Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt

Referat Projekt, Charakterisierung, Interpretation, Papier, Essay
Wer schreibt provoziert

Index
» Wer schreibt provoziert
» Christa Reinig und die DDR

Christa Reinig und die DDR



»Sie sind im Westen, keiner von uns kann sich von Ihrem Aufatmen wohl den rechten Begriff machen, jeder aber wird Sie herzlich willkommen heißen« - also liest man in einem »Gruß an Christa Reinig« in der frankfurter Allgemeinen Zeitung < vom 30. Januar 1964. Gewiß: jedermann heißt die Dichterin, die nach Ostberlin nicht zurückkehrt, hier willkommen.
      Zugleich hat jedoch ihr Schritt auch besorgte Kommentareder literarischen Welt hervorgerufen. Welche Folgen - fragen sich manche - kann diese Entscheidung für jene Schriftsteller zeitigen, die in der DDR leben und an Kontakten mit dem Westen interessiert sind? Das >Neue Deutschland< betont am 30. Januar 1964, Christa Reinig habe sich zur Entgegennahme des ihr verliehenen Preises nach Bremen mit Zustimmung der Staatsorgane der DDR begeben; diese »großzügige Handlungsweise« hätte »reaktionären Kreisen der Bundesrepublik« und »kalten Kriegern . . . nicht in den Kram« gepaßt. Manche hiesigen Beobachter befürchten jetzt, die neueste Erfahrung könnte die Behörden der DDR veranlassen, Schriftsteller, die künftig ebenfalls aus diesen oder jenen Gründen ein westliches Land besuchen möchten, weniger »großzügig« zu behandeln. Davon wird zur Zeit viel gemunkelt. Aber wir können und sollten, meine ich, hierüber offen reden.
      Warum wurde eigentlich der Christa Reinig die Ausreise erlaubt? Sie hat im literarischen Leben der DDR niemals auch nur die geringste Rolle gespielt. Nie sind ihre Gedichte in >Sinn und Form < oder in der >Neuen Deutschen Literatur < gedruckt worden - und im >Aufbau < ein einziges Mal . Weniger wichtige Blätter durften ihre Arbeiten auch nur bis zum Jahre 1951 publizieren. Eine Buchveröffentlichung war somit in der DDR erst recht unmöglich. - Natürlich konnte die SED diese Lyrik nicht akzeptieren. Mit einigen dialektischen Kunststücken kann man, wenn man will, den sozialistischen Realismus so großzügig auslegen, daß die Grenzen verschwimmen und auf diese Weise Platz gemacht wird beispielsweise für Erich Arendt und Johannes Bobrowski, für Peter Hacks und Günter Kunert, ja sogar für die meisten Verse von Peter Huchel. Hingegen hätte es sich als unmöglich erwiesen, mit derartigen theoretischen Manipulationen die Lyrik der Christa Reinig für die Literatur der DDR zu retten - selbst wenn die Kulturpolitiker einigermaßen tolerant und überdies bereit wären, ein Auge zuzudrücken. Denn eine Dichterin, die das Leben besingt, »das langsam auseinanderbricht«, und zu deren Personal der »stummgeschlagne bruder«, der Henker, der zum Tode Verurteilte und ein Robinson gehören, dem »die Worte still in seiner kehle stehn« und der es lernt, »schweigend mit sich umzugehn«, eine Dichterin, die verkündet: »kein wort soll mehr von auf bau sein / kein wort mehr von arbeit und altersrente«, und die programmatisch erklärt, sie »rede allein / für asoziale demente / für arbeiter die nicht mehr arbeiten wollen« - eine solche Lyrikerin läßt sich beim besten Willen nicht mit einem noch so liberal und weitherzig aufgefaßten sozialistischen Realismus in Einklang bringen.
      Indes bereitete ihre Dichtung den Literaturfunktionären zunächst keinen Kummer: Verboten in der DDR, blieb sie auch in der Bundesrepublik unbekannt - trotz gelegentlicher Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, trotz der beiden i und 1961 erschienenen kleinen Hefte mit einigen Proben ihrer Kunst. Erst die im Frühjahr 1963 vom S. Fischer Verlag edierten >Gedichte< brachten der Ostberliner Lyrikerin die ihr längst gebührende Anerkennung der Kritik und letztens den Bremer Literaturpreis.
      Die Behörden der DDR, die 1962 und noch im Herbst 1963 der Christa Reinig die Ausreisegenehmigung strikt verweigert hatten, hätten dies jetzt wiederum tun können: Die unfreundlichen Kommentare der bundesrepublikanischen Presse hätte man dort, an derartiges schließlich gewöhnt, leicht in Kauf genommen. Aber die Kulturpolitiker mußten zugleich mit einer anderen Konsequenz rechnen: Es war anzunehmen, daß die im Westen gerühmte und gefeierte, zu Hause jedoch beharrlich totgeschwiegene Autorin, deren Verse von Anspielungen strotzen, in den intellektuellen Kreisen der DDR rasch zum Geheimtip werden würde und - sollte man ihr nicht einmal die Entgegennahme des Preises gestatten-plötzlich in den Ruf einer Märtyrerin kommen könnte. Und dies wäre für die SED viel bedenklicher gewesen als das unliebsame westdeutsche Presse-Echo.
      Allein, es gab ja für die Kulturpolitik noch eine andere Möglichkeit und zwar: der Preisträgerin die Reise nach Bremen zu erlauben. Christa Reinig hat keine Angehörigen in der DDR, wohl aber in Westberlin. Hierüber waren die zuständigen Behörden der DDR bestens informiert: Wir wissen genau, daß ihnen in dieser Hinsicht kein Irrtum unterlaufen ist. Warum, frage ich jetzt, sollten in einer solchen Situation die Kulturpolitiker auch nur einen Augenblick lang glauben, daß die von ihnen seit zwölf Jahren systematisch unterdrückte Dichterin, die auch jetzt nichts Besseres in der DDR zu erwarten hätte, zurückkehren und nicht dort bleiben würde, wo ihre Bücher erscheinen dürfen? Mehr noch: Warum sollten sie diesen Schritt verhindern? Der Schaden, den er - vom Standpunkt der SED betrachtet - anrichtet, ist lächerlich gering im Vergleich zu dem Gewinn, den die Partei, die sich überdies auf ihre »großzügige

Handlungsweise« berufen kann, jetzt erzielt hat: Der Fall Christa Reinig, der manche Unannehmlichkeiten verursachen konnte, wurde liquidiert, noch bevor er innerhalb der DDR entstanden oder jedenfalls in den an der Literatur interessierten Kreisen dieses Landes bekannt geworden war.
      Die verantwortlichen Kulturpolitiker der DDR haben in den letzten Jahren begriffen, daß es auf die Dauer aus taktischen Gründen vernünftiger ist, unbequeme Schriftsteller ziehen zu lassen und eher den üblichen, meist doch kurzen Wirbel der westlichen Presse in Kauf zu nehmen als ein ständiges Ärgernis im eigenen Lande. Den Kulturpolitikern mußte es auffallen, daß Ernst Bloch oder der um ein halbes Jahrhundert jüngere Uwe Johnson, nachdem sie die DDR verlassen hatten, nicht ebenBonn-Propagandistengeworden sind. Die DDR-Instanzen, die im Sommer 1963 eine Reise Hans Mayers nach der Bundesrepublik genehmigt haben, brauchen nun seinen Einfluß auf die Studenten der Leipziger Universität nicht mehr zu befürchten. Mayer hat seitdem viele Vorträge gehalten, doch belehrt er seine westlichen Hörer nicht über die SED, Ulbricht und den Staatssicherheitsdienst, sondern über Goethe und Thomas Mann, über Kafka und Dürrenmatt. Und Christa Reinig? Sie schrieb: »Ich habe mich entschlossen, in der Bundesrepublik zu bleiben. Ich wünsche keine weitere Erklärung abzugeben.« Diese lakonische Verlautbarung wird in Ostberlin aufmerksam gelesen und richtig verstanden werden.
      Auch aus dem Fall Peter Huchel wußten manche Ostberliner Kulturpolitiker Lehren zu ziehen: Sie haben inzwischen eingesehen, daß es nicht opportun war, einen der größten deutschen Dichter unserer Zeit zu isolieren und völlig in Ungnade fallen zu lassen. Und daß der daraus für das Ansehen der DDR erwachsende Schaden weit jenen angeblichen Schaden übersteigt, den Huchels Lyrik und Wirken nach Ansicht der Partei anrichten könnten. Mit ihm, dessen Verse nicht nur in der Bundesrepublik vorliegen, sondern auch in Prag herausgegeben werden, ist gerade das geschehen, was die SED in der Regel vermeiden will: Er wird bisweilen im Westen als Held gefeiert und als Märtyrer. Je länger man seine jetzige Situation bestehen läßt, desto schriller wird sein Schweigen in ganz Deutschland klingen. Daran ist den dortigen Kulturpolitikern wahrlich nicht gelegen. Sie wissen bereits, daß sie nur zwei Möglichkeiten haben: Entweder Huchel in aller Stille die von ihm erbetene Ausreisegenehmigung zu erteilen oder aber ihn als Dichter innerhalb der DDR gelten zu lassen. An einer vernünftigen Lösung dieser Frage ist schließlich auch und vor allem die SED interessiert.
      Es scheint möglich, daß die verständigen und liberalen Kräfte innerhalb der Partei demnächst etwas an Boden gewinnen werden. Immerhin haben diese Kräfte einigen Auftrieb erhalten, als Moskau im vergangenen Dezember ausdrücklich die Passierschein-Vereinbarung mit Westberlin wünschte. Und Außenpolitik und Kulturpolitik stehen in kommunistischen Ländern in engem Zusammenhang.
      Jene westlichen Beobachter, die nach der Entscheidung der Christa Reinig allerlei Bedenken äußerten, schätzen die Lage, glaube ich, nicht ganz richtig ein.
     

 Tags:
Christa  Reinig  DDR    

Sturm und drang (1770-1785)
Hugo von hof mannsthal
Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)
Erzählungen der gegenwart
Autoren
Literaturtheorien

 

 

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com