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Entfaltung und Ausdifferenzierung der Rezeptionsforschung



Die Rezeptionsforschung entfaltete sich stürmisch gegen Ende der sechziger Jahre, hat aber in die dreißiger Jahre zurückreichende vielfältige Wurzeln vor allem im Umkreis des Prager -> Strukturalismus, in der phänomenologischen Literaturtheorie Roman Ingar-dens und in der -> Hermeneutik Hans-Georg Gadamers mit ihrer These von der subjektiven Standortgebundenheit alles Verstehens .


      Daß man sich Ende der sechziger Jahre verstärkt, ja enthusiastisch der Rolle des Lesers innerhalb der Kommunikationsstruktur Autor - Text - Leser zuwandte, hatte vielfältige Ursachen : das Ungenügen an der tendenziell geschichtslosen Auslegungspraxis der -> >textimmanenten< Analyse, die objektive Gültigkeit beansprucht habe, wo doch die Widersprüchlichkeit, ja Unvereinbarkeit verschiedener konkurrierender Deutungen ebenso offensichtlich sei wie die zeitbefangene Subjektivität der Meister der »Kunst der Interpretation«, die ihre Auslegungen »oft in hieratischem Ton aufden Kathedern deutscher Hörsäle« vorgetragen hätte ; gemeint waren namentlich Emil Staiger und Wolfgang Kay-ser. Zudem orientiere sie sich zu sehr an einem klassizistischen Stim-migkeitsideal, das die Kunst der Moderne mit ihrem »Negativitäts-habitus« verfehle .
      Die Unzufriedenheit mit dieser Art der Textauslegung traf nun zusammen mit der Forderung nach gesellschaftlicher Emanzipation und Modernisierung, nach Teilhabe an EntScheidungsprozessen -wie in der Gesellschaft und in der Universität so auch in der Beschäftigung mit Texten. Damit verbunden war die Forderung, die als dürftig empfundenen wissenschaftstheoretischen Fundamente der Literaturwissenschaft auf eine sichere, auch ideologiekritisch geprüfte Grundlage zu stellen und die Rolle des Lesers im Umgang mit Texten aller Art, nicht nur denen eines weltliterarischen -> Kanons, methodologisch zu reflektieren.
      Daß Textauslegung einem historischen Wandel unterlag, daß verschiedene Leser, auch gleich kompetente Leser, die gleichen Texte unter verschiedenen Bedingungen ganz verschieden gelesen und gedeutet hatten, wurde zunehmend als Herausforderung empfunden. 1967b trat Harald Weinrich mit einer brillanten historischen Skizze einer Lesergeschichte hervor, die den appellativen Titel »Für eine Literaturgeschichte des Lesers« trug; im selben Jahr erregte Hans Robert Jauß Aufsehen mit seiner Konstanzer Antrittsvorlesung »Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft« . Konstanz wurde nun ein Zentrum rezeptionsästhetischer Studien; 1967 wurde neben Jauß auch Wolfgang Iser dorthin berufen. Isers wirkungsästhetische Ãoberlegungen hatten sich in einer Reihe anregender Analysen leserlenkender Erzählstrategien von englischsprachigen Romanen angebahnt und wurden ebenfalls in seiner Konstanzer Antrittsvorlesung umfassend skizziert: »Die Appellstruktur der Texte« . Hier sind fast alle Ideen Isers im Kern enthalten. In der Folge erläuterte Iser seine Theorie in verschiedenen Diskussionsbeiträgen und arbeitete sie in seinem systematischen Hauptwerk »Der Akt des Lesens« aus.
      Seit Ende der sechziger Jahre hatte sich die Beschäftigung mit der Rezeption von Texten rasch ausdifferenziert: Neben Isers Bemühungen und die hermeneutische Rezeptionsästhetik von Jauß traten Einzeluntersuchungen zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte

, und einschlägige Dokumentationen wurden bald fester Bestandteil anspruchsvollerer Editionsvorhaben. Es bildete sich eine »Empirische Literaturwissenschaft« heraus, deren Hauptvertreter in Deutschland der radikale Konstruktivist< Siegfried J. Schmidt und der >gemäßigte Konstruktivist< Norbert Groeben sind . Während Schmidt eher als Theoretiker einer empirischen Literaturwissenschaft auftritt , hat Groeben Ergebnisse empirischer Untersuchungen zusammengefaßt . Empirische Rezeptionsforschung arbeitet vor allem mit Methoden, die in der Sozialforschung und in der empirischen Psychologie entwickelt wurden . Das Verhältnis von Hermeneutikern und Empirikern zueinander ist vielfach von Skepsis, Argwohn, ja Hochmut geprägt - nicht eben günstige Voraussetzungen für den doch unerläßlichen Dialog zwischen beiden Lagern .
      Weitgehend unabhängig von der literaturtheoretischen Diskussion nahm, vor allem in den USA, die kognitive Psychologie und mit ihr die empirisch-psychologische Erforschung des Lesens und der Aufnahme und Verarbeitung des Gelesenen einen beachtlichen Aufschwung, im Hinblick auf verstehende wie auf affektiv orientierte Lektüre .
      Eher zögernd kam seit Ende der siebziger Jahre die Diskussion rezeptionsästhetischer Ideen in den USA in Gang. Beachtliche Verbreitung fanden dann namentlich Isers Entwürfe, die vielfach in das Interpretationssystem des »New Criticism« eingepaßt wurden . Unabhängig davon hatte es in den USA be-reits eine intensive Debatte um die Einbeziehung von Leserreaktionen in die Textauslegung gegeben, die unter dem Stichwort »reader-response-criticism« zusammengefaßt werden. Sie sind teils behavioristisch, teils psychoanalytisch orientiert und interessieren sich in jedem Fall für die individuelle, besonders die affektive Leserreaktion .
      Als 1976 Isers »Der Akt des Lesens« erschien, hatte die Rezeptionsästhetik den Höhepunkt ihrer akademischen Wirkung erreicht . Rezeptionsästhetische Ideen wurden in allen Philologien, im Westen wie in der DDR, lebhaft diskutiert. Wie keine andere Theorie hatte die Rezeptionsästhetik im Zeichen einer auf Emanzipation gestimmten Gesellschafts- und Bildungspolitik unmittelbar Eingang in die Literaturdidaktik gefunden, und ihr Einfluß hat hier bis zur Mitte der neunziger Jahre noch zugenommen, wie sich an den schulischen Rahmenrichtlinien vieler Bundesländer ablesen läßt. Zentral ist hier die Ergänzung, manchmal auch Verdrängung begriffsbestimmter Textanalyse durch die Gestaltung der individuellen Lektüreerfahrung mit Hilfe »produktionsorientierter« Verfahren: Durch das Umschreiben literarischer Texte lasse sich, so hofft man, sowohl die persönliche Erfahrung des Lesers in die Beschäftigung mit literarischen Texten besser einbeziehen als auch ein angemessenes Verständnis für die Aussage und Form solcher Texte fördern.
      Demgegenüber ist die Rezeptionsästhetik in der universitären Literaturwissenschaft seit Ende der siebziger Jahre zumindest in den Hintergrund getreten. Eine Ursache dafür dürfte sein, daß einige ihrer Ideen in das Grundrepertoire literaturwissenschaftlichen Arbeitern eingegangen sind und damit ihre Auffälligkeit verloren haben. Die genaue Erforschung realer Leseprozesse im Umkreis sozial-, medien- und geschlechtsspezifischer Fragestellungen hat in den vergangenen Jahren überhaupt erst eingesetzt . Ein weiterer Grund ist aber wohl auch, daß sich viele Ideen nicht genügend operationalisieren ließen. Verglichen mit den zahllosen rezeptionsgeschichtlichen Arbeiten und gemessen an der Menge von Textanalysen überhaupt, ist die Zahl derjenigen Untersuchungen, die sich z. B. ausdrücklich Isers Konzept verschrieben haben, sehr gering . Zuberücksichtigen ist ferner, daß gerade Iser es seinen Lesern auch nicht eben leicht macht. »Der Akt des Lesens« ist in der Darstellung weder sehr bündig noch sehr klar. Zwar erweckt der enorme begriffliche Aufwand den Eindruck großer Genauigkeit, bei schärferem Hinsehen zeigt sich aber oft eine eigentümliche Vagheit. Die Frage, was Iser mit Zentralbegriffen wie »Textrepertoire«, »impliziter Leser« oder »Leerstelle« genau meint, zwingt den Leser zu mühsamen Rekonstruktionen. Außerdem bezieht sich Iser, um seine Ideen zu entwickeln, auf eine Fülle heterogener Theorien und Denkmodelle und nötigt den Leser dadurch, die Begriffsoptik ständig neu zu justieren. So entwickelt Iser seine Ãoberlegungen zum kommunikativen Status fiktionaler Texte mit Hilfe der Sprechakttheorie; Funktion und Wirklichkeitssbezug fiktionaler Texte erläutert er mit Hilfe der Luhmannschen Systemtheorie; zur Beschreibung der Sinnbildung im Leserbewußtsein benutzt Iser Konzepte der Gestaltpsychologie und Phänomenologie . Kritiker bestreiten den Nutzen dieses Theorien-Zappings und werfen Iser Eklektizismus und inkonsistente Begriffshypertrophie vor .
      Seit Anfang der achtziger Jahre hat Iser sich nicht mehr darum bemüht, sein Modell der Sinnbildung im Akt des Lesens weiter auszubauen. Vielmehr hat er sich zum einen wieder verstärkt der Textanalyse zugewandt und z. B. Interpretationen von Shakespeares Historien und von Sternes »Tristram Shandy« vorgelegt, die auf seiner Texttheorie basieren, in denen aber erstaunlicherweise seine berühmtesten Begriffe - die des »impliziten Lesers« und der »Leerstelle« - fast gar nicht mehr verwendet werden. Zum anderen hat Iser Gedanken weiterentwickelt, die er schon in seinem Entwurf von 1970 skizziert hatte: welche anthropologische Funktion nämlich fiktionale Texte überhaupt haben könnten .
     

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