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Vom naturalismus Über die jahrhundertwende

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Gerhart Hauptmann (I862-I946)



In Obersalzbrunn in Schlesien als Sohn eines Hotelbesitzers geboren, sollte er Landwirt werden, fühlte sich aber zum Künstler berufen und widmete sich zuerst der Bildhauerei. Auf einer Italienreise sah er das Elend der unteren Volksschichten, und dieses Erlebnis bewirkte den entscheidenden Umschwung. Über dem Studium von Marx und Darwin gelangte er zur Stoffwelt seiner frühen Dichtung. In
Berlin, wo sein erstes Drama aufgeführt wurde, wurde er bald der Mittelpunkt aller literarischen Kreise. Den Schillerpreis, für den er 1896 vorgeschlagen war, verweigerte ihm Wilhelm

II.

Bald nach der Jahrhundertwende beginnt Hauptmann sidi vom Naturalismus zu trennen und Zugang zu neuen künstlerischen Richtungen zu gewinnen, um sich schließlich auf die Stoffwelt des antiken Dramas zurückzuziehen. In der Abgeschiedenheit seines Hauses Wiesenstein in Agnetendorf im Riesengebirge, im Sommer meistens auf Hiddensee, wo er auch begraben liegt, hat Hauptmann ein umfangreiches Werk geschaffen, das Dramen, Romane, Novellen und Lyrik umfaßt und dessen Nachlaß noch ein umfangreiches Material zur Erkenntnis der dichterischen Größe dieses Meisters ergibt. Wenige Monate nach Beendigung des zweiten Weltkrieges und einige Tage vor seiner "humanen Aussiedlung" ist er in Agnetendorf gestorben.
      Hauptmanns Erstlingswerk "Vor Sonnenaufgang" zeigt alle Merkmale des naturalistischen Dramas, vor allem mit seinem schwankenden "halben" Helden.
      Eine sdilesische Bauernfamilie ist durch die Kohlen unter ihren Feldern rasch reich geworden und dann dem Trünke verfallen. Nur die Tochter Helene hat sich rein erhalten. Ihre Liebe zu dem Idealisten Loth eröffnet ihr die Möglichkeit, dem Sumpfe zu entrinnen. Als Loth aber die Verhältnisse in der entarteten Familie näher kennenlernt, fürchtet er die Vererbung des Lasters auf seine Nachkommenschaft und zieht sich zurück. Helene sieht nun keinen Ausweg mehr und tötet sidi nodi vor Sonnenaufgang und der Heimkehr des sdiwer betrunkenen Vaters, der lallend hereintaumelt. Es sind, wenn auch sdiwache und gemeine, so doch lebendige Menschen, die der Dichter vor uns hinstellt.
      Fontane, dem Dichter des preußischen Konservatismus, widmete Hauptmann sein zweites der nun in rascher Folge erscheinenden Dramen, "Das Friedensfest" , das wie das nächste, "Einsame Menschen" , den Untergang junger Menschen darstellt, die an der Verständnislosigkeit ihrer Umgebung und an den Zuständen des Alltags scheitern. Hauptmanns künstlerisches Ziel, die Verknüpfung des Milieudramas mit dem Ideendrama, wie er es schon in seinem Erstling angestrebt hatte, ist am eindrucksvollsten und überzeugendsten in dem Schauspiel "Die Weber" erreicht. Ein Jahrhundert nach "Kabale und Liebe", ein halbes nach "Maria Magdalena" hat hier das soziale Drama eine neue Ausdeutung im Sinne der Zeit erfahren; es blieb zugleich die bedeutendste Dichtung, die der Naturalismus hervorbrachte.
      Hauptmann knüpft an den historischen Weberaufstand von 1844 im schlesischen Eulengebirge an, von dem er durch die Erzählungen seines ebenfalls einer Weberfamilie entstammenden Vaters Kenntnis erhalten hatte. Er war hauptsächlich durch die mit dem Übergang vom Handwerk zur Maschine bedingten Arbeitslosigkeit und Not unter den Handwebern hervorgerufen worden. Die Handlung setzt mit dem ungemein starken und bühnenwirksamen Bild ein, wie die Weber ihre Ware im Hause des Fabrikanten Dreißiger in Peterswaldau abliefern. Wir erleben die herzzerreißende Not, die hoffnungslose Verzweiflung dieser hungernden, ausgesogenen und in stumpfem Fatalismus dahinlebenden Menschen, die keinen anderen Wunsch haben, als den, sich einmal satt essen zu können. Der alte Baumert hat in der Verzweifung den eigenen Hund geschlachtet, aber der Magen verträgt das Fleisch nicht mehr. Im Kontor Dreißigers sehen wir die Weber gedemütigt den kriecherischen Emporkömmlingen aus ihrem eigenen Stande ausgeliefert. Im Kreise dieses Elends erscheint der Reservist Jäger, der durch das Vorlesen des Gedichts "Das Blutgeridit" den ersten Funken des Widerstandes in den Webern entfacht. Im

Wirtshaus sammeln sie sich, durch die großsprecherischen Reden eines Vertreters aus der Stadt und des jungen Bäckers bis zum Äußersten gereizt. Als das "Weberlied" von der Straße her ertönt und die Versammelten einfallen wollen, verbietet der anwesende Gendarm das Absingen des Liedes und bedroht einen der Weber. Da bricht der offene Aufstand los. Im Hause des Fabrikanten sind gerade der Pastor und der Hauslehrer anwesend, als der Zug der Aufständischen vor der Villa ankommt. Dreißiger versucht sich zu rechtfertigen. Der Hauslehrer, der die Weber verteidigt, wird entlassen. Als die Weber das Mobiliar der Villa zu zertrümmern beginnen, flüchtet Dreißiger mit seiner Familie. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht vom Aufstand über die benachbarten Gemeinden; das hat den Einsatz des Militärs zur Folge. In Langenbielau wird der alte Hilse, der lieber Not und Tod erleiden will, als sich am Aufstande beteiligen, von einer verirrten Kugel, am Webstuhl sitzend, getroffen und stirbt. Die Soldaten stellen die Ruhe wieder her, der Aufstand der Weber bricht zusammen.
      Die "Weber" sind das Drama einer sozialen Gemeinschaft, die nach Herkunft, Stand, Beruf und Tradition zusammengehört. Das gab dieser Dichtung die Durchschlagskraft eines aktuellen politischen Programms; sie ist damit der Ausdruck einer Epoche, in der der "Aufstand der Massen" in jeder möglichen Erscheinungsform das Bild der Gesellschaft bestimmte. Das Sichtbarmachen dieser Masse als "Held" im Drama war Hauptmanns eigentliche künstlerische Tat; erst in zweiter Linie die soziale Tendenz, die ja auch schon früheren Epochen geläufig war. Wenn irgendwo Hebbels Wort "Form ist Ausdruck der Notwendigkeit" verwirklicht ist, so in den "Webern". Hier konnte die Idee nur aus dem Milieu gestaltet und sichtbar gemacht, nur inder Mundart dieser Menschen ausgesprochen werden. Inhalt, Gehalt und Form sind hier in einer für den Naturalismus einmaligen Weise eine Einheit eingegangen, die diesem Drama über alle thematische Aktualität hinaus den "Wert echter, überzeitlicher Dichtung sichert.
      Die Zustands-Tragik der Weber hat Hauptmann dann in die Zustands-Komik seines berühmten Lustspiels "Der Biberpelz" verwandelt. Die Komödie ist nach Kleists "Zerbrochenem Krug" das erste moderne deutsche Lustspiel von künstlerischem Rang, das sich heute wie damals auf der Bühne behauptet und mehrfach mit Glück verfilmt wurde.
      Es ist, als ob es Hauptmann auf ein Gegenstück zum "Zerbrochenen Krug" angelegt hätte; dort der Dorfrichter Adam, der sein eigenes Verbrechen verschleiern möchte und sich selbst an den Galgen liefert, hier ein Amtsvorsteher Wehrhahn, dem es trotz aller Bemühungen und forscher Redensarten im Stile Wilhelms

II.

nicht gelingen will, den Dieb zu entdecken, obwohl er nur die Hand nach ihm auszustrecken brauchte. Die Hauptpersonen, Mutter Wolffen, die Diebin, und ihr Gegenspieler, der Amtsvorsteher, könnten aus einem Bilde Liebermanns geschnitten sein: rechtschaffen, derb, sdilau, ihre Armut gewissermaßen mit Würde tragend, die Diebin; ihr Gegenspieler eitel, aufgeblasen und streberhaft.
      Auch auf das historische Drama hat Hauptmann Idee und Form des Naturalismus anzuwenden versucht: in dem Schauspiel "Florian Geyer" hat er das große soziale Thema der "Weber" vor dem großartig-ernsten Hintergrund des Bauernkrieges von 1525 noch einmal gestaltet.
      Das Rad der Geschichte ist im "Florian Geyer" die eigentlich handelnde Macht, der der Mensch in seiner hilflosen Gebundenheit an ihre Werkzeuge und an ihr undurchschaubares Gesetz unterliegen muß. Der schwarze Ritter Florian Geyer, Bauernführer aus Edelmut und Rechtsgefühl, ist ihr Opfer. Schwärmer und Idealist -"Ein brennend Recht fließt durch sein Herz" -, echt deutsch in Wesen und Gesinnung und das Beste verkörpernd, fehlt ihm doch die heldische Größe des Tatwillens, die dem Unternehmen der Bauern so not getan hätte. Ergebnis- und hoffnungslos geht auch dieses Drama zu Ende: "Es hat ein Aussehen gehabt, als sollte der Frühling hervorkeimen allenthalben, ist aber alles wiederum verfaulet in Finsternis."
"Fuhrmann Henschel" und "Rose Bernd" wie die spätere Tragikomödie "Die Ratten" sind Milieudramen wie "Vor Sonnenaufgang" und gehören zu Hauptmanns reifsten Schöpfungen. In "Rose Bernd" ist der tragische Schluß zum ersten Male vermieden; die verstehende und verzeihende Liebe hat sich gegen die Naturgewalt des Triebes durchgesetzt. Diese Wandlung von der naturalistischen zu einer neuen Auffassung hatte sich bereits in dem Traumspiel "Hanneles Himmelfahrt" angekündigt.
      Im Sterben, in der "Himmelfahrt" eines durch Leid früh gereiften und gequälten Kindes, das aus Furcht vor dem Stiefvater ins Wasser geht, vom Lehrer gerettet und ins Armenhaus gebracht wird, wo es stirbt, offenbart sich die heimliche Sehnsucht des Dichters nach einer lichtvolleren Seite des Daseins. Dem "Weltweh", wie er es nannte, wollte Hauptmann die "Himmelssehnsucht" entgegenstellen. In Fiebervisionen erlebt das sterbende Kind die Erscheinung ihrer Mutter und jener schöneren Welt. Die Erscheinung des "Fremden", des Todesengcls, der zunächst die Züge ihres heimlich geliebten Lehrers, dann die des Heilands trägt, spricht das Lied der Ewigkeit: "Die Seligkeit ist eine wunderschöne Stadt." Engelgesang wiegt Hannele in seligen Schlaf:

Auf jenen Hügeln die Sonne, sie hat dir ihr Gold nicht gegeben; das wehende Grün in den Tälern, es hat sidi für dich nicht gebreitet.
      Das goldene Brot auf den Äckern, dir wollt es den Hunger nicht stillen, die Milch der weidenden Rinder, dir schäumte sie nicht in den Krug.
      Die Blumen und Blüten der Erde gesogen voll Duft und voll Süße voll Purpur und himmlischer Bläue, dir säumten sie nicht deinen Weg.
      Wir bringen ein erstes Grüßen durch Finsternisse getragen; wir haben auf unseren Federn ein erstes Hauchen von Glück.
      Wir führen am Saum unsrer Kleider ein erstes Duften des Frühlings, es blühet von unsern Lippen die erste Röte des Tags.
      Es leuchtet von unseren Füßen der grüne Schein unsrer Heimat; es blitzen im Grund unsrer Augen die Zinnen der ewigen Stadt.
      Eine Märchendichtung war es auch, die Hauptmann als das Herzstück seines gesamten Schaffens betrachtet hat: das Glashüttenmärdien "Und Pippa tanzt" . Es ist in vieler Hinsicht der Mittelpunkt von Hauptmanns Werk und gewährt einen tiefen Einblick in die Wesenszüge seiner Dichtung. Der Schauplatz ist Hauptmanns engste Heimat, das Riesengebirge, der Rotwassergrund, ganz in der Nähe von Agnetendorf, das damals schon des Dichters ständiger Wohnsitz war. Dies zu wissen, ist nicht unwichtig, denn es beweist, wie sehr die Märchenwelt für den Dichter im Grunde erlebte Realität gewesen ist; alles Geschehen ist nur symbolhafte Einkleidung seines Erlebnisses, wie schon einmal bei den Romantikern. "Und Pippa tanzt" ist also ein Kunstmärchen, das aber nicht nur verzaubern will, sondern dessen Symbolik zur Ausdeutung drängt.
      Das Mädchen Pippa, halb Kind, halb Jungfrau, ist das "Symbol der Sdiönheit in ihrer Macht und Vergänglichkeit"; sie ist zugleich das "Etwas, nach dem sich unsere Seele sehnt . . . vor unserer Seele in schönen Farben und anmutigen Bewegungen hin und her tanzt". Pippa stammt aus Italien, aus Murano, woher nach der Überlieferung die Kenntnis der kunstvollen Glasbläserei ins Riesengebirge verpflanzt worden ist. So kunstvoll und zerbrechlich wie die geblasenen Glaskugeln ist Pippas Seele. Ihr Glück liegt im Tanz; wenn die sanfte Melodie der Okarina ertönt, fährt es ihr in die Glieder, und wie gebannt biegt und wiegt sie sich im bacchantischen Tanz - tanzt sie sidi schließlidi in den Tod. Alle Menschen, die Pippa begegnen, werden magisch in ihren Bann gezogen, in den Bann der Schönheit: der weltmännische Glashüttendirektor, den der Anblick des tanzenden Mädchens zum
Träumen bringt, der triebhafte Huhn, voller Besessenheit und Urkraft, der alte abgeklärte Mann, der Pippas Schönheit erliegt wie auch Michel Hellriegel, der Handwerksbursch, dieser "Jüngling voll Naivität und schlichtem Humor, voll Hoffen und Sehnen", einer vom Geschlecht der Taugenichtse, auch er von Sehnsucht nach dem Süden erfüllt, ein Symbol für das, "was in der deutschen Volksseele lebt".
      In den Jahren 1941 bis 1946 entstand Hauptmanns bedeutendstes Alterswerk, die Atriden-Tetralogie . Im Gegensatz zu Goethes klassischer Klarheit erscheint hier der antike SagenstofT unter dem Eindruck des grausigen Erlebens zweier Weltkriege düsterer und unerbittlicher.
      Auch als Erzähler hat Gerhart Hauptmann mit naturalistischen Werken begonnen, wie mit den Skizzen "Bahnwärter Thiel" und "Der Apostel" , aber schon 1910 gelang ihm mit dem Roman "Der Narr in Christo Emanuel Quint" sein episches Hauptwerk, das den hohen Rang eines religiösen Romans erreicht. Ein Gegenstück dazu ist seine Meisternovelle "Der Ketzer von Soana" . "Wahrend im "Emanuel Quint" die schlesische Seelenlage Hauptmanns durchbricht, herrscht im "Ketzer von Soana" der Geist einer heidnisch-antiken Sinnenfreudigkeit, welche die andere Seite von Hauptmanns Wesen darstellt. In seinem Roman "Atlantis" behandelt Hauptmann den Untergang des Schnelldampfers "Titanic", dessen Zusammenstoß mit einem Eisberg seinerzeit ungeheures Aufsehen erregte. Zu des großen Schlesiers bedeutendsten epischen Werken sind auch sein Reisebericht "Griechischer Frühling" und seine Lebensberichte "Buch der Leidenschaft" , "Im Wirbel der Berufung" und "Das Abenteuer meiner Jugend" zu rechnen. In seinem Epos in Hexametern "Till Eulenspiegel" bietet der Dichter eine Abrechnung mit der Zeit des ersten Weltkrieges. Auch als Lyriker gewinnt Hauptmann immer mehr Wertschätzung.
      Am 9. Juni 1946 starb der Dichter in seinem geliebten Hause Wiesenstein in Agnetendorf, ein Königreich des Geistes zurücklassend, zwei Tage vor der Durchführung des Ausweisungsbefehls. Seine letzten Worte: "Bin ich noch in meinem Hause?" gelten einem jeden von uns: Bin ich mir selber noch treu als Mensch im Gären der Zeit? Bin ich bei mir selbst noch "zu Hause"?

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Gerhart  Hauptmann  (I862-I946)    


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