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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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WERNER RIECK - Aus: Die Höhepunkts- oder Lessing-Phase der deutschen Aufklärung ...



Diese Tendenz, die weit größere Berücksichtigung des bürgerlichen Individuums als Autor, Held oder Symbolfigur läßt sich auch in Klopstocks Dichtungen feststellen, da sich hier das lyrische Subjekt als bürgerliches Subjekt empfand. [...] Im kritisch-distanzierten Rückgriff auf die Anakreontik, auf den durch Gleim, Uz und Götz propagierten Freundschaftskult, der ideologisch als programmatisches Streben nach bürgerlicher Geselligkeit rezipiert wurde, durch den von der Wissenschaftsentwicklung flankierten Wandel des Naturbildes und die Zurückdrängung idealistisch-idyllischer Tendenzen unter Nutzung einer lyrischen Sprache, die Elemente antiker Strenge und verinnerlichter religiöser Aussage zu vereinenstrebte, entstand eine Lyrik von hoher weltanschaulicher Aussagekraft und vor allem von traditionsbildender Qualität, die besonders durch Klopstock repräsentiert wird und im Sturm und Drang - vornehmlich auf die Lyriker des Göttinger Hainbundes - nachwirkte.

      Die epische Dichtung, die von der Normpoetik nur als großes höfisches oder nationales Epos inhaltlich und formal akzeptiert wurde, deren nationalliterarische Traditionslinie von Grim-melshausens 'Simplicissimus" über Weises politische Erziehungsromane und Happels, Reuters, Kuhnaus und Huriolds satirische Romane in der Gottschedära unterbrochen war und durch vorrangig englische Einflüsse angeregte Romanproduktionen Schnabels und Gellerts wieder auflebte, erlangte erst durch Wielands Romanschaffen wieder ihre eigentliche Breitenwirkung und gestalterische Höhepunkte, die 1774 erstmals zur bedeutsamen theoretischen Verallgemeinerung in Blankenburgs 'Versuch über den Roman" führten. Neben der Wielandschen Romanliteratur behaupteten der aufklärerische Familienroman und auch das komische Epos nach wie vor ihren Platz in der epischen Literatur. [...]
Neben den großen Formen — auch das kennzeichnet die Vielschichtigkeit und unterschiedlichen literarischen Reifeprozesse in der Höhepunktsphase der Aufklärung - behielten die Kleinformen ihre literaturgesellschaftliche Funktion, so etwa die Fabel und das Epigramm. [...] Lichtenberg fand schließlich für seine teilweise materialistisch fundierte weltanschauliche Selbstverständigung und kritische Beurteilung gesellschaftlicher und historischer Vorgänge den Aphorismus als ein seinem Anliegen adäquates literarisches Mittel.
      Fortsetzung und Widerspruch im Bereich nationalliterarischer Tradition und Entwicklung, die in Literatur und Literaturkritik sichtbar wurden, gab es auch in den literarischen Rezeptionsentscheidungen. Der Gottschedianismus war trotz bestimmter Vorbehalte gegenüber dem Ausschließlichkeitsanspruch der französischen Klassik neben den humanistischen Tendenzen der französischen Literatur auch ihrem Regelkanon stark verpflichtet und baute ihn zum dogmatischen Normkatalog aus. Lessing fand in der Abwehr dieses literarischen Konzepts zu der einst wirksamen Tradition des englischen Schauspiels, vor allem Shakespeares, zurück und orientierte damit — wie Wieland in seinen Ãœbersetzungen Shakespearescher Stücke - auf eine bürgerliche Dramatik, die es zuließ, große gesellschaftliche Konstellationen im Ensemblespiel zu reflektieren und zu werten. Allerdings erhielten vorrangig nur die für deutsche gesellschaftliche Verhältnisse relevanten literarischen Erscheinungen außerdeutscher Literatur ihre Wirksamkeit. Lessings Diderot-Rezeption schloß zwar die ständeorientierte Dramaturgie des französischen Dramatikers aus, dessen literarische Konzeption unter den spezifischen Bedingungen eines einheitlichen Staatswesens mit deutlich wahrnehmbaren ständischen Konfrontationen anders wirksam werden konnte als unter deutschen Verhältnissen, lernte aber unter dessen Einfluß Milieuproblematik literarisch zu bewältigen, analog etwa zu Wielands durch Rezeption milieutheoretischer Vorstellungen französischer Philosophen gewonnenen gestalterischen Fähigkeiten. Ähnlich erklärt sich die Wirkung der Darstellung des familiären Milieus und der kleinen Bürgerwelt im englischen Roman Sternes oder Ri-chardsons auf die deutschen Romanautoren, für die die Weite der gesellschaftlichen Problematik Defoescher oder Swiftscher Werke keine aktuelle Bedeutung besaß. Eine neue Sicht der Antike und die Interpretation antiker Kunst und Kunsttheorie unter aktuellem kunsttheoretischem Aspekt sowie die Aufnahme von Erkenntnissen und literarischen Wirkungen des Sensualismus - vor allem aus England - führten außerdem zur Ãœberwindung eines lebensfremden Stoizismus, zur Diesseitsbejahung und zur Vertiefung der Charakter- und Figurenzeichnung.
      Der Zuwachs an Realismus und eine konkretere Erfassung des Menschenbildes waren die bedeutendsten Leistungen der Höhepunktsphase der Aufklärungsliteratur. Das aufklärerische Menschenbild erschien im Gegensatz zur Literatur der frühen Aufklärungsphasen nicht mehr als Deklamation, sondern es wurde bewiesen, wie es sich unter den spezifischen Bedingungen der Epoche durchsetzen und bewähren müsse. Illusionen und Ideale von der Macht der Vernunft und vom Sieg der Humanität erlangten die Qualität einer progressiven bürgerlichen Ideologie, die die gesellschaftlichen Erfahrungen der bürgerlichen Schichten mit der sozialen Wirklichkeit des Feudalabsolutismus in das Licht entscheidender gesellschaftlicher Konflikte rückten. Hier konstituierte sich - für alle späteren Generationen sichtbar - eine Literatur, deren Grundanliegen gesellschaftsverändernd konzipiert war und [...] erstmals entscheidende Bewußtseinsveränderungen bewirkte.
      Mit fortschreitender Säkularisierung des Denkens wurde die apologetische Behandlung des Leidens, wie sie noch in der Literatur des Gottschedianismus begegnete, überwunden, was zur Vertiefungder aufklärerischen Tugend-Laster-Problematik führte, die nun nicht mehr ethische Polaritäten sichtbar machte, sondern die absolute und abstrakte Konfrontation zugunsten einer gesellschaftlich vertieften ästhetischen Struktur überwand. Die Konflikte im Drama und die im Roman gestalteten Widersprüche sowie die Ideale der aufklärerischen Lyrik waren nicht mehr durch ein Konzept der sozialen Anpassung und Reform geprägt, sondern reflektierten zunehmend echte Emanzipationsbestrebungen bürgerlicher wie verbürgerlichter Schichten, obwohl den Autoren die Erkenntnis historischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge weitgehend versagt blieb. Aber neben dem Entwurf eines Menschenbildes, das in Elementen Züge einer idealen und befreiten Menschengemeinschaft antizipierte, gelang es den bedeutendsten Autoren der Aufklärung in dieser Phase durch konkrete Wirklichkeitserfassung und durch erste Einsichten in die gesellschaftlichen Probleme der Epoche, bestimmte Erscheinungen der Realität sozialkritisch zu analysieren. Dieser entscheidende Zuwachs an Realismus in der Literatur wirkte sich auch auf die formalästhetische Qualität literarischer Hervorbringungen aus, förderte bewußte Entscheidungen in der Gattungs- und Genrewahl, entwickelte kritische Haltungen zur literarischen Tradition [...]. Innerhalb dieses literarischen Prozesses gelang es außerdem, die sozialen Schichten konkreter zu erfassen und die vielfach mechanischen und starren Figurentypologien aus der Gottschedzeit durch sozial profilierte Charaktere zu ersetzen. [...] Außerdem entstand in der bürgerlichen Aufklärung in Deutschland erstmals eine Literatur, die - frei von allen Regeln der Rhetorik und Erziehungsabsichten - nicht rationalistische Sprachkultur durch Poesie vermitteln wollte, sondern die Sprache in ihrer Funktion als wesentliches wirklichkeits- und bewußtseinsreflektierendes literarisches Element verstand und einsetzte.
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Die antiabsolutistische Frontstellung der Aufklärungsliteratur erschien erst in der späten Phase und nur im plebejischjakobinischen und radikal-demokratischen Lager deutscher Publizisten unter dem Eindruck und nach,den ersten Erfahrungen der Französischen Revolution offensiv und programmatisch. In der Lessing-Phase der Aufklärungsliteratur, in der es keine entscheidenden Klassenauseinandersetzungen und -konfrontationen gab, offenbarte sie sich vornehmlich in der literarischen Gestaltung von Erfahrungen mit dem territorial-fürstlichen Absolutismus und vor allem mit der höfischen Sphäre sowie im proklamierten Rechtder Individualität und humanistischer Ideale, die den Widerspruch zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten ebenso nachhaltig verdeutlichen wie die ebenfalls gestalteten fürstenerzieherischen Absichten und Vorstellungen von einer harmonischen, naturrechtlich geordneten sozialen Welt. [...]
Größe und Grenzen der deutschen literarischen Aufklärung wurden in ihrer Endphase noch einmal dadurch in besonderer Hervorhebung kenntlich, daß die Ende des 18. Jahrhunderts historisch notwendig gewordenen Entscheidungen drei wesentliche Gruppierungen entstehen ließen: ein jakobinisch-republikanisches Lager mit offenem Bekenntnis zur Französischen Revolution und konsequenter Ablehnung der Monarchie und des Absolutismus, ein reformistisches Lager mit Idealen von Fürstenerziehung und dem Ideal von bürgerlicher Entfaltung unter aufgeklärt-absolutistischen Verhältnissen sowie ein feudal-reaktionäres, teilweise stark klerikal orientiertes Lager. Mit diesen während des Zerfalls der Aufklärung hervorgetretenen Kennzeichen und Elementen war diese literarische Periode bereits von Anfang an behaftet. Für die Entwicklung unserer Nationalliteratur ist wesentlich, daß durch die Ãœbernahme und Weiterentwicklung der bedeutendsten antifeudalen Tendenzen in der Literatur des Sturm und Drang einerseits und in der literarisch und politisch wirksamen jakobinischen Literatur andererseits die fortschrittlichsten Elemente der Aufklärung den Sieg davontrugen.
     

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