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Entwicklungen und Umorientierungen des »Russischen Formalismus«



Im Rahmen einer Texrtheorie >avant la lettre« haben die russischen Formalisten in einem zweiten Schritt diese poetische Paradigmatik des »Kunstgriffs« ergänzt durch die Syntagmatik der poetischen Konstruktion. Das Verfahren der Isolation von Wörtern aus ihrem Kontext, das zunächst nur die additive Reihung der einzelnen Kunstgriffe kannte, wird erweitert um die Bestimmung ihrer Struktur und Funktion in »konstruktiven Reihen« und kommunikativen Zusammenhängen. Boris Ejchenbaum fordert nun, die Verstheorie nicht auf Rhythmus , Lautinstrumentierung und Lexik zu gründen, sondern auf die Syntagmatik des Verses. In charakteristischer taxonomischer Absicht entfaltet er den Gegensatz zwischen grammatisch bestimmter Syntax in der Prosa und bedingter bzw. deformierter Syntax in der Poesie zu einer dreigliedrigen


Typologie der Versrede. Er unterscheidet so i. einen deklamativ-rhetorischen Typ , 2. einen melodiös-liedhaften Typ und 3. einen Gesprächstyp .
      In der bedeutendsten verstheoretischen Studie des Formalismus hat Jurij Tynjanov syntaktische Wechselbeziehung und dynamische Form als grundlegende Momente der poetischen Rede bestimmt. Es geht nun um die Hierarchie der Verfahren: Einheit und Dichte der Verszeile, die nun anstelle des Wortes zum Grundelement der Versrede erhoben wird, dynamisieren als konstruktives Prinzip, als die alle anderen Kunstgriffe deformierende Verfahrensdominante, jedes Wort im Kontext der Versreihe und verleihen ihm seine lexikalische Tonaiität . Die Dynamik des Verswortes wird hergeleitet aus seiner im Vers gestärkten Selbständigkeit, seiner Ã"quivalenz mit benachbarten Wörtern sowie dem Einwirken seiner rhythmischen Bedeutung auf seine Semantik.
      Während Lautmalerei und Lautmetapher - Tynjanov zufolge - die Semantik der Versrede umformen, erzeugt die Lautgeste den Eindruck einer Dauer der Artikulation und suggeriert so die Wahrnehmung einer wirklichen Geste. Lautwiederholungen verteilen die materiellen und formalen Teile des Wortes um, lassen formal-syntagmatische Bezüge auf die Sachbedeutung einwirken. Die Versrede »bricht die Perspektivik des Sujets«; sie ist durch künstlerische Syntagmatik »deformierte« Rede .
      Mit der Bestimmung des »literarischen Faktums« wird das Redegeschehen nun kultur-tbeoretiscb, durch die Rekonstruktion der »literarischen Evolution« kultur^zstorad? und mit der Erfassung des »literarischen Alltags« kuhmsoziologisch untermauert. Dabei ergeben sich Berührungspunkte mit den sprach- und literatursoziologischen Entwürfen der »Formalen Soziologen« Arvatov, Cejtlin und Vinokur , die etwa am Beispiel des Feuilletons den gesellschaftlichen Charakter literarischer Kommunikation in den Vordergrund rückten.
      Damit vollzieht sich eine hierarchisierende Umorientierung: Das Forschungsinteresse wendet sich nun von der konstitutiven Wirkung der Paradigmatik der Einzelverfahren und der sinnlich wahr-nehmbaren Oberfläche ihres sprachlich-literarischen Substrats ab und richtet sich auf die bestimmende Kraft des übergeordneten konstruktiven Faktors. Ziel dieser Umorientierung ist eine systematische Diachronie der literarischen Entwicklung. Die »konstruktive Funktion«, die bei Tynjanov auch »Synfunktion« der Zeichen genannt wird, meint den Bezug eines jeden Elementes auf die anderen Elemente sowie auf das Gesamtsystem. Diese Funktion setzt als Ergebnis des Verhältnisses zwischen den einzelnen Textelementen und dem Gesamttext bereits den Entwurf des Kunstwerks als eines funktionalen Systems voraus. Diese innere Systemhaftigkeit des Kunstwerks wird ergänzt durch seine »Autofunktion«, den Wechselbezug der jeweiligen Textelemente zu anderen Sprachen und anderen kulturellen Reihen .
      Nach Tynjanovs Auffassung sind es keineswegs fixierte Strukturmerkmale, die eine Textgattung als ein statisches Gebilde konstituieren. Vielmehr wird sie durch Funktionsdominanzen als ein variabler Gegenstand ästhetischer Rezeption und Evaluation bestimmt. Das »konstruktive Prinzip« des Textes ist mitbestimmt von der Autofunktionalität der allgemeinen »Redefunktion« - in dieses Konzept wird der frühere Begriff »Einstellung« nunmehr aufgelöst. Durch die »Redefunktion« stellt sich der Bezug des jeweiligen Textes zur Realität des kulturellen Soziums, zum Alltag, her. Wenn in der literarischen Evolution ein Element durch ein anderes ersetzt wird, so bedeutet das stets, daß »in ein System das Zeichen eines anderen Systems einbeschlossen wird« . Die Evolution der literarischen Systeme vollzieht - im Unterschied zur punktuellen kausalen Genese - eine Systemablösung in Etappen; sie führt zum stufenweisen Abstoßen konventionalisierten literarischen Materials und überschreitet mit der Emanzipation der literarischen Funktion in den Alltag hinein immer wieder die Grenzen zu anderen kulturellen Funktionen.
      Für Tynjanov bedeutet »Alltag« den gesamten außerliterarischen Materialbereich. Ejchenbaum hingegen grenzt im »literarischen Alltag« jenes Feld ab, in dessen Institutionen sich die literarische Kommunikation abspielt (vgl. -> Literatur als >Sy-STEM

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Entwicklungen  Umorientierungen  »Russischen  Formalismus«    





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