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Von der romantik zum realismus

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Friedrich Hebbel (I8I3-I863)



Als Sohn eines Maurers in Wesselburen geboren, wuchs der junge Hebbel in drückender Armut auf. 'Die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenommen", sagte der Dichter später von seinem Vater, der die dichterischen. Pläne seines Sohnes unterdrückte und ihn zum Maurerhandwerk zwang. Als er starb, kam der Vierzehnjährige als Laufbursche in die Amtsstube des Kirchspielvogts Mohr, der seine außerordentliche Begabung erkannt hatte, den Lernbegierigen aber durch acht Jahre für seine Zwecke ausnützte, ohne ihn besonders geistig zu fördern. Hebbel sah später in Mohrs Verhalten 'das größte Unglück" seines Lebens. Mit erstaunlicher Energie begann er - inzwischen 22 Jahre alt geworden - sich als Autodidakt auf ein akademisches Studium vorzubereiten, ohne dieses Ziel zu erreichen; denn literarische Arbeiten und Pläne nahmen ihn immer mehr gefangen. An Schiller, Uhland und Kleist schulte er sein eigenes Können, doch tauchten immer wieder Zweifel an seinen schöpferischen Kräften in ihm auf. Hamburg, wo er in einer einfachen Näherin, Elise Lensing, den ersten ihn verstehenden Menschen gefunden hatte, Heidelberg und München waren die Stationen dieser Lehrjahre. Als ihn die Nachricht vom Tode seiner Mutter in München erreichte, wanderte er zu Fuß im Spätwinter nach Hamburg zurück.
      In der Not der nun folgenden Jahre erkannte Hebbel nicht, daß nicht Liebe, sondern Dankbarkeit ihn an Elise fesselte. Die neun Jahre ältere umgab ihn mit aller mütterlichen Liebe, deren sie fähig war, und schuf so die äußeren Bedingungen für das nun entstehende Werk des Dichters. Nach den frühen novellistischen Erzählungen begann jetzt die Auseinandersetzung mit dem Drama. Im Juli 1840 kam als erstes 'Judith" im Berliner Hoftheater zur Uraufführung. Fremdartig kühn und kraftstrotzend bestätigte es das geborene Talent des Dramatikers. 1841 folgte die Tragödie 'Qenoveva". Ein Reisestipendium seines dänischen Landesherrn ermöglichte ihm nun die ersehnte Bildungsreise, die ihn über Paris nach Rom und Neapel führte. Während der Reisejahre entstand Hebbels drittes großes Drama, 'Maria Magdalena". Auf der Rückreise von Italien wurde ihm Wien zur entscheidenden Schicksalswende. Den äußeren Umschwung seiner Lebensverhältnisse bezeichnet seine Verheiratung mit der Schauspielerin am Burgtheater, Christine Enghaus. Die Ehe zwischen der bedeutenden Frau und dem zu Jähzorn neigenden nervösen Dichter verlief zunächst nicht ohne Mißstimmungen, entwickelte sich aber recht glücklich, so daß er in der Geborgenheit der Wiener Jahre seine großen Tragödien vollenden konnte. Während der Wiener Barrikadenkämpfe von 1848 war 'Herodes und Mariamne" entstanden, drei Jahre später 'Agnes Bernauer". Dann folgten 'Gyges und sein Ring" und 'Die Nibelungen". Ein letztes Drama, 'Deme-trius", war wie bei Schiller Bruchstück geblieben.
      Im Vorwort zu dem Drama 'Maria Magdalena" hat Hebbel seine Kunstziele erläutert und seine Gedanken über das Wesen des Tragischen niedergelegt. Er bekennt sich darin zu der Auffassung, 'daß die dramatische Schuld nicht, wie die christliche Erbsünde, erst aus der Richtung des menschlichen Willens entspringt, sondern unmittelbar aus dem Willen selbst, aus der starren, eigenmächtigen Ausdehnung des Ichs hervorgeht, und daß es daher dramatisch völlig gleichgültig ist, ob der Held an einer vortrefflichen oder einer verwerflichen Bestrebung scheitert." Kampf ist also das Schicksal des Menschen in allen Dramen Hebbels. Am heftigsten tobt er dort, wo die Menschen eines Zeitalters in ihren überkommenen Anschauungen sich gegen das Neue auflehnen, dessen Zeichen sie - tragisches Versagen des Menschengeistes! - nicht zu deuten vermögen. Es ist das Drama der Geschichte, das hinter dem zufälligen Einzelfall diehöhere Notwendigkeit sichtbar werden läßt, es ist die weltgeschichtliche Tragödie, die sich noch immer an der Wende zweier geschichtlicher Epochen erfüllt hat. Wie Schiller und Kleist rang Hebbel auch um die Form des Dramas und um eine neue dramatische Sprache. Von der Prosa ging er zum Blankvers über. Als Ziel der dramatischen Gestaltung schwebte ihm eine Verschmelzung mit der Antike vor. Das Realistische an seinen Dramen ist die unverschleierte Wirklichkeit in der Natur und Sprache seiner Gestalten. Schon das erste Drama Hebbels - 'Judith" - ließ das Theaterpublikum aufhorchen. Hebbel hatte den biblischen Stoff zum menschlichen Seelendrama geweitet. In seinem zweiten Drama - 'Genoveva" -benützte er den alten Sagenstoff zur Einkleidung seiner eigenen Seelenlage.
      Mit 'Maria Magdalena" wagte Hebbel den Schritt in die ihm aus seinem eigenen Erleben bekannte Welt des Kleinbürgertums. Es war das erstemal, daß die proletarische Enge der kleinbürgerlichen Welt zum Vorwurf eines Dramas diente. Hebbel entwickelte den Konflikt aus den starren sittlichen Begriffen des Bürgertums, um zu zeigen, 'daß auch im eingeschränktesten Kreise eine zerschmetternde Tragik möglich ist". Damit hatte er das bürgerliche Trauerspiel des 18. Jahrhunderts in das realistische Milieudrama übergeführt und eine neue Gattung des Dramas geschaffen, die bis zur Jahrhundertwende die Bühne beherrschte.
      Klara, die Tochter des Tischlermeisters Anton, hat sich - aus Schmerz über den Verlust eines Jugendgefährten - an einen Unwürdigen hingegeben, den Schreiber Leonhard, und sich ihm verlobt. Als ihr leichtsinniger Bruder Karl eines Diebstahls bezichtigt wird und die Gerichtsdiener im Hause erscheinen, stirbt die Mutter, die gerade von einer schweren Krankheit genesen war, und Leonhard sagt sich von Klara los. Der Vater ist verzweifelt. Er und Klara leiden unter der Angst vor dem Gerede der Menschen. Da scheint das Schicksal eine Wendung zum Guten herbeiführen zu wollen: Karls Unschuld wird erwiesen und Klaras Jugendfreund wirbt um sie. Aber Klara fühlt sich an Leonhard gebunden, der sie nun zurückstößt, weil er für seine Karriere fürchtet. Als Klara ihrem Jugendfreund ihre Schuld offenbart, fordert dieser den Sdireiber zum Zweikampf. Der schwerverwundete Sekretär bringt Klara die Nachricht vom Tode Leonhards. Diese sieht sich nun um ihre Zukunft betrogen und der Schande preisgegeben. Da sie fürchtet, der Vater werde sich umbringen, wenn sie ihrem Kinde keinen Vater geben kann, stürzt sie sich in den Brunnen.
      Die Gestalt des Meisters Anton und sein Zusammenstoß mit der Welt, die er nicht mehr versteht, ist Hebbels Meisterleistung geworden und sein eigentlicher Beitrag zum Realismus. Es ist ein Drama von damals unerhörter Geschlossenheit, kühnem und straffem Aufbau und von unerbittlicher Folgerichtigkeit im tragischen Gang der Ereignisse, das wie unbeabsichtigt und zwanglos aus seiner Kleinstadtsphäre ins Große, Allgemeine herauswächst, zum Problem der erstarrten blutleeren Sittenbegriffe und der Verständnis-losigkeit von Mensch zu Mensch und von Generation zu Generation und zuletzt auf den Kampfplatz führt, wo der zarter Organisierte dem Robusten und Flachen unterliegt.
      Mit seinem nächsten Drama, 'Herodes und Mariamne" , zog sich Hebbel wieder auf den Schauplatz der Geschichte zurück, freilich auch diesmal nur, um die eigene Zeit in ihrer Unruhe und in ihren bedingungslosen Gegensätzen zu durchleuchten und zu demaskieren.
      Große geschichtliche Zusammenhänge werden in das dramatische Geschehen miteinbezogen: die untergehende alte Welt hatte den Menschen zum Ding herabgewürdigt; an dieser Menschenauffassung ist Herodes in seiner Liebe gescheitert. Die emportauchende Ã"ra des Christentums bedeutet eine Verfeinerung der Sitte, in dem dieses die Achtung vor der Selbstbestimmung des Individuums durchsetzt. Die Erscheinung der Heiligen Drei Könige am Schlüsse weist auf das weltgeschichtliche Ereignis der Geburt Christi hin und deutet den Anbruch des neuen Zeitalters an.
      Bald wandte sich Hebbel einem anderen geschichtlichen, einem volkstümlichen deutschen Stoff zu: 'Agnes Bernauer" .
      Der bayerische Thronerbe Albrecht hat sich heimlich mit der schönen Augsburger Baderstochter Agnes Bernauer vermählt und bleibt deshalb von der Thronfolge ausgeschlossen. Herzog Ernst will die nicht standesgemäße Ehe lösen und läßt Agnes in Abwesenheit ihres Gatten zum Tode verurteilen und in die Donau stürzen: 'Das reinste Opfer, das der Notwendigkeit im Laufe aller Jahrhunderte gefallen ist." Im Bürgerkrieg stehen sich Vater und Sohn gegenüber, bis Herzog Ernst seinen Sohn von der Notwendigkeit seines Handelns überzeugt, indem er selbst auf den Thron verzichtet. Im Kloster will er als Mensch sühnen, was er als Herrscher verschulden mußte.
      Das Drama ist eine Verknüpfung zweier Konfliktsstoffe: der Tragödie der Schönheit und der Tragödie des Herrschertums. Nach Hebbels Auffassung bedeutet Schönheit allein schuldloses Schuldigsein, wenn sie die Erfüllung des Weltgesetzes stört; wie alles Menschlich-Individuelle muß sie zerbrechen. Unter dem Eindruck der Revolution von 1848 und der unmittelbar gegenwärtigen Ereignisse am bayerischen Hof erhielt das Motiv der Staatsräson das Ãobergewicht über die Agnes-Tragödie. Indem der zum Herrschen Bestimmte auf sein persönliches Glück verzichtet und in hartem Ringen sich zum Staatsbewußtsein durchringt, wird auch Agnes Bernauer zum sinnvollen Werkzeug in dieser Entwicklung. Zum erstenmal deuten sich in Hebbels Werk Ausgleich und Versöhnung der Gegensätze an. Hegels Geschichtsauffassung vom Ewigkeitswert des Staates als eines göttlichen Ordnungsprinzips und die politische Sehnsucht der Zeit nach dem 'Reich" haben dabei Pate gestanden.
      Noch ein drittes Mal gestaltete Hebbel das Motiv des Kampfes der Frau um ihre Selbstbestimmung in der Tragödie 'Gyges und sein Ring" , die auf griechische Quellen zurückgeht.
      Kandaules läßt seinen griechischen Gast Gyges heimlich die Schönheit seiner Gattin Rhodope bewundern. Durch einen Zauberring unsichtbar gemacht, belauscht Gyges die Ahnungslose und wird von Liebe zu ihr ergriffen. Rhodope entded« den Frevel ihres Gatten und verspricht sich Gyges, wenn er im Zweikampf Kandaules tötet. Der König fällt, und Rhodope vermählt sich nun mit Gyges, tötet sich aber vor dem Altar, um den Verrat an ihrer Schönheit zu rächen.
      An Bildkraft des Wortes und an Poesie steht dieses Werk über allen Schöpfungen Hebbels. Der an sich rohe Stoff des Herodot ist in die Sphäre hohen Ernstes gehoben. Nicht aus Prahlsucht, sondern um die Qual der Unbeständigkeit seines Glückes abzuschütteln, zeigt Kandaules seinem Freunde Gyges die Schönheit seiner Gemahlin und macht ihn zum Mitwisser der Größe seines kostbaren Besitzes. So ist nicht die keusche Königin oder der edle Grieche, sondern Kandaules selbst die eigentliche tragische Gestalt.
     
Ein volles Jahrzehnt arbeitete Hebbel an seinem 'deutschen Trauerspiel" in Jamben 'Die Nibelungen" , das sein letztes abgeschlossenes Drama wurde. Ursprünglich als Doppeldrama gedacht, weitete es sich schließlich zur Trilogie aus .
      Die Anregung dazu empfing Hebbel wahrscheinlich 1847 durch die Aufführung eines Nibelungenstückes des Ã-sterreichers Raupach am Wiener Burgtheater, in dem Christine Hebbel die Rolle der Kriemhild spielte. Wie im Epos des Mittelalters läßt Hebbel den Konflikt aus dem Verhältnis Brunhilds zu Siegfried entstehen: Brunhild in ihrer unerwiderten Liebe weiht den Geliebten eher dem Tod, als daß sie ihn der Nebenbuhlerin überließe. In der Gestaltung der Brunhild- und Siegfriedfiguren griff Hebbel aber auf die nordischen Quellen zurück. Brunhild ist wieder göttlichen Ursprungs, halb Norne, halb Walküre; durch sie und den durch seine Kraft und Unverwundbarkeit ebenfalls mythisch erhöhten Siegfried wollen die Götter ein neues Geschlecht der Riesen erzeugen. Aber ihre Zeit ist vorbei. Siegfried verschmäht Brunhild, um sich der sanften Kriemhild zuzuwenden. Wie Agnes Bernauer verstrickt sich Kriemhild in Schuld, indem sie Siegfried durch ihre Schönheit an sich fesselt. Zum Schlüsse erhebt sich Dietrich von Bern aus der Verwirrung der tragischen Begebenheiten und übernimmt von Etzel die Weltregierung 'im Namen dessen, der am Kreuz erblich".
      Im 'Demetrius" hat Hebbel den Torso Schillers vollenden wollen, freilich mit dem Ziele, ein vollständig neues und selbständiges Werk zu schaffen. Man fand die noch unvollendete Tragödie am Totenbett des Dichters. In einer Reihe von Erzählungen und Novellen hat Hebbel, ohne eine eigene epische Form zu gewinnen, die grundlegenden Ideen seines Weltbildes erzählend dargestellt und erläutert. Die kurze Erzählung 'Die Kuh" ist ein Musterbeispiel hierfür.
      In dem 'Gedicht in sieben Gesängen" 'Mutter und Kind" hat Hebbel noch einmal ein Hexameter-Epos gestaltet, das trotz seines klassischen Gewandes bereits moderne soziale Probleme aufgreift:
Ein kinderloses Ehepaar ermöglicht armen Dienstleuten die Heirat unter der Bedingung, daß diese ihr erstes Kind abtreten. Die erwachende Elternliebe stürzt das junge Ehepaar nach der Geburt des Kindes in seelische Nöte, aus denen sie erst erlöst werden, als ihre Gönner aus menschlichem Mitgefühl auf ihre Ansprüche verzichten.
      Von Hebbels Balladen und balladenähnlichen Gedichten sind 'Das Kind am Brunnen" und 'Der Heideknabe" volkstümlich geworden. Unter seinen Gedichten finden sich nur wenige lyrische im strengen Wortsinne , die meisten sind Problemgedichte, die - wie die zahlreichen 'Tagebücher" - den inneren Werdegang des Dichters begleiten. Aber selbst die lyrischen sind in ihren gedanklichen Bezügen unverkennbar:

Nachtlied
Quellende, schwellende Nacht, Herz in der Brust wird beengt,
Voll von Lichtern und Sternen: Steigendes, neigendes Leben,
In den ewigen Fernen, Riesenhaft fühle ich's weben,
Sage, was ist da erwacht! Welches das meine verdrängt.
      Schlaf, da nahst du dich leis Wie dem Kinde die Amme, Und um die dürftige Flamme Ziehst du den schützenden Kreis.
     

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Friedrich  Hebbel  (I8I3-I863)    


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