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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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ROSA LUXEMBURG - Franz Mehring — Schiller â–  Ein Lebensbild für deutsche Arbeiter



'Ein Lebensbild" hat Mehring seine Schillerbroschüre genannt, und das ist sie im wahren Sinne des Wortes. Nicht eine Biographie, eine landläufige chronologische Sammlung von Daten aus einem Leben, sondern ein wirkliches Bild, ein plastisches, harmonisches Gemälde, das durch die klare Zeichnung und eine außerordentlich feine Abtönung von Anfang bis zu Ende einen hohen, rein ästhetischen Genuß bereitet.

      Die Studie Mehrings erscheint gerade zur rechten Zeit wie eine hochwillkommene Gabe an die deutsche Arbeiterschaft, um ihr ein von bürgerlich-tendenziöser und andererseits auch von parteitendenziöser Verzerrung freies Bild des großen Dichters zu liefern. Schillers Dichtung ist nicht bloß zum ehernen Bestandteil der deutschen klassischen Literatur, sondern auch zum geistigen Hausschatz speziell des aufgeklärten kämpfenden Proletariats geworden, die Worte und Sprüche, die er geprägt, wurden zur Form, in der die deutsche Arbeiterschaft mit Vorliebe ihre revolutionären Gedanken und ihren Idealismus zum schwungvollen Ausdruck bringt. Die Verbreitung der Schillerschen Poesie in den proletarischen Schichten Deutschlands hat zweifellos zu ihrer geistigen Hebung und auch zur Revolutionierung beigetragen, insofern also gewissermaßen ihr Teil an dem Emanzipationswerk der Arbeiterklasse gehabt.
      Allein es unterliegt keinem Zweifel, daß Schillers Rolle in dem geistigen Wachstum des revolutionären Proletariats in Deutschland nicht sowohl darin wurzelt, was Schiller mit dem Gehalt seiner Dichtungen in den Emanzipationskampf der Arbeiterschaft hineintrug, als umgekehrt darin, was die revolutionäre Arbeiterschaft aus eigener Weltanschauung, aus eigenem Streben und Empfinden in die Schillerschen Dichtungen hineinlegte. Es hat hier ein eigenartiger Assimilierungsprozeß stattgefunden, in dem sich das Arbeiterpublikum nicht den Schiller als ein geistiges Ganzes, so wie er in Wirklichkeit war, aneignete, sondern sein geistiges Werk zerpflückte und es unbewußt in der eigenen revolutionären Gedanken- und Empfindungswelt umschmolz.
      Doch über diese Phase des politischen Wachstums, wo die gärende Begeisterung, das halbdunkle Streben zu den lichten Höhen des 'Idealen" den Anbruch der geistigen Wiedergeburt der deutschen Arbeiterschaft ankündigte, sind wir beträchtlich hinaus. Was die Arbeiterschaft heute vor allem braucht, ist: alle Erscheinungen der politischen und auch der ästhetischen Kultur in ihren klaren, streng objektiven historisch-sozialen Zusammenhängen, als Glieder jener allgemeinen sozialen Entwicklung aufzufassen, deren mächtigste Triebfeder heutzutage ihr eigener revolutionärer Klassenkampf ist. Auch Schiller kann und muß die deutsche Arbeiterschaft heute ganz wissenschaftlich-objektiv als einer mächtigen Erscheinung der bürgerlichen Kultur gegenüberstehen, statt in ihm subjektiv aufzugehen oder richtiger ihn in eigener Weltanschauung aufzulösen.
      So war denn gerade jetzt, aus Anlaß der hundertjährigen Schillerfeier, offenbar der passendste Moment gegeben, die gegenseitige Stellung Schillers zur Arbeiterklasse, seine Dichtung vom Standpunkt der sozialdemokratischen Gedankenwelt einer Revision zu unterziehen.
      Jedoch gerade diejenigen Kreise, die jederzeit bereit sind, an allen möglichen Revisionen der 'wunden Punkte" der Marxschen Lehre tapfer mitzumachen, zeigen nicht die geringste Lust, die landläufigen kritiklosen Urteile über Schiller zu revidieren. Es ist allerdings viel bequemer, Schiller nach abgebrauchtem Schema als den großen, von der Bourgeoisie verleugneten Apostel der bürgerlichen Revolution für das Proletariat in Anspruch zu nehmen, was jedoch höchstens auf eine gleichmäßige Verständnislosigkeit für den historischen Gehalt der Märzrevolution wie der Schillerschen Dichtung deutet.
      Das Feiern Schillers als eines revolutionären Dichters par excel-lence verrät schon an sich einen Rückfall von der durch die Marxsche Lehre, durch den dialektischen Geschichtsmaterialismus vertieften und geadelten Auffassung vom 'Revolutionären" in jene spießbürgerliche Auffassung, die in jeder Auflehnung gegen die bestehende gesetzliche Ordnung, also in der äußeren Erscheinung der Auflehnung eine 'Revolution" sieht, ungeachtet ihrer inneren Tendenz, ihres sozialen Gehaltes. Nur von diesem letzteren Stand-punkt gelangt man dazu, in Karl Moor den Vorläufer Robert Blums, in der Luise Millerin 'die Revolutionstragödie des Zusammenbruchs" und in Wilhelm Teil 'das Revolutionsdrama der Erfüllung" — mögen die Götter immerhin wissen, was dieser begeisterte Gallimathias bedeutet — zu sehen. Durch dieselbe Auffassung wird man alsdann dazu geführt, einen künstlichen Widerspruch zwischen dem 'revolutionären Idealismus" der Schillerschen Dramen und seinem Verhalten der großen französischen Revolution gegenüber, zwischen seiner 'Revolution des Handelns" und seiner Flucht in den 'ästhetischen Erziehungsstaat" zu konstruieren und schließlich zur Erklärung dieses vermeintlichen Widerspruchs mitten im geistigen Leben Schillers einen Bruch, einen tiefen Riß zu entdecken, der auf die 'höfische Akklimatisation" Schillers durch den kleinstaatlichen Despotismus zurückgeführt wird.
      Diese letztere Theorie ist ja auch eine Art 'materialistische Geschichtsauffassung", aber eine ebenso verflachte und vergröberte Ausgabe derselben wie die mit ihr korrespondierende Auffassung von der 'Revolution". Danach wird nicht die ganze Weltanschauung und das Lebenswerk Schillers in seinen tiefen inneren Grundzügen aus der geschichtlichen und sozialen Misere des damaligen Deutschland erklärt, einer Misere, wovon der 'höfische Doudez-Despotismus" nur das äußere, wenn auch den ganzen Leib der Nation bedeckende Geschwür war, sondern der angebliche revolutionäre 'Umfall" Schillers auf der Höhe seines Schaffens und Lebens wird durch den persönlichen unmittelbaren Druck des Stuttgarter und Weimarer Hofes erklärt. Gegen diese 'materialistische" Mißhandlung durch eine überschwengliche Begeisterung findet der Schöpfer Wallensteins eine Ehrenrettung bei dem kühlen 'orthodoxen" Materialisten Mehring, der bereits in dem Erstling Schillers, in den Räubern, jenen tiefen Zwiespalt, jenen Dualismus der Weltanschauung aufzeigt, der durch das ganze Leben und Schaffen Schillers geht und im 'ästhetischen Staat" einen ganz konsequenten Abschluß findet, — die Flucht aus dem sozialen Elend in das abgeklärte Reich der Kunst am Ende einer geistigen Laufbahn, die mit der Flucht in den Wald eines kraftgenialischen Räu-bertums begonnen hatte. Der 'revolutionäre Idealismus" ist eben, losgelöst von der Grundlage der materialistischen Weltanschauung, auf der er zum Beispiel heute in klassischer Weise in dem modernen Proletariat beruht, ein gar zwiespältig Ding, und um Schiller als Philosoph zu verstehen, muß man eben vor allem — Karl Marx verstehen.
      Begreift man die Schillersche Dichtung von dieser Seite, so hat manauch nicht nötig, durch eine gewaltsame Konstruktion das einigende Grundelement seiner Dramen in den verschiedenen Erscheinungsformen der geschichtlichen Revolution zu suchen. Schiller war vor allem ein echter Dramatiker größten Stils, als solcher aber brauchte und suchte er gewaltige Konflikte, gigantische Kräfte, Massenwirkungen, und er fand seine Stoffe in den Kämpfen der Geschichte, nicht weil und insofern sie revolutionär waren, sondern weil sie den tragischen Konflikt in seiner höchsten Potenz und Wirkung verkörpern. Mehring hat dieses ganze Problem in zwei Sätzen gelöst, indem er sagt: 'Als Dichter brauchte er den historischen Stoff" und 'als Dramatikerwar Schiller auch ein großer Historiker". Die große französische Revolution, die ihn gerade als Revolution abstieß, würde sicher, wenn er sie aus der Perspektive eines oder zweier Jahrhunderte hätte sehen können, als gewaltiges Schauspiel, als eine Riesenschlacht des historischen Geistes seine dramatische Ader gepackt haben, und er hätte ihr dann wahrscheinlich als Dramatiker, durch den einfachen Künstlerinstinkt geleitet, ebensoviel Gerechtigkeit widerfahren lassen wie der historischen Rolle des Fried-länders oder dem Unabhängigkeitskampf der schweizerischen Bauerndemokratie, obwohl er mit der bürgerlichen Revolution geistig genauso wenig zu tun hatte wie Wallenstein oder Wilhelm Teil.
      Um Schiller und sein Werk aus seiner psychischen Eigenart, aus der besonderen Mischung des philosophischen und des dichterischen Elements, seine Philosophie aber in ihren Wechselbeziehungen mit seinem politisch-geistigen Milieu zu erfassen, dazu findet der Leser in Mehrings Studie Fingerzeige und Anregungen auf Schritt und Tritt. Die Mehringsche Arbeit wird deshalb gerade den wichtigsten Dienst dem Lesepublikum erweisen, auf den es jetzt in der Parteiliteratur vor allem ankommt: sie wird auf Schritt und Tritt zum Nachdenken und zum weiteren Lernen lebhaft anregen. Und dadurch bringt Mehring, indem er den Leser vor kritiklosem Nachbeten und vor jeglichem Kultus Schiller gegenüber bewahrt, zugleich die wirkliche erhabene Schönheit seines großen Lebenswerks der deutschen Arbeiterschaft nur um so plastischer vor die Augen.
      Erstdruck: Franz Mehring: Schiller. Ein Lebensbild für deutsche Arbeiter. In: Die Neue Zeit. Jg. 23. Bd. 2, Berlin 1904/05, S. 163-165.
      Textvorlage: Rosa Luxemburg: Schriften über Kunst und Literatur. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Marien M. Korallow. VEB Verlag der Kunst. Dresden 1972, S. 20-23.
     

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