Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Voraussetzungen und grundfragen der literaturwissenschaft

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Anti-essentialistische Theorien



3.3.1 Ist eine Explikation von Literatur überhaupt möglich ? Alle der hier vorgestellten literaturwissenschaftlichen Theorien der Poetizität scheitern also daran, daß die von ihnen angegebenen Merkmale weder hinreichend noch notwendig für Poetizität noch überhaupt mit ausreichender Präzision charakterisiert sind. An dieser Stelle legt sich die Frage nahe, ob es überhaupt möglich ist, Literatur dadurch zu definieren, daß man eine Klasse von Merkmalen bestimmt, die allen literarischen Texten gemeinsam sind, ohne sich in unspezifischen Allerweltsformeln zu verlieren, oder ob man sich nicht vielmehr mit »Symptomen des Ã"sthetischen« begnügen muß, Merkmalen also, die zwar charakteristisch für Literatur, aber weder notwendig noch hinreichend sind ; von solchen »Symptomen« hätten die skizzierten Theorien dann immerhin einige angeführt. Ein starker Grund, sich gegen die Möglichkeit einer solchen essentialistischen Explikation von Literatur im besonderen und von Kunst im allgemeinen auszusprechen, liegt darin, daß diese anscheinend jederzeit von der Wirklichkeit über-holt werden kann, »so daß nach irgendeiner Revolution in der Kunstwelt die gutgemeinte Definition an den kühnen neuen Kunstwerken einfach abprallt« . Dies hat seine Ursache unter anderem darin, daß die Schriftsteller und Künstler gerade des 20. Jahrhunderts sich dem Prinzip der Innovation verschrieben und einander zum Teil in dem Bestreben überboten haben, neuartige Kunstwerke zu produzieren, die alle bisherigen Bestimmungen von Kunst sprengen. »Art is the Definition of Art«, hat der amerikanische Concept-Künstler Joseph Kosuth einmal programmatisch verkündet: Das Ziel der Kunst solle gerade darin bestehen, mit jedem neuen Kunstwerk die bisherigen Definitionen des Begriffs >Kunstwerk< ad absurdum zu führen und so indirekt zu dessen jeweiliger Neubestimmung beizutragen.

      3.3.2 Kunst als »Familienähnlichkeit«
Angesichts dieses Umstandes ist es schwierig, sich vorzustellen, wie eine essentialistische Theorie von Kunst und Literatur überhaupt beschaffen sein sollte, und man hat daher versucht, anti-essentialistische Alternativen zu entwickeln. Diese Alternativen, die nahezu ausschließlich für den Bereich der Kunst, nicht aber für den der Literatur vorgeschlagen wurden, gehen davon aus, daß eine Explikation von Kunst und entsprechend von Literatur grundsätzlich nicht möglich ist. Statt dessen schlägt etwa der Philosoph Morris Weitz im Anschluß an den späten Wittgenstein eine Analyse des Begriffs der Kunst vor, derzufolge dessen Verwendung keine Gemeinsamkeit aller der mit ihm bezeichneten Gegenstände zugrundeliegt, sondern vielmehr »ein kompliziertes Netz von Ã"hnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen« : Das Prädikat >Kunst< ist ein »offener Begriff«, das heißt ein solcher, dessen »Anwendungsbedingungen verbesserungsfähig und korrigierbar sind« . Mit anderen Worten: Für die Bedeutung des Prädikats >Kunst< selbst ist es wesentlich, daß sie durch jedes neuartige Kunstwerk ein Stück weit neu definiert werden kann.
      Gegen diesen Vorschlag ist freilich einzuwenden, daß er nicht mehr Probleme löst, als er sogleich neue wieder aufwirft; denn zum einen ist die Annahme eines offenen Kunstbegriffs ebensowenig notwendig, um das Auftauchen immer neuer Arten von Kunstwerken zu erklären, wie dieses Auftauchen an sich schon eine Explikation von Kunst unmöglich macht, da nämlich »die Ausdehnung des Begriffs nicht unbedingt dessen Bedeutung tangieren muß« . Vielmehr könnte man sich auch hier wieder vorstellen, ähnlich wie bereits beim Begriff der Fiktionalität, daß sich im Laufe der Zeit einfach die Kriterien dafür gewandelt haben, wann für uns ein Gegenstand diesen Begriff erfüllt. Zum anderen aber läßt eine solche Theorie völlig ungeklärt, nach welchen Kriterien Entscheidungen darüber getroffen werden, ob ein neuer Fall als Kunstwerk zu bezeichnen ist oder nicht. Warum beispielsweise stellt die Aufstellung des i.FC Nürnberg vom 27.1.1968 einen literarischen Text dar, wenn sie in einem Gedichtband von Peter Handke abgedruckt wird, nicht hingegen, wenn sie am Vereinsbrett aushängt oder in der Tageszeitung bekannt gegeben wird ? Auf Fragen dieser Art weiß dieser Typ von Theorie offensichtlich keine Antwort.
      3.3.3 Institutionelle Theorien der Kunst
Gerade solche Fragen sind es jedoch, die für die zeitgenössische Ã"sthetik zum Kardinalproblem geworden sind: der Unterschied zwischen einem beliebigen Gegenstand und einem Kunstwerk. Dies hat damit zu tun, daß im 20. Jahrhundert, nach Marcel Duchamps Erfindung des Ready-mades und dem Aufkommen des Happenings in den späten fünfziger Jahren jeder beliebige Gegenstand, ja jede beliebige Handlung zum Kunstwerk werden kann. Dies gilt mutatis mutandis auch für die Literatur, wie sich an Peter Handkes Gedicht »Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968« gezeigt hat, obwohl dort Ready-mades bei weitem nicht die gleiche überragende Rolle gespielt haben wie in der Kunst. Institutionelle Theorien der Kunst, die ursprünglich auf einen Aufsatz des amerikanischen Philosophen Arthur C. Danto zurückgehen , versuchen dort weiterzumachen, wo die Theorie vom offenen Begriff der Kunst aufhörte: Ihnen zufolge ist ein Kunstwerk ein von Menschen geschaffener Gegenstand, dem von einer Person der Status als Kunstwerk übertragen wurde . Ein Kunstwerk ist dann folglich das, was vom Kunstler als solches definiert wurde und in einem entsprechenden institutionellen Rahmen als solches präsentiert wird.
      Ein Problem dieser Theorie besteht darin, daß sie nicht zu erklären vermag, warum es für die Ãobertragung des Kunststatus wesentlich zu sein scheint, wer diese vornimmt: Es macht einen Unterschied, ob eine beliebige Person Brillo-Schachteln ausstellt oder Fotoserien von Campbell's Suppendosen macht oder aber

Andy Warhol - obwohl die handwerklichen Fähigkeiten dazu in der Tat jeder besitzt. Ein noch schwerwiegenderer Einwand gegen diese Art von Theorie dürfte jedoch sein, daß sie nahezu tautologisch ist: Ihr zufolge ist etwas genau dann ein Kunstwerk, wenn jemand es als solches ausgibt. Jemandem, der nicht weiß, was ein Kunstwerk ist, ist mit einer solchen >Erklärung< aber nicht geholfen, da ihm keinerlei inhaltliche Merkmale des Prädikats >Kunst< spezifiziert werden, die dieses von anderen Prädikaten unterscheiden. Der gleiche Einwand gilt im übrigen auch für die erste der hier skizzierten anti-essentialistischen Theorien: Indem sie jegliche Art von Explikation entweder vermeiden oder nur tautologische anbieten, lassen sie uns mit der Frage »Was ist Kunst, was ist Literatur?« allein.
     

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