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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Technische Speichermedien um I900



Der Unterschied zwischen Goethes Eckermann und dem 1877 von Edison vorgestellten Phonographen ist banal, aber medienhistorisch folgenreich: der Phonograph kann weder lesen noch schreiben. Erstmals speichert ein Notationssystem schlicht Signifikanten, akustische Wellen, ohne sie nach Tönen und Geräuschen, Sinn und Unsinn zu sortieren, während Eckermann noch den Auftrag hatte, Gehörtes in Stichworten zu notieren, um es dann sinnvoll auszu-arbeiten. Zwar wurde gerade in der Blütezeit von Dichtung um 1800 Mündlichkeit idealisiert, aber das alphabetische Notationssystem war überfordert, diese selbst zu speichern. Erst die akustischen Medien seit Edisons »Sprechmaschine«, Grammophon, Tonbandgerät usw. können völlige Identität zwischen Input und Output stiften. Neben Edisons Phonographen und dem auf seiner Basis 1887 von Emil Berliner entwickelten Grammophon , waren es vor allem das kurz zuvor erfundene Telephon und der 1923 in Deutschland eingeführte Unterhaltungsrundfunk, die die akustische Wahrnehmung unabhängig von Zeit und Raum ermöglichten und die Präsenz der Stimme von der Präsenz des Körpers entbanden. Technisch exteriorisieren sie damit Humanfähigkeiten, historisch gehören sie zu jenem Strukturwandel durch Medienrevolution, der für die Jahrzehnte zwischen etwa 1880 und 1930 veranschlagt wird. In diesem Zeitraum kommt es durch zahlreiche Innovationen zu einer erheblichen Verdichtung der technischen Medien. Bis weit in die siebziger Jahre hinein wurde dieser mediale Umstrukturierungsprozeß im deutschsprachigen Raum bestenfalls in der Perspektive von Walter Benjamins »Kunstwerk«-Aufsatz gesehen, meist aber in den Bewertungen von Max Horkheimer und Theodor W. Adornos Kapitel über »Kulturindustrie« in der »Dialektik der Aufklärung« verhandelt. Mittlerweile kursieren unter dem Einfluß angloamerikanischer Forschung und französischer Theoretiker wie Michel Foucault, Jacques Derrida oder Jean Baudrillard Medientheorien, die in diskursanalytischer , systemtheoretischer oder konstruktivistischer Ausprägung auch in die Literaturwissenschaften Einzug gehalten haben .

      Das Aufkommen medialer Speicher- und Ãobertragungstechniken signalisiert nicht nur das Ende der vor allem durch Schrift dominierten »Gutenberg-Galaxis« , sondern entlarvt auch »den Diskurs als Medium unter Medien« : dann nämlich, wenn Sinnesdaten statt symbolisch verzeichnet direkt als Frequenzen gespeichert und übertragen werden können. Das hat Auswirkungen auf die Literatur - nicht nur durch Veränderungen menschlicher Wahrnehmungsweisen und Konstruktionen von Wirklichkeit, sondern auch durch die Desillu-sionierung von Literatur als etwas Gemachtem und Artifiziellem.
     
Seither konturieren sich die Selbstbilder von Autoren, gleich ob sie sich als >SchriftstellerDichter< oder >Literaten< verstehen, immer auch im Verhältnis zur beschleunigten Medialisierung, wie früher allenfalls im Verhältnis zu anderen Künsten. Seither kommt es zwischen Literatur und neuen Medien zu wechselseitigen Adaptionen, wenn eben beispielsweise bestimmte Schreibstile als »filmisch« gelten, oder wenn umgekehrt literarische Stoffe verfilmt werden. Romane wie Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz« mit seinem multiperspektivischen Gestöber aus Plakat- und Zeitungszeilen, Kinobildern, Rundfunk- und Grammophonstimmen sind ohne den Kontext einer von technischen Apparaturen durchdrungenen Kultur nicht denkbar. »Der Filmsehende liest Erzählungen anders. Aber auch der Erzählungen schreibt, ist seinerseits ein Filmsehender.« So resümierte Bertolt Brecht 1931 diesen Prozeß. Wie Walter Benjamin gehörte Brecht zu den Autoren, die die neuen Medien nicht nur für eigene Arbeiten nutzten, sondern auch prägnant über ihre Funktion und Auswirkung reflektierten. Gerade das Konzept eines »Rundfunks für alle« bündelte dabei noch einmal literarische Hoffnungen : Obwohl auch bei Arbeitern als Ersatz für die unerschwinglichen Grammophone propagiert, wurde er bürgerlich als »Weltuniversität« gefeiert, als Wiedereinsetzung des Oratorischen und des Dichterwortes. Geblieben ist aber nach dieser Euphorie der Anfangsjahre letztlich nur das Hörspiel als genuin literarisches Genre im Hörfunk. Hier ist nicht nur eine eigene Ã"sthetik zwischen »Traumspiel« und akustischem Experiment entwickelt, sondern auch - wie im »Feature«, »Kulturellen Wort« o. ä. - eine erhebliche Einkommensquelle für Autoren geschaffen worden.
      Von Beginn an standen im Zentrum der literarischen Auseinandersetzung mit der neuen technischen Konkurrenz Begriffe wie Serialisierung, Standardisierung, Reproduzierbarkeit, Rationalisierung und Kommerzialisierung sowie Zerstreuung, Massenhaftig-keit und Reizüberflutung. Das soll anhand der Karriere reproduzierter Bilder - von der Fotografie über Film und Fernsehen bis zu ihrer Digitalisierung - und dem stets reflektierenden und reagierenden Schriftmedium exemplarisch verdeutlicht werden. Die Konzentration auf den optischen Kanal läßt sich zum einen durch die Forschungslage legitimieren, die hierauf vor allem ihr Augenmerk gerichtet hat, zum anderen durch die zeitgenössischen Reaktionen, in denen vor allem die Industrialisierung der Bilder und des Blicks zentrale Elemente von Massenkommunikation verkörpern.
     

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