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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Oralität - Literalität



Die Reflexion über die Differenz zwischen Mündlichem und Schriftlichem als konkurrierenden Kommunikations- und Ãober-lieferungsweisen ist beinahe so alt wie die Schrift selbst, und sie führte schon früh zu medienspezifischen Ãoberlegungen. Bereits Piaton läßt Sokrates gegen das vergleichsweise junge Medium der Schrift polemisieren: Sie schwäche das Gedächtnis und richte sich nicht an einen bestimmten, überschaubaren Adressatenkreis, sondern potentiell an jeden Schriftkundigen . Doch selbst dies Plädoyer für das Mündliche, für die Stimme gegenüber der Schrift, wurde verbreitet und gewann Einfluß allein durch die Schrift, die effektivste Speichertechnik jener Zeit. Dieser performative Widerspruch von Medium und Medienbotschaft ist bis heute im Verhältnis von Literatur und Medien in vielerei Varianten konstitutiv geblieben: als »Mündlichkeit, die sich durch Schrift affirmieren läßt« , oder allgemeiner gefaßt, als die Abwertung eines neuen Mediums bei dessen gleichzeitiger Nutzung. Virulent wird dieser Widerspruch vor allem in Zeiten technischer Innovationen, von der Typographie bis zum Fernsehen; und er kreist immer wieder um mediale Macht und kulturelle Vorherrschaft, die eben durch die jeweils schnellste und weiträumigste Kommunikationstechnik garantiert werden.

      Das Spannungsverhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, von Oralität und Literalität, geriet erst in diesem Jahrhundert in den systematischen Blick verschiedener Wissenschaftsdisziplinen. Vor allem die angloamerikanische Forschung ist dabei wegweisend gewesen . Dabei verdankt sich auch die >Oral History< wiederum technischen Aufzeichnungsgeräten. Detaillierte Studien in noch bestehenden oralen Gesellschaften ergaben, daß dort vor allem das Gedächtnis als zentrale Kategorie für die Weitergabe der Kultur- und Wissensbestände etabliert ist . Daraus folgt einerseits eine deutliche Orientierung am Körper als dem genuinen Träger des Gedächtnisses und Generator von Rede, andererseits eine homöostatisch ausgeprägte Organisation: »Was von sozialer Bedeutung bleibt, wird im Gedächtnis gespeichert, während das übrige in der Regel vergessen wird.« Aus den Notwendigkeiten der Gegenwart konstituiert sich das Wissen und Verständnis von Vergangenheit, ohne daß hier zwischen Legende und Geschichte geschieden wird. Formalisierende und schematisierende Mittel sowie auffällige Redundanzen sind dabei keineswegs bloß dekoratives Beiwerk, sondern Gedächtnisstützen und Erinnerungstechniken, sind also mnemotechnisch funktional. Auch die Bedeutung eines Wortes, mit dem man sich alltäglich verständigt, ergibt sich aus der Abfolge konkreter Situationen und ist nicht außerhalb dieses Alltags dauerhaft, institutionell und im gleichen Wortlaut fixiert. Je mehr wir über orale Kulturen erfahren haben, desto deutlicher zeichneten sich umgekehrt auch die Implikationen von Literalität ab; mit der Erforschung der Mündlichkeit ist deutlich geworden, was Schriftlichkeit bedeutet. Philologische Tugenden wie Text- und Quellentreue, intellektuelle Ordnungskategorien wie Epistemologie und Taxonomie, die philosophische Generaldifferenz von Mythos und Logos: dies alles verdankt sich der Medientechnik Schrift, die auf ihrer materiellen Seite Archive und auf ihrer intelligiblen Seite Abstraktionen ermöglicht. Eine Mediengeschichte und Medientheorie, die auf diesen Forschungen aufbaut, hat der hergebrachten Literaturwissenschaft vorgehalten, daß sie mit ihrer Fixierung auf »Sinn als Grundbegriff der Hermeneutik und Arbeit als Grundbegriff der Literatursoziologie« den Informationskanal Schrift mit den ihn steuernden Institutionen überspringe und »an Büchern alles andere als ihre Datenverarbeitung« untersuche . Zumindest in Teilen der Literaturwissenschaft hat man aber mittlerweile aufgehört, den Text unabhängig von seiner jeweiligen Materialität und seinem personalen oder papiernen Träger zu betrachten. Vielmehr wird man zunehmend darauf aufmerksam, »daß kein Schriftstück unabhängig von den Formen, in denen es seine Leser erreicht, verstanden werden kann« .
      So spielt etwa in der Analyse mittelalterlicher Texte das Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, der semi-orale Kontext höfischer Kultur, eine zunehmend größere Rolle. Bedeutende Werke, die sich in verschiedenen Textvarianten erhalten haben, verdanken ihr Entstehen nicht selten einer langen Kette mündlicher Ãoberlieferung - dabei nimmt vor allem das »Nibelungenlied« eine einzigartige Grenzstellung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit ein. Umgekehrt fordern wichtige höfische Texte des Mittelalters nicht nur inhaltlich neue und gemäßigtere Umgangsformen , sondern schon durch ihre eigene deutlicher vermittelte, >gemäßigte< Form der literarischen Darstellung als Bestandteil höfischer Kultur. Das Medium Schrift öffnet dabei »einen Raum der Imagination, in dem sich die höfische Gesellschaft einschreibt, wie sie sich selbst sieht und sich sehen möchte« . Ist ein Vorbild nicht in Person verfügbar, tritt das Buch durch Imagination dafür ein. Dessen vorstellende Schrift wiederum wird durch Bilder gestützt. Bilder sollen die ästhetische Unattraktivität der Schrift kompensieren; Schriftbänder in Bildern steigern das Bild gleichsam zum audiovisuellen Ereignis; im lauten Lesen tritt auch die Stimme hinzu. »Bilder sollen nicht nur zeigen, sondern auch erzählen, Schrift nicht nur zu Gehör bringen, sondern auch verbildlichen.« So entsteht ein Integrations- und Mediatisierungsprogramm des kulturellen Gedächtnisses , zugleich auch ein Programm der Differenzierung und Distanzierung: Das Schreiben trennt den Schreibenden von jenem sozialen Leben, das sein Buch lehren soll, so wie umgekehrt der Lesende, der aus Büchern Lernende für die Dauer der Lektüre getrennt wird von jenem höfischen Vollzug, den er lernen soll. Andererseits holen die Texte räumliche und zeitliche Ferne in den Verfügungsraum des Hier und Jetzt. Solche Ausdehnung der Reichweite bringt einen Verlust an Konkretheit mit sich. Diesem Mangel und der Unsinnlichkeit der Schriftzeichen arbeitet die Abwechslung im Angebot entgegen. Die Sinnfälligkeit zu steigern,um die Memorierbarkeit zu verbessern: das ist eine Aufgabe der Metaphorik.
      Insgesamt blieben Lesen und Schreiben jedoch einer kleinen Elite vorbehalten, oft angebunden an kirchliche Institutionen und beherrscht vom Latein. Die Rezeption volkssprachlicher Literatur hingegen setzte - auch wenn sie schriftlich fixiert war - die körperliche Präsenz sowohl eines Sängers oder Erzählers als auch eines Publikums voraus. »Vieles deutet darauf, daß in der höfischen Zeit neben der schriftlich konzipierten Literatur eine intakte mündliche Literatur existiert hat. Das bedeutet, daß man die literarische Situation der Laiengesellschaft in dieser Zeit einseitig und unzureichend erfaßt, wenn man nur die in Handschriften überlieferten Werke betrachtet.« Seit dem 13. Jahrhundert wurden neben den klösterlichen Skriptorien auch kommerziell arbeitende Schreiberwerkstätten eingerichtet, in denen Texte handschriftlich kopiert und verkauft wurden; im 14. und 15. Jahrhundert kamen die ersten Universitäten hinzu, die in diesem Manuskriptzeitalter für die Verbreitung von Schriftstücken große Bedeutung gewannen. Doch selbst in Institutionen mit einem hochentwickelten Schriftgebrauch - vor allem der Kirche, den Universitäten, Stadtverwaltungen, Höfen und Großhandelshäusern - »waren kaum kommunikative Prozesse denkbar, in denen nicht gesprochen, Bullen [d. h. kirchliche oder weltliche Urkunden] mit mündlichen Erläuterungen weitergegeben, die Thesen disputiert, Urkunden nach Diktat geschrieben und verlesen wurden usw.« . Das änderte sich grundlegend erst mit der technischen Vervielfältigung durch den Druck mit einzelnen beweglichen Lettern, bei dem die Buchstaben aus einem zuvor bereits vorhandenen Zeichenvorrat gesetzt werden. Erst die Typographie also führte zur allmählichen Ablösung einer primär mündlich organisierten Kommunikation.
     

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