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Das Fernsehen und die Literatur



Von der »vorgeprägten Millionen wäre«, die das Fernsehen bietet, von der »Versklavung«, die allabendlich von neuem beginnt, von der »Droge des endlosen Programms« und vom »Sog des Optischen« ist in einem Artikel von Georg Ramseger die Rede. So treffend manche Beobachtungen, so bedenklich die Hauptthese: »Das Fernsehen ist seiner Gattung nach der geschworene Feind des Buches. Die Stunden, die der Mensch vor dem Apparat verbringt, gehen dem Buche verloren.« Tatsächlich? Werden nicht vom Fernsehen eher andere Beschäftigungen verdrängt, die übrigens Ramseger selber anführt: »Briefmarken sammeln, Skat spielen oder Schach, kegeln, Brieftauben züchten oder plaudern . . .«

Gewiß wird auch die Lektüre erheblich reduziert. Aber ist das so schlimm? Es tut mir leid: Ich kann im Bücherlesen an sich noch nichts Positives sehen. Es kommt darauf an, was gelesen wird. Gehen die Stunden, die der Mensch vor dem Apparat verbringt, den Werken von Thomas Mann, Camus und Faulkner verloren? Oder vielleicht den ohnehin fragwürdigen Unterhaltungs- und Kriminalromanen, den Sensationsbüchern jeglicher Art? Schließlich wird in der Bundesrepublik vieles gedruckt, das weit gefährlicher ist als die schlechteste Sendung des Fernsehens. Wenn also die Lektüre tatsächlich durch das Fernsehen beeinträchtigt wird, so muß das nicht unbedingt ein verdammenswerter Einfluß sein. Und vielleicht regt der Bildschirm mitunter auch dazu an, gute Bücher zu lesen? In den

Vereinigten Staaten wurden - um nur ein Beispiel anzuführen -nach einer Fernseh-Verfilmung der Stendhalschen >Kartause von Parma < innerhalb von einer Woche mehr Exemplare dieses Romans verkauft als in den rund hundertzwanzig Jahren seit seinem Erscheinen. Wer es mit der Literatur ernst meint, dem können solche Fakten doch wohl nicht gleichgültig sein.
      Aber selbst wenn Ramsegers These, das Fernsehen sei »der geschworene Feind des Buches« , richtig wäre - was tun? Selbst wenn man das Fernsehen für ein Instrument des Satans hält, das das gesamte Kulturleben verpeste - es ist nun einmal da, und wir können es nicht abschaffen. Vielleicht kann man es aber verbessern? Neuerdings wird im bundesrepublikanischen Fernsehen besonders oft Literatur geboten. Angekündigt sind Werke von Sophokles, Shakespeare und Goethe. Das sind die schlechtesten Autoren nicht. Man sah schon O'Neill, Giraudoux, Wilder, Sartre, Zuckmayer. Vorbereitet werden jetzt Hauptmann, Hofmannsthal und ebenfalls Bertolt Brecht. Auch werden für den Bildschirm Romane und Novellen deutscher Gegenwartsautoren - und wiederum nicht der schlechtesten - bearbeitet.
      Ist dieses immer enger werdende Zusammenwirken von Literatur und Fernsehen bedauerlich oder erfreulich? Ramseger meint: »Genau genommen ist es ein groteskes Verhalten, wenn ein Verleger Buchrechte an das Fernsehen verkauft, damit das Fernsehen daraus Zeitvertreibe baut, die dem Buch die Zeit rauben.« Doch warum? Natürlich wegen der mäßigen Qualität vieler oder der meisten Sendungen des Fernsehens, denen literarische Werke zugrunde lagen. Was bisher Millionen begeisterte - schreibt Ramseger - »war mit den berühmten Ausnahmen, die die Regel bestätigen . . . nicht danach, daß wirkliche Schriftsteller und wirkliche Verleger begierig daraufsein könnten, die Verwandlung eines Buches in Fernsehgeflimmer zu ersehnen«. Und da bin ich doch ganz anderer Ansicht.
      Das Niveau der Filme, die etwa zwischen 1905 und 1913 gedreht wurden, war in jeder Hinsicht erschreckend. Konnte dadurch der Film ein für allemal als künstlerisches Medium kompromittiert werden? Ãobrigens haben neue Medien nie die traditionellen auszuschalten vermocht: Trotz Rundfunk und Langspielplatte sind die Konzertsäle nicht leer, der Tonfilm hat das Theater nicht liquidiert. So glaube ich auch nicht an die angebliche ewige Fehde zwischen dem Fernsehen und dem Buch, sondern an ein für das Kulturleben unbedingt notwendiges Bündnis. Wer sich dem »Fernsehgeflimmer« zweckvoll widersetzen möchte, sollte wohl die Zusammenarbeit der »wirklichen Schriftsteller« mit dem Fernsehen nicht bekämpfen, sondern fördern.
     

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