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Von der romantik zum realismus

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Gottfried Keller (I8I9-I890)



hart erkämpftes und bewußt geformtes Kunstwerk des epischen Geistes. Kellers Zeitgenosse Schopenhauer hat das Wesen der epischen Kunst darin erblickt, 'daß man mit dem möglichst geringsten Aufwand von äußerem Leben das innere in die stärkste Bewegung bringe; denn das innere ist eigentlich der Gegenstand unseres Interesses. - Die Aufgabe des Romanschreibers ist nicht, große Vorfälle zu erzählen, sondern kleine interessant zu machen." Diese klassischen Worte gelten für Goethes 'Wilhelm Meister" und 'Die Wahlverwandtschaften" in gleicher Weise wie für Stifters 'Nachsommer" und Kellers 'Grünen Heinrich".

      Als Sohn eines Drechslermeisters geboren, nach dem frühen Tode des Vaters der Erziehung einer gütigen, aber viel zu nachgiebigen Mutter überlassen, verübte der junge Keller manchen Streich, so daß er sich durch die Verweisung von der kantonalen Industrieschule schließlich von jedem höheren Bildungsweg ausgeschlossen sah. Vital und träumerisdi zugleich veranlagt, glaubte er sich zum Maler berufen und verbrachte zwei Jahre in München, das damals die berühmte Kunstmetropole König Ludwigs I. war. Ohne rechte Ausbildung kehrte er mit der Erkenntnis dereigenen Unzulänglichkeit 1842 nach Zürich zurück, übte dort aber keinen ernsthaften Beruf aus. Als ein Bänddien politischer Gedidne im Stile des Vormärz und des Jungen Deutschland Gefallen fand, wandte er sich ganz der politischen Lyrik zu. Mit einem Reisestipendium der Züricher Regierung ausgestattet, ging Keller schließlich noch ein zweitesmal nach Deutschland, um zuerst in Heidelberg, später in Berlin seine Bildung zu vervollkommnen . In Berlin entstand neben den ersten Novellen die erste Fassung des 'Grünen Heinrich" als ein großartiger Akt künstlerischer Selbstbefreiung. Nach seiner Rückkehr in die Heimat schrieb er eine Reihe Schweizer Erzählungen. Diese brachten ihm eine Berufung der Kanto-natsregierung auf die verantwortungsreiche Stelle des Ersten Staatsschreibers, sozusagen des Kanzlers der Republik Zürich, der er fünfzehn Jahre treu und gewissenhaft diente. 1876 trat er von seinem Amte zurück und widmete sich fortan nur noch seinem literarischen Werk.
      Den entscheidenden Einfluß auf seinen inneren Werdegang als Dichter erfuhr Gottfried Keller durch die Philosophie Ludwig Feuerbachs, die ihn aus seinen unruhigen romantischen Träumen herausriß und ihm jene Daseins- und Erdenfreudigkeit schenkte, die er in seiner Dichtung in so einzigartiger Weise verklärte. Seine Veranlagung als sensibler Augenmensch - wie auch der nüchterne Wirklichkeitssinn des schweizerisch-alemannischen Menschenschlages - kamen dieser Weltschau sehr entgegen. Und wenn sich Kellers Weg zur Kunst auch als ein Umweg über die Malerei erwies, so ist er doch für sein ganzes Wesen und auch für sein dichterisches Schaffen bezeichnend geblieben. Mit Goethe und Stifter, die beide in ähnlicher Weise zwischen bildender Kunst und Dichtung schwankten, teilt Keller die Fähigkeit zum eindringlichen und farbigen Schauen. 'Augen, meine lieben Fensterlein" heißt bezeichnenderweise eines seiner geglücktesten Gedichte. Kellers Hauptwerk 'Der grüne Heinrich" ist neben Stifters 'Nachsommer" der zweite große Bildungsroman des 19. Jahrhunderts geworden, in dem sich in getreuer Spiegelung Ideen und Leben einer ganzen Epoche darstellen. Wie diese aussehen und worin der Dichter das Ziel seiner künstlerischen Bemühungen überhaupt erblickt, hat er in dem berühmten Brief an seinen Verleger Eduard Vieweg deutlich gemacht:
'Mein Held ist ein talent- und lebensvoller junger Mensch, welcher, für alles Gute und Schöne schwärmend, in die Welt hinauszieht, um sich sein künftiges Lebensglück zu begründen. Er sieht alles mit offenen, klaren Augen an und gerät als ein liebenswürdiger und lebensfroher Geselle unter allerlei Leute, schließt Freundschaften, welche seinem Charakterbilde zur Ergänzung dienen, und berechtigt zu großen Hoffnungen . . . Ausgenommen die unglückliche Katastrophe am Schlüsse, glaube ich mir schmeicheln zu können, daß es kein fades Tendenzbuch sein wird. Es ist wohl keine Seite darin, welche nicht gelebt und empfunden worden ist."
In der späteren zweiten Fassung erst wurden die Form der Ich-Erzählung für das ganze Werk und eine noch größere Objektivierung durchgeführt. Indem der Dichter seinen Helden Heinrich nicht mehr sterben, sondern als Beamten im öffentlichen Dienst der Heimat Erfüllung finden läßt, gibt er seinen Hoffnungen auf die Bewährung des neuen Lebens- und Menschenideals Ausdruck. Der idealistischen Jugendgeschichte folgen das Ringen des Stürmers und Drängers mit allen seinen Verwirrungen und Enttäuschungen und schließlich die Mannesjahre des Gereiften; dies alles aber in dem blühenden Farbenreichtum der Kellerschen Sprache mit ihrem lauteren Klangund ihrer kritischen Ruhe, mit ihrer Diesseitsfreudigkeit und gesättigten Anschauung.
      Noch einmal, am Ende seines Lebens, hat Keller zu einem Roman ausgeholt: 'Martin Salander" ist ein echtes Alterswerk geworden, voll realistischer, illusionsloser, aber lebensbejahender Weisheit. Er schildert den Kampf des Menschen mit den politischen und sozialen Gegebenheiten am Beispiel des unverbesserlichen Idealisten Salander und entwickelt so noch einmal im Gewände eines Zeitromans die politischen Ideale der Zeitgenossen, wie Keller sie sah. Für Keller selbst, wie für Martin Salander, gilt in gleicher Weise das Wort, das sein Landsmann C. F. Meyer ihm gewidmet hat: 'Als Schutzgeist der Heimat sorgte, lehrte, predigte, warnte, schmollte, strafte er väterlich und sah überall zu dem, was er für recht hielt." Den großen Leserkreis, den Gottfried Keller heute wie je behauptet, hat er sich aber mit seinen Novellen geschaffen. Schon die erste, noch in Berlin entstandene Sammlung 'Die Leute von Seldwyla" enthielt Kostbarkeiten der Kellerschen Erzählungskunst: 'Pankraz der Schmoller", 'Romeo und Julia auf dem Dorfe", 'Frau Regel Amrain und ihr Jüngster", 'Die drei gerechten Kammacher", 'Spiegel, das Kätzchen"; der zweite Band brachte noch dazu: 'Kleider machen Leute", 'Der Schmied seines Glückes", 'Die mißbrauchten Liebesbriefe", 'Dietegen" und 'Das verlorene Lachen". Die Entfernung von der Heimat hatte ihm den Blick für die Schweizer Verhältnisse geschärft und ihm die vielfältigen Einzelzüge seiner Landsleute zusammengerückt. So gruppierte er denn alle die komischen, tragischen und tragikomischen Gestalten vor dem Hintergrund seines erfundenen Städtchens Seldwyla, das 'irgendwo in der Schweiz" liegt und seitdem als Mustersiedlung für allerlei seltsame Käuze, Rückständler aller Art und Weltverbesserer gelten darf. Wie tief Keller aber auch in den Kern das tragischen Welterlebnisses vorzustoßen vermochte, beweist seine Meisternovelle 'Romeo und Julia auf dem Dorfc" - die Geschichte von Sali und Vrenchen, die als armer Leute Kinder den Widerständen der Welt gegen ihre Liebe nicht gewachsen sind und sich ihre traurige Hochzeit mit dem Tod erkaufen müssen.
      Auch die weiteren Sammlungen bereicherten den Schatz der deutschen Novelle um köstliche Stücke. Den 'Sieben Legenden" mit dem anmutigen 'Tänzlegendchen" ließ Keller die 'Züricher Novellen" folgen, für welche die Geschichte seiner Vaterstadt Stoff und Farbe geboten hatte; die bekanntesten sind 'Das Fähnlein der sieben Aufrechten", 'Hadlaub" und 'Der Landvogt von Greifensee". Erziehung zur Gemeinschaft und die Ãoberwindung der politischen Engherzigkeit der Väter-Generation sind der in ihnen abgewandelte Ideenkern. Sein kostbarstes Novellenwerk aber schuf Keller mit dem Zyklus 'Das Sinngedicht" , der sieben Novellen in höchst kunstvoller Weise in einen Rahmen spannt: Der junge Reinhart zieht aus, um die Wahrheit von Logaus Sinngedicht
'Und willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen, Küß eine weiße Galathee, sie wird errötend lachen"zu erproben. Er kommt auf ein Sdiloß und trägt nun in den sieben Novellen mit dem Schloßherrn und dessen Nichte Lucie ein geistiges Duell aus, dessen hintergründiges Thema das Verhältnis von Sittlichkeit und Liebe ist. Nachdem die Betei-ligten durch ihre Erzählungen ihrer innersten Ãoberzeugung Ausdruck gegeben haben, sind auch die Schranken des Mißtrauens zwischen Reinhart und Lucie gefallen, und der Rahmen schließt sich im seligen Sichfinden.
      Liebevolles Eingehen auf die "Welt in der Vielfalt und Schönheit ihrer sinnlichen Erscheinungen kennzeichnet auch Kellers Gedichte und macht ihn zum eigentlichen Lyriker des poetischen Realismus:
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, Von dem goldnen Ãoberfluß der "Welt!

Die Natur ist der unversieg-liehe Quell dieser Lyrik, die sich mehr und mehr vom Subjektiven löst, um ein Spiegel der "Welt zu werden.
     

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Gottfried  Keller  (I8I9-I890)    





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