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WERNER MITTENZWEI - Das Bild des Revolutionärs in der sozialistischen Literatur



Die sozialistische Weltliteratur spiegelt nicht nur das Bild des Revolutionärs wider, sie selbst wurde zu einem revolutionären Faktor. Gerade, weil sie die Befreiung des Menschen zu ihrer Sache machte, weil sie mit dem neuen Menschen begann, mußte sich mit dem neuen Inhalt auch ihre Funktion ändern. Sie nahm direkten Anteil am Werden des neuen Menschen. Deshalb ergibt sich das Revolutionäre in der Literatur nicht nur aus ihren Resultaten, sondern vor allem aus ihrem revolutionären Vorgehen selbst.


      Eine vertiefte Einsicht in die Wesenszüge einer revolutionären Gestalt ist nur zu gewinnen, wenn man die konkreten Kampfbedingungen, die jeweilige historische Entwicklungsphase untersucht, in der eine solche Gestalt entstand. Denn revolutionäre Verhaltensweisen, die sich in das Gedächtnis der Menschheit einprägen, entstehen im konkreten historischen Prozeß, entwickeln sich unter ganz bestimmten geschichtlichen Voraussetzungen und Bedingungen. Andererseits wäre es aber auch undialektisch, würde man die Eigenschaften des Revolutionärs früherer Jahre allzu starr denen unserer Zeit entgegenstellen. Es gehört zum ständigen taktischen Repertoire bestimmter spätbürgerlicher Kritiker, die verschiedenen Entwicklungsetappen der sozialistischen Literatur einander gegenüberzustellen. Einerseits benutzen sie die Gestaltung der Phase des zugespitzten Klassenkampfes mit ihren spezifischen Bedingungen, ihrem Heroismus, ihrer Selbstbeschränkung und Aufopferung als Beweis dafür, wie wenig 'der Mensch" in der sozialistischen Literatur zu seinem Recht komme, andererseits verwenden sie gerade die Gestaltung dieser Eigenschaften, um sie als 'die eigentliche, die wirklich revolutionäre Literatur" der sozialistischen Gegenwartsliteratur gegenüberzustellen. Jede Zeit bringt ganz bestimmte Züge und Eigenschaften im Menschen hervor. Die revolutionäre Entwicklung durchläuft viele Phasen, die das spezifische Wesen, das unverwechselbare Gesicht des Revolutionärs formen. Dabei ist sicher richtig, daß es in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft nicht mehr in dem Maße der Selbstbeschränkung, der asketischen Lebensführung wie in den Anfangsjahren der Revolution bedarf. Auch werden die Konflikte der entwickelten sozialistischen Gesellschaft nicht mehr in der von unerbittlichem Klassenkampf diktierten Zwangsläufigkeit ausgetragen, das Individuum hat infolge seines größeren gesellschaftlichen Beziehungsreichtums auch bei der Lösung seiner Konflikte einen breiteren Spielraum, es trifft seine Entscheidungen nicht mehr bei Strafe des Untergangs. Klassenbewußtsein, Parteilichkeit, Kompromißlosigkeit, Risikobereitschaft und in bestimmten Situationen auch Aufopferungsbereitschaft, Verzicht und schonungslose Härte sind jedoch ebenso Eigenschaften des Revolutionärs von heute. Unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen verändert sich jedoch die Erscheinungsweise, der Zusammenhang, in dem diese Eigenschaften gefordert werden. Wir müssen die Wesenszüge des Revolutionärs wie den Grad seiner tatsächlichen 'menschlichen Emanzipation" aus den konkreten Entwicklungsbedingungen der einzelnen revolutionären Phasen ableiten. Der Durchbruch zu jener auf gemeinschaftliche, gesellschaftliche Produktivität gegründeten Individualität im Sinne von Marx begann in den Jahren, als die revolutionären Massen unter äußerster Anspannung aller Kräfte eine neue Gesellschaft aufbauten. Es wäre völlig metaphysisch gedacht, wenn man die freie sozialistische Individualität, die allseitig entwickelte sozialistische Persönlichkeit jenen Entwicklungsbedingungen gegenüberstellte, indenen der Mensch auch Selbstbeschränkungen auf sich nehmen mußte, und zu dem Schluß gelangte, daß sie zum damaligen Zeitpunkt überhaupt nicht möglich war. Große Entwicklungen vollziehen sich im Leben wie in der Kunst nicht in reinen Kategorien. Bereits im Kampf gegen die Kräfte der kapitalistischen Gesellschaft realisierte der revolutionäre Mensch wesentliche Züge dieser neuen Individualität.
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In den neueren Werken der sozialistisch-realistischen Literatur finden wir immer häufiger Konflikte, die unter weltanschaulich gleich denkenden Partnern ausgetragen werden. Die Konfliktsituation wie die intellektuelle Physiognomie der Konfliktpartner selbst sind nicht mehr durch bestimmte Seiten und Momente des Klassenantagonismus differenzierbar. Es sind Konflikte von Menschen, die sich unwiderruflich für den Sozialismus entschieden haben und deren gesamte Lebensweise durch die sozialistische Gesellschaft geprägt ist. Diese Werke sind ein Ausdruck dafür, daß sich in der [...] sozialistischen Gesellschaft auch eine Literatur herausgebildet hat, die als Ganzes Ausdruck der Entwicklung auf [...] sozialökonomischen Grundlagen ist. Dieser Ãœbergang der Literatur auf [...] sozialistische Grundlagen ist ein ganz wesentlicher Knotenpunkt in der Geschichte unserer sozialistischen deutschen Nationalliteratur. Damit ist unsere Literatur in eine neue Etappe eingetreten. Allerdings darf das Konfliktfeld der sozialistischen Literatur nicht einseitig gesehen und dahingehend interpretiert werden, als würden die Konflikte in der neuen sozialistischen Literatur nur noch oder doch vorwiegend unter gleich-denkenden Partnern ausgetragen. Der Kampf gegen falsche, überlebte, objektiv nicht dem Sozialismus dienende Denk-, Empfindungs- und Verhaltensweisen ist langwierig, darauf wies schon Lenin hin, und wird deshalb auch die sozialistische Literatur der kommenden Jahre noch beschäftigen, zumal auch auf diesem Kampffeld die Erscheinungsweisen wechseln. Die neuen Konflikte, die hier zur Diskussion stehen, müssen als ein ethisches und ästhetisches Grundproblem verstanden werden, das neue Lösungen und Ãœberlegungen verlangt. Eben weil die marxistisch-leninistische Ästhetik zu diesem Problemkomplex noch zu wenig weiterführende Vorstellungen und praktikable Anregungen beigesteuert hat, verdient er stärker hervorgehoben zu werden.
      Es ist folgerichtig, daß sich unter den neuen sozialökonomischen Bedingungen auch neue menschliche Beziehungen entwickeln, die immer mehr auf der Ãœbereinstimmung von Gesellschaftlich- Bedeutsamem mit Persönlich-Bedeutsamem beruhen und die endgültige Ablösung aller Wirkungen aus dem antagonistischen Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft markieren. Die sozialistische Demokratie, die alle gesellschaftlichen und unmittelbar zwischenmenschlichen Beziehungen und Verhaltensweisen umfaßt, stellt einen grundsätzlich neuen Typus gesellschaftlicher und sozialer Beziehungen dar, die Marx als dritte Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung der Individuen bezeichnet: 'Freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität, als ihres gesellschaftlichen Vermögens, ist die dritte Stufe." [1]
Diese dritte Stufe setzt sich prozeßhaft, in mehreren Phasen durch. Sie wird durch die revolutionäre Umwälzung der kapitalistischen Gesellschaft zwar eingeleitet, aber noch nicht verwirklicht. Sie findet ihren 'Endpunkt" auch nicht im Zusammenwirken von entwickelter sozialistischer Gesellschaft und wissenschaftlichtechnischer Revolution, obwohl sich hier eine qualitativ neue Phase abzeichnet. Sie ist nicht metaphysisch zu begreifen, sie ist, um den Ausdruck Marx' zu gebrauchen, die Geschichte des Menschen 'in seinem Werden" [2]. Die theoretischen Darlegungen von Marx umreißen die Spannweite menschlicher Beziehungen unter neuen Entwicklungsbedingungen. Die Kompliziertheit besteht darin, einerseits die neuen menschlichen Beziehungen in ihrer ganzen Tragweite und innewohnenden Potenz als das zu begreifen, was Marx unter dem Zusammenfallen der Entwicklungsbedingungen der Gattung mit denen des Individuums bezeichnet. Andererseits aber, und unmittelbar im Zusammenhang damit, darf nicht außer acht gelassen werden, daß diese neuen Formen menschlichen Zusammenlebens nicht mit denen der klassenlosen Gesellschaft verwechselt werden dürfen. Die entwickelte sozialistische Gesellschaft ist keine klassenlose Gesellschaft, sondern eine Entwicklungsform der Diktatur des Proletariats. Nur innerhalb dieser Dialektik sind die Probleme unserer sozialistischen Demokratie in ihrer ganzen Tragweite wirklich zu begreifen. Gerade weil die neuen menschlichen Beziehungen im entwickelten Sozialismus die umfassende Grundlage für die hauptsächlichen Entwicklungslinien der sozialistisch-realistischen Literatur bilden, ist es wichtig, zu erkennen, daß hier der 'Abschied" von den Wirkungen der antagonistischen Klassengesellschaft erfolgt, daß aber durch den internationalen Klassenkampf auch diese neue Phase der Literaturentwicklung sich im härtesten Klassenkampf vollzieht.

     
Die Bemühungen unserer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler richten sich gegenwärtig im erhöhten Maße auf die literarische Bewältigung des 'neuen Gegenstands". Im historischen Sinne ist dieser 'neue Gegenstand" die gesellschaftliche Entwicklung, wie sie sich seit den sechziger Jahren in der Deutschen Demokratischen Republik vollzieht. Es geht hierbei um die Gestaltung der neuen menschlichen Beziehungen und Lebensweise, um die allseitige Persönlichkeitsbildung in der sozialistischen Gesellschaft. Die literarische Aneignung dieses 'neuen Gegenstandes" erfordert vom Schriftsteller, daß er die neuen gesellschaftlichen Entwicklungs- und Bewegungsgesetze aufspürt und 'literaturfähig" macht; ja, daß er durch seine Gestaltung die künstlerische Ergiebigkeit dieser neuen Lebenstatsachen bloßlegt. Er muß diese Triebkräfte in den konkreten Lebenserscheinungen sichtbar machen und zeigen, wie sich neue Lebensgewohnheiten und Verhaltensweisen herausbilden, wie bisherige Normen, Verhaltensmuster umgewertet werden. Dabei wird im Mittelpunkt seiner Darstellung nicht der geänderte, sondern der sich ändernde Mensch stehen. Die poetische Eroberung des 'neuen Gegenstandes" stellt die Schriftsteller auch vor nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten, ist sie doch in der unmittelbaren Kunstpraxis mit dem 'Abschied" von einem nicht unwesentlichen Teil von Kunsterfahrungen und Kunstmitteln der Vergangenheit verbunden. Ein solcher Prozeß führt nicht immer sofort zu neuen Ufern, sondern ruft fast zwangsläufig komplizierte Entwicklungsprobleme hervor. Neben interessanten Experimenten treten auch Krisen und Unsicherheit auf. Brecht wies darauf hin, daß jede neue Zeit auch neue künstlerische Methoden erforderlich mache, zugleich betonte er auch, daß es gerade die Kunstmittel und ästhetischen Methoden sind, die so lange Zeit zu ihrer Ausbildung brauchen. [3]
In einer Zeit, in der sich eine neue Etappe unserer sozialistischen Literaturentwicklung abzeichnet, müssen alle Versuche über den 'neuen Gegenstand" mit Nachdruck und Sorgfalt unterstützt werden.

     

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