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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Theorien der Fiktionalität



2.3.1 Die Grundfrage der Fiktionalitätstheorie
Nahezu alle Fiktionalitätstheorien rekonstruieren den fiktionalen Text als eine bestimmte Art von Rede des Autors. Dies gilt auch für fiktive Gespräche wie philosophische Lehrdialoge, Dramen als >Le-setext< oder Ich-Romane. Ein fiktiver Dialog etwa wird als elliptisch in bezug auf die Inquit-Formeln aufgefaßt, also so, daß der Autor hier erzählt: »A sagt: >.........fiktionale Ã"ußerungen genannt werden.

      Da, wie wir gesehen haben, die Erwähnung fiktiver Gegenstände kein notwendiges Merkmal für die Fiktionalität eines Textes darstellt, liegt es nahe, sich auf die Frage zu konzentrieren, welchen illokutionären Sprechakt der Autor mit seinen expliziten oder prä-supponierten fiktionalen Ã"ußerungen vornimmt. Da nun aber mit Behauptungssätzen in der Regel Behauptungen vorgenommen werden, also ein Sprechakt, der dazu führt, daß den Sätzen das Prädikat >wahr< oder >falsch< zugesprochen werden kann, ergibt sich als zweite Grundfrage der Fiktionalitätstheorie, ob fiktionalen Ã"ußerungen ein Wahrheitswert zugeschrieben werden kann und wenn ja, welcher. Entscheidend für das Verständnis von Fiktionalität sind dieser Auffassung zufolge also lediglich fiktionale Ã"ußerungen; die Ã"ußerungen höherer Stufe hingegen sind unproblematisch, da mit ihnen dieselben illokutionären Sprechakte ausgeführt werden wie mit entsprechenden Ã"ußerungen in nicht-fiktionalen Texten.
      2.3.2 Fiktionale Ã"ußerungen als wahre oder falsche Ã"ußerungen Der erste Typ von Fiktionalitätstheorie geht davon aus, daß mit fiktionalen Ã"ußerungen ganz einfach jener Sprechakt ausgeführt wird, der normalerweise mit Behauptungssätzen vollzogen wird: der des Behauptens. Die älteste und zugleich wohl populärste Variante dieser Theorie, die bereits auf Piaton zurückgeht und unter anderem von David Hume wiederholt wurde, nimmt zudem an, diese Behauptungen seien im buchstäblichen Sinne falsch und die Dichter daher »liars by profession« . Doch diese Auffassung ist im höchsten Maße unplausibel. Zwar ist es richtig, daß die fiktionalen Ã"ußerungen, wenn sie denn behauptet würden, falsch wären ; doch es wäre inadäquat, wenn ein Leser auf sie so reagieren würde wie auf eine falsche Behauptung im eigentlichen Wortsinne. Ein solcher Leser würde damit vielmehr lediglich dokumentieren, daß er die Erzählung nicht als eine fiktionale rezipiert. Natürlich kann ein Leser wissen, daß all das, was in der Geschichte erzählt wird, sich niemals ereignet hat, und sie folglich falsch wäre, wenn sie behauptet würde; doch dies läßt es eher fraglich erscheinen, ob es sich bei fiktionalen Ã"ußerungen tatsächlich um Behauptungen handelt.
      Eine weitere Theorie, die fiktionale Ã"ußerungen als Behauptungen auffaßt, geht im Gegensatz zu der soeben skizzierten davon aus,diese Behauptungen seien wahr. Diese Auffassung läßt sich auf die unter anderem von Saul A. Kripke im Anschluß an Gottfried Wilhelm Leibniz entwickelte Theorie der »möglichen Welten« als einer Semantik für die Modallogik zurückführen. Danach konstituiert ein fiktionaler Text eine oder mehrere mögliche Welten; und die fik-tionalen Ã"ußerungen des Textes sind nur wahr in bezug auf diese möglichen Welten, nicht jedoch in bezug auf die wirkliche Welt . Eine derartige Theorie ist allerdings so lange unbefriedigend, solange sie nicht zu erklären vermag, auf welche Weise präzise ein fiktionaler Text solche möglichen Welten konstituiert. Dies aber kann sie schon deshalb nicht, weil der für die Explikation so wesentliche Ausdruck »mögliche Welt« lediglich eine Metapher darstellt , die in der Semantik der Modallogik ihre Berechtigung haben mag, sich für die Klärung des Fiktionalitätsbegriffs ohne weiterführende Ãoberlegungen jedoch als wenig hilfreich erweist.
      2.3.J Fiktionale Ã"ußerungen als vorgebende Ã"ußerungen Einwände wie diese lassen es fraglich erscheinen, ob man fiktionalen Ã"ußerungen überhaupt die Prädikate >wahr< oder >falsch< zusprechen kann und ob es sich bei diesen folglich überhaupt um Behauptungen handelt. Auch dieser Zweifel ist nicht neu: »the poet [...] never affirmeth« heißt es in einem bereits 1595 erschienenen Essay des elisabethanischen Dichters Sir Philip Sidney zur Verteidigung der Literatur gegen Piatons Vorwurf der Dichterlüge. Er kommt ebenfalls in einigen eher beiläufigen Bemerkungen des Begründers der modernen Logik, Gottlob Frege, zu Problemen der »Dichtung« zum Ausdruck, auf die zwei der wichtigsten zeitgenössischen Typen von Fiktionalitätstheorien zurückgehen. So heißt es bei Frege: »Wie der Theaterdonner nur Scheindonner, das Theatergefecht nur Scheingefecht ist, so ist auch die Theaterbehauptung nur Scheinbehauptung. [...] Sie [d.h.: der Schauspieler und der Dichter] tun nur so als behaupteten sie.« Dieser Gedanke, fiktionale Ã"ußerungen seien »Scheinbehauptungen«, ist insbesondere durch den amerikanischen Philosophen John R. Searle zu einer genuinen Fiktionalitätstheorie ausgebaut worden.
      Searle zufolge gibt der Autor eines fiktionalen Textes vor , eine Reihe von illokutionären Akten zu vollziehen, woraus folge, daß das Kriterium dafür, ob ein Text fiktional sei oder nicht, notwendigerweise in den illokutionären Intentionen des Autors begründet liege . Die illokutionären Akte, die der

Autor des Textes Searle zufolge zu vollziehen vorgibt, sind solche des Behauptens, Aussagens, Beschreibens, der Identifikation, der Erklärung und zahlreiche andere. Zu prätendieren, einen solchen Akt zu vollziehen, heißt dann nichts anderes als Behauptungssätze zu äußern, mit denen normalerweise ein derartiger illokutionärer Akt vollzogen wird, ohne aber diesen damit tatsächlich zu vollziehen. Dies ist deshalb möglich, weil es im Falle der Fiktionalität eine Reihe von Konventionen gibt, welche die »normalen Operationen suspendieren, die eine Verbindung zwischen den illokutionären Akten und der Welt herstellen« . Für Searle bedeutet dies: Der Autor eines fiktionalen Textes tut nur so, als behaupte, beschreibe, erkläre er, und dies wird ihm ermöglicht durch eine pragmatische Lizenz, die im Falle der fiktionalen Ã"ußerungen wirksam wird.
      Gegen diese Theorie lassen sich vielfältige Einwände vorbringen. Zum einen ist durchaus strittig, ob es allein von den Intentionen des Autors abhängt, ob ein Text fiktional ist oder nicht; dagegen spricht jedenfalls der schon erwähnte Umstand, daß wir einige Texte, die ursprünglich als Sachtexte intendiert waren, heute als fiktional betrachten können, obwohl wir wissen, daß wir sie damit gleichsam gegen den Strich lesen. Zum anderen aber kann man sich fragen, was mit dem »Vorgeben« eigentlich genauer gemeint ist. Searle selbst scheint hier wie Frege eher an eine Art Rollenspiel zu denken, wenn er den Dichter mit dem Schauspieler gleichsetzt. Doch die Annahme, der Autor spiele gleichsam einen Behauptenden, ist wenig überzeugend, zumal alle anderen Anzeichen des Rollenspiels, wie wir sie aus entsprechenden Situationen kennen, bei fiktionalen Ã"ußerungen gänzlich fehlen; und geradezu widersinnig erscheint sie, wenn wir bedenken, daß im Standardfall der Rezeption fiktionaler Texte, bei der stillen Lektüre durch einen Leser, der Autor gar nicht als Person anwesend ist .
      2.J-4 Fiktionale Ã"ußerungen als nicht-behauptende Ã"ußerungen Läßt man den Gedanken der »Scheinbehauptung« und des »Vorgebens« beiseite und konzentriert sich ausschließlich auf die Beschreibung, die Searle von diesem Vorgeben gibt, dann ist man schnell bei dem anderen auf Frege zurückgehenden Typ von Fiktionalitätstheorie. Searle hatte angenommen, mit fiktionalen Ã"ußerungen würden Behauptungssätze geäußert, ohne daß mit ihnen beispielsweise der Sprechakt des Behauptens vorgenommen werde. Dieser Gedanke begegnet bei Frege wieder, wenn er im Anschluß an diebereits wiedergegebene Ã"ußerung über die »Scheinbehauptungen« fortfährt: »Der Schauspieler in seiner Rolle behauptet, er lügt auch nicht, selbst wenn er etwas sagt, von dessen Falschheit er überzeugt ist. In der Dichtung haben wir den Fall, daß Gedanken ausgedrückt werden, ohne daß sie trotz der Form des Behauptungssatzes wirklich als wahr hingestellt werden [...].« Da der »Gedanke« für Frege die Bedeutung eines Behauptungssatzes ist, läßt sich seine These auch dahingehend verstehen, daß es sich bei fiktionalen Ã"ußerungen um solche handelt, die zwar Bedeutung haben, aber nicht »mit behauptender Kraft« gesprochen werden , also Sätze, die nichts weiter tun, als eine Proposition auszudrücken.
      Man hat mehrfach versucht, diese Ã"ußerungen Freges durch eine nähere Bestimmung dessen, was es heißt, Behauptungssätze ohne »behauptende Kraft«, also nicht-behauptend zu äußern, zu einer systematischen Theorie der Fiktionalität auszubauen . Alle diese Versuche, ebenso wie die These Freges selbst, scheitern jedoch aus einem wesentlichen Grund: Eine Explikation fiktionaler Ã"ußerungen als Ã"ußerung von Behauptungssätzen, mit denen nichts behauptet wird, ist defizitär. Illokutionäre Sprechakte stellen sinnvolle Handlungen dar, und um eine Handlung als sinnvoll aufzufassen, ist es notwendig, zu wissen, welcher Zweck mit ihr erreicht werden soll. Ãober einen solchen Zweck aber sagt dieser auf Frege zurückgehende Typ von Fiktio-nalitätstheorie nichts, und folglich wird überhaupt kein illoku-tionärer Sprechakt spezifiziert, der mit dieser Art nicht-behaup-tender Rede vollzogen würde. Fiktionale Ã"ußerungen wären daher Rede ohne jegliche Illokution, Sprechhandlungen ohne Sinn und Zweck, also gar keine sinnvollen Handlungen und vielleicht nicht einmal Rede im eigentlichen Sinne des Wortes. Eine solche Theorie muß daher so lange unbefriedigend bleiben, wie es ihr nicht gelingt, f iktionale Ã"ußerungen als Vollzug einer sinnvollen Sprechhandlung darzustellen.
      2.j.5 Ausblick
Das Defizit dieser Theorie ließe sich dadurch beheben, daß man einen anderen illokutionären Sprechakt annimmt, der mit Behauptungssätzen vollzogen und unabhängig davon charakterisiert werden kann, ob die Rede zusätzlich behauptend ist oder nicht. Ein solcher Sprechakt ist beispielsweise der des Erzählens; und da dieunter 2.3.1 skizzierte Grundannahme der Fiktionalitätstheorie von der Erzählstruktur eines jeden fiktionalen Textes ausgeht, könnte man f iktionale Ã"ußerungen so im Sinne der zuletzt referierten Theorie zwanglos als erzählende Sätze beschreiben, mit denen nichts behauptet wird. Ein fiktionaler Text wäre dann nichts weiter als eine Erzählung ohne Wahrheitsanspruch. Eine solche Lösung beruht auf der Möglichkeit, Texte aufgrund von rein formalen Kriterien als Erzählungen zu identifizieren, ohne daß wir dazu wissen müssen, ob der Autor behauptet, seine Erzählung sei wahr, oder ob die Erzählung tatsächlich wahr ist.
      Man kann hier jedoch noch einen Schritt weitergehen, indem man diese Ãoberlegungen auf andere Sprechakte als den des Erzählens ausdehnt; auf diese Weise könnte dann auch auf die Grundannahme verzichtet werden, alle fiktionalen Texte besäßen Erzählstruktur. Texte wie die bereits als Beispiel erwähnten philosophischen Lehrdialoge oder Dramen als >Lesetexte< lassen sich nämlich ebenfalls aufgrund rein formaler Kriterien unabhängig davon als Gespräch identifizieren, ob dieses je stattgefunden hat oder nicht, oder ob jemand behauptet, es habe stattgefunden. Ganz allgemein könnten fiktionale Texte dann als solche Texte charakterisiert werden, die 1. zu einem Typus von Sprechhandlung gehören, für die gilt, daß die Identifikation eines Textes als eben solche Sprechhandlung aufgrund rein formaler Kriterien möglich ist, und von denen 2. der Autor mit den ihm zugeschriebenen oder präsupponierten Ã"ußerungen erster Stufe nicht behauptet, das in ihnen Dargestellte sei wahr. Eine derartige Theorie entspräche im übrigen auch unserer Intuition in bezug auf außersprachliche fiktionale Darstellungen und würde somit den eingangs aufgestellten Anforderungen an eine Fiktionalitätstheorie Genüge tun; denn es ist ja offensichtlich, daß ein Gemälde beispielsweise eine Schlacht darstellen kann, also rein formal als ein >Schlacht-Gemälde< identifiziert werden kann , ohne daß damit zugleich auch behauptet würde, diese Schlacht habe wirklich stattgefunden.
      Freilich liegt hier zugleich auch ein Problem. Wir sind bisher, wenn auch stillschweigend, davon ausgegangen, daß die fiktionalen Texte, mit denen wir es bei den hier skizzierten Theorien zu tun hatten, stets in irgendeinem Sinne >darstellende< Texte waren. Nun stellt sich jedoch die Frage: Können nicht-darstellende Texte auch fiktional sein ? Wie ist es beispielsweise mit solchen Texten, die ausschließlich aus Zitaten bestehen, wie es etwa in der Agitprop-Lyrik der Fall ist, oder gar mit literarischen Ready-mades wie Peter Hand-kes Gedicht »Die Aufstellung des i. FC Nürnberg vom 27.1.1968«: Daß es sich dabei um literarische Texte handelt, ist unbestritten - doch auch um fiktionale ? Vielleicht läßt sich eine solche Frage gar nicht beantworten ohne eine bewußte Entscheidung, also einen Akt der Willkür; dann aber ist es möglich, daß unsere bisherigen Ãoberlegungen zur Fiktionalität von Texten um ein weiteres, bislang noch unbekanntes Moment ergänzt werden müssen.

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