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Intertextualität



2.1 Julia Kristeva und poststrukturalistische Intertextualitäts-konzepte Bachtins Ideen blieben jahrzehntelang weitgehend unbeachtet. In den sechziger Jahren wurden dann die beiden Bücher über Dosto-evskij und Rabelais sowie einige Aufsätze gedruckt und einem größeren Publikum in der Sowjetunion bekannt. Wenig später erlangten sie über Julia Kristeva auch internationale Verbreitung. Mit Bezug auf Bachtin prägte Kristeva den Namen »Intertextualität« für eine Theorie, die sich allerdings von derjenigen Bachtins in wichtigen Punkten unterscheidet. Seither ist unter diesem Namen eine Vielfalt von Ansätzen entstanden, die methodisch und konzeptionell oft weit auseinander liegen.
      Zwar richten alle diese Ansätze ihre Aufmerksamkeit auf das Verhältnis eines Textes zu anderen Texten und begreifen Intertextualität als Faktor der Textbedeutung. Aber sowohl der Begriffsinhalt wie der Begriffsumfang von >Intertextualität< werden sehr unterschiedlich bestimmt. Bei Kristeva ist die Intertextualität ein allgemeines Merkmal von Texten: »[...] jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation einesanderen Textes.« Da sie den Textbegriff sehr weit im Sinne kulturell codierter Zeichensysteme faßt und literarische Texte in dem »allgemeinen Text « eingebettet sieht , ist die Intertextualität nicht auf den Bereich literarischer Texte beschränkt. Anders als Bachtin spricht Kristeva dem als »Mechanismus« und »Produktivität« verstandenen Text jedoch eine bedeutungsprodu-zierende Selbständigkeit zu, die sich von der Instanz einer künstlerischen Gestaltungsabsicht des Autors, dem Konzept eines geschlossenen Werkes und der Idee einer dialogischen Kommunikation zwischen Subjekten ablöst. Der Autor wird zum Schnittpunkt von Diskursen, das intendierte Werk zum ambivalenten Text, an die Stelle der Intersubjektivität tritt die Intertextualität.
      In diesem Verständnis wird Intertextualität zu einem Leitbegriff von Poststrukturalismus und -> Dekonstruktion. Dabei erscheint die intertextuel-le Verfassung der kulturell codierten Wirklichkeit als repressive Repetition, aber auch als subversive Differenz: Einerseits gleicht sie als allumfassendes Reservoir ideologischer Diskurse einem Gedankengefängnis, andererseits unterläuft sie wegen der Unkontrollierbarkeit diskursiven Sinns jede ideologische Fixierung.
      2.2 Hermeneutische undstrukturalistische Intertextualitätskonzepte Anders als die Kristeva folgenden Poststrukturalisten versuchen hermeneutisch oder strukturalistisch orientierte Ansätze, Intertextualität als begrenztes Verfahren innerliterarischer Sinnbildung zu fassen und halten an einem traditionelleren Verständnis von Begriffen wie >AutorWerk< und >Leser< fest. Im Unterschied zur gewöhnlichen Quellen- und Einflußforschung geht es diesen In-tertextualitätstheorien jedoch weniger um die Einwirkung fremder Texte auf die Textgenese als vielmehr um Verweise des Folgetextes auf Prätexte, die vom Autor beabsichtigt, im Text markiert und vom Leser im Interesse eines angemessenen Textverständnisses erkannt sein müssen.
      In der bislang umfassendsten Systematik unterscheidet Gerard Genette fünf Typen der »Transtextualität« als Inbegriff der Sachverhalte, die einen Text »in eine manifeste oder geheime Beziehung zu anderen Texten« bringen : Paratextualität bezeichnet die pragmatische Einrahmung des Textes durch beigeordnete Texte wie Titel, Motto, Vor- oder Nachwort, Einleitung, Umschlagstext . Metatextualität liegt vor, wenn der

Text einen anderen kommentiert. Die Architextualität eines Textes besteht in seiner taxonomischen Zugehörigkeit zu bestimmten Gattungen, Textsorten oder Schreibweisen. Der Terminus der Intertextualität wird hier in einem engen Sinne verwendet, nämlich als die effektive Präsenz eines Textes in einem anderen Text in Form von Zitat, Plagiat oder Anspielung. Als Hypertextualität bezeichnet Genette schließlich die Beziehung eines Textes zweiten Grades zu Prätexten , von denen er durch Transformation oder Nachahmung abgeleitet ist.
      Bei intertextuellen Bezügen ist zwischen Einzeltextreferenz und Systemreferenz zu unterscheiden, d. h. zwischen Verweisen auf individuelle Prätexte oder aber auf literarische Muster und Normen wie Gattungen oder Schreibweisen; da Gattungsnormen und Schreibweisen im literarischen Bewußtsein oft durch paradigmatische Einzelwerke repräsentiert sind, ist die Grenze zwischen Einzeltext- und Systembezug allerdings nicht immer scharf zu ziehen. Die intertextuellen Bezüge können außer der semantischen auch andere Ebenen des Textes betreffen, nämlich linguistische Aspekte wie Graphie, Interpunktion, Phonologie, Morphologie, Lexik oder Syntax, aber auch Aspekte der metrischen, rhetorischen oder erzählerischen Gestaltung.
      Die verschiedenen Arten und Grade intertextueller Bezüge sind wohl nur durch ein Bündel von einander überschneidenden Kriterien erfaßbar, die teils graduelle Unterschiede, teils dichotomische Entweder-Oder-Alternativen anzeigen. Ein Text kann bei der Übernahme einzelner Elemente die Fremdheit des ursprünglichen Kontexts und damit seine Referentialität mehr oder weniger deutlich als solche markieren; er kann seine eigene Intertextualität autoreflexiv thematisieren; er kann punktuell Anleihen machen oder sich zu großen Teilen oder auch insgesamt eines Prätextes als struktureller Folie bedienen; er kann in direkter oder indirekter Weise auf den Prätext anspielen; schließlich kann er in größerer oder kleinerer semantischer und ideologischer Spannung zum Prätext stehen.

      2.3 Hamid Bloom
Eine Zwischenstellung zwischen den beiden hier idealtypisch akzentuierten Richtungen der Intertextualitätstheorie nimmt Harold Bloom ein. Bloom sieht literarische Produktivität durch »anxiety of influence« bestimmt und rekonstruiert die Literaturgeschichte als einen intertextuellen, aber innerliterarischen Kampf von Autorengegen ihre kanonischen Vorbilder. Jeder bedeutende Autor sei unweigerlich auf literarische Vorbilder bezogen und versuche gleichzeitig, sie zu verdrängen. In ödipaler Ambivalenz verbleibe er zwar unter dem Einfluß des übermächtigen »Vaters«, müsse dessen Werke aber notwendig mißverstehen , um eine selbständige künstlerische Artikulationsmöglichkeit zu finden.
      2.4 Intertextualität und Imitatio
Im weitesten Sinne umfaßt Intertextualität alle Bezüge eines literarischen Textes auf andere literarische oder auch außerliterarische Texte. Meist allerdings wird Intertextualität enger gefaßt und steht dann in Gegensatz zum Begriff der imitatio, der in der antiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen -> Poetik eine zentrale Position einnimmt. Der Verfasser einer Imitatio erkennt die Überlegenheit des nachgeahmten Prätextes an oder versucht, ihn wetteifernd zu übertreffen . Jedenfalls wird eine Vergleichbarkeit von Prä- und Folgetext im Hinblick auf absolut gesetzte poetolo-gische Normen angenommen; der überlieferte -> Kanon besitzt vorbildhafte Verbindlichkeit, und der Zielpunkt der Beurteilung des Folgetextes liegt in der Person des Autors, dessen Bildung und Können sich in seinem Text ausdrücken. Intertextualität hingegen betont eher den selbständigen Umgang des Folgetextes mit der Tradition, gesteht kanonischen Werken keine privilegierte Rolle gegenüber anderen Prätexten zu und bezieht sich eher auf den Text als auf die Person des Autors .
      Dessen ungeachtet bleibt festzuhalten, daß literarische Texte seit jeher intertextuelle Verfahren in Form von Parodien, Travestien, Pastiches, Adaptionen, Florilegien oder auch von Zitaten und Anspielungen verwendet haben. Dominierend allerdings werden bestimmte Arten der Intertextualität, in denen der Text einen offenen, vom Leser allererst auszufüllenden Assoziationsspielraum möglicher intertextueller Bezüge anbietet, erst in Texten der literarischen Moderne und Postmoderne.
     

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