Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Verfahren der textanalyse

Index
» Verfahren der textanalyse
» Formen - textimmanenter - Analyse
» Von der Werkinterpretation zur Form- und Funktionsanalyse im soziokulturellen Kontext

Von der Werkinterpretation zur Form- und Funktionsanalyse im soziokulturellen Kontext



Wolfgang Kayser gehört mit Staiger zu den Hauptvertretern der Werkinterpretation. Sein erstmals 1948 erschienenes Buch »Das sprachliche Kunstwerk« war für Generationen von Germanistinnen und Germanisten eine Einführung in die Literaturwissenschaft oder mindestens eine Einführung in die Werkinterpretation und ist es lange geblieben . Als Ziel germanistischer Forschung bestimmt es Kayser, Dichtung als in sich geschlossenes sprachliches Gefüge zu verstehen. Im ersten, analytischen Teil werden Elemente und Grundbegriffe der -> Metrik, der Rede- und Aufbauformen behandelt. Der zweite Hauptteil verbindet diese isolierten Darstellungen mit den integrierenden Begriffen des Gehalts, des Rhythmus, der -> Stilistik und -> Gattungsfragen. Interpretation wird von Kayser definiert als »die auf Verstehen beruhende Erfassung und Vermittlung des eine Sinn- bzw. Funktionseinheit bildenden Komplexes«. Während Staiger die im subjektiven Gefühl gründende Interpretation betont, akzentuiert Kayser den objektiv faßbaren Formkomplex. Auch Staigers problematische »Stimmigkeits«-Norm wird relativiert. Indem Kayser Brüche und Spannungen ästhetisch legitimiert, sie innerhalb des Werk-Ganzen aber wieder aufgehoben sieht, bleibt er doch im engeren Bereich der »immanenten Interpretation«.

      Weitere Varianten der Werkinterpretation sind gut dokumentiert in Enders 1967. Herman Meyers Untersuchungen von Raum und Zeit in der Erzählkunst und Günther Müllers »Ãober das Zeitgerüst des Erzählens« eröffnen Möglichkeiten, die Bauformen des Erzählens zu analysieren und so Interpretation zu objektivieren. Heinz Otto Burger fordert in »Methodische Probleme der Interpretation« eine differenzierte Interpretation, die von der Erschließung des Wortkunstwerks ausgehend dessen Bezug zu den sich historisch wandelnden Anschauungsformen bis zum Konzept einer Dichtungsgeschichte in vergleichenden Sinnbildern fortschreiten sollte . Auch Wilhelm Emrichs Studie »Das Problem der Symbolinterpretation im Hinblick auf Goethes >WanderjahreWahrheit der Kunstwerke< als auch die Konzeption des >Werks< und des >Autors< als seines Subjekts überhaupt in Frage stellten . Diese Krise des Werkbegriffs führte zum Wechsel der Methoden. Gegen die Werkinterpretation formierte sich die Konkurrenz ideologiekritischer, sozialwissenschaftlicher, rezeptionsorientierter Ansätze. Setzten hermeneutische Verfahren und klassische Kunsttheorien zumindest die Möglichkeit der Freiheit eines sich selbst bestimmenden Subjekts voraus, erscheint das Individuum in neueren sozialwissenschaftlichen Konzepten als sekundäre Größe innerhalb komplexer sozialer, sprachlicher Zusammenhänge .
      Die erst 1968 mit der Studentenrevolution einsetzende späte Rezeption des Russischen Formalismus und des tschechischen Strukturalismus hat neue, besser objektivierbare Methoden der Analyse bereitgestellt, deren Vorzüge freilich zuweilen erkauft sind durch eine Tendenz zur Reduktion der ästhetischen Texte. Dies gilt nicht nur für die Reduktion eines reproduktiv-produktiven Interpretationsprozesses der Sinnkonstitution auf einen Dekodierungs-prozeß; es gilt in vielen Fällen auch für die mittels Textmodellen rekonstruierte Textgestalt selbst . Solche Modelle freilich sind als heuristische Instrumente zur Erkenntnis der Grundstrukturen von Texten dann am sinnvollsten zu gebrauchen, wenn sie ergänzt werden durch die Reflexion über die Bedingungen der Gegenstandskonstitution und deren Relativität gegenüber der Komplexität des ästhetischen Objekts. Ein am naturwissenschaftlichen Methodenideal orientierter Strukturalismus und die rationalitätskritischen Lektüren in Dekonstruktion und Poststrukturalismus schließen einander aus.
      Hingegen zeigen einige Arbeiten von Roland Barthes Möglichkeiten der Vermittlung zwischen hermeneutisch-textimmanenten Verfahren und dem Strukturalismus. Barthes versteht >Struktur< nicht als interdependente Beziehung zwischen zwei oder mehreren Elementen innerhalb eines geschlossenen Systems, sondern begreift sie als Ergebnis einer strukturierenden Tätigkeit deslesenden Subjekts und bezieht deshalb die Beziehungen der Rekonstruktion und Präsentation des ästhetischen Textes in seine Reflexion ein . Andere Möglichkeiten einer Vermittlung zeigt die Strukturalismuskritik Paul Ricceurs ; in seinem Heuptwerk »Temps et recit« werden diese Konzepte in differenzierterer Form vorgestellt .
     

 Tags:
Von  der  Werkinterpretation  zur  Form-  Funktionsanalyse  soziokulturellen  Kontext    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com