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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Poetitzität



3.1 Probleme der Explikation
Poetizität ist notwendiges und hinreichendes Merkmal zur Unterscheidung literarischer Texte von nicht-literarischen, also genau jene Eigenschaft oder Klasse von Eigenschaften, die allen literarischen Texten zukommt und allen nicht-literarischen abgeht. Zu explizieren, was Poetizität ist, heißt explizieren, was Literatur ist. Eine Explikation besteht stets in der Angabe notwendiger und hinreichender Merkmale des zu explizierenden Begriffs. Darauf nocheinmal ausdrücklich hinzuweisen, gibt es gerade bei Theorien über Literatur und Kunst jeden Anlaß, da hier auch andere Typen von Theorien begegnen, die keine notwendigen und hinreichenden Merkmale von Kunst und Literatur angeben - obwohl dies auf den ersten Blick keineswegs deutlich wird. So gehen einige Theoretiker beispielsweise unterschwellig von ihrem je eigenen Erleben des Ã"sthetischen an der Kunst aus, um dies dann theoretisch zu verallgemeinern. Paradigmatisch ist dies etwa in der »Ã"sthetischen Theorie« Theodor W. Adornos der Fall, wo Adorno unter anderem die Ansicht vertritt, Kunstwerke brächten eine Wirklichkeit zum Ausdruck, die noch nicht durch irgendwelche Verstandeskategorien oder gesellschaftliche Zwänge verstellt worden sei, so daß sich bei der Rezeption gelungener Kunstwerke ein »Glück jähen Entronnenseins« einstelle . Einer solchen These liegt ein bestimmtes affektives Weltverhältnis, eine bestimmte >Weltan-schauung< zugrunde, so daß sie nur von solchen Personen geteilt werden kann, die ein ähnliches affektives Verhältnis zur Welt haben; andere Personen hingegen werden der These die Zustimmung versagen müssen, selbst wenn sie eine gewisse Sympathie für sie aufbringen sollten. Dies zeigt, daß eine auf einer subjektiven Weltanschauung basierende bloße Interpretation von Kunst nicht zur Grundlage einer allgemeinen Explikation werden kann. Damit ist freilich keine Geringschätzung dieser Art von Theorien verbunden, da in ihnen ja andere wesentliche Einsichten über Literatur und Kunst enthalten sein mögen, etwa solche über die psychologische, gesellschaftliche oder historische Funktion von Kunstwerken; nur: Diese Theorien können nicht erklären, was Kunst ist.

      Die Explikation des Begriffs der Literatur beziehungsweise der Kunst führt jedoch auch eine Schwierigkeit mit sich, die in diesem selbst begründet ist: Er kann nämlich entweder rein klassif ikato-risch oder aber normativ-evaluativ verwendet werden . Klassif ikatorisch wird er gebraucht, wenn er zur Kennzeichnung des Status eines Textes als literarisch dienen soll, unabhängig von der Qualität des jeweiligen Textes; normativ-evaluativ hingegen wird er verwendet, wenn er Texte kennzeichnen soll, die diesen literarischen Status und darüber hinaus noch hohe Qualität besitzen. Im klassif ikatorischen Sinne etwa wäre ein Roman von Hedwig Courths-Mahler als Literatur anzusehen, im normativ-evaluativen hingegen nicht notwendigerweise . Es ist dann offensichtlich, daß eine Explikation des Begriffs der Literatur ebenso wie desjenigen derKunst sich gleichsam per definitionem stets nur auf die klassifi-katorische Verwendungsweise des Begriffs beziehen kann.
     

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