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Zur Kritik der »immanenten Interpretation«



Gegen einige naheliegende Mißverständnisse der »immanenten Interpretation« hat sich Staiger selbst entschieden verwahrt:
»Sowie man sich entschlossen hatte, einzig dem dichterischen Wort zu dienen, geriet man in die Versuchung, eine falsche Konsequenz zu ziehen. Man kümmerte sich überhaupt nicht mehr um die Voraussetzungen des Werks, um die Tradition, auf der es beruht, die Welt, in die es hineingehört. Man interpretierte sozusagen munter aus der blauen Luft. Und das hieß denn doch: man beschrieb im Grunde nur seinen eigenen Eindruck. Gerade indem man selbstlos zu sein begehrte, geriet man in die arroganteste Subjektivität. Die Resultate liegen in einer Reihe von Publikationen vor, die schon nach wenigen Jahren kein Mensch mehr ernsthaft lesen, die jedermann als Zeugnis einer sonderbaren Verirrung, vielleicht, was auch nicht unrichtig wäre, als Beweis der unverfrorensten Bequemlichkeit ansehen wird.«


Die Fragwürdigkeit und Grenze des Verfahrens liegt also nicht in einer radikalen Negation der Geschichte, sondern in der faktischen Beschränkung auf Literatur- und Kulturgeschichte ohne Einbezug der politischen und der Sozialgeschichte und in der Beschränkung auf diejenigen Formen der Kunst, die noch eine gewisse Unmittelbarkeit des Zugangs ermöglichen. Der gravierendste Mangel aber liegt wohl im einseitig klassizistischen Kunstbegriff, der die Norm der Interpretation ebenso bestimmt wie die Norm dessen, was als Kunst zu gelten habe: Das Kunstwerk muß als stilistisch kohärente Einheit zu beschreiben sein; das historische Wissen wird auf seine heuristische Funktion zum Erweis dieser »Stimmigkeit« beschränkt . Die an die Mörike-Debatte anschließende Frage, wieso es denn zur beklagten Mißachtung des Schönen in der Gegenwart gekommen sei, bedürfte historischer, politischer, zivilisationsgeschichtlicher Erörterungen.
      Max Wehrli hat auf Staigers Forderung, »zu begreifen, was mich ergreift«, erwidert, daß es »freilich auch gelingen soll zu begreifen, was mich nicht ergriffen hat« . Bestimmte Texte des Mittelalters, des Barock, aber auch der Moderne, überhaupt antiklassizistische und manieristische Verfahren sind unmittelbarer Wahrnehmung des Gefühls nicht zugänglich, weil sie von ganz anderen Dichtungskonzepten ausgehen als dem von Staiger vorausgesetzten:
»Zahlreiche Kunstwerke der Vergangenheit, darunter hochberühmte, sind unmittelbar nicht mehr zu erfahren und werden von der Fiktion solcher Unmittelbarkeit verfehlt. [...] Die Beschreibung ästhetischer Erfahrungen, Theorie und Urteil, ist zu wenig. Bedarfes der Erfahrung der Werke, nicht bloß des herangebrachten Gedankens, so stellt umgekehrt kein Kunstwerk in unmittelbarer Gegebenheit adäquat sich dar; keines ist rein aus sich selbst heraus zu verstehen. Alle sind ebensowohl ein Insichgebildetes, von eigener Logik und Konsequenz, wie Momente im Zusammenhang von Geist und Gesellschaft.«
Zugleich zeigt sich das Problem der literarischen Wertung: »Fatalerweise lassen sich gerade diejenigen Attribute, welche von der Stimmigkeitslehre der höchsten Kunst vorbehalten werden, Ordnung, Rundheit, Harmonie mit dem gleichen Recht auch dem Kitsch zusprechen.« In den besten Beispielen entwickelte die Werkinterpretation freilich eine Sensibilität der Wahrnehmung und der Lektüre, die wir in der Praxis wissen-schafts- und literaturtheoretisch anspruchsvollerer Methoden allzuoft vermissen - eine notwendige, wenn auch gewiß noch nicht hinreichende Voraussetzung für die sinnvolle Anwendung jeder Methodik der Interpretation.
      Die Grenzen und Probleme der immanenten Werkinterpretation zeigten sich in aller Schärfe im sogenannten »Zürcher Literaturstreit« von 1966 . Er trug wesentlich zu einem umfassenden Paradigmenwechsel der Literaturwissenschaft bei. Anlaß war Staigers im Zürcher Schauspielhaus gehaltene Rede »Literatur und Ã-ffentlichkeit« . Staiger griff darin die engagierte Literatur der Gegenwart als eine Entartung jenes Willens zur Gemeinschaft an, der Dichter vergangener Tage beseelt habe, und beklagte eine amoralische Haltung der gegenwärtigen Literatur, in der es »von Psychopathen [wimmle], von gemeingefährlichen Existenzen, von Scheußlichkeiten großen Stils«; »lichtscheu« und »niederträchtig« gehe es zu. Hatte er schon am Schluß seines Schiller-Buches gegen den Romantiker Friedrich Schlegel und für den Klassiker Schiller Partei ergriffen , so spielt er nun abermals den klassischen gegen den romantischen Kunstbegriff aus. Max Frisch, Paul Nizon und zahlreiche andere betroffene Schriftsteller meldeten sich zum Gegenangriff; es kam zu einem grundsätzlichen Streit über das Verhältnis von Kunst, Geschichte und Gesellschaft. Dabei zeigte sich die Gegenwartsliteratur als Produzentin neuer Erfahrungsmodelle, die auch zur Revision wissenschaftlicher Methodik führen sollten.
     

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