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Von der romantik zum realismus

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Theodor Fontane (I8I9-I898),



den letzten großen Erzähler des 19. Jahrhunderts, die preußische Hauptstadt Berlin und die Mark Brandenburg, jene Kiefern-, Seen- und Sandlandschaft, die man mit Ironie und Treffsicherheit 'die Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches" genannt hat. Die karge Schönheit dieses Landstrichs und ihre Menschen, die preußischen Barone und Junker auf den einsamen Rittergütern dieser ältesten preußischen Provinz, sind nahezu das einzige Thema, das Fontane in seiner Prosa kennt.

      Der gebürtige Neu-Ruppiner, einer eingewanderten Hugenotten-Familie entstammend, war schon ein reifer Mann, als er die ersten Erzählungen seiner Sammlung 'Wanderungen durch die Mark Brandenburg" zu schrei-ben begann. Sein erster Roman, 'Vor dem Sturm" , entwarf ein Kulturbild des preußischen Staates und seiner Gesellschaft vor den Befreiungskriegen. Mit ihm wie mit den folgenden 'L'Adultera" , 'Schach von Wuthenow" , 'Cecile" , 'Irrungen, Wirrungen" , 'Frau Jenny Treibet" hat Fontane den Typus des modernen Gesellschaftsromans begründet, der einen traditionsreichen, in bindenden Konventionen lebenden Stand verherrlicht und sich der drängenden Zeitprobleme politischer und ethischer Natur annimmt. Fontane entfaltet diese Probleme ohne große Geste, ohne Pathos, in ruhiger Sachlichkeit. Die Art, wie er sich dabei in seine Personen hineinlebt, ist etwas absolut Neues in der deutschen Erzählkunst. Milieuschilderung, Charakterzeichnung und Phantasie verbinden sich aufs engste miteinander und in eigenartiger Weise. Fontanes Erzähl-Technik, seine Gestalten nicht zu schildern, sondern im lebendigen Dialog sich selbst darstellen zu lassen, ungefärbt, ganz in der Sprechweise der jeweiligen Person, ist eine weitere Eigentümlichkeit seines Stils. Damit erreichte der Dichter die größtmögliche Unmittelbarkeit, die den Leser sofort mit den Gestalten der Romane eins werden läßt.
      Diese Meisterschaft in der Beherrschung des natürlichen Redetons und das psychologische Feingefühl zeigen sich vor allem in Fontanes Alterswerk 'Effi Briest" , der Liebes- und Leidensgeschichte eines wohlbehüteten jungen Mädchens, das in seiner ruhigen, korrekten Ehe mit einem wesentlich älteren Beamten von einer kurzen, aber ohne tiefen Eindruck bleibenden Leidenschaft zu einem Offizier erfaßt wird. Durch Zufall kommt das Erlebnis nach Jahren ans Tageslicht: die Ehe wird geschieden, Effi muß sich von ihrem Kind trennen, ist gesellschaftlich verfemt und stirbt noch jung an Jahren. Die Frage nach der Schuld an dem tragischen Schicksal der jungen Frau beantwortet ihr Vater mit dem berühmt gewordenen Ausspruch: 'Das ist ein zu weites Feld."
In den beiden letzten Romanen, 'Die Poggenpuhls" und 'Der Stechlin" hat Fontane sein eigenes Lebens- und Zeitbekenntnis am deutlichsten formuliert. In ihnen fordert eine neue Zeit ihre Rechte, und Fontane läßt an der Zukunft jenes Standes zweifeln, dem er sich selbst zugehörig fühlte.
      Im Herrenhause Stechlin beginnt die neue Generation sich gegen die alte, überlebte, zu wenden. Es ist Fontanes eigene Situation. In der Gestalt des alten Dubslav von Stechlin, der als Junker gilt, aber keiner ist, hat er sich selbst gezeichnet: 'Sein schönster Zug war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel und Ãoberheblichkeit waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten. Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser . . . Sah man ihn, so schien er ein Alter, auch in dem, wie er Zeit und Leben ansah; aber für die, die sein wahres Wesen kannten, war er kein Alter, freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was über alles Zeitliche hinausragt, was immer gilt und immer gelten wird: ein Herz."
Mit seinen Balladen, deren Stoffe er oft der englisch-schottischen Sage, oft auch der preußischen Geschichte entnahm, muß Fontane zu unseren 'klassischen" Balladendichtern gerechnet werden .
      In der Lyrik schlägt Fontanes Realismus oft in nüchterne Selbstkritik um; sie enthält aber auch manche Lebensweisheit, die sich in spruchartigen Gedichten äußert wie z. B.
      Es kann die Ehre dieser "Welt
Dir keine Ehre geben,

Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben.
      Wenn's deinem Innersten gebricht An echten Stolzes Stütze, Ob dann die Welt dir Beifall spricht, Ist all dir wenig nütze.
      Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm Magst du dem Eitlen gönnen; Das aber sei dein Heiligtum: Vor dir bestehen können.
      Neben den großen Erzählern Gotthelf, Keller, Meyer, Storm, Raabe und Fontane hat noch eine Reihe weiterer Dichter dem poetischen Realismus gehuldigt:
Vor allem Karl Immermann beweist in der in seinen Roman 'Münch-hausen" eingestreuten Geschichte 'Der Oberhof" wirklichkeitsnahe Züge und eine klare Beobachtung, so daß- man diese als Vorläufer der realistischen Landschaftsund Dorfgeschichte bezeichnen kann. In den Bereich des poetischen Realismus gehören weiterhin Gustav Freytag mit seinem Kaufmannsroman 'Soll und Haben", Willibald Alexis mit dem humorvollen Roman 'Die Hosen des Herrn von Bredow", Felix Dahn mit dem großen historischen Gemälde 'Ein Kampf um Rom", Viktor Scheffel mit 'Ekke-hard" und Karl Postl , der sich nach seiner Auswanderung nach Amerika Charles Sealsfield nannte, mit seinem 'Kajütenbuch" und mit der Erzählung 'Die Prärie am Jacinto".
      Eine Sonderstellung im poetischen Realismus nimmt der Niedersachse Wilhelm Busch ein. Hinter dem Humor seiner unsterblichen Bildgeschichten, wie 'Max und Moritz", 'Maler Klecksel", 'Die fromme Helene", 'Hans Huckebein" u. a. stecken viel Pessimismus und schmerzliche Resignation. Busch ist nicht nur Witzbold; er kennt die Schwächen der Welt und versteht es, diese in seinen Verserzählungen bloßzulegen und anzuprangern.
      Eine natürliche Folge des Realismus und seiner Betonung des Landschaftlich-Eigenständigen war das verstärkte Einsetzen der Mundartdichtung, so z. B. bei Klaus Groth und Fritz Reuter , dessen Onkel Bräsig aus dem Roman 'Ut mine Stromtid" zu den schönsten Gestalten der humoristischen deutschen Dichtung gehört.
     

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Theodor  Fontane  (I8I9-I898),    





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