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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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THEODOR FONTANE - Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla



Alle diese Erzählungen — allenfalls mit Ausnahme von einer — sind reizend zu lesen. Sie bewegen uns das Herz, wir begleiten sie unter Weinen und Lachen, überall sprechen Liebe, Sorgfalt und ein durchaus originaler Dichtergeist zu uns. Nichts komischer, als solchen Arbeiten gegenüber von dem Verfall deutscher Dichtung, von der Oberflächlichkeit moderner Produktion sprechen zu hören! Das Umgekehrte ist richtig; nie ist sauberer, sorglicher, liebevoller gearbeitet worden. Dabei nichts von Schablone. Jede einzelne Erzählung ist wieder ein Ding für sich. Alles hat freilich eine Familienähnlichkeit, weil es derselben eigenartigen Natur entsprossen ist; nichtsdestoweniger sind sie untereinander nicht zu verwechseln. Sie hatten alle Zeit, zu reifen, entstanden nicht hastig miteinander, sondern langsam nacheinander; so hat jede ein Gesicht für sich.

      Es sind Sachen durchaus ersten Ranges, wahre Schätze unsrer Erzählungsliteratur, aber nach der formalen Seite hin sind einige stark angreifbar. Einige der besten und am meisten bewunderten sind stillos, und dies bis zu einem so hohen Grade, daß für denjenigen, der überhaupt ein Ohr für solche Dinge hat, die Wirkung darunter leidet. Dies gilt namentlich von 'Romeo und Julia auf dem Dorfe" und einigermaßen auch von 'Dietegen". Ich komme auf beide zurück. '
Gottfried Keller, und dies erklärt alles, ist au fond ein Märchenerzähler. Was nach dieser Seite hin liegt, ist mustergültig, wenigstens in den meisten Fällen. Er erzählt nicht aus einem bestimmten Jahrhundert, kaum aus einem bestimmten Lande, gewiß nicht aus ständisch gegliederten und deshalb sprachlich verschiedenen Verhältnissen heraus, sondern hat für seine Darstellung eine im wesentlichen sich gleichbleibende Märchensprache, an der alte und neue Zeit, vornehm und gering gleichmäßig partizipieren. Historie, Kultur- und Sittengeschichte kümmern ihn nicht; erordnet alles einem poetischen Einfall, der auf ihn selber wirkte und von dem er sich deshalb auch Wirkung auf andere verspricht, unter und legt sich nicht die Frage vor, ob all das, an gegebenem Ort und zu gegebener Zeit, überhaupt möglich war. Die meisten Leser, unbefangen wie Kinder, weil sie mit ihrem historischen Wissen auf einem Kinderstandpunkt stehen, gehen leicht darüber hin, bemerken es nicht oder bestreiten wohl gar die Berechtigung dieser Ausstellung; wer aber die begangenen Fehler als solche erkennt, zuckt mitunter zusammen und wird unwirsch, weil ihn die Unwahrheit der mit einer gewissen Prätension auftretenden Situationen verdrießt. Die ist z.B. gleich anfangs in der sonst so reizenden Erzählung 'Dietegen" der Fall. Keine Mutter wird einen nach richterlichem Spruch verurteilten und gehängten Knaben, der zufällig wieder ins Leben zurückkehrt, als Spielgefährten für ihr einzig Töchterlein ins Haus nehmen. Das kann nur im Märchen vorkommen. Die ganze Geschichte ist aber kein Märchen, will auch keines sein, sondern gibt sich als eine lebendige, farbenreiche Erzählung mittelalterlicher Sitten und Zustände. Alles wirkt historisch, und doch wird in Kardinalpunkten gerade gegen die Historie verstoßen. Etwas anders, aber doch auch wieder verwandt, liegen die Dinge in 'Romeo und Julia auf dem Dorfe". Hier wird historisch nicht geprudelt, aber der Effekt dieser wundervollen Erzählung doch dadurch beeinträchtigt, daß die erste Hälfte ganz in Realismus, die zweite Hälfte ganz in Romantizismus steckt; die erste Hälfte ist eine das echteste Volksleben bis ins kleinste hinein wiedergebende Novelle, die zweite Hälfte ist, wenn nicht ein Märchen, so doch durchaus märchenhaft. Und warum? Weil dieser Märchenton leichter zu treffen ist als der der Wirklichkeit. Wer nicht ganz mit und unter dem Volke gelebt hat, hat diesen Ton auch nicht, er muß ihn" sich also aus diesen und jenen Reminiszenzen aufbauen. Dies mit zwei alten störrigen Bauern zu tun glückt einem Talent wie dem Kellerschen, den wirklichen Ton eines sechzehnjährigen Dorfmädchens und eines zwanzigjährigen Bauernburschen zu treffen ist aber fast unmöglich, und so muß der Märchenton aushelfen. So sprechen sie denn nicht wie 'Vrenchen und Sali", sondern wie 'Brüderchen und Schwesterchen", wogegen nichts zu sagen wäre, wenn die ganze Geschichte dem entspräche; aber das allmähliche Hineingeraten aus mit realistischem Pinsel gemalter Wirklichkeit in romantische Sentimentalität, aus Adrian von Ostade in Düsseldorferei, ist nicht gutzuheißen. Die Zartheit, das Wegfallen alles Harten und Störenden, wodurch die zweite Hälfte dieser Erzählung sich auszeichnet, ist schließlich doch nur das Resultat einer nicht vollkommen ausreichenden Kraft. Keller hat hier aus der Not eine Tugend gemacht.
      Man darf also füglich sagen: je mehr nach dem bewußten Wollen Gottfried Kellers, also nicht bloß von ohngefähr, seine Erzählungen Märchen sind, desto besser sind sie auch. Denn dies ist sein eigentlichstes Gebiet. 'Die drei gerechten Kammacher", 'Kleider machen Leute", 'Der Schmied seines Glückes" sind ausgezeichnet, besonders die beiden letzteren. 'Pankraz, der Schmoller", trotz glänzenden Anfangs, ist ziemlich schwach. Innerhalb der eigentlichen, konsequent und stilvoll durchgeführten Erzählung hat er es nur einmal ganz getroffen und dadurch gezeigt, daß er es wenigstens kann. Dies ist 'Das verlorene Lachen". Es ist außerordentlich schön. Ein paar Stellen sind angreifbar, aus diesem oder jenem Grunde; aber sie tangieren nicht das Ganze und könnten, als bloße Bagatellen, herauskorrigiert werden.
      Gottfried Keller erinnert durchaus an die Erzähler der romantischen Schule, am meisten vielleicht an Arnim. Im ganzen ist er diesem und auch manchem andern überlegen; alles ist wahrer und tiefer gefaßt, lesbarer, interessanter; die uns kalt lassende Marotte fehlt zumeist. Aber nach der Seite des Kunstwerklichen hin stehen die guten Sachen der Romantiker doch höher. Sie sind mehr aus einem Guß; ein Ton durchklingt sie. Sie geben sich nicht anders oder besser, als sie sind; sie führen uns sofort in eine romantische Welt ein, wenn sie auch im einzelnen vollkommen realistisch schildern. Dies steigert die romantische Wirkung, hebt sie nicht auf. Eine auf den ersten fünfzig Seiten realistische Geschichte darf aber auf den letzten fünfzig nicht romantisch sein. Dadurch kommt ein Bruch in das Ganze, der stört und verwirrt.
      Die Datierung des Aufsatzes ist ungewiß; wahrscheinlich entstanden die Aufzeichnungen in den Jahren 1877—79, sie wurden aber erst aus dem Nachlaß veröffentlicht.
      Erstdruck: Aus dem Nachlaß von Theodor Fontane. Hg. v. Josef Ettlinger. Berlin 1908, Friedrich Vontane und Co, S. 250 ff.
      Textvorlage: Theodor Fontane: Schriften zur Literatur. Hg. v. Hans-Heinrich Reuter. Aufbau-Verlag. Berlin 1960, S. 92-95.
     

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