Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Verfahren der textanalyse

Index
» Verfahren der textanalyse
» Wirkungsästhetik
» Wolfgang Isers wirkungsästhetische Konzepte

Wolfgang Isers wirkungsästhetische Konzepte



Innerhalb des Theorienbündels der Rezeptionsästhetik grenzt Iser selbst seine Ãœberlegungen ab nach der Blickrichtung, aus der er die Rezeption betrachtet: Die Rezeptionsforschung setzt beim Rezipi-enten und beim Resultat eines Lesevorgangs an, sammelt Daten und Zeugnisse darüber, wie Texte tatsächlich aufgenommen und verarbeitet wurden und gewirkt haben; sie fragt nach den Bedingungen und Folgen der dokumentierten Rezeption.

      Der Klarheit halber sollte der Ausdruck >Wirkung< für tatsächliche bei einer Rezeption festzustellende Wirkungen reserviert bleiben. Um solche tatsächlichen Wirkungen aber geht es Iser nicht; er entwickelt ein abstraktes Modell des literarischen Textes als eines »Wirkungspotential[s], dessen Strukturen Verarbeitungen in Gang setzen und bis zu einem gewissen Grade kontrollieren« . Iser verwendet die Ausdrücke »literarisch« und »fiktional« offenbar synonym und interessiert sich für die spezifischen Funktionen, die in ihrem Charakter als fiktionalen Gebilden begründet sind - und die Iser fast ausschließlich im kognitiven Bereich, im Bereich von Erkenntnis und Sinnbildung, sieht. Er würde nicht bestreiten, daß ein fiktionaler Text auch alle möglichen moralischen, praktischen und emotionalen Wirkungen haben kann, aber er läßt sie beiseite und würde wohl auch bestreiten, daß in ihnen das Spezifische der Wirkung fiktionaler Texte läge.
      Isers Thema läßt sich in zwei Fragen formulieren: Wie sind fiktionale Texte beschaffen, und welche Funktion, d. h. welches Wirkungspotential resultiert aus dieser Beschaffenheit ? Wie realisiert sich diese Funktion beim Lesen?
Dementsprechend ist Isers Hauptwerk, »Der Akt des Lesens«, in zwei komplementär aufeinander bezogene Teile gegliedert: eine Texttheorie und eine Verstehenstheorie. In einem dritten Teil werden die Mechanismen der Text-Leser-Interaktion in den Blick genommen.
      In der Frage, wie man sich die Sinnbildung während des Lesens zu denken hätte und welche Rolle dabei der Text, welche der Leser spielen, schlägt Iser einen mittleren Weg ein: Weder ist der Sinn eines Textes vollständig in ihm enthalten und läßt sich durch sachgerechtes Verstehen gleichsam entnehmen , noch ist der Text lediglich eine Projektionsfläche für beliebige individuelle Bedeutungszuweisungen . Vielmehr sind fiktionale Texte gleichzeitig so beschaffen, daß sie zwar immer neue und gleich angemessene Realisationen erlauben, zugleich aber doch nicht alle Realisationen als gleichberechtigt akzeptiert werden müssen. Denn fiktionale Texte sind in mancher Hinsicht bestimmt, gleichzeitig jedoch in anderer Hinsicht unbestimmt. Dieser Zentralgedanke von Isers Texttheorie ist in mehrere Aspekte aufgefächert. Zu unterscheiden sind die pragmatische und die semantische Unbestimmtheit fiktionaler Texte.

     
Ihrem kommunikativen Status nach unterscheidet Iser fiktionale von nicht-fiktionalen Texten dadurch, daß er sie nicht als Teil einer realen Kommunikationssituation zwischen einem bestimmten Absender und einem bestimmten Adressaten und mit einem bestimmten Zweck ansieht. Vielmehr sind sie entpragmatisiert, und das ist die Bedingung dafür, daß sie an die Erfahrungswirklichkeit vieler verschiedener Leser auch unterschiedlicher Epochen anschließbar sind. Diese Gedanken weiterführend, gelangt Karlheinz Stierle zu einem eigenen, vielbeachteten Modell der Rezeption fiktionaler Texte .
      Zur pragmatischen Unbestimmtheit tritt die semantische. Ein fiktionaler Text stellt einen ästhetischen Gegenstand dar, der niemals mit bereits Existierendem identisch ist und ausschließlich mit Hilfe dieses Textes konstituiert wird . Der ästhetische Gegenstand und seine Konstituierung ist aber vom Text nicht vollständig determiniert; er weist - in von Text zu Text variierendem Maße - Momente von Unbestimmtheit auf. Zu deren Behebung bei der Lektüre kann der Leser von Gegebenheiten des Textes ausgehen, ist aber bei der Ausgestaltung des im Text Angelegten unausweichlich auch auf seine Subjektivität angewiesen.
      Den Textaufbau beschreibt Iser mit Hilfe der Begriffspaare Selektion und Kombination bzw. Repertoire und Strategien - wohlbekannte Begriffe aus dem Strukturalismus, die Iser aber in einem eigentümlichen Sinn verwendet. Während in der strukturalen Linguistik als Elemente von Texten vor allem linguistisch definierte Einheiten - Silben, Wörter, Sätze - angesehen werden, meint Iser mit Repertoireelementen »das selektierte Material, durch das der Text auf die Systeme seiner Umwelt bezogen ist« . In Anlehnung an die Systemtheorie Luhmanns und gleichzeitiger Abwehr einer marxistischen Widerspiegelungslehre begreift Iser als die Bezugsrealität fiktionaler Texte nicht >die Wirklichkeit< schlechthin, sondern immer nur Wirklichkeitsverarbeitungen: die »Weltbilder, Sinn- oder Sozialsysteme«, »Interpretationssysteme« , Konventionen und Normen einer Zeit . Diese würden überhaupt erst zugänglich, indem sie in Sprache gefaßt würden . Darüber hinaus können sich literarische Texte auf andere literari-sehe Texte beziehen, auf »Bruchstücke vorangegangener Literatur« , die genauso wie die Interpretationssysteme usw. im Text »eingekapselt« seien . Selbstverständlich bestehen Texte auch für Iser aus sprachlichen Einheiten, die man mit linguistischen Begriffen beschreiben kann. Ihn beschäftigen aber nur diejenigen Interpretationssysteme, denen sich die linguistisch beschreibbaren Einheiten zuordnen lassen. - In jedem Fall konstituiert sich Isers »Textrepertoire« aus abstrakten und interpretationsintensiven Elementen, deren Identifikation interpretativer Anstrengung und sprachlich-kulturellen Wissens bedarf. Dies um so mehr, als die Sinnsysteme immer nur in einer bestimmten Fassung und bruchstückhaft in fiktionalen Texten »eingekapselt« sind.
      Die Anordnung der Repertoireelemente ist Aufgabe der Textstrategien. Sie sind verantwortlich für die »textimmanente Organisation des Repertoires« auf allen Textebenen, z. B. für die Handlungsfügung, vor allem aber für die gedankliche Perspekti-vierung der Repertoire-Elemente. Zugleich zeichnen sie dadurch »jene Bahnen [vor], durch die die Vorstellungstätigkeit gelenkt und damit der ästhetische Gegenstand im Rezipientenbewußtsein hervorgebracht werden kann« . Im Bereich erzählender Texte entspricht dem teilweise der herkömmliche Begriff der Erzähltechnik . Denn hier regulieren die Textstrategien nicht nur, wie die Elemente des Geschehens auf der Ebene des >plot< angeordnet sind, sondern auch, aus welcher Erzählperspektive, in welcher Reihenfolge oder in welcher Vollständigkeit sie dem Leser dargeboten werden - und regulieren damit, welche gedanklichen Schritte beim Erfassen des Dargestellten vollzogen werden müssen.
      Wenn nun im literarischen Text die ausgewählten Systembruchstücke in einen neuen Zusammenhang eintreten, werden die Grenzen deutlich, die die einzelnen Sinnsysteme bei der gedanklichen Ordnung der Wirklichkeit haben. Die Verpflanzung in den neuen Kontext eines literarischen Werkes erlaubt die »Bilanzierung der Defizite« der herrschenden Systeme - das ist Isers zentrale These zur Funktion von Literatur .
      Im Gleichnis des Hausbaus entsprächen dem Textrepertoire die Bauelemente und den Textstrategien der Bauplan. Dieser Bauplan regelt den Textaufbau und die Vorstellungsbildung im Bewußtsein des Lesers. Es ist gleichsam die Baustelle, auf der - vermittels derkognitiven Operationen, die das Lesen begleiten - der ästhetische Gegenstand, den der fiktionale Text darstellt, überhaupt erst entsteht. Hierbei geht es - und das ist ein wesentlicher Gedanke Isers -nicht nur um das Ergebnis, sondern genauso um den Rezeptionsprozeß selbst. Ja, offenbar ist für die ästhetische Erfahrung das, was ein Leser am Ende einer Lektüre in Sätzen festhalten kann, sogar weniger entscheidend als das, was während des Lesens in und mit ihm geschieht.
      Iser setzt dabei zwei Dinge voraus, die vielleicht als anthropologische Konstanten anzusehen sind: Jede Informationsaufnahme, also auch jede Lektüre, sei von vornherein von dem Bestreben begleitet, sie in einen individuell befriedigenden Sinnzusammenhang zu bringen. Zum anderen verfüge das menschliche Bewußtsein über die Fähigkeit zu antizipierender Hypothesenbildung und rückwirkender Korrektur der urprünglichen Erwartung.
Die bei fortschreitender Lektüre entstehenden einzelnen Vorstellungssegmente werden, entsprechend dem fortschreitenden Auftauchen und Verschwinden der Textelemente, durch ständige vorausgreifende Hypothesenbildung und ständige Bestätigung oder Revision der ursprünglichen Erwartung zueinander in Beziehung gesetzt, nämlich zu einem als stimmig empfundenen Ganzen verknüpft, einer »konsistenten Interpretation« , »Sinnkonfiguration« oder »Gestalt«. Die Vorstellungssegmente stehen dabei während des Lese- und Verarbeitungsvorgangs in einem Verhältnis von Thema und Horizont . Die Sinnbildung vollzieht sich zumal bei längeren Texten auf der Basis einer sehr großen Zahl zu verknüpfender Vorstellungssegmente und auf mehreren Ebenen. Im Roman oder im Drama gilt es etwa auf der Ebene der Handlung, den >plot< zu rekonstruieren. Dabei unterstellt Iser, daß sich Leser jedoch mit der Rekonstruktion der Handlung meist nicht zufriedengeben, sondern sich letztlich vor allem für die Ebene der Erkenntnis und Beurteilung der Wirklichkeit interessieren .

     
In diesem Lesemodell spielt einer der meistzitierten und schwierigsten Begriffe Isers eine wichtige Rolle: der des impliziten Lesers. Iser formuliert ihn analog zum Begriff des »impliziten Autors«, den der amerikanische Literaturwissenschaftler Wayne C. Booth eingeführt hat. Was damit offenbar nicht gemeint ist, ist leichter zu sagen, als eine positive Bestimmung zu treffen. Der implizite Leser ist nicht der Leser, der häufig in literarischen Texten direkt angesprochen wird - das wäre etwa ein fiktiver Leser, analog zum Erzähler . Der implizite Leser ist auch weder der Leser, den ein Autor im Blick hat, wenn er seine Texte schreibt - das wäre etwa der historisch zu lokalisierende Adressat oder intendierte Leser -, noch der reale empirische Leser. Der implizite Leser ist aber auch nicht ein fiktiver idealer Leser, der bei seiner Lektüre alles, was der Text an Bedeutungsangeboten enthält, vollständig realisieren könnte. Immerhin scheint diese Vorstellung dem, was Iser mit seinem Begriff meint, noch am nächsten zu kommen. Denn wie der ideale Leser hat auch der implizite Leser »keine reale Existenz« und ist auch überhaupt kein Leser - die personifizierende Redeweise ist leider irreführend. Der implizite Leser ist vielmehr die »Wirkungsstruktur des Textes« , und zwar einerseits als Eigenschaft der Texte, nämlich als »Gesamtheit der Vororientierungen, die ein fiktionaler Text seinen möglichen Lesern als Rezeptionsbedingungen anbietet« , und andererseits als der »Ãœbertra-gungsvorgang, durch den sich die Textstrukturen über die Vorstellungsakte in den Erfahrungshaushalt des Lesers übersetzen« . Iser spricht auch von der »im Text ausmachbaren Leserrolle, die aus einer Textstruktur und einer Aktstruktur besteht« . Es scheint, als bezeichne »impliziter Leser« sowohl die Gesamtheit aller gedanklichen Operationen, die ein Text für eine adäquate Rezeption vom Leser fordert, als auch die entsprechenden kognitiven Operationen und die textlichen Grundlagen selbst. Das Konzept des impliziten Lesers ist ein »transzendentales Modell, durch das sich allgemeine Wirkungsstrukturen fiktionaler Texte beschreiben lassen« , ein allgemeinster Beschreibungsrahmen für die bewußtseinsmäßige Form, in der sich alle individuellen Realisierungen aller fiktionalen Texte vollziehen . Jeder reale Leser kann die Wirkungsstrukturen eines fiktionalen Textes »immer nur selektiv realisieren«, und zwar »je nach den lebensweltlichen Dispositionen sowie dem Vorverständnis« . Jede Lektüre ist vorläufig, auch der umfassendste Kommen-tar kann die »Wirkungsstruktur der Texte« nicht vollständig realisieren.
      Das Konzept des »impliziten Lesers« ist zwar bekannt geworden, hat sich aber kaum durchsetzen können, und es ist unklar, ob es sich halten läßt. Neuerdings hat Ansgar Nünning vorgeschlagen, auf die Begriffe »impliziter Autor« und »impliziter Leser« völlig zu verzichten; was ihnen innerhalb eines Textes zugeordnet werden kann, solle statt dessen im Konzept einer textuellen Ebene gefaßt werden, die von der Gesamtheit der bedeutungstragenden Strukturelemente eines Textes gebildet wird .
      Iser nimmt an, daß fiktionale Texte nicht nur in pragmatischer Hinsicht unbestimmt sind, sondern auch - und vor allem - in semantischer: Vielfach ist in ihnen etwas ausgespart, wodurch der Leser angeregt wird, seine Subjektivität, sein Kombinationsvermögen, seine Vorstellungskraft, sein Weltwissen, seine Wertvorstellungen ins Spiel zu bringen. Dabei unterscheidet Iser »Unbestimmtheitsstellen« im engeren Sinn von »Leerstellen« und »Negationen«, und zwar nach der Art der jeweils geforderten Leseraktivität. Den Begriff »Unbestimmtheitsstelle« übernimmt Iser von Roman Ingar-den: Der Text bestehe aus »schematisierten Ansichten« der intendierten Gegenstände; sie heißen »schematisiert«, weil sie nur soweit detailliert sind, wie es dem Autor für die Zwecke der Darstellung notwendig erscheint. Unbestimmtheitsstellen zeigen dem Leser eine »Komplettierungsnotwendigkeit« an . Den Anreiz, diese Art von Unbestimmtheit durch Vorstellungsarbeit zu beseitigen oder zu vermindern, hält Iser für gering, sofern er überhaupt empfunden wird. Zentrale Bedeutung haben für ihn hingegen die Arten von Unbestimmtheit, die er mit den Begriffen Leerstelle und Negation zu fassen sucht.
      Die sinnkonstituierende Aktivität des Lesers ist nach Iser am befriedigendsten, wenn der Leser die einzelnen Vorstellungssegmente selbständig aufeinander bezieht und nicht nur explizite Formulierungen nachbuchstabiert. »Erst die Leerstellen gewähren einen Anteil am Mitvollzug und an der Sinnkonstitution des Geschehens.« Besonders aktivitätsfördernd wäre eine Stelle, an der es zwischen den Elementen des Repertoires semantische oder normative Spannungen gibt, so daß sich divergierende Perspektiven auf den Gegenstand und das Thema des Textes ergeben. Sodann müssen die Textsegmente - das wäre der Beitragder Textstrategien - so angeordnet sein, daß die thematisch oder normativ divergierenden Elemente des Repertoires unvermittelt aufeinanderstoßen: »Leerstellen [...] zeigen eine Kombinationsnotwendigkeit an.« Die Kombinationsnotwendigkeiten werden desto zahlreicher, je reicher ein Text an bedeutungstragenden und aufeinander beziehbaren Details ist, je mehr diese Details unterschiedlichen Standpunkten und Sichtweisen zugeordnet werden können und je weniger offensichtlich die Beziehungen sind oder je weniger einschlägige Hinweise im Text bereits formuliert sind — solange der Text lesbar bleibt . Insofern ist eine Leerstelle jede Stelle zwischen Textelementen, die eine Hypothesenbildung darüber erfordert, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Erfolgt die geforderte Hypothesenbildung tatsächlich, wird die Leerstelle aufgefüllt.
      Sind die Leerstellen als »unformulierte Beziehungen« , als »im Text ausgesparte Anschließbarkeiten«, als »Gelenke des Textes«, als »gedachte Scharniere der Darstellungsperspektiven« den Textstrategien zuzuordnen, so die Negationen dem Textrepertoire: »Die Negationspotentiale rufen Bekanntes oder Bestimmtes auf, um es durchzustreichen; als Durchgestrichenes bleibt es im Blick und verursacht angesichts seiner gelöschten Geltung Modifizierungen in der Einstellung« des Lesers . Iser denkt hier vor allem an »gezielte Teilnegationen« »eingekapselter Normen« ; eine »Negation erzeugt [...] Leerstellen im selektierten Normenrepertoire« oder »markiert« »eine Verdeckung am bekannten Wissen und [stellt] damit dessen Geltung in Frage« .
      Isers verstreuten Andeutungen folgend , kann versucht werden, einen - unvollständigen - Katalog textlicher Bedingungen für Leerstellen zusammenzustellen. Zu ihnen gehören: die Technik des harten Schnittes, wodurch die Textelemente diskontinuierlich segmentiert werden - eine Erzählsequenz wird an einer spannenden Stelle abgebrochen, unvermittelt werden neue Figuren eingeführt oder neue Handlungsstränge begonnen; es werden Erzählerkommentare gegeben, die das Geschehen nicht auktorial-verbindlich interpretieren, sondern selber nur Hypothesen entwerfen, die der Leser koordinieren, als Anspielung oder Andeutung erkennen oder als ironische Mehrdeutigkeit identifizieren muß ; auch Strategien literarischer Camouflage würden hierher gehören , ebenso die von Warning 1975b in die-sem Zusammenhang genannte Technik der Verfremdung. Offenbar sind die Grenzen zwischen der Aussparung einer Beziehung und der Aussparung einer Information, die der Leser in seiner Vorstellung ergänzen muß, in Isers Konzept fließend.
      Eine »Negation« kann z. B. dort bestehen, wo der Leser die Beziehung zu einem gezielt nicht angewendeten Erzählverfahren herstellen muß . Solch ein »ausgespartes Verfahren« , das der Leser gleichwohl »als Hintergrund gewärtigt« , ist z. B. die Linearität des Erzählens in Sternes »Tristram Shandy« oder eine erzählerorientierte und leserorientierende Erzählweise, die in Joyces »Ulysses« aufgegeben sei. Ebenso kann - wiederum gezielt - auch eine soziale oder moralische Norm außer Kraft gesetzt sein und dadurch eine normbezogene Erwartung gleichzeitig aufgebaut und enttäuscht werden -wenn etwa der Selbstmord im »Werther« oder der Ehebruch in »Madame Bovary« nicht ausdrücklich verurteilt werden.
      Prinzipiell sind diejenigen Leerstellen, die nur dadurch zustande kommen, daß der Leser bei der Erstlektüre noch nicht über alle Informationen des Textes verfügen konnte, beseitigt, wenn die Lektüre beendet ist. Es gibt aber auch Informationslücken, die sich selbst bei wiederholter Lektüre nicht oder nur mit einem bestimmten Grad an Wahrscheinlichkeit beseitigen lassen. Auch die gründlichste Lektüre kann nicht verbindlich klären, ob Uwe Johnson seinen Jakob Abs durch Unfall, Selbstmord oder gar Mord zu Tode kommen läßt - es bleibt bei »Mutmassungen über Jakob«.
      Verschwinden mit abgeschlossener Erstlektüre viele, namentlich informatorische Leerstellen hinsichtlich des Handlungsverlaufs und seiner Motivation, so werden - jedenfalls in komplexeren Texten -zahlreiche andere überhaupt erst sichtbar. Die »zusätzliche Information bildet die Voraussetzung dafür, daß nun die unformulierten Beziehungen zwischen den einzelnen Textsituationen sowie die dadurch gewahrten Zuordnungsmöglichkeiten anders, vielleicht sogar intensiver genutzt werden können. Das Wissen, das nun den Text überschattet, gewärtigt Kombinierbarkeiten, die in der Erstlektüre oftmals dem Blick noch verschlossen waren. Bekannte Vorgänge rücken nun in neue, ja sogar wechselnde Horizonte und erscheinen daher als bereichert, verändert und korrigiert.« Erst bei wiederholter Lektüre wird z. B. die >unformulierte Bezie-hung< erkennbar, die das zweimalige Auftreten der lakonischen Aufforderung »Effi komm!« an weit auseinanderliegenden Knotenpunkten der Handlung verbindet.
      Nicht nur das Fehlen autoritativer Interpretationen beim Aneinanderstoßen benachbarter Textsegmente erzeugt eine Leerstelle. Vielmehr ist in vielen Fällen gerade die Koordination weit auseinanderliegender Textelemente verlangt - etwa des Zugunfalls, den Anna Karenina beobachtet und Annas eigenem Selbstmord .
      Freilich droht sich die Rede von der Leerstelle als »unformulier-ter Beziehung«, als »Kombinationsnotwendigkeit« oder »ausgesparter Anschließbarkeit« ins Vage zu verlieren. Denn schließlich ist »Leerstelle« gleichbedeutend mit: Fehlen expliziter Formulierung dessen, was aufeinander beziehbare Textelemente miteinander verbindet, oder mit interpretationsrelevanter Beziehung überhaupt. Jede sinnvolle Beziehung zwischen Textelementen, die nicht ausdrücklich und autoritativ charakterisiert ist, wäre dann eine Leerstelle - gleich in welcher Textart, zwischen welchen Textelementen und zwischen welchen innertextlichen und außertextlichen Dingen auch immer.
     

 Tags:
Wolfgang  Isers  wirkungsästhetische  Konzepte    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com