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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Fotografie



Die Kreuzungen von Literatur- und Mediengeschichte verdanken sich der Verschaltbarkeit ihrer Archive. Georg Büchner läßt den Lenz seiner gleichnamigen Erzählung, der zwei schöne Mädchen betrachtet, über das Ungenügen der seinerzeitigen Speichertechniken klagen: »Die schönsten, innigsten Bilder der altdeutschen Schule geben kaum eine Ahnung davon. Man möchte manchmal ein Medusenhaupt sein, um so eine Gruppe in Stein verwandeln zu können [...].« Im selben Jahr 1839, in dem Karl Gutzkow das Textfragment, in dem diese Bemerkung steht, in der Zeitschrift »Telegraph« publizierte, stellte der Franzose Louis Jacques Daguerre der Ã-ffentlichkeit ein Verfahren vor, das von solch einer Szene mehr wiedergeben konnte als bloß »eine Ahnung«, ohne sie deshalb in Stein verwandeln zu müssen: Daguerre hält ihr mediales Doppel als »Lichtzeichnung« fest. Seine »Daguerreotypien« blieben allerdings Unikate. Erst W. H. Fox Talbots Negativ-Positiv-Verfahren unter Verwendung von lichtempfindlichem Papier ebnete der Fotografie den Weg zum Massenmedium. Von »Gegenständen, die sich selbst zeichnen«, schreibt Alexander von Humboldt bereits 1839, und er meint damit eine Spiegeltechnik mit chemischer Fixation, die ihre Objekte nicht mehr mit menschlich-malerischer Ã"hnlichkeit, sondern nun mit physikalisch-chemischer Genauigkeit bannt. So fand zwischen Kunst und Technik die Fotografie ihren spezifischen Platz in der Mediendiskussion - einerseits als Einlösung des genieästhetischen Wunsches nach Abbildung der Natur durch sich selbst, andererseits als ein naturwissenschaftlich forciertes Verfahren - und damit für die Genie-, Originalitäts- und Kunst-Gewißheit das genaue Gegenteil dessen, was Kunst ausmachen soll, nämlich singu-lärer Ausdruck eines unverwechselbaren Inneren zu sein .

      Im Zuge ständiger technischer Verbesserungen konnten schließlich Augenblicke größter Flüchtigkeit gespeichert und in der Phasenfotografie serialisiert werden. 1880 erschien zum ersten Mal eine Fotografie in einer Zeitung, 1888 kam der erste preisgünstige, handliche Fotoapparat auf den Markt. Damit wurden Bildbesitz und -re-zeption, noch am Anfang des 19. Jahrhunderts Privileg des Adels und Großbürgertums, demokratisiert. Es wurde nicht nur abgelichtet, was als bedeutsam galt, sondern auch umgekehrt Bedeutsames dadurch überhaupt erst konstituiert, daß es fotografiert wurde. Dazu gehörte vor allem die eigene Person, deren Bild alsbald inzahllosen Porträts massenhaft zirkulierte. In ihnen läßt sich rückblickend derselbe Hang zur Pose, zur Inszenierung und zur Thea-tralisierung des Verhaltens entdecken, aus denen auch im Alltag neue Normen entstanden. Gegen diese Mischung aus Konstruktion und Kontrolle waren auch Autoren nicht gefeit, selbst wenn sie selbst kaum je fotografiert haben.
      Neben der Konstruktion von Selbstbildern und der damit einhergehenden Organisation von Wahrnehmung etabliert sich mit der Fotografie auch ein neuer Begriff von Zeugnis und Zeugenschaft. Durch ihren scheinbaren Naturalismus sah sich die Fotografie im 19. Jahrhundert oft in Opposition zu den tradierten Künsten gestellt. Theodor Fontane etwa bemängelte bei seinem französischen Kollegen Emile Zola, daß er »das Reportertum zum Literaturbeherrscher« gemacht habe: »[...] so hört alle Kunst auf, und der Polizeibericht fängt an«. Allen abwertenden Ã"ußerungen über die Fotografie zum Trotz aber gehorcht die Schilderung zu Beginn von Fontanes »Effi Briest« selber fotografischer Genauigkeit und Perspektive . Dem Verhältnis von Literatur und Fotografie sind mittlerweile umfangreiche Studien gewidmet . Nicht erst Vertreter der »Neuen Sachlichkeit« haben sich von der Fotografie mit ihrer Exaktheit, Kälte und Unbestechlichkeit »zwischen reproduzierender Technik und produzierender Kunst« beeinflussen lassen. Schon in der Literatur des 19. Jahrhunderts treten »mit dem Ende der Aura und der unendlichen Reproduzierbarkeit des Bildes imaginäre Bilder in den Vordergrund [...], deren soziale Fundierung weitgehend unbewußt bleibt« . Autoren wie Marcel Proust oder Lewis Carroll etwa entwickeln eine hohe Affinität zu dem neuen Medium. Carroll betätigte sich selbst intensiv als Fotograf, Proust arbeitete viele seiner fiktiven Figuren nach real existierenden Fotografien. Gerade ihm, der sich von zahlreichen Menschen Fotos erbat, ist die Fotografie mit ihrer Amalgamierung von Distanz und Nähe sowie ihrer Möglichkeit, Bild und Präsenz zu spalten, zwar nicht Inkarnation von Erinnerung, aber, weil sie notwendig von einer fernen, vergangenen Zeit künden muß, Initiatorin ausschweifender Erinnerungsprozesse. Mit ihrer Konzentration auf Ã"ußeres hat die Fotografie bis heute immer wieder vor allem innere Bilder ausgelöst. Nicht nur bei Literaten.
     

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