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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Literaturspezifische Theorien der Poetizität



Poetizität ist, wie wir eingangs sahen, das auf Texte bezogene Merkmal der Ã"sthetizität und Literatur somit nichts weiter als Kunst in einem bestimmten Medium, nämlich der Sprache. Daraus ergab sich für uns die Forderung, die Reflexion über Poetitzität einzubetten in eine allgemeine Kunsttheorie, die Ã"sthetik. Dennoch hat es in der Vergangenheit nicht an Versuchen gemangelt, eine Definition von Literatur zu geben, die unabhängig ist von einer Explikation des Kunstbegriffs. Zwei einflußreiche Typen solcher literaturspezifischer Theorien der Poetizität sollen im folgenden skizziert werden, ehe wir uns dann literaturübergreifenden Kunsttheorien zuwenden.


      3.2.1 Regelpoetiken
Der älteste Typ von Theorien zur Poetizität und der mit der bei weitem längsten Tradition sind die sogenannten Regelpoetiken . In ihnen werden der klassifikatorische und der normativ-evaluatorische Literaturbegriff implizit miteinander vermischt. Regelpoetiken nennen zum einen Normen, denen jeder literarische Text genügen sollte, um als guter literarischer Text angesehen zu werden, und geben zum zweiten Anweisungen, wie diese Normen praktisch erfüllt werden können. Texte, die diesen Anweisungen nicht Folge leisten und damit den angegebenen Normen nicht genügen, können daher entweder nicht mehr als Literatur im klassifikatorischen Sinne aufgefaßt oder aber müssen im normativ-evaluatorischen Sinne als schlechte oder minderwertige Literatur aufgefaßt werden. Regelpoetiken können daher allenfalls, wenn überhaupt, als Explikation eines zu einer Zeit vorherrschenden Literaturbegriffs angesehen werden, nicht jedoch als Explikation des Begriffs von Literatur überhaupt.
      Bereits die älteste uns überlieferte Abhandlung über Literatur, die »Poetik« des Aristoteles, ist eine solche Regelpoetik. Schon im ersten Satz heißt es: »Wir wollen hier von der Dichtkunst als solcher sprechen, ihren Gattungen und deren verschiedenen Wirkungen, ferner davon, wie man die Erzählungen aufbauen muß, wenn die Dichtung schön werden soll [...].« Im folgenden bestimmt Aristoteles die Kunst im allgemeinen als »Nachahmung«, »Mimesis«, »handelnder Menschen« und die Dichtkunst im besonderen als Nachahmung, die unter anderemoder ausschließlich die Sprache verwendet. Wie sehr bei Aristoteles deskriptive und normative Sprache Hand in Hand gehen, ergibt sich aus seinen Ausführungen zur Tragödie: »Es kann [...] Furcht und Mitleid aus dem Bühnenbild entstehen oder auch aus dem Aufbau der Handlung selbst«, heißt es zunächst rein beschreibend; doch dann fährt er fort: »f...] dies ist ursprünglicher und zeigt den besseren Dichter.«
Für eine Explikation von Literatur sind Regelpoetiken nur von begrenztem Wert. Dies zeigt sich am deutlichsten dann, wenn neuartige Kunstwerke entstehen, die sich bewußt nicht mehr an die kanonisierten Normen halten wollen, wie dies insbesondere im Zeitraum vom Ende des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts in der »Querelle des Anciens et des Modernes« der Fall ist . Der Sieg der einen Partei nämlich läßt die Regelpoetiken der unterlegenen zwangsläufig entweder zum Ausdruck der bloß subjektiven Präferenz einer bestimmten Art von Literatur werden oder aber erweist diese als Definition von Literatur mit einem Schlage als inadäquat.

      3.2.2 Abweichungspoetiken
Ein anderer Typ von Poetizitätstheorie versucht den Begriff der Literatur durch die Angabe bestimmter Bedingungen zu explizieren, denen ein literarischer Text im Gegensatz zu einem nicht-literarischen gerade nicht genügen muß. Diese Theorien fassen Literatur also als in gewisser Hinsicht von normaler Sprachverwendung abweichend auf und versuchen gerade diese Abweichung für eine Explikation fruchtbar zu machen. Solche Abweichungspoetiken wurden insbesondere im Russischen Formalismus und den an diesen anschließenden verschiedenen strukturalistischen Strömungen diskutiert und verdanken sich der intensiven Auseinandersetzung mit modernistischer Literatur und Kunst .
      Allerdings führt die Orientierung an modernistischer Literatur die formalistischen und strukturalistischen Abweichungspoetiken häufig in die Nähe von Weltanschauungstheorien. Ganz deutlich wird dies bereits bei Viktor Sklovskij, der »das Verfahren der Kunst« als das »Verfahren der >Verfremdung< der Dinge« bestimmt und als »Verfahren der erschwerten Form«, »das die Schwierigkeit und Länge der Wahrnehmung steigert, denn der Wahrnehmungsprozeß ist in der Kunst Selbstzweck und muß verlängert werden« . Dies führt ihn schließlich zur Explikation der

»dichterischen Sprache« als einer »schwierige[n], erschwerten], gebremstefn] Sprache« . Für Sklovskij ermöglicht Literatur aufgrund ihrer innovativen, traditionsbrechenden Verfahrensweisen eine »Entautomatisierung« der Wahrnehmung und somit eine Wahrnehmung der Dinge, wie sie wirklich sind, unverstellt durch tradierte Beschreibungs- und Darstellungskonventionen. Daß hinter dieser Explikation eine unhinterfragte weltanschauliche, metaphysische Grundannahme steht, wird deutlich, wenn man bedenkt, daß es keineswegs notwendig ist, daß alle Leser gerade auf diesen verfremdenden Aspekt eines literarischen Textes aufmerksam werden müssen, ja daß es Texte gibt, bei denen eine solche Betrachtungsweise für ein angemessenes Verständnis zweitrangig ist, wie etwa bei engagierter Literatur. Im Grunde nennt Sklovskij nur gewisse Eigenschaften an literarischen Texten, auf die man seiner Ansicht nach besonders achten sollte, und empfiehlt damit eine bestimmte Rezeptionsweise von Literatur , um diese dann zur einzig möglichen und damit dem >Wesen< der Literatur entsprechenden zu verabsolutieren.
      Ein entsprechender Einwand trifft auch den Explikationsversuch von Roman Jakobson, die vielleicht berühmteste der strukturalisti-schen Definitionen von Literatur. Für Jakobson ist die Poetik »wesentlicher Bestandteil der Linguistik«, da sie es »mit Problemen der sprachlichen Struktur zu tun« habe , und dies bedeutet für ihn insbesondere, daß eine Explikation von Literatur nur im Vokabular einer linguistischen Theorie vorgenommen werden kann. Für Jakobson besteht nun das Besondere der poetischen Sprachverwendung, das, was sie von der alltäglichen unterscheidet, darin, daß die »poetische Funktion« »das Prinzip der Ã"quivalenz von der Achse der Selektion auf die Achse der Kombination« überträgt . Das heißt, daß die syntagmatische Reihung der Wörter im Text, die in nicht-literarischer Sprache durch das »Prinzip der Kontiguität« charakterisiert ist , nun nach dem ansonsten allein die Auswahl aus dem entsprechenden Paradigma von semantisch austauschbaren Wörtern bestimmenden »Prinzip der Ã"quivalenz« vollzogen wird. Jakobson veranschaulicht dies am Beispiel »horri-ble Harry«, das für ihn einen Fall poetischer Sprachverwendung darstellt: Hier werden die Wörter >horrible< und >Harry< deshalbkombiniert, weil sie in bezug auf den Anfangsbuchstaben »äquivalent« sind, also weil sie denselben Anfangsbuchstaben besitzen. Dies zeigt, daß Jakobson das Besondere der »poetischen Sprachverwendung« und damit auch der Literatur im allgemeinen darin sieht, daß im Text gewisse formale Bezüge hergestellt werden: etwa durch die Wiederholung einzelner Klänge, Wörter, Motive oder anderer Strukturelemente.
      Abgesehen davon, daß sich der scheinbar streng wissenschaftliche Anstrich seiner Ausführungen ausschließlich der extrem unpräzisen Verwendungsweise von Schlüsselbegriffen wie »Ã"quivalenz« oder »Prinzip der Ã"quivalenz« verdankt, bedeutet eine Bestimmung von Literatur, die allein auf deren formale Eigenschaften abstellt, wiederum die Bevorzugung einer bestimmten Rezeptionsweise zuungunsten möglicher anderer. Es gibt sicher Texte, bei denen die Beachtung solcher Strukturen für ein angemessenes Verständnis des Textes unerläßlich ist; doch auf der anderen Seite gibt es ebenso sicher auch Texte, bei denen derartige Strukturen nur eine untergeordnete Rolle spielen, ja bei denen die ausschließliche Beachtung der formalen Bezüge sogar ein angemessenes Verständnis verhindert. Zudem mögen in einem alltäglichen Text etwa Alliterationen vorkommen, ohne daß diese an sich schon eine poetische Funktion besäßen, einfach deshalb, weil sie zufällig oder gar unbemerkt von Sprecher und Zuhörer zustandegekommen sind. Dies zeigt, daß solche strukturellen »Isotopien« zwar prinzipiell charakteristische, also häufig vorkommende Merkmale von literarischen Texten sein mögen, daß sie aber weder notwendige noch hinreichende Eigenschaften von Literatur darstellen.
      Die am weitesten ausgearbeitete Abweichungspoetik stammt von dem deutschen Literaturwissenschaftler Harald Fricke, der sich ähnlich wie Jakobson auf die Charakterisierung einer auch in nichtliterarischen Texten vorkommenden poetischen Sprachverwendung beschränkt und die Frage »Was ist Literatur?« ausdrücklich ausklammert. Fricke zufolge ist eine Sprachverwendung genau dann poetisch, wenn sie erstens die Abweichung von einer sprachlichen Norm darstellt und zweitens diese Abweichung eine bestimmte Funktion besitzt . Die Funktion ist entweder eine »interne«, das heißt eine solche, die »Beziehungen nur zwischen Tatsachen innerhalb des betreffenden Textes« herstellt, oder eine »externe«, das heißt eine solche, die »Beziehungen zwischen Tatsachen im Text und Tatsachen außerhalb des Textes« herstellt . Dies ist in jedem Fall eine Verbesserung gegenüber
Jakobsons Vorschlag, der überhaupt nur interne Funktionen berücksichtigt hatte, während Fricke durch den Begriff der externen Funktion auch solche Phänomene wie satirische Anspielungen oder politische Literatur in den Blick bekommt.
      Freilich steht auch diese Theorie sogleich wieder vor unüber-steigbaren Schwierigkeiten. Zunächst einmal scheint Fricke häufig sprachliche Handlungen, die gar nicht unter bestimmte Normen fallen, als »Verletzung« einer sprachlichen Norm aufzufassen, was ungefähr so plausibel ist wie »die Charakterisierung eines Mordes mittels eines Tennisschlägers als Verstoß gegen die Regeln des Tennisspiels« . Dies in Rechnung gestellt, bliebe von seiner Explikation aber nichts weiter übrig, als daß in poetischer Sprachverwendung Sprache anders verwendet wird als in nicht-poetischer, gerade weil sie hier eine andere Funktion besitzt. Mit anderen Worten: Poetische Sprachverwendung besitzt eine andere Funktion als nicht-poetische Sprachverwendung. In einer solchen Explikation hinge dann alles ausschließlich von der Charakterisierung eben dieser Funktion ab, und da zeigt sich schnell, daß Frickes Begriff der poetischen Funktion viel zu vage und inhaltsleer ist, um ein hinreichendes Merkmal von poetischer Sprachverwendung spezifizieren zu können .
     

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