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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Buchdruck (Typographie)



Wenn es um das wirklich Neue an neuen Medien geht, scheiden sich Geister und Geschichten, die von ihnen handeln. So auch bei der Typographie. Während Michael Giesecke das Innovationspotential des Buchdrucks hoch ansetzt, ohne Kontinuitäten zu leugnen , neigt Chartier dazu, »die Druckkultur als Fortsetzung der Manuskriptkultur zu betrachten« . Geradedas Bemühen um Identität läßt Differenzen deutlich werden: Zwischen den Inkunabeln , die die Ã"sthetik der Handschriften imitieren, und der Videohülle, die in Buchform gestaltet ist, liegen zahlreiche Beispiele von neuen Medien, die vor allem in ihren Anfängen Mimikry ans schon Bestehende betreiben. Die Typographie bietet dafür ein Musterbeispiel: »Bekanntlich ändert die Erfindung des Buchdrucks nicht schlagartig die Bedingungen literarischer Kommunikation: die Einrichtung der Frühdrucke orientiert sich an Handschriften; jahrzehntelang laufen mechanische Reproduktion und Abschreiben nebeneinander her.« Bereits die sogenannte 42zeilige Gutenberg-Bibel lieferte das Modell für die Schwelle von Manuskript- und Druckzeitalter. Die Buchstaben einer Handschrift dienten als Vorlage für die Fertigung der einzelnen Lettern dieser lateinischen Bibel, die auch gleich einer Handschrift rubriziert und illuminiert wurde. So verband das in rund 180 Exemplaren verbreitete Buch die Möglichkeiten der mechanisch-seriellen Reproduktion mit den ästhetischen Idealen der Manuskriptkultur. Auch der 1477 erschienene »Parzival« des Straßburger Frühdruckers Johann Mentelin zeigt die für viele Inkunabeln typische Kombination aus Homogenität und exakter Wiederholbarkeit des Drucks in vielen identischen Exemplaren auf der einen Seite, dem Einmaligkeitsgestus der Kodizes auf der anderen. Nach dem Vorbild der Schreiber wählte man nicht nur die Typen aus, sondern benutzte auch Abkürzungen, Interpunktionszeichen und Ligaturen , um die Zeilenenden bündig zu gestalten. Und obwohl es sich beim Mainzer Handgießinstrument um die erste seriell-normierte Produktionsmöglichkeit in der Geschichte der Textverarbeitung handelt, läßt sich doch offenbar - vor allem bei einigen Frühdrucken - von den gedruckten Charakteren nicht nur auf den jeweiligen Schriftentwerfer, sondern bis zu einem gewissen Grad selbst auf den >Charakter< des Setzers schließen.

      Wie sehr die Vorstellung vom Buch als Unikat auch nach der Einführung der Typographie dominiert, wie rudimentär hingegen Bewußtsein und Wissen von einem seriellen Reproduktionsverfahren ausgebildet sind, das verdeutlicht der Bericht über den Druck des Regensburger Meßbuches von 1485:
»[...] als man das Gedruckte mit der Vorgabe verglich - eine Arbeit, für die eigens Geistliche des Domes herangezogen wurden -,
>ergab es sich< >wie durch ein Wunder Gottes, daß in den Buchstaben, Silben, Wörtern, Sätzen, Punkten, Abschnitten und anderem, was dazugehört, der Druck bei allen Exemplaren und in jeder Hinsicht mit den Vorlagen unseres Doms übereinstimmte. Dafür danken wir Gott.< Man glaubte also, die aus der Druckerpresse hervorgehenden Exemplare Stück für Stück auf ihre Identität überprüfen zu müssen, wie man es vom Kollationieren von Handschriften gewohnt war.«
Die erst durch den Druck ermöglichte exakte Wiederholbarkeit von Texten hat also in den ersten Jahrzehnten nach der neuen Erfindung die allgemeinen Vorstellungen von schriftlicher Kommunikation und den Umgang mit Büchern und Schrift noch nicht nachhaltig verändert. Anders als in Zeiten alltäglich gewordener Typographie ist das Konzept von >Text< noch mit dem konkreten und originalen Buchkörper verknüpft. Jeder Text war insofern Unikat, als er mit dem niemals exakt reproduzierbaren >Unikat< Handschrift und dem konkreten, unterschiedlich rubrizierten und illuminierten Buchkörper untrennbar verbunden war. Erst die exakte technische Reproduzierbarkeit von Schrift setzte allmählich die Vorstellung von einem in zahlreichen Exemplaren verbreiteten und dennoch völlig identischen Text durch - unabhängig vom konkreten corpus des Buches, von Art und Grad seiner Vervielfältigung. Das an Kodizes und Manuskripten gewonnene Textverständnis hingegen orientiert sich ganz am Modell des Körpers: »Die Abwesenheit des Körpers, die erst eigentlich Möglichkeiten des Buches zur Geltung bringt , wird kompensiert durch das körperhafte Bild des Buches.« Wie der Körper des Sängers oder Erzählers, so ist auch der Körper des Buches vergänglich. Und wie ein Sänger seine Wissensbestände immer wieder mündlich an Jüngere weitergeben muß, um sie zu erhalten, so muß auch ein Kodex immer wieder abgeschrieben werden. Durch die untrennbare Gebundenheit an das Buch-Corpus, die ihm erst seine Unikatstellung garantiert, verfällt ein Text zwangsläufig mit seinem Träger. Erst vor diesem Hintergrund erschließt sich die von Johann Trithemius 1494 in Druck gegebene Polemik gegen den Druck: »Selbst wenn alle Werke der gesamten Welt gedruckt würden, brauchte ein hingebungsvoller Schreiber von seinem Eifer keineswegs abzulassen [...]. Erst seine Leistung erwirbt den dürftigen Werken Autorität, den wertlosen Größe und den vergänglichen Langlebigkeit.« Das Textverständnis, welches Trithemius zu dieser Abhandlung »De laude scriptorum«veranlaßte, orientiert sich daran, daß nur der konkrete Körper dem Text seine Dauer verleiht und nur die sorgfältige Abschrift auf ehernem Material, zu der Trithemius in diesem Werk ermahnt, per Unikat die Traditionskette garantieren konnte - nicht aber ein technisches Reproduktionsverfahren, dessen Schnelligkeit er sich als umgekehrt proportional zur Haltbarkeit seiner Produkte vorstellte.
      Auf vielfältige Weise dominieren auch noch Jahrzehnte nach Einführung des Buchdrucks typische Vorstellungen der Manuskriptkultur. Die neue Technik wird zunächst nicht nur an Geschwindigkeit und Komfort gemessen, sondern an der ästhetischen Vollkommenheit und Harmonie ihrer Erzeugnisse. Eine zentrale Funktion nimmt in diesem Prozeß die Handschrift ein: Drucktypen werden nach der Vorlage ausgesuchter Handschriften gefertigt, Inkunabeln in ihrer Gestaltung den Manuskripten angeglichen und gedruckte Bücher wieder abgeschrieben, und die Skriptoren beharrten gelegentlich gegenüber den Druckern und Setzern auf ihrer tradierten Legitimation als wichtige Schaltstellen in der Weitergabe und Archivierung der Kultur- und Wissensbestände. Abschreiben, das hatte nach einer Analogie aus Richard de Burys »Philobiblon« von 1345 den Status einer Zeugung. Kopierbar waren Texte streng genommen nicht, sie mußten »ersetzt« werden; damit war die Weitergabe von Sprache nicht nur in der mündlichen Rede, sondern auch in der Schrift an Körper gebunden. Die Handschrift war dabei lediglich die Spur, die der sich bewegende Schreiberkörper erzeugt hatte. Erst eine effiziente Drucktechnik entlastete sie von ihrem Monopol bei der schriftlichen Tradierung von Kultur- und Wissensbeständen, welche zunehmend in den wachsenden typographischen Archiven gespeichert wurden, und ermöglichte so im Laufe der Zeit ihre bis heute gültige Aura von Individualität. Das Schreiben - zumindest in diesem Punkt sollte Trithemius rechtbehalten -wird durch das Drucken eben keineswegs aufgegeben, sondern es erhält eine andere Funktion: aus einem Abschreibesystem werden allmählich »Aufschreibesysteme« . In ihrer eigenen Handschrift zeigen sich dann Eigentümlichkeit und Charakter der alphabetisierten Individuen.
      Wie effizient das neue Medium des Buchdrucks sein konnte, das demonstrierte erstmals Luther: Bei seinem reformatorischen Unternehmen nutzte er nicht nur zahlreiche gedruckte Flugblätter zur Verbreitung seiner Thesen, sondern schuf auch wesentliche Voraussetzungen für einen bis heute unangefochtenen Bestseller, indem er die Verkündung der Bibel von Priestermündern auf serielle
Buchstaben umstellte und »die Schrift [...] aus dem Medium der sakramentalen Semiotik befreite« .
     

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