Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Allgemeine Literalisierung



Mit dem typographischen Verfahren hört die Verfügbarkeit schriftlicher Ãoberlieferung nach und nach auf, ein Privileg zu sein, und Gedrucktes wird allmählich ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand. »Die vormals so kostbaren, so seltenen Bücher der alten Weltweisen, Geschichtsschreiber, Redner und Dichter, Rechtsgelehrten und Arzte«, so Gottsched 1740, »wurden nunmehr auf erstaunende Weise vervielfältiget und auch dürftigen Liebhabern der Gelehrsamkeit um sehr wohlfeilen Preis überlassen.« Mit Flugschriften, Kalendern und Ratgebern für fast alle Lebenslagen entstehen zudem zahlreiche neue Formen von Schriftlichem, die in vergleichsweise hohen Auflagen verbreitet werden. Mit der Expansion der Schriftlichkeit geht ihre Ausdifferenzierung einher: Zum einen werden viele derjenigen Kultur- und Wissensbestände verschriftlicht, die zuvor eher mündlich weitergegeben worden waren , zum anderen entwickeln sich qualitativ neue Schreib- und Leseweisen. Während in England und Frankreich die Buchproduktion kontinuierlich wächst, verhindert der Dreißigjährige Krieg in Deutschland zunächst eine ähnliche Entwicklung, die aber am Ende des 17. Jahrhunderts auch hier nachgeholt wird. Zwischen 1700 und 1800 erschienen rund 175 000 deutschsprachige Titel, zwei Drittel davon allein nach 1750 . Um 1800 betrug der Anteil philosophischer und poetischer Werke an den Neuerscheinungen bereits weit über fünfzig Prozent. In diesem Zeitraum entstehen zentrale Paradigmen neuzeitlicher Literatur wie Autorschaft und -» Literaturkritik. Wichtige Institutionen wie Schule und Universität werden reformiert und neue, effektivere Methoden der Alphabetisierung erprobt. Vor allem für das städtische Bürgertum und den niederen Landadel wird die Literatur zum bestimmenden Medium kultureller Sozialisierung. An die Stelle intensiver Lektüre weniger Bücher tritt die extensive Lektüre einer großen Anzahl unterschiedlichster Texte. Zentrale Konzepte der -» Literaturgeschichtsschreibung wie Aufklärung, Empfindsamkeit oder Romantik sind ohne die exzessive Schriftlichkeit der damit bezeichneten Perioden ebensowenig denkbar wie die geläu-figen Entwürfe und Praktiken von Subjektivierung und Individualisierung, in denen Persönliches zur Dichtung und Dichtung von Autoren wie von Lesern individuell >subjektiviert< wird.

      Kulturhistorisch wird dieser Prozeß expandierender Literalisierung und sich ausdifferenzierender Lektürehaltungen durch zwei exemplarische Eckdaten markiert: Auf der einen Seite steht der frühaufklärerische Enthusiasmus angesichts der wachsenden Verbreitung des Buches als eines materiellen Garanten des Wahren, Guten, Schönen, auf der anderen Seite die massive Kritik der zunehmenden >Lesesucht< im späten 18. Jahrhundert ; auf der einen Seite wird das Buch als rationalisierender Affektdämpfer gepriesen, auf der anderen Seite etwa als erotisches Stimulans verdammt. Beide Extremfälle übertreiben nur geringfügig den Normalfall expandierender Schriftkultur, der neben Abstrakta wie >Vernunft< auch konkrete Sinnesdaten schreibbar und lesbar macht. Dazu bedurfte es auf der Produktions- wie auf der Rezeptionsseite einschneidender Veränderungen. War die Lektüre in der Manuskriptkultur noch ein Ereignis gewesen, das visuelle und akustische Momente, ja sogar Berührungs- und Geruchsempfindungen integrierte, so wandelte sie sich nun zu einem leisen, intimen und individuellen Akt . Spätestens mit Gellerts empfindsamem »Leben der Schwedischen Gräfin von G;:;:;:"«, dem ersten deutschsprachigen Roman, »den derart auch eine ehrbare Bürgersfrau lesen konnte« , wurde Lektüre überdies zu einem moralischen, einfühlungsbetonten und identifikatorischen Programm. Die Leser sollten nicht bloß »die Sache zu lesen, sondern [sie] selbst zu sehen glauben« - so Geliert 1747/1748. Standardisierte und serielle Typographie wird geradezu zur Ersatz-Sinnlichkeit, wenn die Lektüre Töne und Bilder unter die gelesenen Zeilen mischt - das prominenteste Beispiel für ein solches empathisches und emphatisches Lesen bildet wohl die Rezeption von Goethes Briefroman »Die Leiden des jungen Werthers«. Junge Leser, die im Zuge des »Werther-Fiebers« zu blauem Frack und gelber Weste greifen und schließlich zur echten Nachahmung des bloß schriftlich-fiktiven, typographisch vermittelten Selbstmords schreiten, signalisieren den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, in deren Verlauf die »Untertanen der allgemeinen Alphabetisierung, wie die Goethezeit sie ja gestartet hat, Manipulationen im Symbolischen als sinnliche Daten halluzinieren« sollten .
      Parallel dazu verwandelte sich das mühsame Kopieren von Einzelbuchstaben, das Verfahren der Skriptorien, in den Fluß der je individuellen Handschrift, die schließlich »als ebenso natürlich [erscheint] wie essen, schlafen oder sich fortpflanzen« . Doch nicht die Stärkung ihrer Buchstäblichkeit, sondern die Betonung ihrer Lautlichkeit begründete die beispiellose Karriere der Buchstabenproduktion im 18. Jahrhundert. Gegen die Exzesse von Signifikanten, wie sie die Buchstabiermethode praktizierte, setzten die Fibeln und Leseanleitungen der Reformpädagogik einleuchtende Signifikate und genüßliche Referenten. Schreiben bedeutet nicht einfach, die vorgegebene Idealschrift nachzuzeichnen, sondern die Normen so zu internalisieren, daß auf ihrer Basis eine eigene und unverwechselbare Handschrift entstehen kann. »Wenn das Selbermachen bewußt und das Nachahmen verdrängt wird, vermögen die Buchstaben, die er schreibt, dem schreibenden Schüler als die seinigen zu erscheinen.« Ausderartifiziel-len Kulturtechnik Schreiben wird so der quasi-natürliche Nachweis von Individualität. Dem entspricht eine immense Zunahme des privaten Schriftverkehrs. Dabei etabliert sich der Brief als Leitmedium der empfindsamen Kultur und Topos intimer Kommunikation, so daß man geradezu vom »Jahrhundert des Briefes« gesprochen hat . Gegen Kanzleifloskeln und Musterbriefkopien setzt man auf »die Kunst einer gewollten Kunstlosig-keit« . An die Stelle formelhafter -» Rhetorik tritt der vermeintlich unvermittelte Ausdruck des eigenen Inneren. Beredt lehren die neuen Briefsteller folglich, daß das Briefeschreiben im Prinzip nicht zu lehren sei, »weil der Werth eines Briefes«, so etwa Karl Philipp Moritz 1783, »darinn besteht, daß er ein getreuer Abdruck von der eignen Wendung in den Gedanken, und in dem mündlichen Ausdruck eines jeden sey« . Auch Romanfiguren des 18. Jahrhunderts lesen nicht nur emphatisch, sondern schreiben auch ständig selbst - von Briefen und Tagebüchern bis zu Gedichten und essayistischen Abhandlungen. In Samuel Richardsons »Pamela« , dem Prototyp des empfindsamen Briefromans und ersten literarischen Vorbild für vertraute Briefwechsel, verlangt die Protagonistin als Hauptbedingung für eine neue Anstellung als Hausbedienstete, daß ihr Zeit zum Lesen bleiben müsse. Der empfindsame Roman und die zahlreich zirkulierenden Briefe bedingen und beeinflussen sich innerhalb einer expandierenden Schriftkultur gegenseitig. So erscheinen Lesen und Schreiben als ideale Beschäftigungen empfindsamer Gemein-lschaft, die mit ihren Intimitätsveröffentlichungen eine quietistisch-moralische Opposition zur höfischen Gesellschaft bildet .
      Doch die gesteigerte Literalisierung führte auch zu Problemen der Auswahl und -» Kanonisierung. Lesende konnten jederzeit zu Schreibenden werden, und deren Zahl wuchs denn auch derart an, daß Goethe sich sorgte, es wolle »niemand sich des Hervorgebrachten freuen, sondern jeder seinerseits selbst wieder produzieren«. Das Paradigma von Autorschaft , wie es sich im Zuge der Genieästhetik gegen die klassizistische Regelpoetik behauptete , reduzierte Kontingenz, indem es zwischen bloßen »Nachahmern« und »Original-Scribenten«, schlichtem Geschreibsel und schöner Literatur unterschied. Programmatisch wirkten hier einige Leitmotive aus Edward Youngs »Conjectures on Original Composition« , deren Rezeption in Deutschland - anders als im englischen Ursprungsland - maßgeblich die Vorstellung eines originären Schöpfers als Absender von Literatur prägte. Auf dieser Basis konstituierte sich in einem längeren Prozeß der Autor als Rechtssubjekt in ökonomischer, juristischer und philosophischer Hinsicht. Der je individuelle Stil wurde Unterscheidungsmerkmal und Markenzeichen literarischer Produktion , die Schrift zum geistigen Eigentum, an der die Autoren Urheberrecht und Tantiemen hatten. Seitdem können literarische Diskurse »nur noch rezipiert werden, wenn sie mit der Funktion Autor versehen sind: jeden Poesie- und Fiktionstext befragt man danach, woher er kommt, wer ihn geschrieben hat, zu welchem Zeitpunkt, unter welchen Bedingungen oder nach welchem Entwurf.« Seitdem aber kommt es auch zu einer verstärkten Kommerzialisierung, Professionalisierung und Spezialisierung. Universalgenies wie Goethe, die mit demselben Autornamen literarische, naturwissenschaftliche, verwaltungs- und verkehrstechnische Diskurse steuerten, werden in einer sich diversifizierenden Schriftkultur zur Rarität. Stattdessen beginnt sich ein Typus des Allround-Autors zu etablieren, der fortan den >echten< Dichtern als Schreckbild dienen wird: der >Schriftsteller< als Lieferant für die Presse als Leitmedium des 19. Jahrhunderts.
      Vorangetrieben durch technische Innovationen wie die Schnelldruckpresse, den Rotationsdruck und den Linotype-Satz entwickelte sich der Markt für periodische Druckerzeugnisse explo-sionsartig. Neben dem Kolportagebuchhandel, dem Vorläufer der späteren Serienheftchen, waren es vor allem die Familienzeitschriften, die für die Entwicklung des literarischen Marktes eine außerordentliche Bedeutung gewannen. Prototyp ist in Deutschland »Die Gartenlaube« , die zeitweilig in mehr als 380 000 Exemplaren erschien, daneben etwa »Ãober Land und Meer« oder »Daheim« . Diese Periodika druckten Belletristisches in möglichst vielen Folgen. Die »Gartenlaube« brachte es dabei im Jahresdurchschnitt auf 14 Romane mit insgesamt etwa 80 Fortsetzungsbeiträgen. Fortsetzungsroman und Familienblatt gingen so ein symbiotisches Verhältnis wechselseitiger Förderung ein. Die Autoren des bürgerlichen Realismus, von Wilhelm Raabe bis zu Gottfried Keller, von Theodor Storm bis zu Paul Heyse lebten vor allem von Fortsetzungsabdruck - und von Arbeiten für Zeitungen und Zeitschriften. Daneben etablierten sich Kultur- und Literaturzeitschriften wie »Die Grenzboten«, die »Deutsche Rundschau«, »Der Kunstwart«, »Pan« oder »Hochland«. »Die Fackel« von Karl Kraus widmete sich seit 1899 der Medienkritik; sie hatte sich als Reaktion auf den expandierenden Pressebetrieb die »Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes« zum Programm gemacht. Gemeint war damit vor allem das Feuilleton, das sich seit 1848 in der deutschen Tagespresse etabliert hatte. »Feuilleton« hieß zunächst der seit 1789 dem in Paris erscheinenden »Journal de Debats« beigelegte Viertelbogen mit Annoncen ; der Begriff wurde dann von Abbe Geoffroy auf die seit 1800 dort erscheinenden Glossen und Plaudereien übertragen; schließlich bezeichnete er, als dieser Teil in die Zeitung selbst integriert und vom übrigen Text durch einen Strich abgetrennt wurde , den Kulturteil der Zeitung insgesamt. Seither meinte der Begriff beides, die Kultur- und Kunstsparte der Zeitung und die kleine Form literarisch-journalistischer Plauderei, dann aber auch - als »Feuilletonismus« kritisiert -die Literarisierung des Journalismus auch im Politischen und Wirtschaftlichen .

Vermittelt vor allem durch Ludwig Börne und Heinrich Heine etablierte sich im deutschen Sprachraum das Feuilleton ab 1848, als sich die Aktivitäten der gescheiterten Revolutionäre auf die Kulturberichterstattung verlegten . Der immense Bedarf der Tagespresse an literarisch-unterhaltsamen Texten führte zur Makelei von Feuilletonmaterial ; 1902 existierten über zwanzig Feuilleton-Korrespondenzen in Deutschland. Wie sehr sich Feuilleton und Presse im Europa des späteren 19. Jahrhunderts als eine medienkulturelle Macht durchsetzten, ist schon an der Zahl großer Romane ablesbar, die sich mit dem Verhältnis von Literatur und Presse befassen - so Balzacs »Verlorene Illusionen« , Thackerays »Jahrmarkt der Eitelkeit« , Raabes »Die Chronik der Sperlingsgasse« und »Der Lar« , Strindbergs »Das rote Zimmer« , Jacobsens »Niels Lyhne« , Maupas-sants »Bei ami« , Gissings »Zeilengeld« , Heinrich Manns »Im Schlaraffenland« . >Feuilleton< bleibt bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts von Tagespresse bis Hochglanzmagazinen ein wesentlicher Publikationsmodus von Literatur, in primären wie in sekundären Texten, so daß Hermann Hesse noch im »Glas-perlcnspiel« abfällig vom »feuilletomstischen Zeitalter« sprechen konnte. Währenddessen hatten sich neben den nun pauschal Printmedien genannten längst andere Medien etabliert. Sie stellen heute, am Ende des 20. Jahrhunderts, die printmediale Literarkultur von Belletristischem bis zu seiner Kritik vor die Alternative, entweder sich als ein zunehmend marginalisiertes Segment des Medienmarktes zu beschränken oder als >Ereignis< zu einem Epiphänomen der TV-Kultur zu werden.

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