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Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Fiktionalität und Fiktivität



Zu Beginn einer Skizze von Fiktionalitätstheorien empfiehlt sich zunächst eine Differenzierung zwischen den umgangssprachlich oft synonym verwendeten Ausdrücken >Fiktionalität< als Substantiv zu >fiktional< und >Fiktivität< als Substantiv zu >fiktivfiktional< bezeichnet im folgenden ausschließlich eine bestimmte Darstellungsweise, derart daß das Dargestellte nicht existiert. Das Prädikat >fiktiv< hingegen bezeichnet im folgenden ausschließlich eine, wie sich vorläufig sagen läßt, bestimmte Existenzweise von Gegenständen , derart daß diese Gegenstände nicht existieren. Fiktive Gegenstände sind beispielsweise alle jene uns vertrauten Gestalten aus fiktionalen Texten wie etwa Don Qui-jote, Sherlock Holmes, Josef K., aber auch Gegenstände wie jenes Bartbecken, das Don Quijote fälschlicherweise für Mambrinos Helm hält.

      Fiktive Gegenstände werden nicht allein in fiktionalen Texten erwähnt: Der Weihnachtsmann, der »Wolpertinger« oder eine Person, die sich ein Kind im Rollenspiel ausdenkt, sind fiktive Gestalten, zu denen nie ein fiktionaler Text existiert hat, und in der Literaturwissenschaft ist es sogar der Normalfall, daß fiktive Gegenstände erwähnt werden, ohne daß diese Texte deshalb fiktional wären. Aus diesem Umstand ergibt sich die Folgerung, daß die Erwähnung fiktiver Gegenstände in einem Text noch kein hinreichendes Merkmal für dessen Fiktionalität darstellt.
      Hingegen ist häufig behauptet worden, die Erwähnung fiktiver Gegenstände sei notwendiges Merkmal für die Fiktionalität eines Textes. Doch dies ist zunächst einmal offensichtlich falsch, da es fiktionale Texte gibt, in denen keinerlei fiktive Gegenstände vorkommen, wie etwa Bertolt Brechts Erzählung »Der verwundete So-krates«, die eine Episode aus Piatons »Symposion« nacherzählt. Die Anhänger einer solchen These nehmen daher häufig an, alle singu-lären Termini, die anscheinend historische Objekte bezeichnen , bezögen sich in Wahrheit auf fiktive Objekte, die den historischen lediglich sehr ähnlich, aber nicht mit ihnen identisch seien ; mit anderen Worten: in fiktionalen Texten könnten gar keine historischen Objekte vorkommen . Eine solche Auffassung ist jedoch indirekt an bestimmte sprachphilosophische Thesen über die Natur von Eigennamen gebunden, um überhaupt den Anschein der Plausibilität erwecken zu können; Thesen, die sich bei näherem Hinsehen als äußerst fragwürdig herausstellen. Dazu nur ein Hinweis: Welchen Sinn sollte es für den Autor eines historischen Romans machen, sich eine Geschichte über eine fiktive Person auszudenken, die Napoleon heißt und dem historischen Napoleon extrem ähnlich sieht, statt über den historischen Napoleon selbst ? Diese Ãoberlegungen machen deutlich, daß es sich bei Fiktionalität und Fiktivität um zwei logisch voneinander unabhängige Phänomene handelt. Dementsprechend sollen im folgenden die Problemfelder der Fiktionalität und der Fiktivität getrennt voneinander behandelt werden.
     

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