Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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WERNER RIECK - Literarische Prozesse in der ersten Phase der deutschen Frühaufklärung



Am Ende des 17. Jahrhunderts bildete sich in der literarischen Situation Deutschlands zunehmend der Gegensatz zwischen der höfisch-feudalapologetischen Repräsentationsliteratur und einer von bürgerlichen Schichten getragenen Literatur mit aufklärerischem Gedankengut heraus, und dieser Prozeß führte im Verlaufe eines Zeitraums von ungefähr 1680/90 bis um 1725 zu bewußten Versuchen der geistigen Repräsentanten frühaufklärerischer Dichtung, sich von höfischer Literatur und von höfisch empfundenen literarischen Ausdrucksmitteln bewußt abzugrenzen. Das soziale und historische Fundament für diesen literarischen



Prozeß, der Vielzahl unterschiedlicher Konzeptionen, Rezeptionen und literarischer Neuansätze, war mit dem Prozeß der sich langsam als Klasse formierenden bürgerlichen Schichten in den deutschen Kleinstaaten, vor allem aber in den bürgerlichen Handels- und Gelehrtenzentren gegeben. Das Erstarken dieser bürgerlichen Kräfte beruhte vor allem auf partiellen ökonomischen Fortschritten seit der Ãœberwindung wesentlicher sozialer und politischer Hemmnisse und Rückschläge, die der Dreißigjährige Krieg für die kontinuierliche soziale Entwicklung dieser Schichten in Deutschland bewirkt hatte.
      Die gesellschaftliche Basis für Ansätze einer bürgerlichen Literatur bot sich dabei nur innerhalb der bürgerlichen Ständesphäre. Die herrschenden Schichten in Deutschland, bemüht, allen national gerichteten Bestrebungen aus kleinstaatlichem Herrschaftsinteresse entgegenzuwirken, und alle historisch politischen Gegebenheiten in den Macht- und Kabinettsfehden der europäischen Großmächte im Sinne der partikularen Eigeninteressen geschickt ausnutzend, waren nicht fähig und nicht bereit, kulturelle und literarische Interessen der bürgerlichen Stände zu unterstützen, die auf die Durchsetzung der dem Bürgertum notwendigen und ihrem objektiven Charakter nach gesamtnationalen Bestrebungen zielten. In Deutschland bestand für die bürgerlichen Kräfte im Gegensatz zu Frankreich, wo das Bürgertum von den zentralistischen Bestrebungen des Absolutismus profitierte und sie beeinflußte, und im Gegensatz zu England und den Niederlanden, wo die ökonomische und politische Entwicklung die nationale Konstituierung der bürgerlichen Klasse begünstigte, eine schwierigere und kompliziertere historische und politische Situation. Sie waren aus diesem Grunde weitgehend darauf angewiesen und bestrebt, an den geistigen Errungenschaften des Bürgertums dieser Länder teilzuhaben und in Wissenschaft, Gesellschaftslehre und Kultur - entsprechend den Gegebenheiten deutscher Zustände — Elemente der welthistorisch entscheidenden Konzeptionen bürgerlichen Machtanspruchs zu übernehmen, auf die realen deutschen Verhältnisse differenziert anzuwenden und durchzusetzen.
      Der in der Zeit um 1700 verstärkt einsetzende ständische Dif-ferenzierungs- und Abgrenzungsprozeß der bürgerlichen von der feudal-höfischen Literatur war die Folge der offensichtlichen Widersprüche zwischen bürgerlichen und feudalen Klasseninteressen in politisch-sozialen und ideologischen Bereichen. Die seit dem Westfälischen Frieden durch über dreihundert Territorien sanktionierte Herrschaft deutscher Partikulargewalten, die auf feudalen Machtzuwachs zielende und durch wechselnde politische Bündnisse charakterisierte Politik deutscher Duodezfürsten in den Auseinandersetzungen der Großmächte um die europäische Vormachtstellung fand in den politisch machtlosen bürgerlichen Schichten weder Verständnis noch Billigung, da diese Politik weitgehend auf Kosten der niederen sozialen Schichten und des Bürgertums ausgetragen wurde und der Formierung der Nation entgegenstand, selbst der Herausbildung eines nationalen Bewußtseins entgegenwirkte. Die Literatur nahm, abgesehen von unbedeutenden feudalapologetischen Gelegenheits- und Huldigungsreimereien auf einzelne Fürsten und Heerführer, von den Kabinettsfehden europäischer Fürsten kaum Notiz, f...]
Die Begrenzung der frühaufklärerischen Literatur auf vorrangig bürgerlich-ständische Belange äußerte sich außerdem darin, daß sie die zahlreichen sozialen Kämpfe bäuerlicher und plebejischer Schichten ignorierte. Das lag vor allem darin begründet, daß dem Bürgertum der sozialökonomische und politische Druck auf diese Gesellschaftsschichten und die unversöhnlichen Widersprüche zwischen Feudaladel und Bauernklasse sowie die Bedeutung politisch-sozialer Klassenbündnisse - nicht zuletzt wegen der mangelnden nationalen Geschlossenheit der eigenen Klasse - nicht bewußt waren. So blieb die Bauern- und Plebejergestalt in der Literatur zumeist verlacht oder bemitleidete Episodengestalt. Von den wenigen literarischen Zeugnissen dieser Kämpfe, beispielsweise zwei bergmännischen Kampfliedern aus dem Freiberger Raum, in denen politische und ökonomische Forderungen und Kritik gegen Mißstände im sächsischen Bergwerkswesen anklangen, nahm die frühaufklärerische Literatur keine Notiz. Sie vermied es, auf die organisierte Landflucht der Bauern in verschiedenen deutschen Landstrichen, auf die harten militärischen Niederschlagungen von Bauernunruhen, so beispielsweise auf eine der bedeutendsten Erhebungen bäuerlicher und plebejischer Kräfte gegen feudalen Druck und österreichische Fremdherrschaft in Bayern 1705, einzugehen, an der auch deutsche Schauspieler beteiligt waren und die mit der 'Sendlinger Mordweihnacht" endete.
      Die bürgerlichen Schichten konnten unter den Bedingungen des Machtzuwachses der Landesfürsten und des territorialstaatlichen Absolutismus ökonomische, soziale und kulturelle Zielsetzungen nur unter lokal unterschiedlichen ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen durchsetzen, die auf der territorialstaatlichen, politischen und konfessionellen Zersplitterung deutscher Verhältnisse beruhten. Das bedingte im Bereich literarischer Pro-zesse dieser Phase eine Vielfalt differenzierter Hervorbringungen, deren einigendes Kernstück aber in der mehr oder minder großen Abkehr von höfischer Literaturpflege bei einigen von den Fürsten und Höfen nur karg entlohnten deutschen Hofdichtern oder Dichtern im Dienste einzelner Höfe lag. Am konsequentesten erfolgte diese Abgrenzung in den Handels- und Gelehrtenzentren, in denen der Einfluß des Feudalabsolutismus am weitesten zurückgedrängt war. [...]
In Deutschland waren frühaufklärerische literarische Bestrebungen auf die Zentren ökonomischer Machtentfaltung des Bürgertums lokalisiert, und die lokalen Differenzierungen bürgerlicher Literaturpflege sind das Hauptmerkmal der ersten Phase in der literarischen Aufklärung. Die Ãœberwindung dieser Unterschiede und der erkennbare Ãœbergang zu einer territorialstaatliche Grenzen durchbrechenden und weltanschaulich relativ geschlossenen Literaturpflege und literarischen Programmatik in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts kennzeichnen ihren Abschluß und den Umschlagspunkt zu einer neuen Qualität aufklärerischer Literatur.
      Unter den Zentren, die als Vorboten bürgerlicher Entwicklung und bürgerlicher Kultur historische Führungsansprüche demonstrierten, nahmen der bedeutendste Handelsumschlagsplatz und die wichtigste Messemetropole, Hamburg und Leipzig, die führende Stellung ein. Ihnen folgten Frankfurt a. M., die Festen des ehemals mächtigen Hanseatenbundes Bremen, Lübeck, Danzig und Königsberg, ferner Zittau, Halle und Berlin, sowie in der deutschsprachigen Schweiz Zürich und Basel. In Hamburg war der Einfluß des Feudalismus am stärksten eingeengt, dafür die Strahlkraft Englands und der größten europäischen Zufluchtsstätte für alle religiös und weltanschaulich Verfolgten, die Niederlande, besonders stark. [...]
Die ökonomischen Entfaltungsmöglichkeiten und die politische und geistig-kulturelle Sonderstellung des Hamburger Bürgertums waren gleichsam die Voraussetzung für die universelle Aufhebung feudalgeprägter Kunstpflege durch das Bürgertum. Sie äußerte sich nicht nur in den Ansätzen literarisch reflektierten Selbstbewußtseins, das sich auf Grund der traditionell gewachsenen und ökonomisch gefestigten bürgerlich-patrizischen Gemeinde- und Ständeverfassung sowie der lokalen Führungsrolle des Patriziats illusionär als 'republikanisch" deklarierte, und nicht nur in abgrenzenden Angriffen auf feudalen Sittenverfall, sondern auch in der gegenüber anderen deutschen Auf klärungszentren bedeutsamen Aneignung von Kunstbereichen wie Malerei, Musik- und Theaterpflege. [...]
Der höfische Einfluß war auch in der Messemetropole Leipzig, die um 1700 der bedeutendste Umschlagplatz für literarische Erzeugnisse wurde, stark zurückgedrängt. Die Gelehrtenwelt der Stadt — Pufendorf, Leibniz, Weise, Thomasius und Wolff hatten hier studiert oder als akademische Lehrer gewirkt — konnte am Ende des 17. Jahrhunderts bedeutende wissenschaftliche Leistungen und Kontakte zur europäischen Gelehrsamkeit aufweisen und hatte bereits entscheidende Diskussionen über aufklärerische Wissenschaftskonzeptionen erlebt. Die Förderung der Gelehrsamkeit durch reiche Kaufleute schuf äußerst günstige Bedingungen für die Entwicklung von Kunst und Wissenschaft, und die durch den weltweiten Handel gefestigte ökonomische Position des Leipziger Bürgertums begünstigte die Rezeptionsbereitschaft gegenüber aufklärerischen Idealen und weltanschaulich-kulturellen Leistungen wirtschaftlich führender Länder. Die geistige Führungsschicht des Leipziger Bürgertums rekrutierte sich im Unterschied zu den den Hamburger Beamten- und Patrizierschichten entstammenden Literaten vorrangig aus Gelehrtenkreisen. Das bedingte gegenüber Hamburgs Kunst-, Literatur- und Wissensschaftspflege eine größere Tendenz zur Gelehrtenliteratur, die zudem — unter dem Zwang größerer Abhängigkeit Leipziger Gelehrter vom'sächsischen Hof — in ihrer thematischen und formalen Spezifik weniger den Interessen der niederen und mittleren Bürgerschichten entsprach, sondern in ihrer Tendenz bürgerliche Kultur- und Geistesentwick-lung unter Vermeidung gesellschaftlicher und politischer Kontroversen mit dem Hof anstrebte. In dieser Gelehrtenliteratur, die zunächst weitgehend Inhalte und Formen der höfischen deutschen Literatur für ihre frühaufklärerischen und morallehrenden und moralkritischen Anliegen nutzte und Elemente der französischen klassischen Literatur und Literaturtheorie rezipierte, lagen vielfach die Voraussetzungen für teilweise aristokratische Tendenzen Leipziger Dichter bis hin zu Gottsched. Sie förderten außerdem die Illusion, daß höfisch gebundene Gelegenheitsdichtung auf bürgerliche Verhältnisse umzufunktionieren sei [...].
      Die bedeutendste Wandlung im Leipziger Literaturleben wurde vor allem in den zwanziger Jahren erreicht, als die durch das Vorbild des in Hamburg erscheinenden 'Patrioten" angeregten Moralischen Wochenschriften Gottscheds erschienen und die Wirksamkeit der nach englischen Vorbildern geprägten literarisch-moralkritischen Periodika ausweiten halfen. [...]

In vielen deutschen Kleinstaaten nutzte das wohlhabende Bürgertum politische und ökonomische Partikularbestrebungen des territorial-staatlichen Absolutismus für sich aus und konnte vielfach in scheinbarer Interessenübereinstimmung mit den Partikularfürsten merkantile und manufakturelle Entwicklungen steuern helfen. Neben Sachsen war es vor allem das durch die Kämpfe der europäischen Großmächte politisch begünstigte Brandenburg-Preußen, das den hugenottischen Handwerkern und Gelehrten Asyl bot und ökonomische Vorteile aus dem wirtschaftlichen Aufschwung des pietistischen Bürgertums in Halle zog. In den Kleinstaaten mit dieser politisch-ökonomischen Spezifik war allerdings wenig Raum für die Entfaltung geistig-kultureller Autonomiebestrebungen bürgerlicher Schichten. Sie wurden im feudalstaatlichen Interesse sogar-streng unterdrückt. Duldung erfuhr allenfalls eine Erziehungskonzeption, die auf die Gewinnung geschickter Produzenten materieller Güter abzielte. So konnten die Pietisten in Halle unter A. H. Francke ihre pädagogischen Ideale relativ ungestört verwirklichen und eine der bedeutendsten und richtungsweisenden Bildungsstätten für eine handwerklichpraktisch orientierte bürgerliche Pädagogik einrichten. Die kulturelle Monopolstellung der genannten bürgerlichen Literaturzentren gegenüber anderen Kleinstaaten und Städten blieb unter diesen Voraussetzungen lange gewahrt, und die geistig-kulturellen Errungenschaften Leipzigs und Hamburgs wurden somit das Orientierungsfeld für das Bürgertum dieser Kleinstaaten, vieler Universitäts- und Handelsstädte [...].
      Die differenzierten Prozesse in der frühaufklärerischen Literatur waren Bestandteil der universellen Aufklärungsbestrebungen in allen geistigen Bereichen, die auf dem Anwachsen der kapitalistischen Produktivkräfte seit der Mitte des 17. Jahrhundertsund auf der Fortführung der durch Renaissance und Humanismus begründeten antifeudalen Geistestraditionen beruhten. Der verstärkte Säkularisierungsprozeß in der Literatur profitierte vor allem von den großen naturwissenschaftlichen Diskussionen und Konzeptionen, die durch die bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen eines Descartes, durch die mechanisch-empirische Weltsicht eines Newton, Lockes Sensualismus, der von Hobbes vorgetragenen These von der Freiheit wissenschaftlichen Denkens und Bacons Versuch einer systematischen Wissenschaftslehre entscheidenden Auftrieb erhielten. Die Literatur verdankte auch den im Gefolge der wissenschaftlichen Debatten und wissenschaftlichen Austausch-, Vermittlungs- und Popularisierungsbestrebungen entstandenen Neugründungen von Verlagen, Zeitschriftenunternehmen, dem wachsenden Buchmarkt, den Sozietätsbildungen und der durch diese Entwicklungen bedingten Abkehr vom Latein der Gelehrten und vom Französisch der Höfe großen Auftrieb. Fremdsprachiges Schrifttum wurde zurückgedrängt, Kaspar Stieler, Thomasius und Wolff gaben das große Beispiel für die Gelehrten, in deutscher Sprache zu lehren und zu schreiben, und wissenschaftliche Sozietäten und lokale Gründungen wissenschaftlich und literarisch interessierter Bürger bemühten sich um die Entwicklung und Pflege einer nationalen Gemeinsprache und um die Durchsetzung von einheitlichen grammatikalischen Normen. In den Handwerkslehren zur Dichtkunst wurden bereits Hinweise zur sprachlichen Differenzierung literarischer Genres und Gestalten gegeben, wenn auch vorerst noch stark unter dem Aspekt der Ständedifferenzierung, die seit Martin Opitz' 'Poetik" mehr oder minder verändert übernommen wurde.
      Der selbstbewußte bürgerliche Anspruch auf eine eigene Standeskultur profitierte außerdem von den gesellschaftlichen Modellkonzeptionen, die vor allem in den Niederlanden und in England entwickelt wurden, um die rechdiche Position der bürgerlichen Stände in frühbürgerlichen und in absolutistischen Staatswesen zu sichern, die die Entstehung frühbürgerlicher Staatsutopien vor allem in Ländern mit einem starken Bürgertum bewirkten und in Deutschland besonders naturrechdiche Ideale von der gegenseitigen Abhängigkeit und sinnvollen Kooperation zwischen Herrschenden und Bürgern förderten und das kulturelle Streben bürgerlicher Schichten als gesellschaftliche Notwendigkeit proklamierten. So erklärt sich auch die literarische Lobpreisung Peters des Großen bei vielen deutschen Schriftstellern, die in der auf bürgerliche Errungenschaften gestützten Reformpolitik des russischen Zaren und in seiner Förderung deutscher Gelehrter ein Vorbild für die Verwirklichung bürgerlichen Mitspracherechts unter den feudalabsolutistischen Verhältnissen sahen. Die in den gesellschaftlichen Modelldiskussionen gewonnenen Erfahrungen stützten zugleich die Ansätze zum Historismus, der P. Bayle zur Entlarvung von Aberglauben und Religion als Deckmantel klerikaler Machtinteressen, Fontenelle zu Einsichten über die Entstehung der Religionen und den deutschen Pietisten Gottfried Arnold zur Rechtfertigung sozialer Bestrebungen religiöser Sektenbewegung führte.
      Die idealistisch-rationalistischen deutschen Philosophen Leibniz, Pufendorf, Thomasius und Wolff waren den philosophischen

Debatten in den westeuropäischen Ländern ebenso verpflichtet wie die Philosophen Knutzen, Stosch und Tschirnhaus, die in Deutschland das Lager der kleinbürgerlich-plebejischen Materialisten repräsentierten. Dabei entsprach es der spezifischen Situation des in sich differenzierten deutschen Bürgertums, das sich den politisch-sozialen Verhältnissen weitgehend anpassen mußte, daß Thomasius, Leibniz und Wolff mit ihrem Theodizee-Gedanken und mit ihrer Natur- und Gesellschaftsvorstellung von der 'besten aller Welten" auf die frühaufklärerischen Literaten [...] viel stärker wirkten als die Vertreter des plebejischen Lagers. Daß den hervorragendsten Repräsentanten deutscher Literatur in der frühen Phase der Aufklärung zugleich an einer geschlossenen ideologischen Front der Aufklärer gelegen war, beweist vor allem Weises Streben nach umfassender Integration aller bürgerlich-orientierten Literaturtraditionen in seinen Werken aller Gattungen [...].
      Die im Gefolge zunehmender Verwissenschaftlichung aller geistigen und kulturellen Regungen des Bürgertums erkennbare Tendenz des Antiklerikalismus, die heftige Gegenreaktionen der Orthodoxie aller Konfessionen auslöste, weil deren Einspruchsrechte in Wissenschafts-, Kunst- und Literaturpflege dadurch besonders stark zurückgedrängt wurden, korrespondierte eng mit der auf nationale Einigung des Bürgertums zielenden und auf Vernunft- und Toleranzideale gestützten Konzeption von einer Generalreformation und ökumenischen Zusammenführung aller landeskirchlichen und Glaubensfraktionen, wie sie unter anderem von Spener und Leibniz wirksam vertreten wurde.
      Die deutsche Literatur zehrte vor allem von den in den großen Wissenschaftsdebatten, in den antiorthodoxen Kämpfen und in den Gesellschaftskonzeptionen und kritischen Gesellschaftsanalysen entwickelten ethischen Idealen. Sie stellten in der Phase der frühbürgerlichen Entwicklung das wirksamste Mittel der antifeudalen Opposition dar und waren gleichsam eine frühe Stufe des politischsozialen Abgrenzungsstrebens von den herrschenden Verhältnissen des Feudalabsolutismus und von klerikaler Bevormundung. Sie reflektierten Selbstbewußtsein, Individualitätsanspruch und Selbstverwirklichungsstreben der bürgerlichen Schichten. [...]
Dennoch behinderten bei aller grundsätzlichen Ãœbereinstimmung in der Auffassung der Poetiken, daß die Poesie durch Vergnügen belehre, ihr die Funktion von Belehrung und Ergötzung oder von Belehrung durch Ergötzung zukomme, die sozialökonomisch und politisch begründete Differenziertheit deutscher Verhältnisse und die durch diese ungünstigen Voraussetzungen bedingten ideologisehen Grenzen des zudem ständisch außerordentlich kompliziert gegliederten Bürgertums die Entstehung einer einheitlichen Literaturprogrammatik. Der Einfluß antiker Lehrmeinungen dominierte, und nur wenige formale Prinzipien und Regeln wurden von der zeitgenössischen poetischen Praxis beeinflußt, [...] Die strenge Einheit von Rhetorik und Poetik war noch nicht überwunden, und nur wenige Lehrbuchautoren forderten eine Abkehr von der starren Regelpoetik und bezogen ihre Paradigmata aus der zeitgenössischen Literatur. [...]
Eine relativ günstige Vorbedingung für die Entwicklung literarisch und kulturell interessierter bürgerlicher Schichten und einer durch literarische Aktivitäten charakterisierten bürgerlichen Geselligkeit bestand bei allen genannten Grenzen vor allem darin, daß die bürgerlichen Leser und Publikumsschichten der höfischen Literatur nicht entzogen werden mußten, denn erst in der Aufklärung wurde der Bürger zum vollgültigen Leser, entstand eine aufklärerisch gebundene Leserschicht, die das gehobene Bürgertum, kleinbürgerliche Schichten und zum geringen Teil auch der Aufklärung gegenüber aufgeschlossene Adelskreise erfaßte. Aber der ständische Charakter der frühaufklärerischen Literatur, der nur langsam überwunden wurde, war zugleich eine der entscheidenden Grenzen der literarischen Aufklärung in Deutschland. Außerdem mangelte es dieser neuen Literatur von vielfach nur lokal begrenzter Wirkung und häufiger Bedrohung durch Zensureinsprüche [...] an thematischer und stofflicher Substanz unter nationalem Aspekt, denn die Spezifik nationaler Probleme und Aufgaben, nationaler Belange und Hoffnungen war den Autoren auf Grund des nationalgeschichtlichen Dilemmas, auf Grund mangelnder sozialer Einsichten, ihres ethischen Normdenkens, ihrer starken lokalen Gebundenheit und ihres strengen Ständedenkens weitgehend verschlossen.
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Die bürgerlichen Autoren verloren um 1700 in zunehmendem
Maße die Höfe als Auftraggeber und Publikum, da sich die herrschenden Feudalschichten an den Höfen und in den Residenzen ohnehin im geistig-kulturellen Bereich mehr auf eine prunkvolle ausländische, vornehmlich französische und italienische Kunstpflege orientierten. Nur noch wenige in höfischen Diensten stehende Autoren wie Canitz, Besser, Neukirch und später König hatten Geschichte und Umwelt ihrer fürstlichen Brotgeber zu glorifizieren. [. . .] Das bürgerliche Mäzenatentum begann mit den fürstlichen und adligen Mäzenen zu konkurrieren. [...]

Eigenen literarischen Intentionen und literarischen Pflichtübungen gingen zunehmend auch Schulmänner, Schüler und selbst Handwerker nach, aber ihre Dichtungen trugen den Charakter von Gelegenheitspoesie und waren thematisch und ständisch sehr eng begrenzt oder - wie bei Schülern und Lehrern — auf die spezifisch didaktischen Belange der Schule eingeengt und an vorgegebene Traditionen gebunden. Die Autoren relativ massenwirksamer Wanderbühnenstücke und massenwirksamer Romanliteratur erreichten noch keine repräsentative Stellung in den sich formierenden bürgerlichen Literaturkreisen und den kunstausübenden und kunstinteressierten Sozietäten, denn ihre poetische Geschmacksnorm wurde nicht anerkannt, sondern eher bekämpft, da ihre literarischen Produktionen nicht in die von den Poetiken der Zeit vorgegebene, an der Antike orientierte Poesiekonzeption paßten und außerdem von den Machtinstanzen der Kirche als wirksame Beiträge zur Säkularisierung des Denkens registriert und bekämpft wurden. Diese Autoren blieben zumeist in der Anonymität. [• â–  •]
Die wachsende Möglichkeit des Verlags und des Handels mit schöngeistiger Literatur trug wesentlich zur Belebung von Grundelementen eines aufklärerisch intendierten Literaturmarkts und zur Verbreitung der Lektüreinteressen bei, war eine ihrer wichtigsten Voraussetzungen; und in fast allen bedeutenden deutschen Städten gab es - mit eindeutiger Führung Leipzigs - sich entwickelnde große Verlagsunternehmen, die sich neben wissenschaftlichen Publikationen auch schöngeistiger Literatur annahmen. Dennoch hatten feudalstaatliche und klerikale Zensurbehören noch einen sehr großen Einfluß auf diese Unternehmen, und es begegnete ständig die Praxis der Anonymität und des fingierten Verlegers bzw. Verlagsorts. [...]
Die Situation auf dem deutschen Theater war ebenfalls uneinheitlich und stark differenziert. Die Einheit von Literatur und Theater war noch nicht vollzogen, obwohl die Wanderbühnen Gryphius', z. T. auch Weises Stücke im Repertoire hatten und das Literaturdrama sich eindeutig den formalen dramaturgischen Regeln des Wanderbühnentyps anpaßte. Lediglich die Hamburger Librettisten schrieben für das Theater. [-...]
Die Leserschichten waren - wie die Autoren — ebenfalls noch weit entfernt von sozialer und geistiger Emanzipation. Da dem Dichter nach der theoretischen Konzeption vielfach der Status eines unfehlbaren Sittenlehrers eingeräumt wurde, gab es noch eine Kluft zwischen bürgerlichem Autor und bürgerlichem Publikum, sieht man von Erscheinungen wie Reuter und Günther ab, die sich von poetologischen Normvorstellungen sehr weit entfernten. In Deutschland bestanden außerdem mehrere Leser- und Publikumsschichten, die unterschiedlich vorgebildet und durch ständisches und religiöses Denken in ihrer geistigen Emanzipation noch stark eingeengt waren - ein Resultat der bestehenden ständegesellschaftlichen Ordnung und der gesicherten Position der Kirche. Differenzierungen innerhalb der Leserschichten ergaben sich außerdem aus den territorialen Besonderheiten, und die unterschiedliche ökonomische und gesellschaftliche Situation in den einzelnen Territorialstaaten [...], in den Universitätsstädten mit relativ selbständiger geistiger Geschichte und Struktur und in den freien Reichsstädten, hemmten die Formierung eines einheitlich denkenden und einheitlich geschulten und einheitlich rezipierenden bürgerlichen Publikums ebenso wie die Entstehung einer geschlossenen bürgerlichen Schriftstellerfraktion und einer einheitlichen Literaturpflege.
      Im Menschenbild, das die Literatur dieser Phase auf Grund der genannten Besonderheiten entwickelte, dominierten vor allem zwei Elemente. Die Schriftsteller zeichneten entweder das Idealbild eines vernunftdiktierten und vernunftgeleiteten Menschen oder urteilten den Menschen wegen seiner moralischen Unzulänglichkeiten ab. Dieses Menschenbild enthielt somit noch ausgeprägt statische Elemente, da es zunächst von moralkritisch intendierten Fragestellungen zehrte, nur partielle Bereiche der historischen und sozialen Realität erschloß und den schöpferischen und aktiven gesellschaftsverändernden Menschen, der in jener Zeit [...] keine realen Wirkungschancen besaß, noch nicht entdeckt hatte und sich mit ethischen und teilweise traditionellen religiösen Postulaten und Gesellschaftsidealen begnügen mußte. Mangelndes historisches Bewußtsein und Selbstverständnis sowie lokale und soziale Vielfalt und Differenziertheit der gesellschaftlich machtlosen und ökonomisch am Anfang ihres Emanzipationsprozesses stehenden Schichten verschloß ihnen vorerst ein reales soziales Perspektivbewußtsein und hemmte in den Bereichen der Kunst und Literatur die kontinuierliche Ausprägung realistischer Schaffensmethoden.
      Es wurde ein nach rationalistischem Denken und philosophischmoralischer Normvorstellung in das real vorhandene Ständesystem eingeordneter und sich einordnender Mensch gezeigt. Seine Entscheidungen beschränkten sich vornehmlich auf Bekenntnisse und Handlungen im Sinne der Tugend und des Lasters, und obwohl sich in der Distanzierung vom Laster bereits Elemente der ge-sellschaftlich konkreten und vor allem der moralischen Kritik am Feudalabsolutismus zeigten, vermieden die Autoren vorsichtig die Gestaltung vordergründig erkennbarer gesellschaftlicher Entscheidungen. Charaktergestaltung und Handlungen der Helden und literarischen Figuren zielten nur selten auf die Schaffung eines gesellschaftlich gültigen und bewußt wertenden Menschen. Alle kritisch-satirischen Versuche der Wirklichkeitsgestaltung im Drama und im Roman waren mehr oder minder Zeichen eines negativen Urteils, der Zeichnung eines unzulänglichen Menschen, der sich zu höherer Moral entwickeln müsse, und kritischer Auseinandersetzung mit den Vertretern der bürgerlichen Standesgenossen und ihres moralischen Verhaltens. Dabei erfaßte dieses Menschenbild vorerst nur bestimmte partielle Bereiche der Wirklichkeit, in der Analyse der Realität vielfach sogar nur sekundäre Erscheinungen wie Geiz, Wucher, Hochmut, Nachahmungsstreben und mangelndes Standesbewußtsein und lenkte die Schriftsteller auf entsprechende Motive aus der literarischen Tradition, die diese Haltungen satirisch bloßstellen konnten. Das Wesen dieser Erscheinungen und das Wesen der Zeit wurden nicht begriffen, da die Autoren nur über begrenzte soziale und weltanschauliche Einsichten verfügten. Es wurden vor allem die moralischen Verhältnisse in einer Umwelt beschrieben, die den Menschen formten. Den Menschen als gesellschaftlich bestimmenden Akteur gab es noch nicht in der Literatur der Zeit. Elemente eines Entwurfs vom Menschen enthielten nur abstrakte moralische Idealvorstellungen, die man innerhalb der als unumstritten geltenden göttlichen Weltordnung als realisierbar vermutete. Auch die Dominanz der Kritik in den herrschenden Gattungen und Genres verdeutlicht die Grenzen des Menschenbildes dieser Literatur. Die innerständische Auseinandersetzung war noch vorherrschend. Wo der Bürger als literarischer Held auftrat, herrschte vielfach die Distanzierung von den moralischen Unzulänglichkeiten des eigenen Standes, die vielfach als kritiklose Nachahmungssucht feudalgeprägter sittlicher Haltungen erkannt wurden. Das war besonders in der Komödie der Fall, die nach der theoretisch noch allgemein anerkannten Ständeklausel ohnehin als das dramatische Genre galt, in dem nur Bürger auftreten durften. Aus diesem Grunde dominierte unter den literarischen Genres und Gattungen die Komödie und erfreute sich die Satire - gleichsam moralisch intendiertes ästhetisches Kernstück - in allen Gattungen großer Beliebtheit, selbst im Gelegenheitsgedicht und im Roman. Allerdings wurde der Roman theoretisch wegen der Vielgestaltigkeit und des Nebeneinanders von trivialem Abenteuerroman, episodenreichem 'politisch" belehrendem Roman, Beschreibung galanter höfischer Lebenssphäre und lokaler Chronique scandaleuse, die sich nach der Normpoetik nicht systematisieren ließen und häufig der vordergründigen moralischen Tendenz entbehrten, als unzulängliches episches Genre abgelehnt, stand er für die Autoren poetologischer Handwerkslehren noch zu sehr unter dem Einfluß der unterschiedlichsten Traditionslinien und war - abgesehen von Reuters 'Schelmuffsky" - von den bürgerlichen Schriftstellern noch nicht als gültige Kunstform erschlossen. Auch im Drama gab es unterschiedliche Versuche, von der höfischen Dramatik abweichende Modelle zu schaffen. Dabei versuchten Weise und Reuter in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts, sich an Moliere zu schulen, der auch auf der Wanderbühne seinen Platz behauptete, König und Henrici wiederum, eine Komödienreform mit komischen Mitteln der italienischen Volkskomödie zu initiieren. All diese Versuche scheiterten wegen mangelnder Resonanz und der in einigen Fällen kritisierten Position dieser Autoren. Es erwies sich abermals, daß in Deutschland kein Autor und keine Autorengruppe die Möglichkeit hatte, in der frühen Phase aufklärerischer Literaturströmungen eine vorbildliche und verbindliche bürgerliche Literaturprogrammatik zu entwickeln. Die traditionsbildende Wirkung dieser Literaturphase ist aus diesem Grunde stark begrenzt.
      Textvorlage: Werner Rieck: Literarische Prozesse in der ersten Phase der deutschen Frühaufklärung. In: Weimarer Beiträge, H. 10, Berlin/Weimar 1971, S. 115-138.
     

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