zeitung < besprechen. Kurz nach Erscheinen der >Unglücklichen Liebe < wurde der Verlag liquidiert - und somit verschwand auch der Erstling trotz mehrerer wohlwollender und sogar enthusiastischer Rezensionen.
      193 5 folgte der Roman >Die Mauer schwankt Tauben im GrasDas Treibhaus < und >Der Tod in Rom< - stammen aus den Jahren 1951 bis 1954. In einer Zeit, in der die meisten deutschen Nachkriegsautoren noch im Banne Hemingways standen, griff Koeppen zu anderen angelsächsischen Vorbildern: von Joyce bis Faulkner. In einer Zeit, in der noch das Kriegserlebnis die Thematik beherrschte, attackierte Koeppen in den >Tauben im Gras< die bundesrepublikanische Welt, in deren Leben er bereits - man schrieb das Jahr 1951 - j ene Kennzeichen entdeckte, die erst mehrere Jahre später deutlich sichtbar werden sollten.
      Die Kritik reagierte auf dieses Buch zwar mit Anerkennung, aber doch mit Befremden - alles war in den > Tauben im Gras< ungewöhnlich: die Technik, die sprachliche Kraft und nicht zuletzt die Aggressivität der gesellschaftskritischen Anklage. Charakteristisch ist die Rezension des >MonatTau-ben im Gras< - im Unterschied zu den anderen Romanen - ein gewisser Erfolg beschieden. >Die Welt< meinte : »Wenn es hierzulande mit rechten Dingen zuginge, würde dieser Roman wie ein Fanfarenstoß wirken.«
Auch >Das Treibhaus Das Treibhaus < ist eine Klasse Literatur, wie sie nur selten erreicht wird.«
Wurde die Bedeutung des >Treibhaus< - von Korns Besprechung abgesehen - zumindest unterschätzt, so scheint der >Tod in Rom< gänzlich verkannt worden zu sein. Ein Teil der Presse ignorierte das Buch, der Rest sah in ihm lediglich einen gegen Faschismus, Neofaschismus und die Wirtschaftswunderwelt gerichteten politischen Zeitroman, dessen Aggressivität von manchen Rezensenten als höchst überflüssig empfunden wurde. In der >Zeit< beispielsweise wurde der >Tod in Rom< als ein »Zerrspiegel« der deutschen Wirklichkeit entschieden abgelehnt. Zunächst einmal: Jeder satirische Roman ist seinem Wesen nach ein Zerrspiegel. Ãoberdies konnte man sich schon wenige Jahre nach Erscheinen dieses Buches davon überzeugen, daß Koeppens Visionen nicht aus der Luft gegriffen waren. Und gerade der >Tod in Rom< ist weit mehr als nur eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart.
      Jeder der drei Romane dieser Periode wurde zunächst einmal vom Willen einer unerbittlichen Zeitanalyse getragen, jeder zeichnete sich durch eine moralische Leidenschaft und elegische Tonart aus, ein Verantwortungsgefühl und einen bitteren Ernst, die allen Vorwürfen, es handle sich um extravagante Spielereien mit dem Bösen und dem Düsteren, eigentlich den Boden entziehen sollten. Zugleich müssen diese drei Romane -trotz vieler Schwächen, die keinesfalls geleugnet werden sollen - als künstlerische Leistungen angesehen werden, die allem Konventionellen weit entrückt sind und denen zumindest auf dem Hintergrund der Literatur zwischen 1950 und i außerordentliche Bedeutung zukommt: Es gibt in der deutschen Prosa dieser Zeit nur sehr wenig, was man Koeppen an die Seite stellen könnte.
      Es erwies sich also, daß die bundesrepublikanische Ã-ffentlichkeit für Koeppens epische Formulierungen anstößiger Wahrheiten zunächst wenig und später überhaupt kein Verständnis hatte. Keiner der drei Romane wurde zu einem Ver-kaufserfolg, keiner erhielt einen Preis, kein Taschenbuchverlag interessierte sich für >Tod in RomBillard um halbzehnNach Rußland und anderswohin < - enthält Reiseberichte, die ursprünglich für den Rundfunk geschrieben waren. Fast die gesamte bundesrepublikanische Presse begrüßte diesen Band mit einer ebenso erfreulichen wie nachdenklich stimmenden Begeisterung und Einmütigkeit. Vor allem der sprachliche Glanz der virtuos geschriebenen, ungemein fesselnden Impressionen aus Ost und West wurde mit Recht immer wieder gerühmt. Walter Jens stellte in der >Zeit< fest, Koeppen sei »neben Max Frisch gegenwärtig der brillanteste Stilist deutscher Sprache«. Und Hans Magnus Enzensberger meinte in den >Neuen Deutschen Heften Treibhaus < schrieb ... ist in dem Reisebuch kaum noch wiederzuerkennen. Er ist mild geworden und scheint sich, was den politischen Anspruch des Intellektuellen angeht, zu den Entsagenden geschlagen zu haben.« Diese Entwicklung schien Korn damals eher zu billigen als zu bedauern, denn er bezeichnete den Band >Nach Rußland und anderswohin < ausdrücklich als »bisher reifste Leistung Koeppens«.
      1959 folgte wiederum ein Reisebericht , sondern mit einem ungewöhnlich schwachen Koeppen-Buch. Und dies scheint insofern wichtig zu sein, als der neue Band das folgerichtige Ergebnis einer bedauerlichen Entwicklung ist.
      Durch die Verhältnisse in der Bundesrepublik und durch die unmittelbare Reaktion auf seine Bücher wurde der Romancier Koeppen von seiner eigentlichen Aufgabe weggedrängt. Die Reisebücher wurden zur Ausweichmöglichkeit. Der Seitenpfad des Romanciers, in dem manche unbedingt einen neuen und höchst erfreulichen Hauptweg sehen wollten, hat sich als eine Sackgasse erwiesen. Damit ist wohl nach den beiden vorher erwähnten Zeitabschnitten auch der dritte, die Jahre 1958 bis 1961 umfassende, Abschnitt des erstaunlich übersichtlichen Werks von Koeppen beendet. Was wird folgen ?

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