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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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WOLFGANG STEINITZ - Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten



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Das Volkslied wird vom werktätigen Volke getragen, das an seiner Gestaltung schöpferisch teilnimmt, mitarbeitet. Ohne diese Mitarbeit gibt es meines Erachtens kein Volkslied. Die Teilnahme oder Mitarbeit drückt sich am untrüglichsten und eindeutigsten in den Varianten aus, im Umsingen, in der ständigen Bereitschaft, ein Lied einer neuen Situation oder neuen Stimmungen entsprechend umzugestalten, ohne sich um die Autorität eines Vorbildes zu kümmern. Durch diese Mitarbeit wird das Unvolkstümliche, Untypische abgeschliffen und kommt der allgemeingültige Charakter der Volksdichtung zum Ausdruck.

      Die Frage der unmittelbaren Entstehung oder Herkunft von Text und Melodie ist dabei nicht entscheidend. Zahlreiche, in Dutzenden von Varianten vorliegende und weitgehend umgestaltete Volkslieder stammen nachweislich von uns bekannten Dichtern [...]
Die Anonymität des Verfassers ist also kein Wesenszug des Volksliedes; daß die Verfasser, z. B. der meisten deutschen Volksballaden, uns unbekannt sind, beruht darauf, daß die Balladen aus sehr alter Zeit stammen, aus der uns überhaupt wenig namentlich bekannte Lieder überliefert sind.
      Die Einteilung der Volkslieder in direkte oder primäre, d.h. anonym im Volk entstandene, und indirekte oder sekundäre, d. h.von uns bekannten Dichtern stammende Volkslieder ist also nicht von prinzipieller Bedeutung, da sie nicht auf inneren Wesenszügen der Lieder, sondern auf zufälligen Erscheinungen, wie möglichem Nachweis eines Verfassers, beruht. Zweifellos werden sich bei gründlicherer Beschäftigung und besserer Quellenkenntnis viele für uns heute noch anonyme Lieder als von namentlich bekannten Verfassern stammend nachweisen lassen. Es wäre ferner falsch, eine grundsätzliche Mauer zwischen dem anonymen werktätigen Volk und dem schöpferischen einzelnen zu errichten.
      Ebensowenig ist die Kollektivität des Verfassers für das Volkslied notwendig und typisch. Wir kennen zwar Fälle, in denen ausdrücklich überliefert wird, das Lied sei von zwei oder mehreren Personen verfaßt; es handelt sich hierbei aber doch um Ausnahmen oder eine kleine Prozentzahl. Die Kollektivität ist eine entscheidende Eigenschaft des Volksliedes. Sie liegt aber nicht so sehr in der Entstehung des Volksliedes, wie vielmehr in seiner Ãœberlieferung, die vom Kollektiv getragen und von ihm gestaltet wird.
      Allein die Tatsache, daß ein Lied von einem großen Kollektiv, von Massen, gesungen wird, macht es noch nicht zu einem Volkslied. So sind seit der Reformation Choräle, seit Herausbildung der modernen Staaten Nationalhymnen, seit Entstehung der sozialistischen Arbeiterbewegung die 'Internationale" usw. von großen Massen gesungen worden - jedoch ohne von den singenden Kollektiven im Wortlaut umgestaltet zu werden, sondern mit gleichbleibendem Text. Sie sind also auf Grund des Fehlens dieses wesentlichen Umstandes m. E. keine Volkslieder [...]
Ein Volkslied entsteht also aus einem Lied beliebiger Herkunft, das von der Gemeinschaft, dem Kollektiv, aufgenommen und dabei im Laufe seiner Entwicklung vom Volke schöpferisch geformt wird. Das von der schöpferischen Teilnahme des Volkes getragene Volkslied drückt in umfassender Weise die geistigen Bedürfnisse des werktätigen Volkes aus. Insbesondere auch - wie könnte es auch anders sein, wenn wir das werktätige Volk als die entscheidende Kraft in der geschichtlichen Entwicklung verstehen! - sein Streben nach einer besseren Zukunft, nach Befreiung von Unterdrückung und Not [...]
Im Volkslied — wie in der Volksdichtung überhaupt, insbesondere auch im Märchen und Sprichwort - drückt sich daher die demokratische und fortschrittliche, die aktive und kämpferische Rolle des künstlerischen Schaffens des werktätigen Volkes besonders deutlich aus. Die Volksdichtung zeigt dokumentarisch, daß das werktätige deutsche Volk auch in den sogenannten ruhigen Zeiten seine Unterdrückung nicht widerspruchslos hinnahm.
      Textvorlaget Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Bd. 1 . Akademie-Verlag, Berlin 1954, S. XXV-XXV

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