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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Vorläufige Begriffsbestimmung



1. Vorläufige Begriffsbestimmung
Was ist Literatur ? Was unterscheidet einen literarischen Text von einem nicht-literarischen? Ist es wahr, daß die Dichter lügen, wie ihnen Piaton einst vorwarf? Fragen dieser Art sind es, auf welche Theorien der Fiktionalität und der Poetizität eine Antwort zu geben versuchen; wir befinden uns hier also im Bereich der literaturwissenschaftlichen >Grundlagenforschung Grundlagen narrativer TextE). Poetische oder literarische Texte hingegen bilden genau die Klasse von Texten, die zum Bereich der Sprachkunst, der Literatur, gehören; und Poetizität oder Literarizität ist dann genau jenes Merkmal, das, wie sich ebenfalls vorläufig sagen läßt, künstlerische Texte von nicht-künstlerischen unterscheidet.

      Häufig wird davon ausgegangen, daß die Begriffe >Fiktionalität< und >Poetizität< ko-extensional seien, daß also alle fiktionalen Texte zugleich auch literarisch seien und umgekehrt: daß alle literarischen Texte zugleich auch fiktional seien . Eine solche Auffassung ist jedoch unplausibel. Es gibt vielmehr fiktio-nale Texte, die eindeutig nicht literarisch sind, wie etwa bestimmte philosophische Lehrdialoge des 18. Jahrhunderts, die einzig und allein den Zweck besitzen, dem Leser den Zugang zu den dargestellten Gedanken so weit als möglich zu erleichtern. Zum anderen aber gibt es auch literarische Texte, die eindeutig nicht fiktional sind, da sie keine erfundenen Figuren, Gegenstände, Ereignisse enthalten, wie etwa Tagebuchaufzeichnungen von Dichtern, Briefe, oder auchmanche autobiographischen Werke. Daher gilt: Es gibt nicht-fiktio-nale Literatur, ebenso wie es auch nicht-literarische Fiktionen gibt.

      1.2 Methodische Vorklärungen
Fiktionalität und Poetizität verweisen jeweils auf Phänomene, die keineswegs ausschließlich auf die Literatur beschränkt sind. Darstellungen von erfundenen Figuren, Gegenständen, Ereignissen kommen auch in anderen Kunstgattungen vor, etwa im Film, auf der Bühne oder in der bildenden Kunst. Und Poetizität auf der anderen Seite ist nur die auf Texte bezogene Variante einer Eigenschaft, die man als >Asthetizität< bezeichnen könnte, ein Merkmal, das Objekte der Kunst ganz allgemein von nicht zur Kunst gehörigen Gegenständen unterscheidet. Theorien der sprachlichen Fiktionalität und der Poetizität sind daher eigentlich nur Teilgebiet einer allgemeinen Fiktionalitätstheorie und einer allgemeinen Ästhetik. Daraus ergibt sich die Forderung, daß ihre Ergebnisse mit denen entsprechender Überlegungen zu den außerliterarischen Kunstgattungen jedenfalls nicht unverträglich sein sollten. Allerdings muß man einräumen, daß eine solche Forderung auf dem Gebiet der Fiktionalitätstheo-rien zur Zeit nur schwer zu erfüllen ist, da diese sich in der Vergangenheit nahezu ausschließlich sprachlichen Fiktionen gewidmet haben und es folglich vergleichbar elaborierte Theorien zu nichtsprachlichen Fiktionen bisher nicht gibt.
      Wie dies im Bereich der Grundlagenforschung nicht selten der Fall ist, besteht auf dem Gebiet der Fiktionalitäts- und Poetizitäts-theorie ein Nebeneinander unterschiedlicher Disziplinen: von Literaturtheorie, Philosophie, Sprachwissenschaft und Semiotik, wobei die linguistische und semiotische Beschäftigung mit Fiktionalität und Poetizität zum ganz überwiegenden Teil allerdings innerhalb der Literaturtheorie stattfindet. Hingegen kommt es zwischen Literaturtheorie und Philosophie zu gewissen Kompetenzstreitigkeiten, genauer gesagt zwischen Literaturtheorie einerseits sowie philosophischer Ästhetik und analytischer Sprachphilosophie andererseits. Diese haben ihren Grund darin, daß die philosophische Ästhetik bereits seit etwa zweihundert Jahren eine eigenständige Disziplin bildet, während die philosophische Beschäftigung mit ästhetischen Fragen im allgemeinen gar auf eine über zweitausendjährige Tradition zurückblicken kann, und daß die analytische Sprachphilosophie sich bereits in ihren Anfängen vor etwa hundert Jahren und seitdem kontinuierlich immer wieder mit dem Problem der Fiktionalität auseinandergesetzt hat.
     
Will man diese Konkurrenz zwischen Literaturtheorie und Philosophie bewerten, so läßt sich vielleicht feststellen, daß die philosophischen Theorien zur Fiktionalität und Poetizität den literaturwissenschaftlichen häufig hinsichtlich ihres Reflexionsund Argumentationsniveaus sowie der gedanklichen Klarheit und Schärfe überlegen sind, andererseits aber die philosophischen Theorien gerade der Fiktionalität an einer Beschränkung auf lediglich einen einzigen Typus fiktionaler Texte kranken, nämlich auf realistische Erzähltexte vornehmlich des 19. Jahrhunderts. Für eine angemessene Theorie der Fiktionalität wäre daher eine Verbindung der Stärken beider Disziplinen wünschenswert, so daß die spezifisch philosophischen Kompetenzen durch spezifisch literaturwissenschaftliche ergänzt werden.
      Bedauerlicherweise gibt es trotz der langen Tradition bis auf den heutigen Tag weder eine allgemein anerkannte Theorie der Fiktionalität noch eine der Poetizität, so daß über beide Begriffe auch heute nicht anders zu schreiben möglich ist als wie »über ein noch ungelöstes Problem«, wie es Henning Boethius bereits in der ersten Ausgabe dieses Bandes mit Bezug auf die Ästhetik ausgedrückt hat. Dies bedeutet indes nicht, daß es gar keinen Fortschritt gäbe; durch die Diskussion sind vielmehr insbesondere die argumentatorischen Schwächen der unterschiedlichen Ansätze deutlich zutage getreten. Man kann daher sagen: Wir wissen vielleicht noch nicht genau, wie eine befriedigende Theorie der Fiktionalität und der Poetizität auszusehen hätte, aber wir wissen recht genau, welcher Art von Problemen sie zu begegnen und welche Schwierigkeiten sie zu vermeiden hat.
      Aus diesem Grund sollen im folgenden, beginnend mit Theorien der Fiktionalität, einige der wichtigsten philosophischen und literaturwissenschaftlichen Positionen zum Problem der Fiktionalität und Poetizität knapp skizziert und in aller Kürze kritisch kommentiert werden. Im Anschluß an die Diskussion soll dann jeweils auf Probleme und Fragen aufmerksam gemacht werden, die für die Zukunft noch zur Lösung anstehen.

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