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SILVIA SCHLENSTEDT - Lyrik



In der Lyrik, die während der Revolution und in den Jahren der revolutionären Nachkriegskrise entstand, herrschten die Hymne und das Gedankengedicht vor, das heißt die weltanschauliche

Auseinandersetzung mit den großen neuen Ereignissen. Das Hymnische der Lyrik entsprach der historischen Situation. Die Hymne trug — das Gedicht Bechers 'Gruß des Dichters" zeigt es - neue Züge; das Abstrakt-Rhetorische, das oft den hymnischen Gedichten sozialistischer Lyriker des vergangenen Jahrhunderts anhaftet, trat zurück, das welthistorische Ereignis, die Revolution, mußte nicht mehr erhofft und herbeigesehnt, sondern konnte als tatsächliches Ereignis besungen werden. Auch das Gedankengedicht dieser Zeit hat sich verändert. Es ist im wesentlichen nicht mehr kontemplativ, sondern hat meist den Charakter einer Losung oder eines Aufrufs. Rudolf Leonhard zum Beispiel unternahm den Versuch, die Novemberrevolution in einem Zyklus, 'Spartakussonette", zu erfassen. Dieser Zyklus ist ein Bekenntnis zum Proletariat und seiner historischen Mission, in ihm werden die elende Lage der Arbeiter und der Kampf um ihre Zukunft, um alle 'Freuden des Lebens" dargestellt. Charakteristisch für diese Gedichte ist nicht — wie bis dahin in der Gedankenlyrik üblich — die Entwicklung eines widerspruchsvollen Gedankens, sondern die Verknüpfung von Betrachtungen mit Handlungselementen, Aufrufen und Mahnungen zur Tat. Dadurch wurde oft die traditionelle Form des Sonetts gesprengt.

      In der Periode der relativen Stabilisierung des Kapitalismus veränderte sich die proletarisch-revolutionäre Lyrik in mehrfacher Hinsicht. Neue Talente stießen zu dem anfänglich kleinen Vortrupp: Arbeiterschriftsteller, die durch den Krieg und die Kämpfe der Arbeiterklasse zu Beginn der zwanziger Jahre revolutioniert und geschult worden waren. Sie gestalteten ihr Leben, ihre Arbeit, den tagtäglichen Kampf um ihre Existenz. Diese Arbeiterdichter, wie Kurt Huhn und Hans Lorbeer, waren zunächst mit der Kunst des Schreibens kaum vertraut, sie waren meist ohne Kenntnis der literarischen Traditionen. Aus dem Bürgertum hervorgegangenen Dichtern, die durch Herkunft und Bildungsgang begünstigt, leichter zu geschlossenem Ausdruck gelangen konnten, hatten sie jedoch ein Wesentliches voraus: die Erfahrungen ihrer Klasse, den unmittelbar erlebten Klassenkampf.
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Auch in den liedhaften Gedichten und in der Lyrik der folgenden Jahre, in der das spezifisch politische Gedicht und das Massenlied vorherrschen, finden sich zumeist Ansätze zu einer Handlung: Gegenständlichkeit ist ein Wesenszug dieser sozialistischen Lyrik. Der Dichter, der als Mitstreiter den Erfahrungen, Leiden und Wünschen des Proletariats Ausdruck gibt, deckt die ge- seilschaftliche Bedingtheit dieser Leiden und Wünsche im Konkreten auf. Sein Gedicht ist nicht - wie meist in der spätbürgerlichen Lyrik, insbesondere der dekadenten Dichter - sub-jektivistische Spiegelung von Erfahrungen, Reflex einer nicht erkannten, undurchschaubaren Welt. Der wissenschaftliche Sozialismus orientiert den proletarisch-revolutionären Dichter auf die realen gesellschaftlichen Zusammenhänge: er vermag die Kausalität, das Wechselverhältnis von objektiver Wirklichkeit und menschlicher Subjektivität, dem lyrischen Ich und der dargestellten lyrischen Figur realistisch zu erfassen. Dem Erlebnis der Wirklichkeit und ihrer Erkenntnis entspricht die balladeske und gegenständliche Gestaltung, die in der sozialistischen Lyrik vorherrscht. Deshalb finden sich auch in den besten Liedern und auch in den hymnischen Gedichten festumrissene Situationen, typische Vorgänge und Motive.
     

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SILVIA  SCHLENSTEDT  -  Lyrik    





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