Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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WERNER RIECK - Die Höhepunkts- oder Lessing-Phase der deutschen Aufklärung ...



Die nationalliterarisch bedeutsamste Entwicklungsstufe der Aufklärungsliteratur, die einen Zeitraum von etwa 1750 bis 1770 umfaßt und die wir als Höhepunkts- oder Lessingphase bezeichnen, ist vor allem dadurch charakterisiert, daß die gesamte Aufklärungsbewegung in Deutschland auf Grund größerer gesellschaftlicher Erfahrungen ihrer Hauptvertreter, auf Grund weltanschaulich errungener Positionen des Bürgertums in allen europäischen Ländern sowie zahlreicher Versuche und Vorleistungen literarischer Aufklärungspropaganda in Deutschland und in den westeuropäischen Ländern entscheidende Breitenwirkung erlangt. Auf dem Gebiete der Literatur, literarischer Programmatik und literarischer Kritik wird durch Ansätze historischen Denkens und durch vertiefte gesellschaftliche und soziale Einsichten ein Prozeß eingeleitet, in dem literarische Vorleistungen bei größerer Berücksichtigung literaturgesellschaftlicher Gegebenheiten und Möglichkeiten bewußter und differenzierter beurteilt, verworfen oder weiterentwickelt bzw. neu konzipiert werden. Die Bedeutung dieser Entwicklung liegt vor allem darin, daß zum ersten Male in der neueren Literaturgeschichte das Bestreben sichtbar wird, die Funktion der Literatur im sozialen und geistigen Befreiungskampf zu ermitteln und zu erproben. Diese neue Qualität der Aufklärung, die aus den literarischen Hervorbringungen, aus den Kunst-, Wissenschafts- und Weltanschauungsdebatten ablesbar ist und ideologiegeschichtlich die gesellschaftlichen Emanzipationsbestrebungen einer zur Macht drängenden Klasse reflektiert, bewirkte u. a. ihren Einfluß auf alle entscheidenden Literaturepochen der Folgezeit, was die Anerkennung verständlich macht, die die Stürmer und Dränger, Heine, Marx und Engels, Mehring und die Vertreter der sozialistischen Literatur Lessing zollten.

      Lessing, Klopstock und Wieland waren die führenden Vertreter dieser Literaturphase, und obwohl sie mit unterschiedlichen literarischen Mitteln und Methoden im literarischen Gesamtprozeß wirkten, einte sie das gemeinsame Streben nach literarischer Bewältigung der Wirklichkeit. Ihr Anteil an der Schaffung eines aufklärerischen Menschenbildes und ihre nationalliterarisch repräsentative Rolle in den wesentlichsten Gattungsbereichen Drama, Lyrik und Epik führen die deutsche Aufklärung auf ihren weltliterarischen Höhepunkt.
      Die Aufklärungsschriftsteller rekrutierten sich weiterhin vorrangig aus akademisch gebildeten Bürgern mit eben jenen gesellschaftlichen Krisenerfahrungen, die zur Auflockerung und Differenzierung innerhalb der Gottschedphase geführt hatten. Die Schicht der Aufklärungsliteraten war größer geworden, das Verständnis des bürgerlichen Publikums war gewachsen, die literarischen Kämpfe und Bestrebungen wurden begleitet von aufklärerischen Bemühungen im gesamten kulturellen, wissenschaftlichen und pädagogischen Bereich, und die bürgerlichen Schriftsteller stellten auch für alle kunstinteressierten und künstlerisch produktiven Kräfte aus nichtbürgerlichen Schichten das literaturgesellschaftlich organisierende Zentrum dar. Die Bindung des Lyrikers und Idyllendichters Ewald von Kleist , eines preußischen Landadligen, an bürgerliche Aufklärer ist dadurch ebenso erklärbar wie das Streben erster Naturtalente, wie z. B. der aus bäuerlich-plebejischen Schichten entstammenden Anna Luise Karsch , sich in die zeitgenössische Literatur einzureihen. Daß dabei den ersten anerkannten und geförderten Autoren aus bäuerlich-plebejischen Kreisen die soziale Position ihrer Klasse vielfach verlorenging [...], war eine notwendige Folge aus der literarischen Gesamtkonstellation, in der literarische Anerkennung nur durch Anpassung an ein verbindliches Literaturkonzept möglich wurde. Aber die grundsätzliche Bereitschaft, Naturtalente zu fördern, trug objektiv dazu bei, dieniederen Volksschichten in ihrer literarischen Betätigung zu bestärken, und wurde somit zu einem [...] bedeutenden Faktor für die Literatur des Sturm und Drang, die mit einer konzeptionellen und programmatischen Orientierung auf die plebejischen Schichten die gesamte literaturgesellschaftliche Situation revoltierte.
      Daß die Literatur der Höhepunktsphase der Aufklärung einen komplizierten Prozeß darstellt, der nicht gradlinig verläuft, sondern durch intensives Ringen um Wirklichkeitsbewältigung charakterisiert ist, zeigt vor allem der Weg Lessings, dessen Schaffen derart mit dieser Stufe deutscher Literaturentwicklung verbunden ist, daß sie seinen Namen trägt. [...] Sehr bewußt bediente er sich der wirksamsten Mittel literarischer Aufklärungsbestrebungen, des Theaters, der Fabel und der Publizistik. Dabei stand er zunächst selbst mitten im Gesamtprozeß der von Gottsched bestimmten literarischen Entwicklung, ohne ihn zu durchbrechen. Lessing fußt auf den Errungenschaften des Gottschedianismus [...]. Der endgültige Bruch Lessings mit dem Gottschedianismus und seine betont abgrenzende Haltung zu seinem namhaften Vorgänger erfolgte in den fünfziger Jahren vor allem auf Grund seiner spezifischen Situation des sozial nicht integrierten kritischen Publizisten. Das Rezeptionsfeld der außerdeutschen Aufklärung war größer geworden, bot Möglichkeiten des Vergleichs, wies auf eine Reihe literarischer Modelle. Die Kunstdiskussionen der vierziger Jahre [...] waren fruchtbar gewesen durch Versuche der literaturtheoretischen Neuorientierung. Gryphius und Shakespeare waren neu entdeckt worden, die Entscheidungen für bestimmte literarische Gattungen und Genres konnten erstmalig kritisch überprüft werden. Auf das gesellschaftliche Denken wirkte sich die Erkenntnis aus, daß der relativ gefestigte territorialstaatliche Absolutismus der Aufklärungsbewegung wiederholt Hemmnisse entgegengestellt hatte, f.. .
      Seit den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts wurde immer deutlicher, daß die frühen Phasen der Aufklärung ein echtes Bedürfnis nach literarischer Rezeption in den bürgerlichen Schichten geweckt hatten, das Verhältnis von Autoren und Leserschaft sich organisch entwickelt hatte und sich wechselseitig beeinflußte. Selbst adlige Schichten fanden [...] zunehmend den Zugang zur deutschen Literatur. Der Buchmarkt hatte eine kommerziell bedeutende Stellung erlangt wie nie zuvor, und es gab neben selbstverlegerischen Bemühungen einzelner Schriftsteller [...] bereits Autoren, die diese Tendenz nutzten und sich als Verleger eine gesicherte materielle Existenz schufen. [...] Statt des einst vorherrschenden theologischen Schrifttums nahmen nun auf Grund der gewachsenen wissenschaftlichen, philosophischen und literarischen Bedürfnisse, Interessen und Forderungen andere Bereiche den führenden Platz in der Buchproduktion ein. Die interessierten Leserschichten waren durch diese Entwicklung auch in die Lage versetzt, die weltanschaulichen und literarischen Fehden und Auseinandersetzungen in der westeuropäischen Aufklärung zu verfolgen. [...] Die journalistischen Publikationen der Frühaufklärung wurden weiter differenziert, besaßen neben der schöngeistigen Literatur insoweit gleichrangige Bedeutung, als sie deren Entwicklung mit literaturtheoretischen und literaturkritischen Beiträgen begleiteten und beeinflußten. [...] Selbst die Moralischen Wochenschriften fanden in dieser Phase weiterhin Leser, und Periodika wie die 'Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste" von Nicolai und Mendelssohn und Nicolais 'Allgemeine Deutsche Bibliothek" u. a., an denen vielfach mehr als einhundert Rezensenten und Beiträger arbeiteten, wurden publizistisch bedeutsame Organisationszentren für die Aufklärungsbewegung, analog etwa zu der bürgerlichen Einrichtung der Freimaurerbünde. [...] Bürgerliche Lesegesellschaften entstanden, und das öffentliche Bibliothekswesen gewann an Bedeutung, je mehr das Monopol der repräsentativen und gemeinhin unzugänglichen Fürstenbibliotheken und privaten Gelehrtensammlungen durch Erschließung, Literaturpropaganda und Leserinteresse durchbrochen wurde. [...] Gleichsam literarische Aktivitäten begleitend, gab es ein zunehmend an Musik interessiertes Publikum, Anfänge eines bürgerlichen Singspiels, gesellige Kreise, die sich der Musikpflege annahmen. [...]
Die literaturgesellschaftlich wirksamste Instanz aber war weiterhin das Theater. [...]
Die Bindung der Autoren an feste Gruppierungen, analog etwa zur Gottsched-Phase, wurde in den fünfziger Jahren überwunden. Es war sichtbar geworden, daß die einst für Literatur- und Kunstdiskussion produktiven Fraktionskämpfe die Formierung eines geschlossenen antifeudalen Lagers hemmen mußten. Außerdem waren sie in ihrer personellen Erstarrung zunehmend auf einen individuell-beschränkten Pamphletismus und auf formalästhetische Fragestellungen orientiert. Für Nicolai, Lessing, Klopstock und Wieland stellte Mitte der fünfziger Jahre eine Pro-contra-Entscheidung zu diesen Gruppierungen kein echtes Problem mehr dar, und diese Haltung war unter den spezifischen Bedingungen jener Jahre bereits ein wesentliches national-programmatisches

Anliegen. Wenn auch einzelne lokale Zentren, vor allem Handelsund Universitätsstädte wie Hamburg, Berlin, Halle, Göttingen, Breslau, Frankfurt a. M., Braunschweig und Leipzig, noch weiterhin und zunehmend auf aufklärerische Autoren und Leserschichten bedeutsame konstituierende Wirkung ausübten, so ging ihnen jedoch durch die ökonomische Entwicklung und die damit verbundene ideologische Angleichung sowie durch die national wirksame und allgemeine Orientierungsmöglichkeiten schaffende aufklärerische Publizistik die einstmals bedeutsame Führungsrolle verloren, so daß die spezifisch lokalen Züge der Frühaufklärung zugunsten einer gesamtnationalen Bewegung zurückgedrängt wurden.
      Die entscheidenden Kunst- und Wissenschaftsdebatten wurden bereits im nationalen Rahmen geführt, und ihre Anliegen waren auf die konstitutiven Kräfte der Nation, auf die bürgerlichen Schichten gerichtet. Dadurch gewannen sie an gesellschaftlicher Bedeutung, waren nicht mehr vorrangig auf die formal-künstlerischen Auseinandersetzungen beschränkt. Lessings Kritik war gesellschaftlich konkreter, nicht mehr nur reine Kunstkritik, rein theologisch-philosophische Kritik und Rezension, sondern sozial akzentuiert [...]. Gottscheds didaktisches und abstrakt moralisches Kunstkonzept wurde von Lessing ersetzt durch eine sozial wirksame Moralkonzeption. Den gesellschaftlich überholten Normen setzte er neue, sozial determinierte entgegen. [...]
Winckelmann trug zur Entdeckung eines historisch konkreten Antikebildes bei und ermöglichte auf Grund seiner durch Empirismus und Materialismus beeinflußten Analyse historischer und künstlerischer Erscheinungen eine weltanschauliche Vertiefung der Kunstdebatten und eine zunehmend sozial wertbare Antikerezeption, die schließlich in der Klassik dazu führte, sich der Antike als eines humanistischen Gesellschaftsmodells zu bedienen. Grundsätzlich wurden alle Kunstdebatten in der Höhepunkts- und in der Schlußphase der Aufklärung begleitet von den Wissenschaftsdebatten in der gesamten europäischen Aufklärung, die von der Auseinandersetzung zwischen Idealismus und Materialismus, von den nationalerzieherischen Bestrebungen der frühen bürgerlichen Pädagogik sowie von den Streitigkeiten der Theologen um eine natürliche und Wunder leugnende Bibelinterpretation bestimmt waren. Die Versuche der aufklärerischen Geschichtsschreibung, die zunehmenden sozialen Mißstände und gesellschaftlichen Zusammenhänge kritisch aufzudecken, führten — nicht zuletzt unter dem Einfluß französischer vorrevolutionärer Aufklärer - zur Entwicklung eines frühen sozialkritischen Schrifttums.
      Die Ãœberwindung der dogmatischen Normpoetik mit ihrer strengen Differenzierung zwischen 'hohen" und 'niederen" Gattungen und Genres trug wesentlich dazu bei, sich ohne Regelzwang für literaturgesellschaftlich wirksame und bewährte literarische und publizistische Formen zu entscheiden. Dramatik, Lyrik und Epik erhielten durch [...] Lessing, Klopstock und Wieland erstmals eine ästhetische Qualität, die regelhafte literarische Strukturen zugunsten einer wirklichkeitsgemäßeren literarischen Widerspiegelung der Wirklichkeit zurückdrängte. [...] Im Prozeß der Selbstverständigung und der Suche nach neuen gestalterischen Möglichkeiten erlangte die Literatur einen Zuwachs an antifeudaler Tendenz und führte Publikum und Leserschichten zu größeren gesellschaftlichen Einsichten, wenn es auch noch an der Erkenntnis eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels und des Weges zu dieser Wende mangelte. [...] Dominierte in der zweiten Phase der Aufklärungsliteratur [...] die Kritik an moralischen Unzulänglichkeiten der Gesellschaft sowie der Gedanke der Fürstenerziehung und der moralischen Bildung der bürgerlichen Schichten [•..], so vermochte vor allem Lessing in seinen Meisterdramen zu größerer Opposition gegen den Feudalabsolutismus vorzudringen, da er bürgerliche Tugenden konsequenter von der Moral der Höfe abgrenzte und tugendhafte Haltungen als gesellschaftlich konkrete Verhaltensnormen innerhalb des Bürgertums sichtbar machte. [...]
Leser und Publikum wurden nach Lessings literarischer Konzeption angeregt, sich der eigenen gesellschaftlichen Situation und der Mängel und Unzulänglichkeiten der bestehenden Ordnung bewußt zu werden. Er wirkte damit dem auf gesellschaftliche Anpassung zielenden Gottschedianismus entgegen.
     

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