Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

Index
» Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft
» Moden und Methoden

Moden und Methoden



»Je näher man ein Wort ansieht«, hat Karl Kraus erklärt, »desto ferner sieht es zurück.« Betrachtet man lange genug den Titel des vorliegenden Bandes, so bestätigt sich diese Behauptung. »Grundzüge«, »Literaturwissenschaft« - was, genau besehen, soll das sein ? Grundzüge, so könnte das diesem Band beigegebene -> Glossar paraphrasieren, sind Aufrisse, Strukturskizzen, Baupläne, also Darstellungen von Fundamenten, auf denen so komplexe Sachverhalte basieren wie beispielsweise diejenigen, die alltagssprachlich unter dem Begriff Literaturwissenschaft zusammengefaßt werden. Dieser Begriff wiederum, so wäre dort fortzusetzen, bezeichnet die Gesamtheit der wissenschaftlichen Beschäftigungen mit Literatur. Und damit schließlich wird im weiteren Sinne einfach die Gesamtheit aller geschriebenen und gedruckten Texte und ihrer mündlichen Vorgänger oder Modelle bezeichnet . Dieser denkbar »erweiterte Literaturbegriff« ließe sich dann entsprechend den Eigenschaften, die an diesen Texten aufweisbar sind oder privilegiert werden, einschränken oder untergliedern - etwa nach fiktionalem Status in entweder »Sach-« und »Gebrauchs-« oder »belletristische«, »fiktionale«, »poetische Literatur« ; aber auch nach sprachlicher oder nationaler Zugehörigkeit - etwa in »deutschsprachige«, »romanische«, »skandinavische« Literaturen oder, enger, in eine »deutsche«, »französische«, »italienische« »National-«Literatur ; nach historischen oder soziologischen Kategorien ; nach Wert- und anderen Maßstäben, deren Zahl so groß ist wie die der möglichen Unterschiede zwischen Texten - also unendlich.

      Die eben aufgezählten Möglichkeiten bezeichnen einige der bisher wohl am häufigsten gebrauchten Unterscheidungen; neue können jederzeit etabliert werden. Und wie die Literatur, so ihre Wissenschaft. Zu der grundlegenden Differenzierung inhistorische und systematische Ausrichtungen gesellen sich von Jahr zu Jahr neue Unterscheidungen, die jeweils besondere Strömungen oder Schulen bezeichnen, alte und neue oder erneuerte »-ismen« oder »studies«.
      Das erläuterungsbedürftigste Wort im Titel dieses Buches ist also der bestimmte Artikel. Die Literaturwissenschaft - das ist, scheint es, eine abenteuerliche Vereinfachung. Nichts kann diesen optimistischen Singular deutlicher Lügen strafen als ein Blick ins -» Inhaltsverzeichnis dieses Buches selbst. Die meisten der dort aufgelisteten und abkürzend etikettierten »-ismen« und »-iken« würden es sich verbitten, so einfach, wie es für einen »Grundzüge«-Band naheläge, unter das Dach eines »Methodenpluralismus« zusammengezwängt zu werden. Zunächst deshalb, weil sich gegen das Wort »Methode« in unserem Fach in den letzten Jahrzehnten grundsätzliche Skepsis breitgemacht hat: Es suggeriere, so lautet der Einwand, ein Sortiment von säuberlich nebeneinander bereitliegenden Operations-Instrumenten, wo es sich doch in Wahrheit um das Zubehör von Theorien handle, die so grundverschieden seien wie Strahlenmedizin, Naturheilkunde und Hypnose. Und dem friedfertigen Wunsch nach »Pluralismus« steht die einfache Feststellung entgegen, daß nicht wenige dieser theoretischen »Grundzüge« schlechterdings unvereinbar scheinen und auch so verstanden werden wollen; was aber als Angriff gemeint ist, will nicht zum Diskussionsbeitrag verniedlicht werden . Die Forderung, auf sprachliche Kunstwerke mit der »Kunst« der -> >text-immanenten< Analyse zu antworten, ist mit einer Verpflichtung der Textanalyse auf -> Sozialgeschichtliche Zugänge nicht ohne weiteres zu versöhnen; auf die Rekonstruktion ästhetischer »Stimmigkeit« ausgerichtete Interpretation und -> Dekonstruk-tion vertragen sich schlecht; und überhaupt sind -> Hermeneutische Modelle, scheint es, schwerlich in Einklang zu bringen mit poststrukturalistischen -> Problematisierungen der Hermeneutik.
      Aber so anfechtbar der bestimmte Artikel ist - er ist doch die Rechtfertigungsgrundlage dieses Buches. Denn dessen Aufgabe und Ziel ist es, Orientierungen in jenem unübersehbaren Feld zu geben, das als >Literaturwissenschaft< praktisch institutionalisiert ist - in

Schulfächern und universitären Studiengängen unterschiedlicher Philologien wie der allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft*, in den entsprechenden Teilen des Buchmarktes , schließlich auch in der -> Literaturkritik und dem alltäglichen Literaturbetrieb. Dabei kann es gewiß nicht mehr um eine lückenlose Landkarte der einen Literaturwissenschaft gehen, wohl aber um die Darstellung eines Wegenetzes, das verschiedene, zuweilen weit auseinanderliegende und voneinander wenig Notiz nehmende Landstriche verbindet und Austausch zwischen ihnen ermöglicht, das sogar manche vermeintlich undurchdringliche Dickichte erschließen könnte, das die jeweils vertrauten heimatlichen Gefilde in einer weitläufigeren Topographie neu sehen ließe und Expeditionen in exotische Gefilde erleichtert. Das Verbindende dieser sehr unterschiedlichen Gegenden, das allein den Singular rechtfertigt, ist der gemeinsame Mutterboden, den ihre Bewohner mit sehr unterschiedlichen Anbaumethoden beackern: die Literatur. Die »Methoden«, die der vorliegende Band vorstellt, präsentieren sich darum nicht unter dieser , plädierte Erhart für einen fröhlichen Pluralismus; und er schrieb dabei ausgerechnet dasjenige Reizwort auf seine Fahne, das in der öffentlichen Diskussion wie im angefochtenen Selbstbewußtsein des Faches nach 1968 die Distanz zu den exakten Wissenschaften besonders schmerzlich zu markieren schien. Sein Beitrag war ein »Plädoyer für Moden«, das ausführlicher zitiert zu werden lohnt:
»Weit davon entfernt, das >falsche Neue< zu repräsentieren, bewahren Moden das Fach vor einer geistigen Erstarrung, die meistens diejenigen befällt, die ihren müden, neugierlosen Blick mit einer Autopsie des >bloß Modischen< verwechseln. [...] Die Geschichte der Germanistik seit 1945 ist noch nicht geschrieben; sie könnte aber das hier vorgetragene Plädoyer für literaturwissenschaftliche Moden durchaus unterstützen und darüber aufklären, daß der schnelle Wechsel dieser Moden die Disziplin oft genug selbst erst innovativ und auch attraktiv werden ließ.
      Dieser Gewinn droht freilich verspielt zu werden, wenn das Neue nicht mehr dankbar aufgenommen wird, um Horizonte zu erweitern und Grenzen zu durchbrechen, sondern als eng umgrenzte >Spezialgebiete< sorgsam abgeschottet und bald darauf als etwas nur Vorübergehendes betrachtet und daher vollständig ignoriert wird.
     
Moden sollen wieder verschwinden, und wenn am Anfang des Germanistik-Studiums die Rezeptionsästhetik als Innovation gefeiert und umworben f...], am Ende des Studiums schon wieder als >angestaubt< oder - hochtrabender und mißverständlicher - als >gescheitert< zurückgestellt wird: Warum denn nicht? Warum aber nicht auch Jauß und Iser heute einer Re-Lektüre unterziehen und die Moden der siebziger Jahre wieder in Umlauf bringen ? Oder sich auf das Neueste stürzen, auf Judith Butler, Martha Nussbaum, Luc Ferry, Terry Eagleton, Greil Marcus, Robert C. Holub, Stephen Greenblatt , und mit Neugier zu bemerken, daß Poststrukturalismus und Postmoderne - anderswo -bereits wieder passe sind ?«
Nun wird freilich auch die wacheste Neugier dem Dauerbeschuß durch name dropping auf die Dauer nicht standhalten, und sei es noch so spannend und spaßhaft; und das fortwährend neueste »schon gelesen?« wird auf die Dauer auch beim besten Willen nicht mehr so recht »dankbar aufgenommen« werden, eher doch entnervt ignoriert. Aber so auffallend dieses fashionable Literaturprogramm dem Zappen durch die verschiedenen Fernsehprogramme ähnelt, die damit alle gleich gleichgültig zu werden drohen, so beherzigenswert ist es doch. Erharts postmoderne Variante der Pluralitäts-Forderung erlaubt, ja fordert schließlich nicht nur, daß Unvereinbares gegeneinandergestellt und miteinander ins Spiel gebracht werde ; sie schließt auch die Neulektüre des Veralteten ein und bricht damit, entgegen dem erklärten Vorsatz, mit der allen Moden gemeinsamen Forderung nach Vergessen. In der Tat, Rezeptionsgeschichte und Wirkungsästhetik stehen ja noch zur Verfügung, auch wenn ihre . Paul de Man und Emil Staiger können ein zwar ungleiches, aber eben darum schönes Paar abgeben, das wiederum mit der alten Rhetorik Quintilians in eine leidenschaftliche menage ä trois geriete - weshalb hier, des jeweiligen modischen Status ungeachtet, von allen dreien ausführlich die Rede sein wird. Und die poststrukturalistischen Proklamationen einer »Lektüre« anstelle der alten »Interpretation« erkundigen sich von neuem nach den vermeintlich schon erledigten Konzepten der -> Wirkungsästhetik und -> Rezeptionsgeschichte - weshalb auch diese beiden Geschwister hier ausführlich zu Wort kommen.
Manche neuen Fragen also zeigen sich bei näherem Hinsehen eher als neue Formulierungen von sehr alten. Das Nestroy-Wort, das Ludwig Wittgenstein 1945 seinen »Philosophischen Untersuchungen« vorangestellt hat, gilt auch hier: »Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.« Neben Roland Barthes behauptet sich als eine der meistzitierten theoretischen Autoritäten dieses Buches Aristoteles; und nicht nur die so jahrhundertealten wie aktuellen Debatten um »Mimesis« und »Mythos« bestätigen zumindest in diesem Fall den emblema-tischen Satz, daß der Pfeil um so weiter fliege, je weiter die Sehne zurückgespannt worden ist. Damit aber ist schon ein weiteres Grundproblem aller gegenwärtigen Beschäftigung mit der Literaturwissenschaft berührt: ihre Affinität zu den großen Theorien.
     

 Tags:
Moden  Methoden    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com