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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Für eine geläuterte Hermeneutik



Vieles ist mit vielem vereinbar; Grenzgänge und Vermischungen vollziehen sich allenthalben in schöner Unvorhersagbarkeit. Wirklich fundamentale Problematisierungen und Erschütterungen dessen, was bislang »Literaturwissenschaft« hieß, sind aber vor allem in unterschiedlichen Ausprägungen dessen formuliert worden, was unter einem Etikett wie »Dekonstruktion« verbucht wird.



     
Noch die unterschiedlichsten Versuche, Texte zu verstehen, und die unterschiedlichsten Meinungen darüber, was unter »Verstehen« zu verstehen sei, stehen gemeinsam einer auf grundsätzliche Nichtver-stehbarkeit, auf »Unlesbarkeit« der Texte zielenden Lektüre diametral entgegen. Das zugleich Anziehende und für traditionelle Leseweisen Herausfordernde des Verfahrens liegt in seiner philologischen Prägnanz: Nicht eine bloß externe, >ideologi-sche< Prämisse, sondern subtile, die hermeneutischen Tugenden auf die Spitze treibende »Lektüre« ist es, die die Ruhe der Verstehbar-keit stört .
      Hatte die frühe Hermeneutik noch, so vernünftig wie arglos, auf die Frage geantwortet, was uns der Dichter mit seinem Text sagen wolle, so fügten spätere, sozialgeschichtlich, soziologisch, psychoanalytisch belehrte und modifizierte Hermeneutiken dem die zweite Frage hinzu: Und was sagt er uns tatsächlich? Selbst die strukturalistische Verschiebung des Untersuchungsgegenstands von den jeweiligen Bedeutungen auf die Verfahren ihrer Erzeugung hat, manchen Zeitenwende-Prophezeiungen zum Trotz, einerseits neue Möglichkeiten einer Allgemeinen Literaturwissenschaft eröffnet, andererseits aber die Verstehens-Konzepte der unterschiedlichen Hermeneutiken nicht nur nicht erledigt, sondern im Gegenteil oft vielmehr >struktural< ausdifferenziert . Poststrukturalistisch inspirierte Theorien der »Intertextualität« haben zwar den Begriff des »Textes« erheblich verändert , aber weithin doch immer noch ungeahnte Möglichkeiten der »Lesbarkeit« eröffnet . Selbst die -> Diskursanalyse Foucaultscher Ausprägung haben die Verstehbarkeit der Texte nicht grundsätzlich in Frage gestellt, wohl aber mit beunruhigender Ausdauer nach den historischen Ermöglichungsbedingungen einer Redeweise gefragt , daß ein »Dichter« »uns« »etwas« »sage«. Die Praxis der Dekonstruktion konstituiert sich gegen den Hintergrund des Verstehens-Postulats selbst, gegen das sie die Einsicht zur Geltung bringen will, daß weder der >Dichter< noch der >Text< >uns< >in Wahrheit* >etwas< >sage Hermeneutischen Modellen und -> Problematisierun-gen der Hermeneutik im Zeichen des Poststrukturalismus ein Versuch hinzugefügt wurde, nicht etwa beides zu synthetisieren oder zu >versöhnen Zum Verhältnis von Hermeneutik und neueren antihermeneutischen Strömungen. Die Herausgeber sind dabei durchaus nicht so vermessen, in einem »Grundzüge«-Band zujenem wissenschaftlichen Dialog zwischen hermeneutischen und dekonstruktiven Konzepten beitragen zu wollen, der trotz Manfred Franks ausdauerndem Bemühen schon zwischen Gadamer und Derrida gescheitert ist - aber sie würden doch gern die Benutzer zu diesem Dialog ermuntern.

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