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Zur kritischen Diskussion von Isers Konzepten



Schon Hans Ulrich Gumbrecht fragte 1977 in seiner Rezension von »Der Akt des Lesens«, ob es nun möglich werde, die Wirkungsstruktur einzelner Texte verbindlich zu beschreiben . Eine solche universal gültige Beschreibung des Wirkungspotentials eines Textes wäre aber kaum etwas anderes als die >objektiv richtige Analyse< im Gewände der Wirkungsästhetik. Es hat sich rasch gezeigt, daß diese Hoffnung illusionär ist . Jede Aussage über einen Text bringt von Anfang an die Voraussetzungen und das Weltwissen des Interpreten ins Spiel, und das gilt selbstverständlich auch für die Aussagen über potentiell wirkungsmächtige Stellen. Eine Leerstelle ist nur faßbar in der Interpretation, die ihr Vorhandensein plausibel macht . Isers Wirkungsästhetik ersetzt die traditionelle Interpretation nicht, sondern erweitert nur ihren Hori-zont um die Frage nach der möglichen Wirkung von Textelementen bei der Sinnkonstituierung .

      Deshalb ist Iser vorgehalten worden, auf halbem Wege stehengeblieben zu sein: Er biete lediglich ein abstraktes Modell und betreibe im Grunde traditionelle Interpretation . Entweder wendet man sich daher realen Lesern und ihrer Lektüre zu, wie es die empirische Literaturwissenschaft oder die historische Leseforschung tun , oder man beläßt es bei Textinterpretationen, die man um die Idee der Leerstelle und der Vermutung über mögliche Wirkungen, mögliche lesersteuernde Funktionen bestimmter textlicher Details erweitert. So erscheint es auch sinnvoll, falls man den Weg in die Empirie der Leseforschung nicht beschreiten möchte, den Gedanken der Leerstelle im Rahmen einer allgemeinen Textanalyse systematisch neu zu formulieren - und dabei in Kauf zu nehmen, daß sich Akzentverschiebungen gegenüber dem von Iser Gemeinten ergeben können.
      Ihren Kristallisationskern haben alle einschlägigen Ãœberlegungen in einem Gedanken, den Iser als »Dialektik von Zeigen und Verschweigen« formuliert: »Das Verschwiegene [...] und die Leerstellen [...] stimulieren den Leser zu einer projektiven Besetzung des Ausgesparten. Sie [...] veranlassen ihn, sich das Nicht-Gesagte als das Gemeinte vorzustellen. [...] Der Kommunikationsprozeß [zwischen Text und Leser, M. R.] wird [...] durch die Dialektik von Zeigen und Verschweigen in Gang gesetzt und reguliert. Das Verschwiegene bildet den Antrieb der Konstitutionsakte, zugleich aber ist dieser Produktivitätsreiz durch das Gesagte kontrolliert, das sich seinerseits wandelt, wenn das zur Erscheinung gebracht wird, worauf es verwiesen hat.« Die hier angedeuteten Phänomene sind oft alltagssprachlich oder mit herkömmlichen, etwa rhetorischen Begriffen der Textanalyse hinreichend zu erfassen : Ellipse, Aposiopese, Ironie, Andeutung, Wortspiel, Ambiguität usw. Viel Belehrendes kann man etwa Emp-sons Klassiker »Seven Types of Ambiguity« und dem reichen Ãœberblick bei Christiaan L. Hart Nibbrig entnehmen .
      Einen gut nachvollziehbaren, wenn auch etwas technizistisch formulierten Vorschlag zur Methodisierung hat Michael Titzmannin seiner »Strukturalen Textanalyse« vorgelegt . Titzmann ordnet seine Hinweise um den Gedanken des bedeutsamen »Fehlens von etwas«: Im Hinblick auf einen sprachlichen oder kulturellen Standard, der in der Interpretation namhaft gemacht werden muß, fehlt in einem Text etwas, das vom Leser mitzubedenken und für die Konstituierung des Textsinnes bedeutsam ist.
      Zur Illustration müssen hier - natürlich ohne jeden Vollständigkeitsanspruch-wenige andeutende Beispiele genügen. Es gibt etwa:
grammatische Aussparungen , oder eine Aposiopese wie in Johnsons »Jahrestage« , als Marie Cresspahl und D. E. den New Yorker Bürgermeister Lindsay schmähen: »-John Vliet Lindsay ist ein ...: sagt Marie. [...] -John Vliet Lindsay ist ein ...: sagt D.E., und übertrumpft sie noch im bösen Leumund. Es ist ein Wort, das kennt nicht jedermann in New York, es gehört sich gewiß nicht für die Ohren um unseren Tisch herum, und es sollte vor Kindern nie und nimmer in den Mund genommen werden.«);
metrische Aussparungen, etwa ein fehlender Schlußreim wie in der letzten Strophe von Heines »Laß die heil'gen Parabolen«;
Aussparungen in der Handlungsdarstellung ; »un-formulierte Beziehungen« bei diskontinuierlicher Binnenstruktur eines Textes die gezielte Verletzung einer literarischen Norm ; gezielte Verstöße gegen herrschende Interpretationen von Wirklichkeit ; die fehlende Bestätigung einer moralischen Norm usw.
      Ein Zusammenhang zwischen Aussparungstyp und Bedeutsamkeit scheint nicht gegeben - in allen Arten wird es triviale und interessante Fällen geben. Hinsichtlich der Feststellbarkeit einzelner

Arten von bedeutungstragendem »Fehlen von etwas« dürften Fälle wie die unter bis genannten in der Regel einen höheren Grad von Auffälligkeit besitzen, während die »unformulierten Beziehungen« in den Fällen und in der Regel einen höheren Erklärungsaufwand bedingen, und zwar einen um so höheren, je verborgener oder je abhängiger von Wissensvoraussetzungen hinsichtlich des gemeinten Standards die Beziehung zwischen Textelementen oder zwischen Text und Außertextuellem ist. Die Grenzen, an denen die Rede vom bedeutungstragenden Fehlen vage wird, bleiben unscharf. Sobald aber weniger offensichtliche Beziehungen herzustellen sind, wird der Argumentationsaufwand höher, der nötig ist, um zu klären, ob überhaupt eine Leerstelle vorliegt. Jede risikofreudige Interpretation erschließt Neuland, und wenn sie glückt, erhellt sie Beziehungen, die vorher niemand gesehen und formuliert hatte, von denen aber nachher viele Beurteiler geneigt sind, sie als vorhanden anzusehen. Jede Neuorientierung der Fragestellung erschließt neue Bezugsfelder, so daß in psychoanalytischer, intertextueller, dekonstruktiver usw. Perspektive jedesmal eine Vielzahl neuer, als sinnvoll betrachteter Beziehungen entdeckt werden kann.
      Festzuhalten bleibt also nur, daß der Interpret überzeugend darlegen muß, zwischen welchen Textstellen oder in bezug auf welche Normen oder Modelle etwas ausgespart ist, obwohl es gemeint ist; was genau ausgespart ist; in welcher Weise auf das Verschwiegene hingedeutet wird; welche Funktion die Aussparung hat, also welche Hypothesenbildung angeregt wird; und er sollte darlegen, weshalb er die angezeigte Leerstelle für bemerkenswert hält. Mit Blick auf die Struktur eines Gesamttextes könnte von Interesse sein, ob eine bestimmte Art von Leerstelle in signifikanter Häufung oder signifikanten Positionen auftritt.
      Die Literaturwissenschaft hat sich über die Idee der Leerstelle hinaus mit Isers Verstehenstheorie wenig beschäftigt . Freilich ist die Literaturwissenschaft hier auch gar nicht recht zuständig, sondern viel eher die Erkenntnistheorie, die Psychologie, die Linguistik. Eine gründliche Auseinandersetzung, auch unter Einbeziehung empirisch gewonnener Daten ist aber bislang kaum erfolgt . Die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, ein abstraktes Lesemodell zu entwerfen, das von empirischen Gegebenheiten absieht, wird heute meist verneint. Lesen und Verstehen werden als komplexe Handlungen begriffen, die immer schon von vielfältigen lebensgeschichtlichen, psychischenund sozialen Bedingungen mitbestimmt, also Teil situierter Kommunikation sind . Eine aktuelle Darstellung von Verstehen aus der Sicht der kognitiven Linguistik geben Rickheit/Strohner 1993; sie zeigt übrigens, daß unser tatsächliches Wissen über die komplexen Prozesse sprachlichen Verstehens viel begrenzter ist, als die Sicherheit von Isers Globalentwurf glauben macht. Eine wichtige und gut lesbare Ergänzung zu Iser gibt D. W. Hardings Abhandlung »Psychologische Prozesse beim Lesen fiktionaler Texte« .
      Auch hat man auf die zahlreichen unausgesprochenen Voraussetzungen hingeweisen, auf denen Isers Modell ruht: Er beschreibt eine intellektualistische Lektüre, die sich fast ausschließlich dafür interessiert, wie literarische Texte Ideologien, Weltbilder, Sinnsysteme verarbeiten, und läßt dagegen die Frage nach der ästhetischen —> Wertung außer acht; er favorisiert Texte, in denen das Spiel mehrerer Standpunkte und Perspektiven entfaltet ist , während er monoperspektivischen und leerstellenarmen Texten wenig Interesse entgegenbringt ; Iser unterstellt, daß es zuallererst die Leerstellen seien, an denen sich die Sinnkonstitution entzünde, nicht etwa manifeste Positionen - was man jedenfalls zugunsten eines Sowohl-als-auch ersetzen sollte; Iser glaubt den realen Leser aus seinem Modell ausklammern zu können, neigt aber dazu, die Position des impliziten Lesers mit der realen Figur des inhaltlich wenig interessierten, akademisch-objektivistischen und auf maximale Texttreue bedachten Lesers zu besetzen und außerdem - nicht in seiner Theorie, aber in seinen Analysebeispielen - überhaupt zu übersehen, daß jede Aussage über einen Text die Aussage eines realen Lesers ist, dessen Behauptungen von Anfang an von seiner Standortgebundenheit, seiner Subjektivität und seinem Weltwissen beeinflußt sind. Der Fluchtpunkt, auf den hin alle diese Bemerkungen orientiert sind, ist Isers eigene Subjektivität. Terry Eagleton 1988 hat etwas boshaft, aber wohl nicht zu Unrecht Isers Theorie direkt neben die >hedonistische< Lesepraxis von Roland Barthes gestellt , die in dieser Hinsicht den Vorzug hat, daß sie ihre Subjektivität kraß, ja provozierend nach außen kehrt und so unübersehbar, aber auch angreifbar macht .
     

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