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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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QUINTUS HORATIUS FLACCUS - Brief an die Pisonen über die Dichtkunst



Weder kürzer noch länger als fünf Akte [1] muß ein Stück sein, dessen Wiederaufführung verlangt werden soll, und es darf kein Gott eingreifen, wenn nicht ein Knoten in der Handlung auftritt, der verdient, daß ihn ein Gott entwirre. Auch soll sich kein vierter Schauspieler [2] abmühen zu sprechen. Der Chor soll seine Rolle als Schauspieler verteidigen und seinen Mann stehen als handelnde Person, und er soll zwischen den Akten nichts singen, was nicht zum Thema beiträgt und nicht sinnvoll mit ihm zusammenhängt. Er soll auf Seiten der Guten stehen, ihnen freundschaftlich Rat erteilen, die Zornigen lenken und die Furchtsamen beruhigen, er soll die Speisen eines kargen Tisches preisen, die heilsame Gerechtigkeit, Gesetze und friedliche Ruhe, wenn alle Türen offenstehen; er soll, was ihm anvertraut ist, wahren, zu den Göttern beten und bitten, daß das Glück zu Unglücklichen zurückkehre, von Hochmütigen sich abwende. [...]

Die Dichter sollen entweder nützen oder erfreuen oder sagen, was zugleich gefällt und fürs Leben dienlich ist. In allem, was du anempfiehlst, sei kurz und bündig, damit, was schnell gesagt ist, der Geist gelehrig erfasse und treu im Gedächtnis behalte; wenn das Herz schon voll ist, dann fließt alles weitere nutzlos ab. Was um des Genusses willen erdichtet ist, soll der Wirklichkeit nahekommen: eine Geschichte soll nicht verlangen, daß ihr alles geglaubt werde, was sie nur immer will, und sie soll nicht aus dem Bauch der Lamia, die den Knaben verspeist hat, diesen nachher lebend wieder herausziehen. Die Centurien der Alten lehnen Dichtungen ab, die keine Belehrung enthalten; die stolzen Ramnes übergehen trockene Gedichte. Alle Stimmen hat gewonnen, wer das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet, indem er den Leser in gleicher Weise erfreut wie unterweist . Solch ein Buch bringt den Sosiern [3] Geld, solch ein Buchgeht auch übers Meer und verschafft dem bekannten Autor Ruhm über den Tod hinaus. [...]
Man hat sich gefragt, ob ein preiswürdiges Lied durch Naturanlage oder durch Kunstfertigkeit entsteht; ich für meine Person sehe nicht, was fleißige Ãœbung , was eine gute poetische Ader oder was Begabung , die unausge-bildet bleibt, nützen könnten: so verlangt eins des anderen Hilfe und verbindet sich freundschaftlich mit ihm. [...]
Entstehungszeit: der zu den 'Episteln" des Horaz gehörende 'Brief an die Pisonen über die Dichtkunst" ist im Jahre 13 v. u. Z. entstanden und an die Söhne des einflußreichen römischen Beamten Lucius Calpurnius Piso gerichtet. Wie alle übrigen Episteln des Dichters, so ist auch diese in Hexametern geschrieben. Im Interesse einer möglichst genauen Wiedergabe des poetologischen Sachgehalts wurde auf eine metrische Nachdichtung zugunsten einer Prosaübersetzung verzichtet.
      Textvorlage: Horaz: Brief an die Pisonen über die Dichtkunst. Nach einer Rohübersetzung bearbeitet von Friedrich Bassenge. In: Ästhetik der Antike. Hg. v. Joachim Krueger. Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar, 1964, S. 348, 354, 356 f. Erläuterungen: [1] Auch soll kein Gott sich in die Handlung mischen: Der sprichwörtlich gewordene deus ex machina, der Gott, der durch sein Erscheinen den Knoten einer verwickelten Bühnenhandlung löst. Die machina war ein Hilfsmittel der Bühnentechnik, ein Kran, der die Theatergötter auf die Erde herabtrug bzw. in den Himmel entrückte. — [2] Die Zahl der Schauspieler in der griechischen Tragödie stand fest. Seit Sophokles konnten jeweils drei Schauspieler gleichzeitig auf der Bühne agieren . — [3] Die Brüder Sosias waren bekannte Buchhändler dieser Zeit, die Verleger des Horaz.
     

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