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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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ROBERT WELMANN - Zur Tradition des Realismus und Humanismus -Kontinuität und Hauptentwicklungslinien des humanistischen und realistischen Kunsterbes



Im Rückgriff auf die Volksüberlieferungen und unter Bezug auf die Naturphilosophie der Renaissance erfolgte eine dichterische Ãoberhöhung der zwischenmenschlichen Bezüge durch die Einbeziehung magischer und elementarer Kräfte in die Darstellung wie auch eine phantastisch übersteigerte Preisung der die menschliche Emanzipation fördernden Erscheinungen. Diese Momente, die beispielsweise in den Werken von Shakespeare oder Rabelais sehr plastisch zur Geltung kommen, sind für den Realismus der Renaissanceliteratur typisch.


      [...]
Im Zuge der frühkapitalistischen Entwicklung brach sich, im Einklang mit dem mächtigen Fortschreiten der Wissenschaft von der Natur, eine innerweltliche diesseitsbetonte Auffassung vom Menschen Bahn, die der neuen Tendenz zum Universalismus entsprach und in der Kunst und Literatur der Renaissance ein reiches humanistisches Menschenbild von einer außerordentlichen gesellschaftsbildenden Funktion begründen half. Der Mensch wurde in den Mittelpunkt gerückt, seine Würde und Größe entdeckt und zwischen fortschreitender Naturbeherrschung und zunehmender menschlicher Schöpferkraft ein Bewußtsein entwickelt, das in seinen überhöhten ästhetischen Formen weder den Widersprüchen des späteren Feudalabsolutismus noch des kommenden Industriekapitalismus ausgesetzt war. Die in dieser gesellschaftsgeschichtlichen Konstellation des Ãobergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus möglich gewordene Emanzipation menschlicher Produktivität gipfelte im Bewußtsein der ästhetischen Gestaltungskraft der menschlichen Sinne.
      Auf dieser Basis entfaltete sich das neue Menschenbild im bewußten Rückgriff auf die gegenüber dem Mittelalter völlig neu bewertete Antike. Träger dieser Umwertung war vor allem die in Italien entstandene Bewegung des 'Humanismus", die das klassische griechisch-römische Bild vom Menschen in seiner diesseitigen Ausrichtung auf die ihn umgebende Natur und Gesellschaft in ihr neuzeitliches Bildungsideal einbezog und hierfür ein breites und intensives Studium der klassischen Autoren und Quellen als unerläßlich erachtete. Diese Rezeption der Antike stand im Zeichen einer entschiedenen Frontstellung gegen das Menschenbild des kirchlichen Mittelalters und eines methodologischen Angriffs auf dessen wissenschaftliche Hochburg, die Scholastik. [...]
Das neue Menschenbild der Renaissance stellt dem kirchlichmittelalterlichen Dogma von der prinzipiellen Sündigkeit, Beschränktheit und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen das Bekenntnis zur Freiheit, zur Universalität seiner Entfaltungsmöglichkeiten und zur Selbstverantwortung des Menschen für das, was er aus sich macht, entgegen . Die sichjetzt in ihrer Selbstvervollkommnung genießende Persönlichkeit kann von uns freilich erst dann als wirklich progressives Erbe verstanden und verwirklicht werden, wenn die neu entdeckte Individualität von einem historischen Standpunkt jenseits des bürgerlichen Individualismus bejaht und weitergeführt wird. Dazu ist es nötig, die innere Widersprüchlichkeit des Individualitätsbewußtseins zu berücksichtigen. Literatur und Kunst der Renaissance entwickelten sich auf einer widersprüchlichen gesellschaftlichen Basis, die auf der Ausbeutung der werktätigen und abhängigen Schichten beruhte und in ihrem Schöße den Keim zu ungeheuren Antagonismen barg. [...]
Im Gefolge der großen sozialen Umwälzungen profilierten die europäischen Nationalliteraturen der Renaissance ihre großen Volksgestalten , die als Träger einer naiv realistischen Weltsicht von 'unten" neue Dimensionen in bezug auf die Dialektik und Polarität gesellschaftlich widerstreitender Züge im Menschenbild ergaben.
      In Deutschland, dem ersten Zentrum neuzeitlicher sozialer Kämpfe, erlebten die Volksgestalten eine weltanschaulich-bewußte und ästhetisch gereifte Ausprägung, so in der Gestalt des 'gemeinen Mannes" in den Flugschriften und Dialogen der Volksreformation. In diesem Zusammenhang entsteht auch die Gestalt des Dr. Faustus, die, vom Drang nach Beherrschung von Natur und Gesellschaft erfüllt, sich bald eng mit dem Humanismus verbindet und für die Weltliteratur zur immer neu rezipierten Symbol- und Problemgestalt schöpferischer Erkenntnis und Entfaltung des Menschen wurde. Für die modernen europäischen Nationalliteraturen wurde die Volksliteratur der Renaissance in ihren Gestalten, ihrem Gehalt und in ihren ästhetischen Formungen zu einer nie versiegenden Quelle immer neuer Anregungen.
      Für die humanistische Renaissanceliteratur waren diese Volksliteratur und die ihr zugrunde liegenden sozialen Erfahrungen, Tatbestände und weltanschaulichen Positionen ein wichtiges Ferment ihrer Größe und Weite. Hier lagen wesentliche Quellen des neuzeitlichen Realismus und Voraussetzungen für die Herausbildung der nationalen Eigenarten der modernen Literaturen. Gegenüber den mittelalterlich-ständischen und klerikalen Positionen wie auch gegenüber den sich manifestierenden negativen Seiten des beginnenden Kapitalismus entwarfen und gestalteten die Künstler der Renaissance ein humanistisches Weltbild, das zwar klassenbedingt, doch keineswegs klassenbeschränkt von den fortschrittlichen Kräften in der weiteren geschichtlichen Entwicklung als kostbares Vermächtnis betrachtet und als kulturelles Erbe weiterentwickelt wurde. Die hervorragendsten Vertreter der europäischen Aufklärung und der deutschen Klassik erblickten in der Renaissancekultur unmittelbare Vorläufer ihrer eigenen Bestrebungen und bauten die darin liegende humanistische Alternative in ihrer Kritik am Feudalabsolutismus aus, vor allem in bezug auf den Zusammenhang von Individuellem und Gesellschaftlichem.
     

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