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Von der romantik zum realismus

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Franz Grillparzer (I79I-I872)



Grillparzer wurde 1791 zu Wien als Sohn eines Advokaten geboren. Von Hause aus war er belastet mit dem Erbe eines verschlossenen und pedantischen Vaters, der zudem früh starb und die Familie in drückenden Verhältnissen zurückließ, und einer überspannten, schwermütigen und lebensuntüchtigen Mutter, die später in geistiger Umnachtung Selbstmord verübte. Auch ein Bruder des Dichters hatte schon in jugendlichem Alter den Freitod gewählt. So beschattete das Schicksal einer untergehenden Familie die Jugend des Dichters.
      Nach dem juristischen Studium wurde Grillparzer zunächst Hofmeister in einem adeligen Hause, erhielt dann eine bescheidene Stelle als Hofbibliothekar, später als Hofrat im Finanzministerium und als Hoftheaterdichter. Von ein paar Reisen abgesehen - darunter ein Besuch bei Goethe in Weimar - verlief das äußere Leben des Dichters ohne bedeutende Einschnitte.
      Niemals hat Grillparzer das unglückliche Geschick seiner Familie zu überwinden vermocht. Da er ein viel zu offener und unabhängiger Charakter war, litt er als österreichischer Beamter in der Metternichschen Reaktionszeit um so mehr, als er immer wieder durch Intrigen in verletzender Weise zurückgesetzt wurde. Daihm auch die Zensur bei der Aufführung seiner Dramen immer neue Schwierigkeiten bereitete, steigerte sich seine Verbitterung. Auch zu einer Ehe mit Katharina Fröhlich, die ihn rührend und selbstlos umsorgte, konnte er sich nicht entschließen, so daß er immer mehr in Einsamkeit gedrängt wurde. Als 1838 sein geistvolles Lustspiel 'Weh dem, der lügt" von den "Wienern in kränkender Weise abgelehnt wurde, zog er sich ganz zurück und gab seine letzten Schöpfungen nicht mehr an die Ã-ffentlichkeit. Zwar wurde sein 80. Geburtstag in Wien geradezu als Nationalfeiertag gefeiert, aber diese späte Anerkennung vermochte ihn nicht mehr zu versöhnen. 1872 ist Grillparzer in Wien gestorben.
      Schon Grillparzers erstes Drama, 'Die Ahnfrau" , enthüllt die ganze Problematik seines Wesens.
      Nach seiner eigenen Deutung ist die Ahnfrau zur Sühne alter Erbschuld zu ruheloser Wanderung verurteilt, bis der letzte Sproß des Hauses gestorben ist. Droht dem Haus ein Unglück, wandelt sie klagend durch die Räume; ohne helfen zu können, leidet sie mit den Nachkommen ihres Geschlechtes und muß doch wünschen, durch die Erfüllung des Fluchs endlich die eigene Erlösung zu finden. So liegt die Tragik ihrer Existenz in dem Zwiespalt zwischen Helfenwollen und Vernichtenmüssen und symbolisiert so die tragische Selbstzerstörung der vom Fluche des Schicksals heimgesuchten eigenen Familie des Dichters.
      Das in seiner leidenschaftlichen Sprache an Schillers 'Räuber" erinnernde Stück hatte bei seiner Uraufführung im Wiener Burgtheater einen ungeheuren Erfolg, der den jungen Dichter mit einem Schlage berühmt machte.
      Bereits das zweite Drama Grillparzers führte in die unmittelbare Nähe Goethes: 'Sappho" . Es ist Grillparzers 'Tasso" und zugleich der Versuch, noch einmal das Bild vollendeten Menschentums im klassischen Sinne zu versuchen.
      Mit dem Siegeslorbeer geschmückt und von Phaon begleitet, den sie liebt, kehrt die Dichterin Sappho aus Olympia zurüdt in ihre Heimat. Ihr Glück scheint vollkommen. Je mehr sie aber der menschlichen Neigung zu Phaon nachgibt, um so deutlicher erkennt jener, daß seil.» Zuneigung zu Sappho in Wahrheit nur Verehrung für die große Künstlerin gewesen ist. Selbst in Liebe der Sklavin Melitta zugetan, wendet er sich von ihr ab. Sappho überwindet das Gefühl eifersüchtiger Rache, aber in der Erkenntnis, das Gesetz ihres Daseins - den Dienst an der Kunst - verletzt zu haben, sühnt sie, indem sie sich ins Meer stürzt.
      Drei Jahre später vollendete Grillparzer sein umfassendstes Drama, die Trilogie 'Das Goldene Vlies" . Es war ein alter griechischer Sagenstoff, den der Dichter hier verfeinert und vertieft neu gestaltete.
      Der Gastfreund: Aus dem Tempelheiligtum in Delphi hat Phrixos, verfolgt vom Haß seiner Stiefmutter, ein kostbares Widderfell als Unterpfand für 'Sieg und Rache" geraubt und ist mit ihm nach Kolchos am Sdiwarzen Meer geflohen. Dort weiht er das Vlies dem Apollo, wird aber von Aietes, dem habgierigen König der Kolcher, ermordet, nachdem dessen Tochter Medea seine Gefährten durch einen Zaubertrank in Schlaf versetzt hatte.
      Die Argonauten: Pelias, König von Jolkos in Griechenland, schickt seinen Neffen Jason aus, den Tod des Phrixos zu rächen und das Goldene Vlies zurückzuholen. Auf dem Schiffe Argo begibt sich Jason mit seinen Gefährten nach Kolchos. Er ist von Medeas Schönheit tief ergriffen, aber auch Medea ist von leidenschaftlicher Liebe zu Jason entbrannt und hilft ihm, das Goldene Vlies zu gewinnen. Aietesaber verflucht seine Tochter, und ihr Bruder Absyrtos, der versucht, Medea noch einmal zur Rückkehr zu bewegen, stürzt sich von einem Felsen ins Meer. Medea aber folgt Jason auf das Schiff, das sie mit dem Goldenen Vlies nach Griechenland zurückbringt.
      Medea: Vor den Mauern Korinths vergräbt Medea ihr Zaubergerät und das Goldene Vlies. Sie will ganz zu Jason stehen, der aus dem heimatlichen Theben vertrieben worden ist und auf korinthische Gastfreundschaft hofft. Aber Jason wendet sich von ihr ab und entbrennt in Liebe zu Kreusa, der Tochter des Königs Kreon, der Jason und die Seinen gastlich aufgenommen hatte. Medea greift in ihrer Verzweiflung und in ihrem Rachedurst zu ihrem Zaubergerät und tötet Kreusa durch einen goldenen Becher, aus dem Flammen schlagen, setzt den Königspalast in Brand und ermordet, um Jason zu strafen, ihre eigenen Kinder. Als Unheilbringer weist nun der König Jason von der Schwelle. Da tritt Medea dem Verstoßenen noch einmal entgegen und mahnt ihn mit den Worten: 'Sei im Tragen stärker als im Handeln! Trage . . . dulde ... büße!" Sie selbst ist innerlich vernichtet; sie will nun nach Delphi, um das Vlies zurückzubringen und sich den Priestern zu stellen, die ihre Richter sein sollen.
      Medea ist die zentrale Figur des ganzen Dramas. Ihr Schicksal liegt in ihrem Wesen: in der Triebhaftigkeit ihrer Liebe geht sie an Jason zugrunde. Das Drama sollte aber auch den Gegensatz zwischen Griechentum und Barbarentum versinnbildlichen; auch aus der Unüberbrückbarkeit dieser Gegensätze entspringt tragisches Geschick. In dieser Sicht erscheint die Trilogie als dramatische Deutung von Grillparzers eigener Zeitlage. Mitten in der Arbeit am 'Goldenen Vlies" hatte sich Grillparzer notiert: 'Ãobermut und sein Fall. König Ottokar". Das Drama, welches unter dem Titel 'König Ottokars Glück und Ende" erschien, war also erneut auf eine Tragödie der Leidenschaft angelegt. Der Sturz Napoleons hatte den
Anstoß gegeben, und so verbanden sich dem Dichter die Schicksale der österreichischen Dynastie mit der unmittelbaren Gegenwart. In Ottokar verurteilte er zügelloses Machtstreben und prahlerischen Trotz. An seinem Untergang will er verdeutlichen, wie wenig heroisches Kämpfertum zu Frieden und Ordnung führen, die allein durch Recht, Sitte und Gesetz zu erlangen sind. Dieses Ideal einer biedermeierlichen 'Staatsräson" kehrt auch in dem Schauspiel aus der ungarischen Geschichte 'Ein treuer Diener seines Herrn"
wieder.
      Zwischen der Düsterkeit dieser dramatisierten Zeitbekenntnisse fand Grillparzer aber auch freundliche Töne, ja in 'Des Meeres und der Liebe Wellen"
hatte er das Liebevollste und dichterisch Reinste geschaffen, was seiner Epoche überhaupt im Drama gelang. Den Stoff entlehnte er dem griechischen Dichter Musaios .
      Hero soll zur Priesterin geweiht werden. Als sie das feierliche Gelübde am Altare ablegt und mit ihm auf alle menschliche Liebe verzichtet, fällt ihr Blick auf den Jüngling Leander, zu dem sie in leidenschaftlicher Liebe entbrennt. Der Oberpriester, zugleich der Oheim Heros, will die junge Priesterin davor bewahren, sich selbst und ihrem Gelübde untreu zu werden, und sperrt sie in einen Turm am Meer. Aber Hero stellt ihre Lampe in das Fenster, und dem Schimmer der Lampe folgend, schwimmt Leander des Nachts zu seiner Geliebten über den Hellespont. Der Oheim schöpft Verdacht. Als Hero eines Nachts vor Ermüdung schläft, löscht er das Licht. Leander kämpft in Sturm und Finsternis mit dem Meere. Vergebens späht er nach Heros Wegweiser. Am Morgen findet Hero den Leichnam des Geliebten am Strande; ihr bricht das Herz, und sie sinkt tot am Altar der Göttin nieder.
      Märchenstimmung liegt über dem schönen Werk, und Fabel und Name sind nichts weiter als ein antiker Ãoberwurf über eine romantische, sehnsuchts-genährte Träumerei, hinter welcher sich das Drama der Leidenschaft keusch verbirgt. 'Des Meeres Wellen" - das ist süßes, zärtliches Spiel und sinnlos zerstörende Wut, immer aber von Menschenglück und Menschenleid unberührt dahinflutende Ruhe; 'Der Liebe Wellen" - das ist die Grundmelodie, zwei Menschen erfassend, sie umspülend und emporhebend zu ragender Höhe, um sie hinabzureißen in gewaltigem Sturz.
      Im gleichen Jahre wie dieses klingende Gedicht vom Untergang zweier Liebender vollendete Grillparzer das romantische Traumstück 'Der Traum ein Leben" .
      Der Bauernsohn Rustan findet keinen Gefallen mehr am Landleben; er träumt von Heldentaten und will die Tochter des Königs von Samarkand gewinnen. Ein Traum heilt ihn von diesem Begehren, sich über seinen Stand zu erheben.
      Mit dem Werke 'Weh dem, der lügt" gelang Grillparzer ein echtes Lustspiel.
      Es ist die Geschichte des Küchenjungen Leo, der seinem Herrn, dem Bischof Gregor von Chalons, versprochen hat, nicht zu lügen, der aber dennoch durch List und geschickte Ausnützung der Situation den Neffen des Bischofs, der in Gefangenschaft geraten ist, befreien will. Wie er das anstellt - ohne zu lügen -, ist in komischer Umkehrung die Bestätigung des Persönlichkeitsideals Grillparzers, das nicht auf Gewalt fußt, sondern auf sittlicher Größe. So siegt denn Leo gerade dadurch, daß er die Wahrheit sagt, die für Lüge gehalten wird. Die Befreiung des Neffen gelingt, und Leo gewinnt nicht nur eine Frau, sondern wird vom Bischof auch noch zum zweiten Neffen angenommen.

     
Nach dem Mißerfolg dieses Stückes veröffentlichte Grillparzer nichts mehr. Erst nach seinem Tode wurden seine letzten Stücke bekannt, so das Trauerspiel 'Ein Bruderzwist im Hause Habsburg", die Tragödie der Willenlosig-keit, das mystische Drama 'Libussa", das wie Schillers 'Jungfrau von Orleans" den Konflikt zwischen höherer Berufung und reinem Menschsein als Frau dichterisch beschwört, sowie schließlich das der spanischen Geschichte entnommene Drama 'Die Jüdin von Toledo",
Grillparzer war in erster Linie Dramatiker, aber auch seine beiden Erzählungen 'Das Kloster bei Sendomir" und 'Der arme Spielmann" gehören zum 'klassischen" Erzählergut.
      Stern und Unstern Grillparzers leuchteten auch über den kleineren Poeten Wiens in dieser Zeit. Aus der Tradition des Wiener Vorstadt- und Volkstheaters, aus Hans-wurstiaden und Zauberpossen hatte sich Ferdinand Raimund Gestalten und Stoff seines echten künstlerischen Volksstückes geholt. 'Der Verschwender", 'Der Bauer als Millionär" und 'Der Alpenkönig und der Menschenfeind" gehören noch immer zu den zugkräftigsten Stücken unserer volkstümlichen Bühne. Dasselbe gilt auch für die witzigen, wenn auch weniger gemütvollen Parodien und Possen seines Landsmannes Johann Nestroy : 'Lumpazivagabundus" und 'Einen Jux will er sich machen".
     

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Franz  Grillparzer  (I79I-I872)    



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