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WERNER MITTENZWEI - Der Expressionismus. Aufbruch und Zusammenbruch einer Illusion



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Die Wesensbestimmung des Expressionismus kann weder aus einem bestimmten, fest fixierten weltanschaulichen und literarischen Programm noch aus einer einheitlichen Kunstform erklärt werden. Das Wesen des Expressionismus muß man vielmehr aus den eigenartigen gesellschaftlichen Bedingungen und aus der Zusammenballung verschiedener Tendenzen der historischen Phase zwischen 1910 und 1920 ableiten.

      In dem Jahrzehnt vor der Oktoberrevolution empfinden viele Künstler bestürzt die Brüchigkeit und Fragwürdigkeit der alten Gesellschaft. Diese Intellektuellen äußern nicht mehr nur ihr Unbehagen, sie melden ihren Protest an, sie verkünden unverhohlen ihren Haß, ihre Feindschaft gegenüber dem Alten. So gipfelt die expressionistische Bewegung in dem kurzen, unklaren und unvollendeten Versuch, sich vom Alten loszusagen und auf etwas Neues einzustellen, ohne daß ihre Vertreter um die eigentlichen Ursachen wissen. Als dann mit der Oktoberrevolution die neue Welt konkrete Züge annimmt, beginnt in der expressionistischen Bewegung ein Neuorientierungsprozeß, der faktisch zum Zerfall des Expressionismus führt. Die Dichter, die sich um 1910 herum zu Wort melden, sehen eine Welt aus den Fugen gehen. 'Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht", schreibt 1913 Georg Trakl in einem Brief. Diese Stimmung ist für die wenigsten nur eine individuelle Angelegenheit, obwohl nicht alle gesellschaftliche Forderungen aus ihr ableiten, indem sie eine — wenn auch ganz utopisch gefaßte — Änderung des gegenwärtigen Zustands der Welt erstreben. Da sich aber die Absage an die alte Welt und die Bereitschaft für das Neue im Spielfeld eines falschen Bewußtseins vollziehen, nämlich der Verwechslung von gesellschaftlicher Oberflächenerscheinung mit dem eigentlichen Wesen, spricht sich die expressionistische Dichtung eine Erlöserkraft zu, die das lyrische Ich zum gesellschaftlichen Vollstrecker macht. Aus dieser Konstellation erwächst die spezifische Eigenart der expressionistischen Dichtung. Gerade weil die Differenz zwischen der Verwerfung der alten und der Bejahung einer neuen, unbekannten, utopischen Welt so weitgespannt, widerspruchsvoll und dunkel ist, ergibt sich die hochgepeitschte Dynamik des Expressionismus, die gar keine fest-umrissene Weltanschauung und Kunstform zuläßt. [...]
Auf dem literarischen Spielfeld sehen die expressionistischen Dichter im Ästhetizismus, wie er im besonderen Maße der impressionistischen und symbolistischen Kunstrichtung eigen ist, ihren Gegner. Aus dieser Tatsache haben viele bürgerliche Literaturwissenschaftler den Schluß gezogen, daß damit die eigentliche Wende zur Moderne eingetreten sei. Nun wird dabei aber ganz übersehen, daß dem Kampf gegen den Ästhetizismus, wenn auch nicht immer direkt zur Sprache gebracht, die Besinnung auf die soziale Funktion der Kunst zugrunde liegt; denn diesen Dichtern geht es nicht in erster Linie um die Literatur, sondern um den Glücksanspruch des Menschen. Aber gerade diesen Anspruch hat der Modernismus im letzten halben Jahrhundert immer mehr aufgegeben. Für die Expressionisten ist die Kunst keine esoterische Angelegenheit. Sie wollten die Kunst wieder mit dem Leben verbinden. Sie soll nicht nur auf den Menschen gerichtet sein, sondern sein Elend, seine Mühseligkeit beenden helfen. In diesem Sinne fordert Ludwig

Rubiner: 'Nicht ,L'art pour Part' sondern: ,L'homme pour l'homme'." Der Blickpunkt auf die Lebensrechte des Menschen führt auch wieder zu einer stärkeren Politisierung der Künste. Ein neues Gemeinschaftsverlangen bricht sich Bahn. Die Expressionisten wollen keine 'Privatdichter" sein, sondern Fürsprecher der leidenden Menschheit. Auf diese Weise bildet sich ein gesellschaftliches Engagement heraus, das, so unklar und verworren es auch gewesen sein mag, einen ganz neuen, härteren, rauheren Ton in die Literatur bringt. Die Wirkung dieser neuen Weise ist immerhin so nachhaltig und aufrüttelnd, daß man von Revolution spricht. Dabei ist diese 'Literaturrevolution" nur die dichterische Vorahnung der großen kommenden Revolution.
      Die sozialkritische Tendenz der expressionistischen Dichtung läßt sich nicht übersehen. Dabei ist die Art und Weise, wie sie zum Ausdruck gebracht wird, sehr unterschiedlich. Sie schwingt in der schmerzerfüllten Klage ebenso mit wie in der zornigen Anklage und im ekstatischen Aufruf. Oft fassen die Dichter die Unerträglichkeit der gesellschaftlichen Zustände im Bild der gepeinigten Kreatur, des Ausgestoßenen und Verkrüppelten, zusammen. [...]
Je mehr die Unzufriedenheit mit der bestehenden Gesellschaftsordnung zunimmt, desto größer wird auch die Sehnsucht nach einer neuen Welt. Diese neue Welt tritt jedoch in der Form der Utopie in den Gesichtskreis der expressionistischen Dichter. Die konkrete, historisch notwendige Gesellschaftsveränderung durch die revolutionäre Arbeiterklasse bleibt noch weitgehend außerhalb der von ihnen erfaßten politischen Vorgänge. Dieser Geist der Utopie ist jedoch keineswegs eine Flucht aus der Wirklichkeit. Erst wenn die utopische Vorstellung auf ein Reich jenseits dieser Welt ausgedehnt wird, verliert sie ihre gesellschaftskritische Substanz. Auch eine solche Tendenz läßt sich in der expressionistischen Dichtung wahrnehmen, aber meist ist selbst das inbrünstige Gottsu-chertum nur eine mystische Verkleidung für die Suche nach dem neuen Menschen. Die utopische Gedankenwelt der Expressionisten richtet sich vor allem auf die Gesellschaft. Man geht davon aus, daß das Zusammenleben der Menschen in der alten Welt unerträglich geworden ist, daß eine neue menschliche Gemeinschaft geschaffen werden müsse. 'Brich auf ins Licht! / O Mensch, ins Licht!", verkündet Kurt Heynicke. Insofern spiegelt die expressionistische Dichtung sehr kritisch und äußerst impulsiv die Verstrickung des Menschen in die kapitalistische Entfremdung wider. Diese Dichter sind jedoch nicht bereit, die deformierende Macht der Entfremdung einfach hinzunehmen. Sie rebellieren. Sie fordern den neuen Men-sehen und erhoffen eine neue Welt. Da ihnen die tatsächlichen Ursachen der Entfremdung verborgen bleiben, kann ihr Aufbruch nicht anders als utopisch, als illusionär sein. [...]
Erstdruck und Textvorlage: Werner Mittenzwei: Der Expressionismus. Aufbruch und Zusammenbruch einer Illusion. Einleitung. In: 'Menschheitsdämmerung". Ein Dokument des Expressionismus mit Biographien und Bibliographien. Neu hg. v. Kurt Pin-thus. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1968, S. 7—11.
     

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WERNER  MITTENZWEI  -  Der  Expressionismus.  Aufbruch  Zusammenbruch  einer  Illusion    





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