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Wer schreibt provoziert

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Brentano, Brecht, Horst Wessel und Johnson



Wenn das deutsche Volk in der Welt weniger als das Volk der Dichter und Denker, sondern eher als das »der Richter und Henker« gilt, so ist das nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß in diesem Land die Machthaber mit besonderer Vorliebe eben die Dichter und Denker bekämpft und ver-folgt haben oder zumindest bemüht waren, sie zu diskreditieren und zu beleidigen oder, wenn es nicht anders ging, zu ignorieren.


      Auf die Nachricht von Goethes Tod reagierte der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I

II.

, der einen Kleist umkommen ließ, lediglich mit der kritischen Bemerkung, es sei ungehörig, Goethe mit einer Zeremonie zu bestatten, die nur gekrönten Häuptern zustehe. Ãober das Verhältnis seines Großonkels, Friedrichs

II.

, zur deutschen Literatur braucht man ebensowenig ein Wort zu verlieren wie über dasjenige Kaiser Wilhelms IL, der wegen eines Gerhart Hauptmann-Stückes seine Loge im Theater kündigen ließ. Den meisten deutschen Herrschern »paßte die janze Richtung nicht«, und sie haben das Ihrige getan, um zahllose deutsche Schriftsteller zur Flucht zu veranlassen. Dieser Tradition sind die deutschen Staatsmänner auch in unserem Jahrhundert treu geblieben: Sobald sich ein führender Politiker, ein Minister etwa, über Literatur und Schriftsteller zu äußern geruhte, gab es Ã"rger oder Heiterkeit - meist übrigens beides zugleich. Man könnte vielleicht über derartige Ã"ußerungen eher lachen, wenn wir nicht die Gelegenheit gehabt hätten zu erleben, wie deutsche Schriftsteller von den Machthabern in Konzentrationslagern gefoltert, zur Flucht gezwungen oder in den Selbstmord getrieben wurden. Ein deutscher Minister war es, der am 10. Mai 1933 Bücher der größten deutschen Schriftsteller eigenhändig ins Feuer warf. Das wollen wir nie vergessen, und das mögen gefälligst auch jene deutschen Politiker bedenken, die sich berufen fühlen, in Fragen der Literatur das Wort zu ergreifen.
      Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dr. Heinrich von Brentano, scheint sich in dieser Hinsicht die Lehren der deutschen Geschichte nicht genug zu Herzen genommen zu haben. Vor einigen Jahren hat er es für angebracht gehalten, Brecht mit Horst Wessel zu vergleichen. Offensichtlich hatte diesen Vergleich die absolute Unkenntnis der Werke eines der beiden genannten Autoren verursacht. Auf der Sitzung des Bundestags vom 6. Dezember 1961 wiederum hat Dr. von Brentano in scharfer und abfälliger Weise über den Schriftsteller Uwe Johnson gesprochen und beantragt, man solle ihm ein bereits i zuerkanntes Auslandsstipendium entziehen, da er zu jenen gehöre, die »unsere Politik desavouieren«. Hierbei berief sich Dr. von Brentano einzig auf einen Artikel von Hermann Kesten in der >WeltDas dritte Buch über Achim WeltZum Stil literarischer Polemik < daraufhingewiesen wurde, daß

Kestens Bericht nicht der Wahrheit entsprechen kann. Es hätte vor allem genügt, einen Blick in die Nummer des >Spiegel< zu werfen, die zwei Tage vor der Rede des Dr. von Brentano erschienen ist. >Der Spiegeh hat das Tonband, auf dem die fragliche Veranstaltung in Mailand aufgenommen wurde, überprüft und er schloß seinen durch viele Zitate belegten Bericht mit der unmißverständlichen Feststellung: »Kesten . . . hat die diffamierende Information, Johnson habe die Mauer >gut, vernünftig und sittlich< genannt, frei erfunden.« Mehr noch: Ein Tag vor der Rede im Bundestag wurde auf einer Pressekonferenz im Suhrkamp Verlag überzeugend nachgewiesen, daß es sich bei dem Artikel von Hermann Kesten um Entstellungen und aus der Luft gegriffene Behauptungen handelte.
      Dr. von Brentano hat jedoch von allen diesen Möglichkeiten nicht Gebrauch gemacht und es für richtig gehalten, ebenso die Warnung der >Zeit< wie den vom >Spiegel< und auf der Pressekonferenz des Suhrkamp Verlages enthüllten Tatbestand zu ignorieren. Die frankfurter Allgemeine Zeitung

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Brentano,  Brecht,  Horst  Wessel  Johnson    





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