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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Theorien der Fiktivität



Im Gegensatz zu dem der Fiktionalität ist das Problem der Fikti-vität fast ausschließlich aus philosophischer Perspektive untersucht worden. Zwei Typen von Auffassungen zu fiktiven Gegenständen lassen sich unterscheiden, die sich beide mit dem Problem befassen, ob diese existieren und worauf man sich mit einem Eigennamen wie >Sherlock Holmes< bezieht.

      2.4.1 Fiktivität als »Subsistenz«
Diese Theorie geht auf Ãoberlegungen des österreichischen Philosophen Alexius Meinong zurück. Meinong zufolge gibt es ein »Jenseits von Sein und Nichtsein«, eine Klasse von Gegenständen, die zwar in irgendeiner Weise »bestehen, in keinem Falle aber existieren« und denen damit eine eigene Seinsweise der »Subsistenz« unabhängig von ihrer Existenz oder Nicht-Existenz zukommt. Obwohl die Argumente, die Meinong für die Annahme einer solchen Seinsweise anführt, vielfach kritisiert wurden, hat seine Theorie mit Bezug auf fiktive Gegenstände in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine gewisse Renaissance erlebt. Die Rechtfertigung einer solchen Theorie wird darin gesehen, daß wir über fiktive Objekte wahre Aussagen machen können wie etwa »Sherlock Holmes raucht Pfeife« und eine solche Behauptung auf den ersten Blick mit der negativen Existenzaussage »Sherlock Holmes existiert nicht« unverträglich zu sein scheint . Vielmehr scheint es ein berechtigter Einwand zu sein, auf die Leugnung der Existenz von Sherlock Holmes zu antworten: »Er existiert im Roman.«
Dieser intuitiven Auffassung versucht Terence Parsons im Geiste Meinongs zu entsprechen, indem er zwei verschiedene Arten von Prädikaten einführt, »nukleare« und »extranukleare«: >Mensch< oder >grün< sind demzufolge nukleare Prädikate, >möglichfiktiv< oder eben >existent< hingegen sind extranukleare Prädikate. Einerfiktiven literarischen Gestalt wie Sherlock Holmes kommt dann dieselbe Art nuklearer Prädikate zu wie existierenden Menschen, aber nicht dieselbe Art extranuklearer Prädikate, da Sherlock Holmes nicht existent ist.
      2.4.2 Fiktivität als semantisches Problem
Der häufigste Einwand gegen eine Meinongsche Theorie fiktiver Gegenstände lautet, daß sie zweifelhafte ontologische Annahmen mache, die für die Analyse wahrer oder falscher Aussagen über fiktive Gegenstände und die Erklärung der Fiktivität zudem überflüssig seien. Als Alternative wird eine Theorie entwickelt, derzufolge sich jede Aussage über fiktive Gegenstände im Sinne der Kennzeichnungstheorie von Bertrand Russell 1905 behandeln läßt, indem der auf das fiktive Objekt verweisende Eigenname ersetzt wird durch eine definite Kennzeichnung , die ihrerseits wieder durch eine Existenzaussage ersetzt werden kann. Aus der Aussage »Sherlock Holmes raucht Pfeife« wird dann etwa: »In den Romanen Conan Doyles gibt es die Beschreibung eines Detektivs, der Sherlock Holmes heißt und Pfeife raucht.« Mit dem singulären Terminus >Sherlock Holmes< bezieht man sich dann also nicht mehr auf eine fiktive Person, sondern darauf, was den Romanen Conan Doyles zufolge über Sherlock Holmes gesagt wird, also auf eine Sherlock-Holmes-Beschreibung als auf einen »komplexen prädikativen Ausdruck« .
      2.4.3 Fiktivität als Existenzweise
Gegen diesen Typ von Theorie sind von den Anhängern der Auffassung von Fiktivität als einer bestimmten Existenzweise ihrerseits schwerwiegende Einwände geäußert worden, die insbesondere solche Aussagen betreffen, in denen fiktive und existierende Objekte zugleich erwähnt werden. Die Aussage »Sherlock Holmes ist berühmter als jeder existierende Detektiv« etwa läßt sich nicht mehr in der Weise analysieren, die Gabriel vorgeschlagen hat, nämlich als: »Die fiktionale Beschreibung des Detektivs Sherlock Holmes ist berühmter als jeder existierende Detektiv«; denn wir wollen ja nicht den Ruhm der Beschreibung, sondern den des Beschriebenen mit dem eines jeden existierenden Detektivs vergleichen.
      Um dieser Schwierigkeit zu begegnen, kann man nun annehmen, daß man sich auf den Gegenstand einer Beschreibung unabhängig davon beziehen kann, ob dieser existiert oder nicht; dieser Vor-schlag weist gewisse Ã"hnlichkeiten mit dem unter 2.3.5 skizzierten zum Problem der Fiktionalität auf. Sherlock Holmes wäre demnach genau jene Gestalt, die in den entsprechenden Romanen Conan Doyles beschrieben wird, ein »reiner Referent oder ein grammatisches Objekt« . Fiktive Gegenstände unterscheiden sich dann von existierenden dadurch, daß die »Bedingungen der Identifizierung«, die für sie gelten, von denen für existierende Gegenstände abweichen : Fiktive Gegenstände können nur mit Bezug auf einen bestimmten Kontext identifiziert werden, in dem sie beschrieben werden, etwa die Romane Conan Doyles. Dieser Kontext legt zugleich jenen Bereich fest, mit Hinblick auf welchen es sinnvoll ist zu sagen, daß fiktive Objekte existieren. Ãober fiktive Gegenstände sind daher zwei Typen von Existenzaussagen möglich: einmal eine >normale< wie »Sherlock Holmes existiert«, die falsch ist, zum anderen jedoch auch eine qualifizierte, die den Existenzbereich angibt, in dem die fiktiven Gegenstände vorkommen, wie »Sherlock Holmes existiert in den Romanen Conan Doyles«, die wahr ist.
      Die Frage nach der »Existenzweise« fiktiver Gegenstände läßt sich dann so beantworten: Fiktive Gegenstände existieren nicht, wenn man >existieren< im normalen Sinne verwendet; sie existieren jedoch sehr wohl, wenn man damit auf bestimmte Redeweisen abstellt, die wir über solche »reinen Referenten« haben. Mit anderen Worten: Die Aussage »Es gibt fiktive Gegenstände« läßt sich analysieren als »Es gibt Beschreibungen von Gegenständen, die es nicht gibt«. Auf diese Weise scheinen sich sowohl die Schwierigkeiten der semantischen Analyse als auch die metaphysischen Implikationen einer Theorie vom Meinongschen Typ vermeiden zu lassen.

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