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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Fiktionalität



2.1 Merkmale der Fiktionalität ?
Käte Hamburger hat in ihrem Werk »Die Logik der Dichtung«, dasin Deutschland den Anfang der genuin literaturwissenschaftlichen


Beschäftigung mit dem Problem der Fiktionalität markiert, die These vertreten, fiktionale Texte seien an einer Reihe von »echten objektiven Symptomen« zu erkennen, deren wichtigstes das sogenannte »epische Präteritum« sei, durch welches »das Präteritum seine grammatische Funktion, das Vergangene zu bezeichnen«, verliere . Als Beispiel dafür dient ihr ein Satz wie »Morgen war Weihnachten«, in dem das präteritale »war« in Widerspruch zur futurischen Zeitangabe stehe. Sie erklärt dieses Phänomen damit, daß sich das Erzählte auf einen fiktiven Erzähler beziehe und nicht auf den realen Autor . Doch diese Erklärung ist offensichtlich wenig einleuchtend, denn auch ein realer Ich-Erzähler könnte den Satz »Morgen war Weihnachten« verwenden, wenn er etwa in erlebter Rede die Gedanken wiedergibt, die ihm an einem 23.12. durch den Kopf gegangen sind. Ãoberhaupt läßt sich dieser Einwand gegen nahezu alle Beispiele vorbringen, die Hamburger in diesem Zusammenhang anführt, da es sich stets um Fälle von erlebter Rede handelt.
      Einer anderen Theorie zufolge gibt ein fiktionaler Text seine Fiktionalität dadurch zu erkennen, daß er dem Leser vor Augen führt, »daß der Text auf einer abstrakten Schicht der Sachlage beruht oder daß nur wenige oder keine Teile der Sachlage des Textes wirklichen Erscheinungen der Lebenswelt entsprechen« . Doch dies ist ebenfalls nicht notwendig, wie etwa das Beispiel Karl Mays zeigt, dessen Texte, obwohl fiktional, von vielen Lesern für wahr gehalten wurden, weil sie aufgrund der in einer exotischen Ferne angesiedelten Ereignisse der Romane gar keine Möglichkeit besaßen, festzustellen, »daß nur wenige oder keine Teile der Sachlage des Textes wirklichen Erscheinungen der Lebenswelt« entsprachen. Dieses Beispiel macht deutlich, daß es keine »echten objektiven Symptome« für Fiktionalität gibt: Fiktionalen Texten sieht man ihre Fiktionalität nicht notwendigerweise an, sondern sie können durchaus ununterscheidbar von Sachtexten sein. Gerade aus diesem Grund freilich sind sie häufig vom Autor durch Gattungsbezeichnungen auf dem Titelblatt, interne Inkohärenz und andere Signale bewußt als fiktional gekennzeichnet , um eine angemessene Rezeptionsweise sicherzustellen .
      Aus diesem Fehlen »echter objektiver Symptome« für Fiktionalität darf man freilich nicht den Schluß ziehen, eine Explikation von Fiktionalität sei prinzipiell unmöglich, wie dies etwa Harald Wein-rieh getan hat . Als zusätzlicher Beleg für diese Behauptung wird häufig der Umstand angeführt, daß es Texte gibt, die wir heute als fiktional betrachten, die früher jedoch als Sachtexte angesehen wurden, wie dies etwa bei der Wiedergabe von Mythen der Fall sein kann. Doch ein solcher Schluß ist voreilig: Daraus, daß sich die Kriterien dafür, ob ein Text fiktional ist oder nicht, im Laufe der Zeit ändern können, folgt noch nicht, es sei prinzipiell unmöglich, zu explizieren, was ein fiktionaler Text ist.
     

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