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WERNER KRAUSS - Studien zur deutschen und französischen Aufklärung



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In der [...] Literaturepoche des achtzehnten Jahrhunderts wird der Begriff und die Bedeutung der Literatur in einer bis dahin unvorstellbaren Weise erweitert: Die Literatur hat nunmehr den Nenner für alle Bestrebungen des geistigen Lebens zu bilden. Die Aufklärung hat damit die Großmachtstellung der Literatur begründet, durch die der gesamte Ãœberbau der Gesellschaft erfüllt und beherrscht wird. Die Literatur der Aufklärung war mit der Erweiterung ihrer Aufgaben auch zu einer erhöhten Verantwortung verpflichtet worden. Nur durch die Anerkennung dieser Verpflichtung war sie berufen, an der umwälzenden Verwandlung der menschlichen Praxis mitzuwirken. Die in der Aufklärung durchgedrungenen Impulse der Literatur verwandelten sich in 'materielle Gewalt", deren Wirkungsmacht erst durch den Ausbruch der Französischen Revolution erkennbar wurde. [...]


Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert eröffnet nicht nur eine neue Epoche; sie ist der Beginn eines neuen Weltzeitalters, in dem wir den Ursprung unseres eigenen Geschichtserlebens erkennen. [...] Durch den Sturz der ein Jahrtausend alten feudalabsolutistischen Weltmacht in Frankreich und die in ihrem Gefolge in allen Ländern einsetzende Agonie der ständischen Herrschaft wird die gewaltige Umwälzung im Unterbau der menschlichen Gesellschaft erst sichtbar.

     
Das 18. Jahrhundert gehört als ihr letztes Kapitel noch zur Geschichte des Ancien regime: es ist ihre letzte Etappe, das letzte Glied einer millennarischen Kette, in der sich die ständische Ordnung der Menschenwelt trotz aller politischen Wandlungen und Erschütterungen behauptet hatte. Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts geht eine lange Reihe von Jahrhunderten, eine Ära, um nicht zu sagen: ein 'Äon" zu Ende. Indessen beginnt in diesem letzten Jahrhundert der niedergehenden feudalabsolutistischen Herrschaft zugleich die Aufklärung, die aus der langen Nacht des geschichtlichen Bewußtseins aufdämmert. Ende und Anfang berühren sich in dieser Epoche. Der Abstand zwischen den unverrückbaren Machtverhältnissen und zwischen der Denkart des Durchschnittsmenschen wird durch den stürmischen Vorlauf der Ideen zum Abgrund. Die Revolution wird die Hebelkraft der Theorien erproben, die ihren Ursprung und ihre letzte Bestimmung in der menschlichen Praxis gefunden hatten. [...] durch die Aufklärung wird das 18. Jahrhundert zum Präludium der Neuzeit, zum Vorklang der gegenwärtigen Zeitgeschichte, obwohl sich das Mittelalter mit seiner hierarchischen Staats- und Gesellschaftsordnung noch tief im Unterbau dieser Epoche verklammert hatte.
      Textvorlage: Werner Krauss: Studien zur deutschen und französischen Aufklärung. In: Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft, Bd. 16, Rütten & Loening, Berlin 1963, S. 74-75.
     

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WERNER  KRAUSS  -  Studien  zur  deutschen  französischen  Aufklärung    





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