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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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ROBERT WEIMANN - Zur Tradition des Realismus und Humanismus - Kontinuität und Hauptentwicklungslinien des humanistischen und realistischen Kunsterbes



Kunst und Literatur unter den Bedingungen des Industriekapitalismus

Mit der im Zuge der industriellen Revolution durchgreifenden Kapitalisierung des gesellschaftlichen Lebens der west- und mitteleuropäischen Länder und der Formierung des Kapitalismus zum Weltsystem bildet sich immer deutlicher jene zweite große Gesellschaftsform heraus, worin sich erst das 'System des allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels, der universalen Beziehungen, allseitiger Bedürfnisse und universeller Vermögen" bildet. Die kolossale Steigerung der Produktivkräfte, der gesellschaftlichen Möglichkeiten des Menschen, die diese Epoche der Menschheitsentwicklung hervorbringt, ist jedoch verbunden mit einer zunehmenden Beeinträchtigung der tatsächlichen individuellen Entfaltung der menschlichen Wesenskräfte durch die sich etablierenden kapitalistischen Produktionsverhältnisse. In ihrem Rahmen verdichten sich die gesellschaftlichen Widersprüche immer mehr zu dem Widerspruch Kapital - Arbeit, der die individuelle Beziehung des Menschen zur Ware-Geld-Beziehung versachlicht. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse erweisen sich der individuellen menschlichen Selbstverwirklichung in der schöpferischen Arbeit, so auch in Kunst und Literatur, als feindlich. Der fortschreitenden Erkenntnis der Naturgesetze, der wachsenden Beherrschung der

Naturkräfte durch den Menschen steht die Tatsache gegenüber, daß der Lebenszusammenhang der menschlichen Gesellschaft für das bürgerliche Bewußtsein immer undurchschaubarer wird. [...]
Indem die Bourgeoisie aber das Proletariat, ihren 'eigenen Totengräber", erzeugt, tritt sie in einigen Ländern, z. B. in Deutschland, noch vor der Vollendung der bürgerlichen Revolution aus dem Stadium des revolutionär verändernden Eingreifens in das Ganze der feudalgesellschaftlichen Institutionen heraus, geht sie dazu über, ihre Herrschaft im Kompromiß mit der regierenden Adelsklasse zu institutionalisieren. Der Aufstieg des Proletariats und seine großen Klassenschlachten - vom Pariser Juniaufstand 1848 bis zu den Tagen der Commune - drücken der Epoche, noch ehe die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft ihr höchstes â– Entwicklungsstadium erreicht hat, ihren Stempel auf und beeinflussen die Literatur- und Kunstentwicklung im 19. Jahrhundert.
      Der Widerspruch des bürgerlichen Humanitätsideals zu der institutionalisierten kapitalistischen Gesellschaft, das Sichtbarwerden der realen Begrenztheit der bürgerlichen Interessen distanzieren die bürgerlich-humanistische Kunst zunehmend von der Praxis ihrer Klasse. In der materiellen Produktion wird das Individuum durch die kapitalistische Arbeitsteilung selbst geteilt, seine Arbeit wird zu 'bestimmt dressierter Naturkraft" entfremdet, die nur noch einen winzigen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit reproduziert, um sein physisches Bedürfnis zu befriedigen. [...] Der Realismus der bürgerlichen Kunst und Literatur des 19. Jahrhunderts, die, auch wo sie sich den unteren Volksschichten annähert, die historische Rolle des Proletariats, die Bedeutung seiner sozialen Emanzipation als der menschlichen Emanzipation nicht voll zu erkennen vermag, ist mit der Veränderung ihrer gesellschaftlichen Funktion zur prinzipiellen, die Totalität menschlicher Lebenstätigkeit verteidigenden Kritik an der kapitalistischen Praxis untrennbar verbunden. Sie erfüllt ihren Beruf, wo sie die über die wirklichen Verhältnisse herrschenden 'konventionellen Illusionen zerreißt, den Optimismus der bürgerlichen Welt erschüttert, den Zweifel an der ewigen Gültigkeit des Bestehenden unvermeidlich macht" [2]. Die 'sentimentalischen Haltungen" zur Wirklichkeit - Satire, Elegie, Idylle -, im Schillerschen Sinne als Grundhaltungen einer aus dem Bewußtsein des Widerspruchs von Ideal und Leben, aus einem kritischen Verhältnis zur Wirklichkeit schaffenden Kunst aufgefaßt, werden zu typischen Haltungen der bürgerlichen Kunst und Literatur des 19. Jahrhunderts. Erst vor dem historischen Hintergrund der sozialistischen Revolution und in der Annäherung an die Arbeiterbewegung gelangt der bürgerliche Realismus im 20. Jahrhundert über diese kritisch-desillusionie-rende Funktion hinaus. Wo sich die bürgerliche Kunst nicht von ihrer Klasse distanziert, die Verwirklichung des bürgerlichen Humanitätsideals im Fortschritt der bürgerlichen Gesellschaft erblickt bzw. die kapitalistische Praxis apologisiert, werden die gesellschaftlichen Widersprüche immer schwächer reflektiert, die realen Lebenszusammenhänge immer mehr verschleiert statt aufgehellt, wird sie unrealistisch. Die subjektive Isolierung des bürgerlich-humanistischen Künstlers, die mit der Distanzierung von seiner Klasse eintritt, sofern er sich nicht der aufsteigenden Arbeiterklasse zu assoziieren vermag, wird durch die grundlegende Veränderung der objektiven Stellung des Künstlers in der Gesellschaft verschärft. Auf der Basis der industriellen Entwicklung des graphischen Gewerbes, der Entwicklung kapitalistischer Verlage und der ständigen Verbreiterung des Publikums durch die Zunahme der lesekundigen bürgerlichen Schichten nimmt der kapitalistische Literaturmarkt einen enormen Aufschwung. Damit versetzt sich die Bourgeoisie überhaupt erst in die Lage, die Existenz des bürgerlichen Schriftstellers generell selbst zu tragen, wird der Typ des 'Literaten", d. h. des als Zeitungsredakteur und -herausgeber existierenden und des 'freien", d. h. vom freien Verkauf seiner Literaturproduktion lebenden Schriftstellers, zur allgemeinen Erscheinung. Die Professionalisierung der Literaturproduktion bei gleichzeitiger Spezialisierung einer immer größeren Zahl von Schriftstellern als Journalisten bzw. als Romanciers erreicht eine neue Stufe. Durch die Entwicklung des kapitalistischen Theaterbetriebs, des Kunsthandels usw. werden auch Musiker und bildende Künstler in immer größerer Zahl freigesetzt. Dem Prozeß der Freisetzung des bürgerlichen Künstlers von bürgerlicher Dienststellung bzw. fürstlichem Mäzenat entspricht jedoch die fortschreitende Kommerzialisierung von Kunst und Literatur, die erst im 19. Jahrhundert allgemein zur Ware werden, mithin die steigende Abhängigkeit des bürgerlichen Künstlers von den Gesetzen des kapitalistischen Markts. Dieser gewinnt eine ideologische Regulierungsfunktion, indem er mit dem Abgehen der Bourgeoisie von den revolutionären Positionen ihrer Aufstiegsphase zunehmend eine die kapitalistische Praxis bzw. den Klassenkompromiß trivial apologisierende Kunst fördert, während er die Verbreitung der bürgerlich-humanistischen Kunst beschränkt.

     
Mit der Etablierung und Festigung der nationalen Bourgeoisien und der Entwicklung eines engen materiellen und geistig-kulturellen Austauschs zwischen ihnen durch die Formierung des kapitalistischen Weltsystems gelangen die europäischen Literaturen zu vollerer Ausbildung ihrer nationalen Eigenart und entwickelt sich auf ihrer Grundlage die bürgerliche Weltliteratur zu größerer Einheit und Vielfalt. Durch die Ausstrahlung des kapitalistischen Verkehrs, die Entwicklung des Welthandels über die europäischen Industriestaaten hinaus, sind seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auch die Literaturen der ost- und südosteuropäischen Völker in den weltliterarischen Konnex eingetreten, fließen die nationalen Traditionen vieler anderer Völker in die europäische Literatur ein -ein Prozeß, in dem sich Umfang und Mannigfaltigkeit der Weltliteratur außerordentlich vergrößern. Dieser Prozeß erreicht seinen ersten Höhepunkt in der Zeit des Vormärz und steht im Zeichen der europäischen Romantik, die - in Westeuropa bereits auf die beginnende Kapitalisierung reagierend - durch ihre den Anspruch des Individuums betonenden, aktivistischen Impulse in den ost- und südosteuropäischen Ländern eine antifeudalistisch-revolutionäre Tendenz gewinnt und mit den nationalen Erneuerungsbewegungen der unterdrückten Völker fest verbunden ist. Von dieser revolutionären Tendenz her wird hier, z. B. bei Puschkin oder Mickiewicz, durch die Verbindung der Literatur mit den Interessen der breiten Masse der Bauern, aber auch bei französischen, englischen und deutschen Schriftstellern wie Shelley, Hugo, Heine, bei denen der romantische antikapitalistische Protest zu einer Vorwärtsorientierung auf die soziale Problematik des Industrieproletariats führt, der Ãœbergang von romantischen Positionen zum Realismus des 19. Jahrhunderts vollzogen und die positive Aufhebung romantischer Elemente in der realistischen Literatur möglich. Solche revolutionär-romantischen Positionen, die die Ausgangsbasis für die genannten Schriftsteller darstellen, erweisen sich auch für die bildende Kunst und die Musik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als außerordentlich produktiv .
      Der Ãœbergang zum Realismus des 19. Jahrhunderts, dessen Eigenart durch die komplexe Einwirkung der eingangs beschriebenen Veränderung der gesellschaftlichen Beziehungen, der Veränderung der gesellschaftlichen Funktion der Kunst und der Stellung des bürgerlich-humanistischen Künstlers in der Gesellschaft geprägt ist, erfolgt nun in der in übernationalem Zusammenhang sich entwickelnden europäischen Kunst und Literatur mit geringer zeit-licher Verschiebung generell, d. h., er erfolgt auch dort, wo die diese Entwicklung auslösenden ökonomisch-gesellschaftlichen Faktoren später eintreten . Es entwickelt sich - gesamteuropäisch - ein neues Verhältnis zur Wirklichkeit, auf das auch die mit der industriellen Revolution sprunghaft sich beschleunigende naturwissenschaftlich-technische Entwicklung maßgeblichen Einfluß hat. Die naturwissenschaftlich-technische Entwicklung trägt ebenfalls bei zu der Versachlichung des Denkens, der Veränderung der Emo-tionalität, zu der Herausbildung einer den veränderten gesellschaftlichen Beziehungen entsprechenden 'gesellschaftlichen Psychologie", durch die dieses neue Verhältnis zur Wirklichkeit gekennzeichnet ist. Die Verstärkung des analytisch-kritischen Elements, der Tendenz, in der Gestaltung eines literarischen Stoffes den realen Strukturen der empirisch erforschten objektiven Wirklichkeit zu folgen, statt den Stoff entsprechend dem Menschen- und Gesellschaftsideal des Autors subjektiv zu strukturieren, wird dadurch und durch den Einfluß bestimmter philosophischer Strömungen weiter gefördert.
      Aus all den genannten Faktoren ergibt sich eine allmähliche generelle Veränderung des Menschen- und Gesellschaftsbildes, eine Verschiebung des Verhältnisses von Wirklichkeitsanalyse und positiver Idealgestaltung auch innerhalb des künstlerischen Menschenbildes. Menschenbild-Ideal und Gesellschaftsentwurf des aufsteigenden Bürgertums treten zurück hinter der konkreten Analyse bürgerlicher Individualität und der empirischen Erforschung ihres Handlungsraums, Typ und Charakter verbinden sich zu einer untrennbaren Einheit. Die Literatur gelangt zu einem Menschenbild, das das Individuum in der konkreten gesellschaftlichen Begrenztheit seines Denkens, Fühlens, Handelns darstellt; indem es jedoch dieses Denken, Fühlen, Handeln in seinem ganzen Reichtum und in der ganzen Vielfalt seiner individuellen Differenzierungen aufnimmt, widerspiegelt es zugleich die in der Realität erreichte historisch-gesellschaftliche Stufe allgemeiner menschlicher Individualisierung, intellektuellen und emotionalen Reichtums und Differenziertheit der Persönlichkeit, realisierter menschlicher Beziehungen. Auf der Grundlage dieses historisch-gesellschaftlich determinierten Menschenbildes entwickelt sich die realistische Literatur dort am weitesten,wo der literarische Held in der vollen Individualität seines Charakters in die entscheidende Sphäre der gesellschaftlichen Entwicklung hineingestellt wird und damit die konkreten historischen Bedingungen der Klassengesellschaft in ihrer realen Dialektik als Bedingungen der erreichten Stufe realisierter menschlicher Beziehungen wie auch als deren Widerspruch sichtbar macht. Wo dies geschieht, schafft die europäische Literatur des 19. Jahrhunderts eine Reihe großer realistischer Epochentypen , die zum unverlierbaren Kulturbesitz der sozialistischen Gesellschaft gehören. Wo diese Dialektik von Individuellem und Gesellschaftlichem verzerrt wird, indem die gesellschaftliche Wirklichkeit immer mehr in der Subjektivität des Menschen verschwindet oder aber der Mensch der Objektwelt untergeordnet wird, nur noch als passives Produkt seiner Umwelteinflüsse erscheint, wie das in einem mit dem Eintritt der Bourgeoisie in das monopolkapitalistische Stadium immer größer werdenden Teil der bürgerlichen Literatur geschieht, da geht eines der wesentlichen Kriterien realistischer Literatur verloren, tritt die bürgerliche Literatur aus der realistischen Tradition heraus.
      Die realistische Kunst und Literatur des 19. Jahrhunderts, die in ihrem Entwicklungsprozeß die mannigfaltigsten Kunsterfahrungen der Romantik umarbeitet und integriert, entwickelt diese Dialektik im Kampf sowohl gegen reaktionär-romantische Strömungen wie gegen eine in der Eigenart ihrer Widerspiegelung pseudorealistische, in ihrem Menschen- und Gesellschaftsbild jedoch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse bestätigende, affirmativ apologetische Kunst, die die Gesetzmäßigkeit des historischen Fortschritts der Menschheit zu immer vollkommenerer Beherrschung der Naturgesetze wie der Gesetze ihres gesellschaftlichen Zusammenlebens, von den progressiven Vertretern des revolutionären Bürgertums bereits als Fortschritt über die bürgerliche Gesellschaft hinaus erkannt, in einen Fortschritt der bürgerlichen Gesellschaft umfälscht. Die realistische Kunst des 19. Jahrhunderts, die die kapitalistische Praxis des Bürgertums kritisiert, hat in diesem Prozeß zugleich diejenigen Positionen zu überwinden, in denen die Kapitalismus-Kritik mit einem hi-storisch-rückwärtsorientierten, seinem Wesen nach gleichfalls romantischen Antikapitalismus verbunden ist bzw. die historische Gesetzmäßigkeit der Kapitalisierung zwar erkannt, eine solche Gesetzmäßigkeit und ihr entsprechendes Handeln aber nur unter dem Aspekt der Zerstörung aller humanen Werte, die Bewahrungder Humanität nur im Verzicht auf jegliches gesellschaftliches Handeln gesehen werden. Sie hat sich abzugrenzen von denjenigen im Laufe des 19. Jahrhunderts neuaufkommenden weltanschaulich-ästhetischen Positionen, in denen unter dem Eindruck dieser als schicksalshaft empfundenen Gesetzmäßigkeit der humanistische Menschen- und Gesellschaftsentwurf des aufsteigenden Bürgertums preisgegeben und die Situation des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft als existentielle Situation des Menschen schlechthin gefaßt wird. In dieser Kunst wird die gesellschaftliche Wirklichkeit mythisiert, die historisch-konkrete gesellschaftskritische Stoßrichtung aufgegeben, die für den Realismus der bürgerlichen Literatur des 19. Jahrhunderts von ausschlaggebender Bedeutung ist. Sofern diese Literatur den historischen Prozeß pessimistisch deutet, die kapitalistische Entwicklung als Weltuntergangsmythos gestaltet, ist ihr Verhältnis zur bürgerlichen Welt zwar negativ, wird diese. Welt als Welt des Menschen verneint. Dennoch bereiten solche zunächst unter resignativem Vorzeichen stehenden mythisch-irrationalistischen Weltanschauungskonzeptionen den Boden für die von der kapitalistischen Praxis ausgehende ideologische Umwertung aller humanen Werte, für den aktivistischen Mythos bürgerlicher Klassenherrschaft , der mit dem Ãœbergang der Bourgeoisie zum Imperialismus zunehmend die apologetische Funktion übernimmt, die die liberale bürgerliche Ideologie des 19. Jahrhunderts — nicht mehr imstande, die Kluft zur kapitalistischen Praxis zu überbrücken - immer weniger zu erfüllen vermag.
      Die Entwicklung der realistischen Kunst und Literatur, die in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit, ihrem Menschenbild wie in der Eigenart ihrer Widerspiegelung der Wirklichkeit eine Reihe gemeinsamer Merkmale aufweist, durch die sie sich insgesamt nicht nur von anderen, nichtrealistischen Strömungen unterscheidet, sondern auch vom Realismus der Aufklärung und der deutschen Klassik als eine historisch neue Form der künstlerischen Aneignung der Wirklichkeit abhebt, verläuft im 19. Jahrhundert in verschiedenen Linien, gewinnt eine vom unterschiedlichen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung, der nationalen Lage und den spezifischen geistig-kulturellen Traditionen der einzelnen Völker abhängige unterschiedliche Ausprägung.
      In Frankreich und England, wo die Bourgeoisie sich zuerst als herrschende Klasse etabliert und die industrielle Revolution am weitesten vorangetrieben hat, entwickelt sich, getragen von Schriftstellern wie Balzac, Stendhal, Hugo, Flaubert, Maupassant,

J. Austen, Dickens, Thackeray, G. Eliot, Ch. Bronte u. a. eine Literatur, an der die spezifische Funktion realistischer bürgerlicher Kunst unter den Bedingungen des Industriekapitalismus am deutlichsten abgelesen werden kann. Der europäische Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts erhält hier auf ökonomisch unterschiedlich entwickelter, aber politisch zentralisierter gesellschaftlicher Basis eine seiner charakteristischen Ausprägungen. Daneben entwickeln sich hier auch die kleinen epischen Prosaformen zu großer Fülle [.'..] Gleichzeitig bedingt die Tatsache, daß in diesen Ländern die Bourgeoisie bereits die Herrschaft errungen und das Proletariat sich bereits zur selbständig handelnden politischen Kraft formiert hat, daß solche revolutionär-demokratischen Positionen, wie sie aus der Verbindung der progressiven Kräfte des Bürgertums mit den Interessen der untersten Volksschichten im gemeinsamen antifeudalen Kampf hervorgehen, frühzeitig ausfallen und daß die negativen Wirkungen der kapitalistischen Produktionsweise auf den Realismus der bürgerlichen Kunst und Literatur hier am ehesten in Erscheinung treten. Andererseits gibt die Kunstentwicklung der westeuropäischen Länder die ersten Beispiele des Durchbruchs einzelner bürgerlicher Künstler der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft zur Arbeiterklasse .
      In Deutschland hat das Bürgertum den Kampf gegen die Feudalherrschaft noch nicht ausgefochten, während die industrielle Revolution schon im Gange ist und der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit bereits deutlich hervortritt. Diese eigenartige Klassenkonstellation bringt es mit sich, daß die bürgerlichoppositionellen Kräfte die Interessen des sich zur Klasse formenden Industrieproletariats nur noch insofern mitzuvertreten vermögen, als ihre politischen Ziele historische Voraussetzung für den proletarischen Befreiungskampf sind. Andererseits begünstigt diese Situation den Vorgang, in dem demokratisch-revolutionäre Schriftsteller im gemeinsamen Kampf aller unterdrückten Klassen gegen die.Feudalherrschaft bereits im Vormärz die Begrenztheit der bürgerlichen Zielsetzungen erkennen und auf sozial-revolutionäre Positionen übergehen. Mit der damit einsetzenden Reflexion der Literatur auf die plebejischen Gesellschaftsschichten und auf das Industrieproletariat wird nicht nur ein neuer, das Menschenbild der Literatur sozial konkretisierender und differenzierender Gegenstand gewonnen, sondern auch bereits die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung über die bürgerliche Gesellschaft hinaus angedeutet. Mit der Gestaltung des plebejischen Helden, dem Aufbau seiner Gestalt aus den materiellen natürlichen Bedürfnissen, den sozialen Bedingungen seiner Existenz und mit der Erkenntnis der historischen Notwendigkeit der sozialen Revolution werden Marksteine der Entwicklung eines realistischen Menschen- und Gesellschaftsbildes gesetzt, von denen aus der unmittelbare Ãœbergang auf den Standpunkt der Arbeiterklasse, der Umschlag von bürgerlich-realistischer zu sozialistischer Literaturqualität möglich wird. Indem Georg Weerth, der diesen Wechsel der Klassenposition unter dem persönlichen Einfluß von Marx und Engels vollzog, tätsächlich auf der revolutionär-demokratischen Position Heines fußte, von der aus wiederum die umfassendste und produktivste Aufarbeitung der aufklärerisch-klassischen Literaturtradition wie die weitestgehende Integration romantischer Kunsterfahrungen geleistet wurde, erweist sich die revolutionär-demokratische deutsche Vormärzliteratur zugleich als das historische Bindeglied zwischen der deutschen Klassik und dem Ansatz sozialistischer deutscher Literatur um 1848, tritt die sozialistische Literatur erstmals als gesetzmäßiges, die progressivsten Traditionen der bürgerlichen Literatur aufhebendes Ergebnis in der Entwicklung des Realismus hervor.
      Diese Kontinuität der Literaturentwicklung wurde in Deutschland durch das Scheitern der bürgerlich-demokratischen Revolution unterbrochen. Die neuartigen, volksliedhaft-balladeske und rhetorische Elemente verarbeitenden politisch-agitatorischen Lyrikformen, die sich in Frankreich und Deutschland ausgebildet und im deutschen Vormärz zum Entstehen einer breitenwirksamen politischen Lyrik geführt haben, der Heine in der Verbindung von unmittelbar praktisch-politischer Zielsetzung mit höchster historisch-philosophischer, künstlerischer Verallgemeinerung größten welthistorischen Rang verleiht, können nach 1848 von der bürgerlichen Literatur nicht weitergeführt werden. Auch der Neuansatz großer realistischer Dramatik, der — vom Theater getrennt und schon in seiner Zeit nicht mehr zur Wirkung gelangend - von Büchner geleistet wird, bleibt für die Entwicklung der realistischen deutschen Literatur nach 1848 zunächst ungenutzt. Die realistische deutsche Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird bis zu Fontane und G. Hauptmann hin bestimmt von einer — auf z. T. bereits im Vormärz ausgebildeten Position stehenden - Prosaepik, die die humanistischen Ideale des Bürgertums im Rückzug auf die bürgerliche Individualität und dienoch nicht kapitalisierten Bereiche zu bewahren strebt. Das geschieht vorwiegend in der Weiterführung des klassischen, von der Entwicklung des Helden her strukturierten Romans und in den kleinen epischen Formen . Der die zentralen Basisvorgänge im großen widerspiegelnde Gesellschaftsroman gelingt hier, wo das Bürgertum seine historische Aufgabe, die nationale Einigung, 1848 nicht zu erfüllen vermag, erst nach der Jahrhundertwende . Beim Ausfall des Gesellschaftsromans spielt das Ausweichen vor der Konfrontation mit der kapitalistischen Entwicklung, der Rückzug auf die Randzonen des gesellschaftlichen Lebens eine Rolle . Dieser Rückzug mindert den Realismusgehalt, sofern er nicht — wie im Falle Raabes — selbst zum Gegenstand der literarischen Gestaltung wird und als Ergebnis der Frustration des Helden in der kapitalistischen Gesellschaft erscheint. Trägt diese Literatur, die sich getrennt von der proletarischen Bewegung entwickelt, durch ihre realistische Psychologie, die realistische Darstellung der weitgehend noch von der reaktionären Romantik besetzt gehaltenen kleinbürgerlichen bzw. bäuerlichen Randzonen der Gesellschaft und der unbearbeiteten Natur auch auf ihre Weise zur Entwicklung des Realismus bei, so bleibt sie doch insgesamt hinter der zeitgenössischen englischen und französischen Literatur, die die zentralen Widersprüche des Kapitalismus unmittelbar zum Gegenstand der kritischen Auseinandersetzung macht, zurück.
      In den skandinavischen Ländern, besonders in Norwegen, wo die Feudalordnung nicht zu voller Ausbildung gelangt war, entwickelt sich auf der gesellschaftlichen Grundlage eines aus freien Bauern hervorgegangenen selbstbewußten Kleinbürgertums seit der Jahrhundertmitte eine Literatur, welche die mit der sporadisch einsetzenden Industrialisierung sich ankündigenden politischen und moralischen Verfallserscheinungen in den empirisch-analytischen Formen des Realismus des 19. Jahrhunderts kritisiert, gleichzeitig aber noch über die Möglichkeit verfügt, Elemente der Volksmythologie in symbolischer Verwendung in die realistische Gestaltung einzubeziehen . Der konsequent demokratische Standpunkt, von dem aus die Kritik geübt wird, kennzeichnet auch die auf eigener Klassengrundlage entstehende bürgerlich-realistische Literatur Nordamerikas . Auf Grund dieser ausgeprägt demokratischen Tendenz und der entschiedenen Orientierung auf die soziale Funktion der Kunst gewann vor allem die Dramatik Ibsens nicht nur großen Einfluß auf die junge bürgerlich-oppositionelle Intelligenz in Deutschland, sondern fand sie auch — als demokratische Alternative zur herrschenden, die sozialen Probleme verschleiernden proimperialistischen Kultur des Kaiserreiches - breite Aufnahme in der deutschen Sozialdemokratie [...]
Seine historisch bedeutsamste und im weltliterarischen Prozeß von der deutschen Klassik zur sozialistisch-realistischen Literatur höchste Ausbildung erfährt der Realismus des 19. Jahrhunderts in der Entwicklung der russischen Literatur . Hier bleibt, angesichts der ungebrochenen feudalen Herrschaftsverhältnisse und der erst im letzten Drittel des Jahrhunderts mit der industriellen Revolution einsetzenden Sonderung der bürgerlichen Interessen, die Masse der vorwiegend aus Adelskreisen rekrutierten oppositionellen Intelligenz, des Hauptträgers der realistischen russischen Kunst und Literatur, bis zum Jahrhundertende fest verbunden mit der revolutionären Bewegung der Volksmassen. In der Orientierung auf die Problematik der Bauern als der größten und am meisten unterdrückten Klasse, zu der bereits Puschkin vorstößt und die die russische realistische Literatur bis zu Tolstoi beibehält, wird diese Literatur in ihrer Volksverbundenheit nicht nur zum unmittelbaren Faktor des revolutionären Kampfes gegen die zaristische Selbstherrschaft, sondern entgeht sie - indem die kapitalistische Entwicklung der Periode nach 1861 von vornherein ihrer Kritik verfällt - auch weithin der bürgerlichen Beschränktheit, die die antifeudalistisch intendierte Literatur der westeuropäischen Länder erst in einem langwierigen Desillusionierungsprozeß überwindet. Die russischen revolutionären Demokraten , von Engels als 'Sozialistische Lessings" gewürdigt, erkennen nicht nur den Sozialismus als die Perspektive der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern begreifen ihre literarische Arbeit bereits als bewußte praktisch-revolutionäre Tätigkeit im Sinne einer sozialistischen Gesellschaftsumwälzung, die, von den 'geschichtlich gegebenen Voraussetzungen" des bäuerlichen Gemeineigentums ausgehend, das kapitalistische Regime überspringen sollte. [3] [...]
Während die Kontinuität der Literaturentwicklung in Deutschland 1848 unterbrochen wurde, gewinnt die Literatur Rußlands, wo die proletarisch-revolutionäre Bewegung in der sozialistischen Oktoberrevolution den Sieg erringt, mit dem Erscheinen Gorkis welthistorisch exemplarische Bedeutung für die Gesetzmäßigkeitdes Fortschreitens der realistischen Literatur zum sozialistischen Realismus. Dank ihrer Volksverbundenheit, ihres jede Form der Klassenherrschaft der Kritik unterziehenden revolutionären Charakters kann Gorki unmittelbar an die Tradition der Hauptlinien der realistischen russischen Literatur des 19. Jahrhunderts anknüpfen und deren Erfahrungen und Errungenschaften in die Literatur des sozialistischen Realismus einbringen, beginnt er die Entwicklung der sozialistisch-realistischen Literatur in Rußland unmittelbar auf der von der realistischen russischen Literatur des 19. Jahrhunderts erreichten weltliterarischen Höhe.
      In der russischen Literatur kulminiert die Entwicklung des großen europäischen Gesellschaftsromans des 19. Jahrhunderts, der für die Entwicklung des Realismus in diesem Zeitraum von erstrangiger Bedeutung ist. Der europäische Roman ist diejenige literarische Gattung, die sich in ihrer modernen Form mit dem System des 'allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels" als der Realität des Menschen seit der Entstehung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft herausgebildet hat und der literarischen Darstellung dieser Realität wie dem subjektiven Verhältnis des Menschen zur Realität daher auch am ehesten gemäß wurde. In den epischen Prosaformen, vor allem im Roman, kommt auch die für den Realismus des 19. Jahrhunderts charakteristische Objektivität und Unmittelbarkeit der literarischen Darstellung zur vollen Ausbildung, erreicht diese Darstellungsweise, die sich als produktiv erwies, die Stellung des Menschen in der Epoche der bürgerlichen Revolution historisch getreu und sozial konkret zu erfassen, ihre höchste technische Vervollkommnung. Insofern als diese Darstellungsweise der unmittelbaren Wirklichkeitserfahrung am nächsten kommt und daher allen Klassen und Schichten am leichtesten zugänglich war, hatte sie einen volksgemäßen Charakter. Nicht zufällig waren es vor allem die demokratischhumanistischen Kräfte in der bürgerlichen Literatur des 19. Jahrhunderts, die, in steigendem Maße den epischen Prosaformen zugewandt, sich ihrer bedienten. Demokratisch-humanistisches Menschenbild, historisch-konkrete prinzipielle Kritik der gesellschaftlichen Praxis der Ausbeuterklassen und volksgemäße Darstellungsweise machen diese Literatur zu einem der Tradition der sozialistischen Literatur besonders nahen Erbe, das von der sozialistischen Literaturgesellschaft der DDR nicht nur in bedeutendem Umfang noch spontan rezipiert wird, sondern für die Gewinnung des Zugangs zum literarischen Erbe überhaupt eine hervorragende Rolle spielt.

     
Die epischen Prosaformen treten in der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts um so mehr in den Vordergrund, als die revolutionäre praktisch-gesellschaftliche Rolle des Theaters mit der Etablierung der Bourgeoisie als herrschende Klasse weitgehend ausfällt. Die das realistische Theater erneuernden Impulse kommen gegen Ende des Jahrhunderts vorwiegend aus den Literaturen der schwach kapitalisierten Länder — aus Rußland und aus Skandinavien. Die großen realistischen Dramatiker des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts weisen mit ihrer Tendenz zum Epischen den gleichen Zug zur breiten Aufnahme der zentralen sozialen Probleme der Zeit auf, die für den realistischen Roman des 19. Jahrhunderts charakteristisch ist. Während die Entwicklung des Realismus bis zur Jahrhundertmitte vor allem in Rußland und Deutschland weitgehend von den mit der revolutionären Bewegung der Volksmassen verbundenen Lyrikern mit getragen wird, fallen die Leistungen der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Lyrik danach hinter die der Prosaepik zurück. Statt dessen finden die mit dem Fortschreiten des Kapitalisierungsprozesses und der sich verschärfenden Problematik des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft in der bürgerlichen Literatur zunehmenden subjektivistischen, irrationalen und agno-stizistischen Tendenzen in der Lyrik ihren frühesten und künstlerisch stärksten Ausdruck, wird die Lyrik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Vorfeld der bürgerlichen Dekadenz. Gleichzeitig ist die Lyrik jedoch auch diejenige literarische Gattung, in der das Proletariat seine revolutionären Forderungen und Ziele künstlerisch zuerst selbst artikuliert, entwickeln sich die Anfänge der Literatur der Arbeiterklasse in den Formen der politischen Lyrik im deutschen Vormärz, in der englischen Chartistenbewegung, der deutschen Sozialdemokratie und der Pariser Commune.
     

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