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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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ROBERT WEIMANN - Tradition als literargeschichtliche Kategorie



Tradition lebt aus der Einheit und dem Widerspruch von vergangener geschichtlicher Wirklichkeit und gegenwärtigem geschichtlichem Bewußtsein. Der Inhalt der Tradition, das überlieferte tradi-tum oder tradendum, stellt zwischen der geschichtlichen Schöpfung und ihrem gegenwärtigen Vollzug und Weiterwirken eine wandelbare Beziehung her, in der sich der literaturgeschichtliche Zusammenhang von Entwicklung und Wirkung in programmatischer Weise bricht. Diese Einheit und dieser Widerspruch zwischen dem Abbild vergangener historischer Wirklichkeit und seiner Aktion im gegenwärtigen Bewußtsein gewinnen für eine historischmaterialistische Theorie der literarischen Tradition eine ganz besondere, ja einzigartige Bedeutung. Tradition ist niemals nur eine literarhistorische und niemals nur eine gegenwartsliterarische Erscheinung, sondern umgreift - beziehungstiftend - beides: das historische Werk und seine gegenwärtige Wirkung, das überlieferte Resultat vergangener Schöpfung und seine lebendige Vergegenwärtigung und Umgestaltung. Gerade hierin wurzelt jene lebendige Kraft, ohne die jede Tradition erstarren muß: indem sich historisch bewegenden Widerspruch von Vorbildern und Nachbildnern, von Rezipiertem und Rezipierenden, deren Verhältnis insofern wechselseitig ist, als wirkliche Tradition nicht nur die Aufnehmenden bereichert, sondern auch das Aufgenommene in einer stets neuen, gleichsam ungeahnten Wahrheit oder Möglichkeit, also reicher, erweist. Diese reiche, stets neu zu entdeckende Möglichkeit wird in das Werk nicht von außen hineingetragen; sie schöpft aus dem Ausmaß seiner Antizipation geschichtlichen Werdens, welche die Wahrheit der Wirkung aus dem Zeitalter der Entstehung begründet oder vorwegnimmt. Tradition ist eine Verhältnis-Kategorie, die auf geschichtliche Bewegung verweist. Sie ist das Rezipierte, das — sich selbst wandelnd — auch das Schaffen der Rezipierenden verändert. Und erst aus dieser wechselseitigen Bezüglichkeit vollführt das traditum eine stete Bewegung zwischen Entstehung und Wirkung: Der Zusammenhang von Ursprung, Weise und Empfänger des Tradierten verändert sich ebenso wie dieses in seiner Bezeichnung, Bedeutung und Wirkung. Historizität und Aktualität brechen sich in immer neuer Verschränkung auf der Linie dieser Bewegung, deren Stillstand allein zu einem Endpunkt und zum Versiegen der Tradition führt.

      Ein literaturwissenschaftlicher Versuch über die Tradition muß ihre historisch-lebendige Bezugsfunktion als historischen und dialektischen Prozeß begreifen. Dabei besitzt dieser Prozeß eine praktische und eine theoretische, eine künstlerische und eine historiogra-phische Seite. Er berührt einerseits den schaffenden Künstler und sein Verhältnis zu den großen Werken der Vergangenheit; er berührt andererseits das Verhältnis des Literaturhistorikers zum Inhalt der Deutung und Verlebendigung dieser großen Werke der Vergangenheit. Das Problem der Tradition besitzt darin eine praktische und eine theoretische Bedeutung, daß es das gegenwärtige Schaffen des Künstlers und die geschichtliche Deutung des Historikers in einen übergreifenden Wirkungs- und Beziehungszusammenhang stellt. Entsprechend muß eine Theorie der Tradition den gegenwartsliterarischen und den literarhistorischen Aspekt umfassen, also die außerordentliche Aktualität und die tatsächliche Historizität des Problems in der Einheit von literaturkritischer und literaturgeschichtlicher Fragestellung aufnehmen. Sie muß den lite-ratur-geschichtlichen Inhalt der Tradition stets aus dem litera-tur-kritischen Bewußtsein seiner möglichen Korrelationen im zeitgenössischen Schaffen, und umgekehrt, ansprechen.
      Das ist das sine qua non einer dialektischen Theorie der Tradition: Sie wird das Wesen der Tradition nicht schlechthin als eine literarische und nicht schlechthin als eine historiographisdhe, sondern als literar-geschichtliche, also gegenwärtige und historische, zugleich praktische und theoretische Erscheinung begreifen. Sie wird Tra-dition verstehen als ein historisches Produkt, das in das lebendige literarische Schaffen eingeht, und als ein produktives Moment der gegenwärtigen Kultur, das in der Geschichte wurzelt. Die aus solcher Verflechtung verstandene Theorie der Tradition betrifft nicht allein den Produzenten der Literaturgeschichte, sondern den Produzenten der Literatur selbst. Für ihn bietet sich die zugrunde liegende Beziehung von Gegenwart und Vergangenheit als Korrelation von Originalität und Ãœberlieferung, womit nicht allein ein geschichtliches und nicht allein ein gegenwärtiges Schaffensproblem, sondern zugleich ein methodologischer und wertender Maßstab für die Geschichte und die Kritik der Literatur eingebracht wird.
      Textvorlage: Robert Weimann: Literaturgeschichte und Mythologie, Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 1971, S. 47-49.
     

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