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Von der romantik zum realismus

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Annette von Droste-Hülshoff (I797-I848)



Spät wuchs der Ruhm der größten Dichterin Deutschlands, aber er wuchs ständig, und während die glänzenden Sterne am Dichterhimmel ihrer Zeit wie Heine, Geibel und Freiligrath verblaßten, stieg leuchtend ihr Gestirn empor.
      In ihrem äußeren Leben noch ganz der biedermeierliche Mensch - von sorgfältiger Erziehung in den eigenen engen Lebensbereich auf dem Wasserschloß Rüschhaus bei Münster eingesponnen, der Liebe zu dem um siebzehn Jahre jüngeren westfälischen Romancier Lewin Schücking schmerzlich entsagend, am Ende ihres Lebens in der ritterlichen Obhut bei dem gelehrten Herrn von Laßberg, ihrem Schwager, in Meersburg am Bodensee, wo sie starb - schuf sie aus der Erde ihrer münsterländischen Heimat, aus den Tiefen ihres Volkes und aus der Naturverbundenheit und fanatischen Wahrheitsliebe ihrer Seele den unverwechselbaren persönlichen Stil ihrer Dich-tung, in der man die Anfänge des poetischen Realismus erkennen darf. Dieses "Werk aber war das Ergebnis eines langen und qualvollen Reifens. So bestehen ihre 'Letzten Worte" zu Recht:

Geliebte, wenn mein Geist geschieden, So weint mir keine Träne nach; Denn, wo ich weile, dort ist Frieden, Dort leuchtet mir ein ew'ger Tag!
Wo aller Erdengram verschwunden, Soll euer Bild mir nicht vergehn, Und Linderung für eure Wunden, Für euern Schmerz will ich erflehn.
      Weht nächtlich seine Seraphsflügel Der Friede übers Weltenreich, So denkt nicht mehr an meinen Hügel, Denn von den Sternen grüß ich euch!
Ihrem starken religiösen Fühlen und Erleben hat die Droste als gläubige Katholikin besonders in den siebzig Gedichten Ausdruck gegeben, die unter dem Titel 'Das geistliche Jahr" zusammengefaßt sind. In ihrer Lyrik zeichnete sie am liebsten die heimatliche Heide- und Moorlandschaft, wobei sie feinste Empfindungen des Auges und des Ohres wiedergab, z. B. 'Heidefeuer", 'Das Haus in der Heide", 'Der Weiher". Eine andere Gruppe ihrer Gedichte bringt im fesselnden Naturbild viel von der dämonischen Tiefe ihres eigenen Herzens, wie 'Mondesaufgang", 'Im Grase", 'Am Turme" u. a. Eine tiefe Wahrhaftigkeit leuchtet aus diesen innerlich geschauten Bildern, so, wenn sie in dem Gedicht 'Im Moose" den Augenblick wiedergibt, da sie auf der einsamen Heide in einer Vision ihr ganzes Leben - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - vor sich aufsteigen sieht oder im Gedicht 'Mondesaufgang", vielleidtt ihrem schönsten und geschlossensten, um den Schrecken einer kurzen Sekunde bangt, als die Angst vor dem Jüngsten Gericht sie plötzlich mitten ins Herz trifft und ebenso plötzlich von dem seltsam-milden Licht des aufgehenden Mondes zerstreut wird. Es ist ein Gedicht von tiefstem Gefühl für das wahre Wesen der Natur, welche das Gute und das Böse in sich birgt, und zugleich die symbolhafte Verkleidung für den gleichen Zwiespalt in der eigenen Brust.
      In ihren Balladen fing sie die geheimnisvolle und dämonische Natur der heimatlichen Landschaft mit feiner Beobachtungsgabe und dramatischer Kraft ein. Die "Westfalin spürte noch das Walten der alten Heidengötter in ihren Moorlandschaften, die Gegenwart von Elementargeistern, welche die Jahrhunderte des Christentums noch nicht zu bannen vermocht hatten. 'Der Knabe im Moor", 'Der Heidemann", 'Geierpfiff", 'Die Schlacht im Löner-bruch" und vor allem die 'Vergeltung" gehören zu ihren stärksten Balladenschöpfungen.
      In den letzten Jahren ihres Lebens hat die Dichterin ihren religiösen Gedichten zwei weitere hinzugefügt, die das Thema ihrer Lyrik vertieften. In dem einen, 'Gethsemane", zeichnet sie einen Grünewaldschen Christus, vor dem die Vision seines nahen Todes ersteht - im zweiten, 'Die ächzende
Kreatur", nimmt sie im Namen der Menschheit die Verantwortung für alle Angst und alle Qual im Tierreich auf sich. Mit mitleidvollem Blick erkennt sie das Leben der Insekten, Grillen und Vögel und sieht, daß sie alle die Folgen von Adams Fall mittragen, daß der Mensch an diesem Fall allein die Schuld trägt und daß alle Menschen ebenso des Mordes schuldig sind wie der Hirtenjunge Friedrich Mergel, dessen Schicksal sie in ihrer Novelle 'Die Judenbuche" erzählt.
      In dieser Dorfgeschichte aus dem 18. Jahrhundert berichtet sie von einem geheimnisvollen Mord und von dessen später Aufklärung, aber so sachlich, so ungeschminkt, ohne jede Verklärung bäuerlichen Lebens, daß die Erzählung als eines der ersten Beispiele echt realistischer Kunst, d. h. reiner, absichtsloser Wirklichkeitsabschilderung erscheint.
     

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Annette  Droste-Hülshoff  (I797-I848)    





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