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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Digitalisierung



Bereits 1882 formulierte Friedrich Nietzsche: »Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.« Solche Sätze setzen technische Alternativen zu Federkiel und Bleistift voraus. Die kurz zuvor auf den Markt gebrachte Schreibmaschine, auf der Nietzsche diesen Satz schrieb , zerlegte den Fluß der dichtenden Handschrift in eine Abfolge diskreter Elemente, generiert durch eine Tastatur. Das stieß bei beruflich oder berufen Schreibenden nicht nur auf Zustimmung: »Die Schreibmaschine täuscht über die Zurücklegung eines geistigen Weges durch Nebeneinanderrücken der Meilensteine«, weil »der Maschinentext sogleich in vorweggenommener Sauberkeit« dasteht .

      Mit dem Computer tritt die »Technologisierung des Wortes« - nach Handschrift, Buchdruck und Schreibmaschine -in eine neue Phase, deren Implikationen erst erahnbar sind. Einig ist man sich darin, daß der Computer die Externalisierung von Teilen unseres Gehirns darstellt. Weitergehend wird er als »Psycho-technologie« bezeichnet, als ein Netzwerk, das eine körperexterne »elektronische Psyche« implementieren wird, »die uns künftig ein kollektives Parabewußtsein anbieten wird« .
      Wesentlich heftiger als zur Schreibmaschine haben sich Autoren, Intellektuelle und Wissenschaftler zum Computer vor allem als einem Textautomaten geäußert. Besonders häufig insistierte man gerade in der Innovationsphase des PC auf der möglichen Diskrepanz zwischen äußerer Perfektion und innerer Unfertigkeit . Beklagt wurde zudem ein Verlust: die mangelnde Widerspiegelung des kreativen Prozesses durch den Computer, dessen Ausdrucken gerne die unübersichtlichen Manuskripte Balzacs und Prousts gegenübergestellt wurden . Solcher ganzheitlichen Emphase von Produktionsästhetik ist noch immer die Vorstellung von Schrift als etwas Organischem unterlegt, die seit der Goethezeit durch das System genialischer Autorschaft gesteuert wird.

     
Dabei ist es gerade das Paradigma von Autorschaft, welches durch Computer in Frage gestellt wird: Schon als Max Bense und seine Schüler in den sechziger Jahren ihre Experimente mit elektronischen Rechenanlagen begannen und dabei auch Lyrik vom Computer generieren ließen, war die ans Schriftmedium gekoppelte ästhetische Subjektivität nachhaltig erschüttert worden. Ein Computer, der aus dem Vokabular von Franz Kafkas »Das Schloß« nach stochastischen Prinzipien ein Gedicht errechnet, konnte unmöglich als >Autor< im klassischen Sinn fungieren. Immerhin wurden diese elektronischen Erzeugnisse noch in Anthologien eingelassen, von Herausgebern und Autoren namentlich kenntlich gemacht und schließlich in traditioneller Buchform verbreitet. Mit den »Hypertexten«, die einer Textdatei besondere interaktive Eigenschaften verleihen, indem sie es dem Leser über spezielle Indizes ermöglichen, von einem Textteil zum anderen zu springen und sie zu ergänzen oder zu bearbeiten, fallen auch diese Reminiszenzen an die Literatur der Gutenberg-Galaxis fort: »Hypertext, which challenges narrative and all literary form based on linearity, calls into questions ideas of plot and story current since Aristotle.« Solche Texte werden nicht mehr von Autorschaft gesteuert, sondern von eben jenen »links«. Das sich schnell erweiternde Spektrum reicht bereits Mitte der neunziger Jahre bis zu Programmen wie »Racter« oder »Amncsia«, die automatisch Kurzgeschichten generieren oder gemeinsam mit dem Benutzer interaktive Romane entwerfen. »Wie oft in der Computer-Kunst tritt der Autor dabei auf eine Meta-Ebene zurück, schafft nur Möglichkeitsräume, Verlaufspläne mit Verzweigungen, über die der Zufall oder der jeweilige Rezipient entscheidet.« Solche maschinell erzeugten Texte stellen eine radikale Herausforderung an diejenigen Institutionen dar, die sich mit der Produktion, Distribution, Rezeption und Exegese von Texten beschäftigen. Dabei wird nicht nur die Rolle des Autors berührt, sondern ebenso die Rolle des Lesers: vom einsamen Buch-Leser und seiner halluzinierten Kopfinnenwelt wandelt er sich zum vereinzelten Lese-Spieler der »Electronic Novels«.
      »Wenn Filme und Musiken, Anrufe und Texte über Glasfaserkabel ins Haus kommen, fallen die getrennten Medien Fernsehen, Radio, Telefon und Briefpost zusammen, standardisiert nach Ãober-tragungsfrequenz und Bitformat.« Was zuvor in getrennten Medien gespeichert wurde, läßt sich per Digitalisierung gemeinsam archivieren und bearbeiten: Wörter und Töne,
Geräusche und Schrift, Bilder und Filme werden zu kompatiblen Daten. Die Aussicht auf die elektronischen Hypermedien erzeugt mannigfaltige Spekulationen zwischen Panik und Euphorie. Auch im Hinblick auf »Autorschaft« und »Literatur« lassen die Reaktionen zwischen trotziger Bewahrung und vorschneller Verabschiedung selten Differenzierungen zu. Das mag sich mit dem Bewußtsein erklären lassen, auf der Schwelle zwischen zwei Epochen zu stehen. Beide Gesten beeindrucken aber eher durch die Emphase, mit der sie vorgetragen werden, als durch Reflexion und Argumentation: »Maschinell generierte Texte repräsentieren nichts, weder Wahrheit noch Sinn noch Bedeutung noch das Subjekt, das sein Begehren artikuliert. Sie schaffen den Schreiber, den Leser und den Kommentar ab.« Vor der sich ständig entwickelnden Hardware Computer haben Prophezeiungen Konjunktur, weil Gewißheiten mit notorischer Verspätung daherkommen. Doch noch der fröhlichste Verteidiger digitaler Autospeicher braucht die Erinnerung ans bisher Gewesene, zumindest als Gegenbild, um vor ihm die Ãobermacht der neuen Maschinen rühmen zu können. Eine Literaturwissenschaft diesseits freudiger Selbstaufgabe und jenseits verstockter Selbstmusealisie-rung mag sich hingegen gelassen auf das multimediale Feld zukünftiger Gegenwart begeben, ohne auf die Literarhistorie als Teil des kulturellen Gedächtnisses zu verzichten. Denn nur so läßt sich das Instrumentarium schärfen, mit dem die Zeiten einander vermittelbar bleiben - das ihnen Ã"hnliche und Inkommensurable zugleich.
     

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