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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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WERNER RIECK - Die zweite oder Gottsched-Phase der deutschen Aufklärung...



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Die zweite oder Gottsched-Phase der deutschen Aufklärung, die von der Mitte der zwanziger Jahre bis zur Jahrhunderthälfte reichte, ist durch einen Prozeß der Konsolidierung und Stabilisierung in der Literatur, der Ästhetik und der nationalen Rezeption gekennzeichnet. Dabei wird die ständische Orientierung der Literaturgesellschaft nicht überwunden, da diese Aufstiegsliteratur mit bürgerlichem Anliegen eine an Kunst und Literatur der bedeutendsten Zentren des Feudalabsolutismus in und außerhalb


Deutschlands orientierte feudale Führungsschicht nicht anspricht und außerdem ein weltanschaulich-theoretisches Konzept vertritt und verwirklicht, in dem die bestehende ständische Ordnung akzeptiert wird.
      Der entscheidende Impuls geht um 1725 von Gottscheds pädagogischem, literarischem und journalistischem Wirken aus, das auf das philosophische System Wolffs gestützt ist. Mit seinen moralischen Wochenschriften , seinem 'Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen", seinen und der Gottschedin dramatischen Mustern sowie seinem Versuch einer Literatur und Bühnenkunst vereinenden Theaterreform wird er zum alleinigen Richtungsgeber für die deutsche Literatur. Er arbeitet die erzieherische Funktion der Kunst heraus und bemüht sich, der deutschen Dichtung zur nationalen Repräsentanz zu verhelfen. Da er sich jedoch auf die Normative des französischen Klassizismus, der die ästhetischen Regeln der Antike auf die feudalabsolutistischen Verhältnisse Frankreichs übertragen hatte, orientierte und einen starren Regelkodex schuf, der letztendlich der Entwicklung einer bürgerlichen Literatur im Wege stand, meldete sich Opposition an. Ãœber zwanzig Jahre zieht sich der literaturtheoretische Zwist zwischen Gottsched und den Schweizer Kunsttheoretikern Bodtner und Breitinger hin, der bei gemeinsamem literaturgesellschaftlichem Wirkungsanliegen weitgehend auf divergierenden Entscheidungen für ein anderes außerdeutsches Vorbild beruht. In der bürgerlichen Literatur Englands sehen die beiden Züricher Professoren das Anliegen des Bürgertums weitaus kräftiger als in der französischen vertreten. Ihr Konzept von der Poesie als einer poetischen Malerei, ihr Verzicht auf ein starres und mechanistisches Naturnachahmungsprinzip und ihre größere Freizügigkeit in der Handhabung der Gattungspoetik führen die deutsche Literaturtheorie und Literaturkritik ein Stück voran und eröffnen, obwohl auch sie von der moraldidaktischen Wirkung der Literatur ausgehen, dem Emotionellen in der Kunst größere Möglichkeiten. Die Fehde um neue künstlerische Mittel der Wirklichkeitsbewältigung tendiert in der Folge selbst unter den jüngeren Gottschedianern zur Ãœberwindung einer Literatur, die unkünstlerisch moralphilosophische Lehrsätze propagiert. Obwohl die literarischen Auseinandersetzungen noch stark an ein von antikem Muster-, Regel- und Normdenken beeinflußtes poetologi-sches Aufklärungskonzept gebunden sind, leben die Satire, die Fabel, das Lehrgedicht, das regelmäßige Drama, das Originallustspiel und später die bürgerliche Schäferpoesie, das komische Epos, ein betont aufklärerisch konzipierter Roman, die aufklärerische Ideen propagierende Ode, das Lob-, Ehrenlied und Gelegenheitsgedicht auf Bürger erst jetzt richtig auf. Dabei bleiben die Vertreter dieser Phase — und das ist ihre Grenze — bei der Mustervorstellung von literarischen Formen und behindern dadurch den Schritt zu einer echten volkstümlichen Nationalpoesie und Poetisierung der nationalen Wirklichkeit, der mit dem bestehenden und starren Formenzwang nicht erreicht werden konnte. Trotzdem lassen sich folgende wesentliche literaturgesellschaftliche Fortschritte erkennen:
Endgültige Ãœberwindung einer höfisch orientierten deutschen Literatur und strenge weltanschaulich begründete und relativ einheitliche Ausrichtung der Literatur auf diesseitige, säkulare geistige und moralische Belange der bürgerlichen Stände, verbunden mit einer programmatischen Absicht, auch auf die herrschenden gesellschaftlichen Schichten im aufklärerischen Sinne zugunsten einer harmonischen Ständeordnung erzieherisch einzuwirken.
      Entwicklung, Neu- und Wiederentdeckung einer Vielzahl literarischer Genres und ästhetischer Mittel, die den Charakter ihrer Operativität durch das angestrebte Verhältnis von literarischer Wirksamkeit und Rezeptionsmöglichkeit und -Willigkeit erhalten; literarischer Mittel, deren moralische Grundtendenz zugleich alle Regungen klerikalorthodoxer, feudaler und patrizisch-bürgerlicher Zensur ungerechtfertigt erscheinen läßt, selbst die Vorbehalte gegen die Schaubühne einschränkt und schließlich überwinden hilft und außerdem den Säkularisierungsprozeß im Sinne eines diesseitig orientierten Menschen- und Gesellschaftsbildes in der Literatur vorantreibt.
      Erweiterung der bürgerlichen Leserkreise durch Gewinnung jener Schichten, die bislang im Einflußbereich christlichen Erbauungsschrifttums standen und denen wegen der betont möraldidaktischen Tendenz der Aufklärungsliteratur der Weg zur weltlichen Lektüre erleichtert wird.
      Weitgehende Ãœberwindung der lokalen Beschränkung literaturgesellschaftlicher Erscheinungen, obwohl lokale ökonomische, gesellschaftliche und geistige Besonderheiten weiterhin literarische Fraktionsbildungen und Sonderentwicklungen begünstigen, die gesamtnationale Wirkung aber nicht mehr beeinträchtigen können, da sie seit Beginn einer einheitlichen Kunstdiskussion als Orientierungspunkte in der gesamtnationalen Literaturdiskussion verstanden werden.
      Wachsendes Interesse und Verständnis für deutsche und außerdeutsche Literatur, verbunden mit intensiver theoretischer Diskussion - z.T. in literarisch satirischer Form - unter dem Aspekt, die für die bürgerlichen Leserschichten wirksamsten ästhetischen Mittel zu übernehmen.
      Zuwachs an nationalen Idealen in der literarisch-theoretischen Diskussion und in der Literatur , die sich allerdings auf das Streben nach national bedeutender Aneignung jener als repräsentativ geltenden, bewährten und gültigen Modelle seit der Antike begrenzten , aber ein wachsendes bürgerliches Nationalbewußtsein und die Opposition gegen den Duodezdespotismus reflektieren.
      Auch die Autoren der Konsolidierungsphase entstammen hauptsächlich den Schichten des gelehrten, des mittleren und des pa-trizischen Bürgertums. Während Gottsched als Universitätslehrer noch stark den in das Ständesystem und die feudale Beamtenhierarchie voll integrierten Gelehrtentyp verkörperte, ist es vielen seiner Schüler und späteren Gegner jedoch verwehrt, sich zu derart privilegierten Positionen emporzuarbeiten. Sie erkannten auf Grund ihrer sozial unsicheren und zum Teil kläglichen materiellen Situation in stärkerem Maße Unzulänglichkeiten und Mängel der Gesellschaft. Die Zunahme der publizistischen Möglichkeiten, das allgemein wachsende Kunstinteresse sowie die steigende Anerkennung des Literaten selbst ist mit einem spürbaren Anwachsen einer jungen bürgerlichen Schriftstellergeneration verbunden. Beispielsweise wird seit den zwanziger Jahren der literarisch tätige Student unter dem Patronat des literarisch geschulten Gelehrten zu einer traditionellen Erscheinung. Literarische Betätigung gilt zumeist als 'Neben-Werck", als Beschäftigung in 'Neben-Stunden". Diese Haltung kennzeichnet nicht nur soziale Anpassungstendenzen, sie macht auch die Grenzen der bürgerlichständischen Literaturgesellschaft deutlich, die dem freien Schriftsteller keine Existenzbasis sichert.
      Lediglich der literarisch tätige Schauspieler stellt in dieser Phase den Typ des freischaffenden Künstlers dar, ist aber den harten Existenzbedingungen seines Berufs unterworfen und somit keineswegs völlig emanzipiert.

     

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