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Neuere Ausdifferenzierungen



Die jüngere Geschichte des literaturwissenschaftlichen Strukturalismus ist gekennzeichnet durch zunehmende Ausdifferenzierung und Verknüpfung mit anderen literatur- und kulturwissenschaftlichen Modellen und Ãobergänge zu >poststrukturalistischen< und dekonstruktiven Verfahren . Wo Julia Kristeva sich im Gang der Rezeptionvon Bachtins »Dialogizitäts«-Konzept von einer mathematisierten generativen hin zu einer paragrammatischen und intertextuellen, dann auch psychoanalytischen Literaturwissenschaft bewegt hat


, wo Lucien Goldmann versuchte, in seiner genetisch-strukturalen Methode marxistisch-soziologische Forschung mit dem Strukturalismus in Einklang zu bringen , setzt er eine unbezweifelbare leser- und zeitunabhängige Textbedeutung voraus.
      Paul Ricceur 1975 schließlich löst sich in seiner Metaphorologie von der Auffassung, poetische Rede komme durch Abweichung von der natürlichen Sprache zustande , und setzt an ihre Stelle das Konzept der »nicht zutreffenden Prädikation« . Schon durch seine philosophische Ausrichtung eher am Rande des Strukturalismus stehend , bewegt er sich in seinem mehrbändigen Werk zur Zeitstruktur des Erzählens mit dem Aufweis der Aporien erzählerischer Identität, temporaler Totalität und ihrer Darstellbarkeit zunehmend hin zu einer poststrukturalistischen Position .
      In Italien hat Umberto Eco einen betont semiologischen Strukturalismus vorgetragen, der früh den Leser berücksichtigte und gegen einen engen und geschlossenen Systembegriff den auf die romantische Idee des Fragments wie auf Nietzsche zurückgehenden Entwurf eines »offenen Kunstwerks« behauptet. Seine auf Peirce aufbauende Zeichentypologie hat Eco eingebettet in eine Kulturtheorie, die mehr und mehr intermediale Beziehungen , historische Voraussetzungen und politische Horizonte berücksichtigt.
      Unter den Arbeiten russischer Semiotiker neben Lotman, die großenteils in thematischen Tagungen etwa zur Semiotik des Raums oder zur Intertextualität besprochen wurden, verdient »Die Poetik der Komposition« von Boris Uspenskij besonders hervorgehoben zu werden. Sie analysiert die Perspektive poetischer

Texte auf der Ebene der Wertung mit Blick auf die Ideologie des Textes, der Phraseologie, der Raum-Zeit-Charakteristik sowie der Psychologie der Charaktere als Mittel der Komposition von Prosatexten wie von Kunstwerken überhaupt. Semiologische Grundfragen erörtert Vjaceslav Ivanov 1976 in den Bänden »Gleich und Ungleich« und seinen »Skizzen zur Geschichte der Semiotik in der UdSSR«; die Bedeutung mythischer Strukturen für das literarische Bewußtsein erfassen die ertragreichen Studien Meletinskijs und Todorovs im Rahmen der Mythopoetik.
      Im deutschsprachigen Raum ist der Strukturalismus, angeregt vor allem durch Ãobersetzungen der slawischen und französischen Theoretiker, durch Jens Ihwes Editionen und Günther Schiwys Darstellungen, erst seit den späten sechziger Jahren methodenbewußt aufgegriffen und in den grundlegenden und weit verbreiteten Studien und Lehrbüchern Michael Titzmanns sowohl systematisch als auch praktisch-textanalytisch entfaltet worden. Ernst Robert Curtius' »Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter« und namentlich Wolfgang Kaysers »Das sprachliche Kunstwerk« , wohl auch prosaanalytische Arbeiten von Eberhard Lämmert und Franz K. Stanzel , standen strukturalistischen Verfahren sicherlich nahe , doch kommt die methodisch reflektierte struktura-listisch-semiotische Forschungstradition zunächst aus der Romanistik und der Slawistik. Sie ist etwa von Hansen-Löve zur Erfassung der Intermedialität und zur Abgrenzung von Lyrik als Sprachkunst und Prosa als Perspektivkunst weiterentwickelt worden. Wolf Schmid hat die Jakobsonsche Aquivalenzthese genutzt zur Analyse poetisch strukturierter (>ornamentaler Literatur als >System Fik-tionalitäT narrativer Texte im Rahmen der Theorie möglicher Welten angeht.

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