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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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W. G. ADMONI unter Mitarbeit von T. J. SILMAN - Der Naturalismus



In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre entwickelte sich der deutsche Naturalismus aus jenen Strömungen, die seit Beginn dieses Jahrzehnts den Kampf um die Gründung einer neuen, der Gegenwart nahe stehenden deutschen Literatur begonnen hatten. Die bedeutendsten Bahnbrecher dieser Literatur waren die Brüder Heinrich und Julius Hart. [...] Das Schaffen der Brüder Hart war der Auftakt für den Naturalismus. Später waren Berlin und München die hauptsächlichsten Zentren des deutschen Naturalismus, seine wichtigsten Zeitschriften die von M. G. Conrad in München herausgegebene 'Gesellschaft" und das Organ der Berliner Naturalisten 'Freie Bühne". [...] Der deutsche Naturalismus der achtziger und -neunziger Jahre war keine ausgeprägte literarische Schule mit genau umschriebenem Teilnehmerkreis undgemeinsamem Programm. Der Begriff des Naturalismus umfaßt eine Reihe von Schriftstellern und Werken, die gemeinsame Tendenzen in Weltanschauung und Stil aufweisen, wobei nur in seltenen Fällen alle naturalistischen Züge bei einem Schriftsteller und in einem Werk auftreten. Was die deutschen Naturalisten miteinander grundsätzlich verbindet und es erlaubt, von einer besonderen naturalistischen Richtung in der deutschen Literatur dieser Jahrzehnte zu sprechen, sind das Vorhandensein bedeutender gemeinsamer Züge in der Auffassung der zeitgenössischen bürgerlichen Wirklichkeit als einer Wirklichkeit, die Abscheu erregt und antihumanistisch ist, eine gewisse Gemeinsamkeit der Weltanschauung, gekennzeichnet durch die Neigung, zur Erklärung sozialer Erscheinungen biologische Kategorien anzuwenden, und durch das Bestreben, das Leben mit Mitteln der Kunst so genau, so treu und unmittelbar wie möglich darzustellen, und zwar in erster Linie das zeitgenössische Leben. Aber alle diese Prinzipien werden bei den verschiedenen Vertretern der naturalistischen Richtung bis zum äußersten variiert.


      Die sozialen Faktoren, die das Auftreten des Naturalismus in der deutschen Literatur an der Wende der achtziger Jahre bewirken, treten ganz deutlich hervor. Es sind dies das Anwachsen der sozialen Gegensätze in Deutschland, das damals bereits an der Schwelle der imperialistischen Epoche stand, die verstärkte Ausbeutung der breiten Volksmassen, die massenhafte Verarmung des Kleinbürgertums und das Erstarken der Arbeiterklasse, das zu einer Reihe großer Erfolge der Sozialdemokratie und zur Aufhebung des gegen sie gerichteten Bismarckschen Ausnahmegesetzes führte. Alles das rief eine für die besten Werke des deutschen Naturalismus charakteristische Geistesrichtung sozialer Kritik auf den Plan, die sich auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung als mit der Bewegung des deutschen Proletariats innerlich verbunden erweist.
      Die wesentliche Form naturalistischer Kritik an der zeitgenössischen bürgerlichen Gesellschaft ist die unmittelbare Wiedergabe des Abstoßenden und Widerlichen im Leben der Umwelt. In dieser Beziehung fällt dem Biologismus im Naturalismus eine besonders wichtige Rolle zu. Die Grausamkeit im Tierleben soll herhalten, die Grausamkeit der menschlichen Gesellschaft zu erklären. Bei der Analyse des gesellschaftlichen Organismus und der menschlichen Persönlichkeit brachten die Naturalisten Gesetze in Anwendung, die für die Tierwelt entdeckt worden waren. Sie stützten sich auf die neuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaften, auf die Lehre Darwins, auf Ernst Haeckel, der dessen Werk in Deutschland fortsetzte und popularisierte, auf den französischen Biologen Claude Bernard u. a. Als Schlüssel für die Erklärung des menschlichen Schicksals dienen in erster Linie der Einfluß des Milieus und die Vererbungsgesetze. Der Mensch wird vor allem als Resultat des Einwirkens äußerer Kräfte und als passives Wesen betrachtet.
      Aber während die Apologeten des Kapitalismus in der Zurück-führung des Gesellschaftlichen auf das Biologische eine Rechtfertigung des Kapitalismus sahen, benutzten die Naturalisten sie zu seiner Entlarvung. Sie brachten die bürgerlichen Theorien gegen die bürgerliche Gesellschaft in Anwendung. Die Anwendbarkeit des biologischen, sozusagen 'tierischen" Gesetzes auf die zeitgenössische Gesellschaft war den Naturalisten gerade Beweis für den tierischen Chrakter dieser Gesellschaft. Indem die Naturalisten das 'biologische Gesetz" nutzten, waren sie weniger bemüht, die Ursachen der ganzen Schmutzigkeit und Entsetzlichkeit der bestehenden Verhältnisse aufzudecken, als vielmehr diesen Schmutz und dieses Entsetzen zu demonstrieren.
      Indessen war die Hervorhebung des Mechanistischen und Biologischen im Dasein nicht einfach ein zufälliger Fehler. Darin kamen ganz bestimmte und sehr bedeutsame Züge des gesellschaftlichen Daseins, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts herausgebildet hatten, zum Ausdruck: die charakteristische Mechanisierung der Gesellschaft, das Verschwinden früherer moralischer Illusionen usw. Ende des 19. Jahrhunderts drangen diese Erscheinungen in alle Winkel, ins Leben aller sozialen Schichten Deutschlands ein, und gerade sie suchte der Naturalismus zum Zwecke des Protestes widerzuspiegeln, ohne freilich ihre wirkliche Bedeutung aufdecken zu können. 'Die Menschen sind nicht mehr das, wofür ich sie hielt, sie sind selbstsüchtig, brutal. Sie sind nichts weiter als Tiere, raffinierte Bestien, wandelnde Triebe, die gegeneinander kämpfen, sich blindlings zur Geltung bringen bis zur gegenseitigen Vernichtung! Alle die schönen Ideen, die sie sich zurechtgeträumt haben, von Gott, Liebe und ... Das ist ja alles Blödsinn. Blödsinn! Man tappt nur so hin. Man ist die reine Maschine", sagt der Held des naturalistischen Musterdramas 'Die Familie Selicke" von Holz und Schlaf.
      Die Naturalisten besaßen keine realen positiven Perspektiven. Sie konnten Aufrührer, aber nicht Revolutionäre sein. Sie verstanden zu kritisieren und zu entlarven, aber da, wo es um die Suche nach realen

Wegen der Weiterentwicklung ging, tauchten unweigerlich wieder moralische und philanthropische Utopien und sentimentales Versöhnlertum auf, zuweilen sogar Phantastik. Ergänzung des Mechanistischen war die Mystik. Diese Widersprüchlichkeit war dem ganzen Naturalismus eigen; aber während sie in den kurzen Jahren seiner maximalen Blüte in starkem Maße verdeckt war, tritt sie danach unvermittelt zutage. Eine Zeitlang existieren beide Seiten des Naturalismus nebeneinander, aber allmählich tritt seine kritische Seite, sein Interesse an der realen Welt in den Hintergrund, und die mystische Symbolik trägt den Sieg davon. Der Naturalismus verfällt.
      Aber in der Periode seines ungestümen Aufstiegs war der Naturalismus in seinen besten Erscheinungsformen etwas wahrhaft Neues in der Geschichte der deutschen, teilweise sogar der Weltliteratur. In stärkerem Maße als irgendeine andere Richtung der westeuropäischen Literatur des 19. Jahrhunderts drang er bei Darstellung aller Seiten der Wirklichkeit mit schonungsloser Wahrheit in das soziale Leben der Gegenwart ein. Er bedeutete nicht nur eine Erneuerung der Thematik und Problematik der deutschen Literatur, sondern gleichfalls des ganzen Systems ihrer Darstellungsmittel, in der Sphäre der Komposition ebenso wie in der des künstlerischen Ausdrucks.
      Diese Errungenschaften wurden von einigen zum Teil höchst wesentlichen Verlusten begleitet. Im deutschen Naturalismus fehlen dem Bild des zeitgenössischen Lebens jene Fülle und Verallgemeinerung, die in der hervorragenden epischen Prosa des 19. Jahrhunderts erreicht worden war, im realistischen Roman von Balzac und Stendhal, Dickens und Thackeray, Kielland und Zola, in Rußland in den Romanen Turgenjews und Gontscharows, Tolstois und Dostojewskis. Der Weg von dieser großen Literatur des 19. Jahrhunderts zum deutschen Naturalismus ist eine komplizierte, vielgleisige Erscheinung, der auch wesentliche Momente der Abweichung und des Niederganges innewohnen. Aber mit Abweichung und Niedergang allein hat es nicht sein Bewenden. Das gesamte Weltbild war zum Zeitpunkt des Auftretens der deutschen Naturalisten Ende des 19. Jahrhunderts ein ganz anderes geworden. Nicht allein der Inhalt der sozialen Widersprüche hatte sich verändert, sondern auch ihre Schärfe. Es ergab sich die Notwendigkeit, mit anderen Mitteln und Formen jenes Neue, das in der Welt aufgetaucht war, auszudrücken. Der deutsche Naturalismus war einer der ersten diesbezüglichen Versuche, wobei der Hauptstoß bei den besten Vertretern des Naturalismus in der unmittelbaren Widerspiegelung der sozialen Widersprüche bestand, und zwar im Prinzip direkter als bei Zola.
      Die besondere historische Bedeutung des deutschen Naturalismus wird noch augenscheinlicher, wenn man ihn vor dem Hintergrund der Entwicklung der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrachtet. Zweifellos besaß diese Literatur eigene Errungenschaften und Gipfelpunkte. Es genügt, im Bereich der Prosa Storm und Raabe zu nennen. Aber sie waren vorrangig dem provinziellen bürgerlichen Leben Deutschlands zugewandt, und ihre Darstellungsweise führte unmittelbar die Tradition der klassischen deutschen Prosa, besonders Goethes sowie in gewissem Maße Jean Pauls und der Romantiker fort. Und sogar in den hervorragenden Romanen Theodor Fontanes wird das Aussehen der Welt gemildert, mit Resignation und ohne Schroffheit gezeichnet.
      Eben diese bis zur Brutalität gesteigerte Schroffheit führen die Naturalisten in ihren bedeutendsten Werken ein. Sie brechen mit der Sentimentalität, sagen sich los von den Versuchen innerer Aussöhnung mit den waltenden Gesetzen des Lebens. In Verbindung mit der neuen, betont sozialen Thematik und im Streben nach einer neuen, auf die wortwörtliche Wiedergabe der Wirklichkeit gerichteten Poetik bedeutet diese Schroffheit des Naturalismus einen echten Umbruch in der deutschen Literatur und gestaltete den Anbruch der neunziger Jahre zum Beginn einer neuen Periode in der Entwicklung der gesamten deutschen Literatur. Das bedeutet durchaus nicht, daß die deutsche Literatur von der Zeit an naturalistisch wurde, als Holz und Schlaf in Erscheinung traten und die ersten Dramen Hauptmanns aufgeführt wurden. Der echte, nicht verwässerte Naturalismus tritt im Gegenteil als herrschende Richtung recht bald - bereits Ende der zweiten Hälfte der neunziger Jahre - vom Schauplatz ab. In der weiteren Entwicklung der deutschen Literatur treten andere Richtungen in den Vordergrund , der kritische Realismus in seiner neuen für das 20. Jahrhundert charakteristischen Gestalt beginnt eine außerordentliche Rolle zu spielen usw. Aber alle diese nachfolgenden Richtungen stehen in der einen oder anderen Weise auf den 'Schultern" des Naturalismus, profitieren in unterschiedlichem Ausmaß von seinen Errungenschaften und entwickeln sie weiter, oder zumindest grenzen sie sich von ihnen ab und nehmen den Kampf mit ihnen auf. Der Naturalismus bildet den Auftakt der gesamten Literatur des 20. Jahrhunderts in ihrer historischen Eigenart.
     
Besonders wichtig sind die unmittelbaren Verbindungen zwischen dem deutschen Naturalismus und dem deutschen kritischen Realismus. Das Schaffen Thomas Manns und Heinrich Manns, J. Wassermanns und H. Hesses wäre undenkbar ohne die naturalistische Erfahrung. Sehr wesentlich aber ist, daß selbst solche, dem Naturalismus völlig fern oder sogar in polarem Gegensatz zu ihm stehende Dichter wie Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke in ihrem Schaffen vielfach von dem Weltbild bestimmt werden, das der Naturalismus entworfen hat. Die grausame und häßliche soziale Wirklichkeit scheint Voraussetzung für jene Welt der Gefühle und Stimmungen zu sein, die im Schaffen dieser Dichter waltet, und bildet jenen Lebenshintergrund, der unsichtbar in ihren Dichtungen vorhanden ist, und der die für sie charakteristische Angst vor den realen Daseinsformen der zeitgenössischen Gesellschaft und ihr Bestreben erklärt, davor in die Sphäre vertieften Seelenlebens zu fliehen. Nicht ohne Grund führen die ersten Gedichte Hofmannsthals unmittelbar die Traditionen der naturalistischen Lyrik fort, und bei Rilke machen sich die Bindungen zum Naturalismus in seinem ganzen dramatischen Schaffen und in seiner Prosa bis hin zu den 'Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" bemerkbar. Der Charakter der kapitalistischen Stadt, der im 'Stundenbuch" wiedergegeben ist, trägt bei aller Bindung an die ganz Rilke eigentümliche Dichtweise und an den augenfälligen Einfluß Verhaerens das Siegel jener Sicht der industriellen Welt des Kapitalismus, die dem Naturalismus eigen war.
      Der Naturalismus war ein stürmischer Versuch, in der Darstellung der zeitgenössischen Gesellschaft zur künstlerischen Wahrheit zurückzukehren. Eben dadurch erklärt es sich, daß es ihm gelang, sich über die eigenen Programme und Konzeptionen zu erheben, und daß er sich in bedeutendem Maße an Schriftstellern des höchsten klassischen Realismus orientierte. Gerade die Naturalisten sind es, die für Deutschland den tiefen Realismus Balzacs zu einer Zeit aufschließen, da man ihn gewöhnlich noch mit E. Sue verglich, die Naturalisten nahmen sich Tolstoi , Turgenjew und Dostojewski zu Vorbildern. Großen Einfluß hat das realistische Dramenschaffen Ibsens.
      Dennoch suchten die Naturalisten für ihre Ästhetik eine biologische und mechanistische Begründung. In der Nachfolge Taines und Brunetieres, jedoch die Thesen dieser Theoretiker außer-ordendich zuspitzend, werten die Naturalisten die Literatur als Ausdruck des Milieus, in dem der Schriftsteller lebt, sowie jener biophysiologischen Gesetze, denen der Schriftsteller unterliegt; sie erklären die unmittelbare Widerspiegelung der Wirklichkeit, wie sie ist, zur Aufgabe der Literatur. Probleme gesellschaftlicher Ideologie und tiefgreifende soziale Gesetzmäßigkeiten werden in der Ästhetik des Naturalismus ignoriert. Wenn darin nicht selten von Psychologie die Rede ist, so ist das nur eine andere Bezeichnung für die physiologische Natur des Menschen; der soziale Charakter des Denkens wird überhaupt nicht betrachtet. Das künstlerische Schaffen habe den Gesetzen der Naturwissenschaften zu folgen, behauptet W. Bölsche, einer der extremen Theoretiker des Naturalismus in Deutschland, in seinem Traktat 'Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie" . Der Naturalismus forderte unmittelbare und genaue Widerspiegelung der Wirklichkeit: Der Dichter habe seinem Darstellungsgegenstand in sämtlichen Besonderheiten und sogar Zufälligkeiten zu folgen. Die Formel Zolas 'Das Kunstwerk ist ein Stück Natur, gesehen durch das Temperament des Künstlers" hörte auf, die extremen Naturalisten zufriedenzustellen. Die Strömung des 'konsequenten Naturalismus" trat auf den Plan. Seine bedeutendsten Vertreter waren Arno Holz und Johannes Schlaf. Das Programm des 'konsequenten Naturalismus" wurde in dem Buch von Holz: 'Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze" entwickelt. Als größte Errungenschaften der zeitgenössischen Wissenschaft - insbesondere von Darwin und Marx - betrachtete Holz den Nachweis der allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Welt und der gesetzmäßigen Abhängigkeit jeder Erscheinung von anderen Erscheinungen. Aber in der Kunstwissenschaft waren derartige Gesetzmäßigkeiten noch nicht ermittelt, und Holz sah eben darin seine Aufgabe, sie für den Bereich der Kunst ebenso zu entdecken, wie Marx - nach den Worten von Holz - die- Gesetzmäßigkeiten der politischen Ökonomie entdeckt hatte. Holz träumte von einer Soziologie der Kunst. [...]
In seiner Polemik beruft er sich auf den 'Anti-Dühring" von Engels. Aber das Mechanistische des Naturalismus erweist sich auch hier als verhängnisvoll. Nach Ansicht von Holz strebt die Kunst nach Ãœbereinstimmung mit der Wirklichkeit. Die Verbindung zwischengesellschaftlicher Entwicklung und Kunst sieht Holz ausschließlich in einem formalen Element: in den Bedingungen zur Reproduktion der Wirklichkeit, wobei diese Bedingungen als technische Mittel verstanden werden, über die die Kunst verfügt. Auf diese Weise erhält im Verständnis von Holz die Kunst selbst einen völlig äußerlichen und außergeschichtlichen Charakter.
      Der Formel Zolas stellt Holz seine eigene entgegen: 'Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach Maßgabe ihrer Reproduktionsbedingungen und deren Handhabung." Es wird die Forderung nach genauester Fixierung des Gegenstandes der künstlerischen Darstellung erhoben. Jeglichem Versuch seitens des Künstlers, den Stoff zu organisieren, jeglicher Sujetgebundenheit, jeglicher vorgegebenen künstlerischen Form wird der Krieg erklärt. Die Komposition des Werkes, seine Bilder und Sprache haben Kopie des realen Lebens zu sein. Die Kunst darf keinen Unterschied zwischen Wesentlichem und Zufälligem machen. Auf diese Weise machte der Naturalismus seine eigene Forderung nach Realistik zunichte und wurde zu einem oberflächlichen Realismus des Details.
      Der Naturalismus strebte nach einem neuen literarischen Stil, einer Einheit der neuen Thematik und der neuen Poetik. Aber die Formierung des Naturalismus selbst begann mit der Beherrschung neuer, sozial bedeutender Themen, die die Häßlichkeit der kapitalistischen Welt zum Inhalt hatten. Die gesellschaftliche Ungerechtigkeit, das Elend, die Verunstaltung des Menschen durch das Milieu - diese und andere Probleme, die der Weltanschauung und dem Stil des Naturalismus zugrunde liegen - stiegen von Anfang an vor ihnen auf und wurden als Themen von ihnen gestaltet , während die Form dieser Werke im wesentlichen noch die alte blieb. Ein prinzipieller Ãœbergang zu einer neuen Form zeichnete sich erst ganz am Ende der achtziger Jahre im 'konsequenten Naturalismus" ab. Erst zu diesem Zeitpunkt ordneten sich die Problematik des Naturalismus und die von ihm ins Feld geführten Theorien einer Methode der Wirklichkeitsdarstellung unter, die aus ihm ein mechanisches Kopieren des Lebens machte. Die antirealistischen Züge dieser photographischen Poetik des 'konsequenten Naturalismus" sind bereits erwähnt worden. Aber man darf nicht vergessen, daß hier dennoch eine gewisse Ãœbereinstimmung zwischen der künstlerischen Form und dem spe-zifischen Objekt der künstlerischen Darstellung aufkam. Statt der für die deutsche Literatur der siebziger und des Anfangs der achtziger Jahre charakteristischen Umgestaltung der Form in ein neutralisiertes Ornament bemühten sich die konsequenten Naturalisten um die Schaffung einer bedeutungsträchtigen Form, die den Charakter des Inhalts direkt ausdrücken sollte. Sie faßten die Welt als irgend etwas in einzelne Stücke Zersplittertes auf, und ebenso zersplittert sollte auch die Form sein. Sie sahen in der Welt Grobheit und Häßlichkeit, und ebenso grob und ungeschliffen sollte auch die Form sein. Etwas anderes ist es, daß für die Naturalisten nicht die soziale Wirklichkeit in ihrer Ganzheit eigentliches Objekt der Darstellung war, sondern nur ihre einzelnen, abgesprengten Fragmente.
      In der Sprache hört der 'konsequente Naturalismus" auf, mit den konventionellen und traditionsgemäßen allgemeinen Begriffen der epigonalen Literatur der siebziger und achtziger Jahre zu operieren. Er sucht nach dem Ausdruck, der den gegebenen individuellen Darstellungsgegenstand unmittelbar wiedergeben kann. Aber in seiner mechanistischen Art geht er auch hier viel zu weit, indem er sich im Grunde genommen gewöhnlich bemüht, das Wort des ihm zwingend innewohnenden Grundbegriffes zu entkleiden, seine variierenden Schattierungen hervorzuheben und es zum Ausdruck lediglich der einmaligen Erscheinung zu machen. Daraus resultiert ein starkes Interesse an individuellen Besonderheiten der Sprechweise, an unterschiedlichen Redeweisen, am Dialekt und an der Lautnachahmung. In bestimmten Grenzen hatte dies alles übrigens auch eine positive Bedeutung, da es die Lebensechtheit und die Wahrhaftigkeit der Darstellung erhöhte.
      Freilich nahm nur ein unbedeutender Teil der naturalistischen Literatur die Theorie des 'konsequenten Naturalismus" in ihrem ganzen Umfang an. Die überwiegende Mehrheit der Naturalisten blieb unentschlossen. Ein ganz konsequenter Naturalismus existierte nicht einmal in den Werken seiner Begründer Holz und Schlaf, da ein völliger Verzicht auf die künstlerische Organisierung des Lebensstoffes in der Kunst überhaupt nicht möglich ist. Dennoch ist der 'konsequente Naturalismus" außerordentlich wichtig, da er in extremer Weise die allgemeine Entwicklungstendenz des gesamten Naturalismus darstellt.
      Die Belebung der progressiven Tendenzen in der Protesditeratur der achtziger Jahre und der Aufstieg der naturalistischen Literatur waren nicht nur die Folge des Umschwungs der Lage des Kleinbürgertums und anderer zurückgedrängter Schichten der Ge-

Seilschaft. Der entscheidende Faktor war hier die mächtig aufsteigende Arbeiterbewegung. Unter ihrem Einfluß wurde der Protest des Kleinbürgertums aktiver. Wenn in den besten Werken des Naturalismus antikapitalistische Töne aufklingen, wenn in ihnen — wenn auch nur partiell — sozialistische Ideen reflektiert werden, so erklärt sich das in erster Linie aus dem Einfluß, den der harte, machtvolle Kampf des Proletariats ausübte.
      Die Verbindung des Naturalismus mit der Arbeiterbewegung drückte sich bei einer Reihe der bedeutendsten Naturalisten in den sozialistischen Zügen mancher Werke aus , in dem Bestreben, sich theoretisch auf den Marxismus zu stützen und in den Versuchen einiger naturalistischer Theoretiker, sich praktisch der Arbeiterbewegung anzuschließen , obgleich sich diese Bindung als nicht dauerhaft erwies.
      Gegen Mitte der neunziger Jahre veränderte sich der Naturalismus. Er verschwand nicht ganz. Die naturalistische Strömung besteht in der deutschen Literatur noch Jahrzehnte fort, geht aber der Schärfe und Kraft verlustig, die die Blüte des Naturalismus kennzeichnet. Der soziale Protest und die Tendenz zur Entlarvung der bürgerlichen Wirklichkeit lassen nach. Der Naturalismus wird eher zur Manier, zu einer neuen Form, läuft aber auf äußerliche Konkretheit der Beschreibung hinaus, auf minutiöse Wiedergabe der biologischen Seiten des Lebens. In diesem Sinne erlangt der Naturalismus immer größere Popularität, ein bedeutender Teil der Unterhaltungsliteratur wird naturalistisch. In einzelnen Fällen kommt es in den neunziger Jahren und um die Jahrhundertwende zu einem mehr oder weniger echten Wiederauftreten des Naturalismus in seiner scharfen und protestierenden Form, wenn er natürlich auch bei weitem nicht mit dem Naturalismus der Blütezeit übereinstimmt.
     

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